Fremde Partner: Kirche und Sport

von Mirko Peisert

 

Eine Beziehungsanalyse

Der jährliche Nordseelauf führt im nächsten Jahr in sieben Etappen von jeweils rund zehn Kilometern über die sieben Ostfriesischen Inseln. Unter dem Motto „Mach nicht Halt – lauf gegen Gewalt“ begeistert das Laufevent seit Jahren immer mehr Menschen. Pastorin Antje Wachtmann begleitet die Laufgemeinde mit Andachten während der Fährfahrt per Lautsprecheransage aus der Kapitänskabine oder mit einer Ansprache vor der Sieger*innenehrung. Während der Laufwoche wird sie zur Pastorin einer bewegten Gemeinde auf Zeit.

Etwa 500 Konfis in fast 30 Mannschaften aus allen Landeskirchen Niedersachsens waren beim letzten Konfi-Cup dabei. Die Mitorganisatorin Diakonin Inga Rohoff erklärt: „Das Turnier stärkt die ganze Konfigruppe. Der gemeinsame Wettkampf schafft ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl.“ Für eine einzigartige Stimmung sorge nicht nur der Popkantor mit seiner Band, sondern auch die Fangruppen, die viele Gemeinden mitgebracht haben. „Natürlich ist auch der Ehrgeiz groß“, sagt Inga Rohoff, „Alle wollen den Pokal. Dennoch ist das Miteinander sehr von Fairplay geprägt.“ Die Gewinnermannschaft darf anschließend auf EKD-Ebene weiterspielen und in Köln um den Bundessieg kämpfen.

Die Leinewelle in der hannoverschen Altstadt ist die erste stehende Flusswelle in Norddeutschland. Mithilfe einer Hydraulik wird in der Leine eine künstliche Welle erzeugt, die Surfen mitten in der Stadt ermöglicht. Seit 2023 hat sich die Welle zur Touristenattraktion und zum beliebten Surfspot entwickelt. Beim Kirchentag wurden hier nicht nur Surfkurse angeboten, sondern es gab auch eine Tauferinnerung. Nach einer kürzeren oder längeren Zeit auf dem Surfbrett wurde den Surfer*innen im Neoprenanzug mitten in der Leine ein Segenswort zugesprochen und es wurde an die Taufe erinnert. Nicht nur die Teilnehmenden, auch viele Zuschauende waren bewegt von dieser Kirchentagspremiere.

Das sind nur drei Beispiele für eine erfolgreiche, anregende und zukunftsweisende Verbindung von Sport und Kirche. Trotzdem erscheinen die beiden meist als komplett getrennte Lebensbereiche, die kaum etwas miteinander zu tun haben. Für viele klingt die Kombination von Kirche und Sport befremdlich, überflüssig oder zumindest begründungsbedürftig. Tatsächlich hatte die Kirche den Sport bislang wenig im Blick; andersherum geben auch Sportakteure zu, Kirche nicht gesehen zu haben.1

Doch zwischen Fitnessstudio und Stadion, Yogaschule und Kletterpark, Dorfverein und Proficlub, zwischen Spitzensport und Breitensport ergeben sich viele chancenreiche Beziehungsansätze und partnerschaftliche Perspektiven.

Viele Menschen in der Kirche sind sportbegeistert. Beim hannoverschen Behördenmarathon treten Landeskirchenamt, Evangelische Agentur und EKD gemeinsam an, zahlreiche Kirchenkreise bilden erfolgreich Teams bei regionalen Sportevents und in mancher Kirchengemeinde treffen sich Menschen zum Bolzen oder Basketball.

Wiederum bekennen sich viele Sportler*innen offen zu ihrem christlichen Glauben. Manches Kreuzzeichen auf dem Fußballfeld ist legendär. Im Verein „Fußball mit Vision“ organisieren sich christliche Profifußballer*innen, um in Schulklassen und Konfigruppen über ihren Glauben zu sprechen.2 
In dem Film „Und vorne hilft der liebe Gott“ besucht der Filmemacher David Kadel Größen des Fußballsports. Dabei bekennt Jürgen Klopp: „Meine absolute Grundfeste und mein absoluter Stabilisator ist mein Glaube. Der Glaube führt mich durchs Leben. Ist meine Reißleine, ist meine Leitlinie, ist für mich einfach unendlich wichtig.“3

Sport und Religion

Strukturell weisen Sport und Religion erstaunliche Ähnlichkeiten auf: Beide beruhen auf festen Regeln, deren Vermittlung eine wichtige Rolle spielt. Beide fordern Einsatz und Hingabe, egal ob in der Gruppe oder allein zuhause. Sowohl der Sport als auch die Religion kennen Idole, Heilige oder Vorbilder, die inspirieren, derer gedacht wird oder die gefeiert werden.

Während die einen den Tag mit einem Gebet im Stillen beginnen, starten die anderen am Morgen mit Körperübungen und Trainingseinheiten. Die einen folgen im Gottesdienst einer festen Liturgie, die anderen folgen einem Crossfit-Übungsplan oder dem Programm einer gemeinsamen Pilates-Stunde am Sonntagmorgen.

Fußballspiele erinnern leicht an spirituelle Großereignisse. Es gibt eine etablierte Liturgie, das Einlaufen der Spieler*innen entspricht dem Einzug der Liturg*innen, Wechselgesänge entsprechen dem Psalmgebet, das Vereinslied formuliert das Credo und das Abklatschen nach den Toren ersetzt den Friedengruß. Egal ob das Herauslegen der Kleidung vor dem Spiel oder das Trinken aus dem Pokal: Alle sportlichen Rituale finden Entsprechungen im christlichen Kontext.

Auch das gemeinsame Singen darf als verbindendes Kennzeichen von Sport und Religion benannt werden. Hatte das Singen einst den Erfolg der Reformation gesichert, ist der Gesang in vielen Gottesdiensten inzwischen dünn und leise geworden. Es scheint, als wäre das Singen in die Stadien ausgewandert. Inzwischen wechselt die Kirche selbst zum Singen ins Stadion. Das jährliche Weihnachtsliedersingen, das 2003 im Stadion von Union Berlin begann, ist inzwischen deutschlandweit ein Erfolg – und auch in Hannover singen über 30.000 Sänger*innen mit.

Die Gemeinsame Erklärung der Kirchen zum Sport hält nüchtern fest: „Eine Wurzel des Sports ist im Kult zu sehen. […] Auch heute finden wir [...] rituelle Gestaltungsformen, die einerseits die religiös-kultische Dimension des Sports ausdrücken und andererseits den Eindruck von Religionsersatz erwecken.“4  

Sport war immer auf Religion bezogen. Im Profisport des 20. Jahrhunderts allerdings findet diese Beziehung ganz neue Ausprägungen, spätestens mit Herbert Zimmermanns legendärem Kommentar „Turek, du bist ein Teufelskerl! Turek, du bist ein Fußballgott.“5 Musste sich der Sportkommentator damals noch für seine Bezeichnung des Torwarts Toni Turek entschuldigen, bevölkerten im Anschluss daran immer mehr Fußballgötter und Wunderstürmerinnen, Lichtgestalten, Erlöserinnen und Retter die Sportwelt. Mit Diego Maradona fand auch die Heiligenverehrung eine neue säkulare Ausprägung.6 

Auch architektonisch wurde der Brückenschlag zwischen Sport und Religion versucht: 2001 wurde eine erste Stadionkapelle in der neu gebauten Arena auf Schalke eingeweiht. Inzwischen besteht in vielen Stadien in Kapellen die Möglichkeit zur Segnung, zum Gottesdienst und zur Seelsorge. In der Arena auf Schalke, der heutigen Veltins-Arena, liegt die Bibel auf dem Altar in einer Linie zum Anstoßpunkt. Ein Kreuz weist in Richtung des Spielertunnels. Kaum irgendwo sind Kirche und Fußball so eng miteinander verbunden wie bei dem Verein, in dem auch Papst Johannes Paul II. 1987 Ehrenmitglied wurde. Es gibt sogar ein eigenes Schalke-Gräberfeld, wenig entfernt von der Arena. Es ist wie das Stadion ringförmig angelegt. Der Fußballverein bietet nicht nur Begleitung durch das ganze Leben, er rhythmisiert auch mit seinen Angeboten den Alltag, die Woche und das ganze Jahr.

Kirchenjahr und Feiertagskalender, Lebensbegleitung und Identitätsstiftung sind nicht mehr Alleinstellungsmerkmale der Kirche. Eilert Herms stellt fest: „In soziologischer Hinsicht muss dem Sportbetrieb (…) eine bedeutende Rolle im sozialen Funktionssystem Lebenssinnkommunikation zugesprochen werden, neben (…) der Lebenssinnkommunikation in Kirchen“.7 

Sport und Emotionen

Sport ist eine hochemotionale Angelegenheit. Er bietet weiten Raum für die unterschiedlichsten Gefühle, von der entgrenzten Begeisterung bis zur tiefsten Enttäuschung, von abgrundtiefer Feindschaft bis zur endlosen Liebe. Egal ob beim Marathonlauf oder beim Revierderby, beim Downhill oder der Skitour: Oft sind starke Emotionen im Spiel, und für viele Menschen wird es dann auch religiös.

Es ist interessant, dass bereits Friedrich Schleiermancher als Wesen der Religion nicht ein Wissen oder Handeln, nicht Vernunft oder Moral, sondern das Gefühl und die Anschauung benannte. Er beschreibt Religion im Kern als das unmittelbare Gefühl der Abhängigkeit des Menschen. „Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche“ 8.

Wenn aber Friedrich Schleiermacher mit seiner Zuordnung von Religion und Gefühl Recht hat, dann bilden Sport und Kirche eine wirklich verheißungsvolle Beziehung. Dann könnte Kirche für ihre Praxis viel vom Sport lernen. Dann besitzt die Kombination von Fans und Gottesdienst, von Bewegung, Wettkampf, Spiel und Kirche noch viel Potenzial. 

Sport und Spiritualität

Viele Sportler*innen machen in ihrem Sport Grenzerfahrungen. Ob bei einem Krafttraining im Fitnessstudio, bei einer Gipfelbesteigung in den Alpen oder dem Rudern auf dem Maschsee in Hannover: Immer lassen sie den Alltag hinter sich. Das Kreisen der Gedanken hört auf. Ruhe oder Stille stellen sich ein. Glücksgefühle tauchen auf. Wahrscheinlich dürfen diese Erfahrungen nicht nur im Sinne Schleiermachers als religiöse Gefühle identifiziert werden, sie erinnern auch an die Dynamik spiritueller Praxis. Die Übergänge zwischen Sport und Spiritualität sind fließend. Klare Grenzziehungen sind kaum möglich. Erst recht bei religiös verwurzelten Sportarten wie Yoga, Qigong oder Taijiquan. 

An dieser Stelle fällt umso mehr auf, dass – außer dem Pilgern als christlich geprägter Bewegungspraxis – dem Christentum eine etablierte Körperspiritualität fehlt. Nach wie vor mangelt es an Formen ganzheitlicher Spiritualität und an theologischer Reflektion von Bewegung als spiritueller Ausdrucksform. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Sport könnte dagegen neue Zugänge zu einer christlichen Körperspiritualität eröffnen.

Sport und Demokratieförderung

Der Berliner Fußball-Verband steht mit seinem differenzierten Maßnahmenkatalog gegen Diskriminierung beispielhaft für viele Initiativen, die sich im Sport für Inklusion und für Demokratieförderung, gegen Rassismus, Antisemitismus und andere Formen der Menschenfeindlichkeit stark machen.9 Der niedersächsische Landessportbund bietet unter dem Titel „Sport mit Courage“ ein umfangreiches Präventionsprogramm für seine Mitgliedsvereine, um das Engagement für Vielfalt und Demokratie zu stärken. Eilert Herms betont ausgehend von Pierre de Coubertin die fundamentale Rolle des Sports für die Demokratie und sieht in ihm „das Fundament für die Blüte des Gemeinwesens“.10

Sport und Kirche verbinden nicht nur gemeinsame Positionen und Werte, sondern beide Organisationen stehen auch beim Thema Ehrenamt oder bei der Prävention von sexualisierter Gewalt vor ähnlichen Herausforderungen. Erste Kirchen verhandeln deshalb mit Sportverbänden über eine Zusammenarbeit bei den jeweiligen Präventionsschulungen. Das Potenzial einer verstärkten Kooperation bei den genannten Themen ist groß. In der aktuellen gesellschaftlichen Großwetterlage sind kirchliche und sportliche Akteure wichtige Verbündete.

Sport und Sozialraum

Im Zuge der Aktion „Wärmewinter“ der Hannoverschen Landeskirche öffnete auch die Jugendkirche in Hannover ihre Räume in den kalten Winterwochen. Pastor Alexander Schreeb lud in diesem Rahmen die Initiative „Plattentanz“ in die Kirche ein. Üblicherweise organisiert die Initiative Tischtennis-Events an öffentlichen Orten in der Nordstadt. Jetzt wurde der „Plattentanz“ in die Kirche verlegt. Diese Kooperation veränderte das Ansehen der Kirche im Stadtteil. Der Kirchraum wurde zunehmend als öffentlicher Ort des Stadtteils wahrgenommen, weitere Nutzungsanfragen folgten. Kirche und Sport belebten gemeinsam das Quartier. Ein Modell, das zum Vorbild werden könnte, denn Sportvereine gehören in Dörfern oder Stadtquartieren zu den relevantesten Akteur*innen. Sie sind für Kirchengemeinden natürliche Netzwerkpartner*innen zur gemeinsamen Entwicklung des Sozialraumes.

Sport und Seelsorge

Seit 1972 schicken die Kirchen Seelsorgende zu den olympischen und paralympischen Spielen.11 Bei den letzten paralympischen Spielen in Paris war Pastor Christian Bode aus Osnabrück für das Team Deutschland dabei. Gemeinsam mit Psycholog*innen und Therapeut*innen bilden sie das „Well-being-Team“. Das Thema Seelsorge markiert eine weitere bedeutsame Perspektive für die Verbindung von Sport und Kirche. Die Württembergische Landeskirche finanziert sogar eine eigene Seelsorgestelle am Olympiastützpunkt Stuttgart. Kirchliche Seelsorge in Zusammenarbeit mit Awareness-Teams bei großen Sportevents und erst recht eine Peer-to-Peer Seelsorge bei Sportangeboten für Jugendliche wären zeitgemäße und attraktive kirchliche Angebote.

Sport in der Landeskirche Hannovers

Seit Gründung des Arbeitskreises Kirche und Sport der EKD 1964 entstanden in allen Landeskirchen entsprechende Arbeitskreise und es wurden landeskirchliche Beauftragte für Kirche und Sport etabliert. In Niedersachsen ist der Arbeitskreis auf Ebene der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen organisiert. Die Form und Ausrichtung der Beauftragung für Kirche und Sport in der Landeskirche Hannovers sowie die Arbeit des Arbeitskreises in Niedersachsen werden derzeit intensiv debattiert. Für die Zukunft wird nicht nur die ökumenische Ausrichtung des Arbeitskreises, sondern auch die interreligiöse Zusammenarbeit entscheidend sein. Mit den Themen Demokratieförderung, Sozialraum, Seelsorge und Spiritualität ergeben sich wichtige Gemeinsamkeiten für eine engere Partnerschaft von Kirche und Sport. Sicherlich ist es keine Liebe auf den ersten Blick – aber womöglich eine Seelenverwandtschaft.

Anmerkungen

  1. Vgl. Haas, Der sportbewegte Sozialraum, 10.
  2. Vgl. https://fussballmitvision.de (25.01.2026).
  3. Vgl. www.kadelfernsehen.de (25.01.2026).
  4. Sport und christliches Ethos, 7.
  5. Kommentar vom 4. Juli 1954 im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft in Bern.
  6. Unter dem Titel „Maradona, der Göttliche?“ organisierte die Per Mertesacker Stiftung eine Ausstellung in der St. Heinrich Kirche in Hannover zum Starkult um Diego Maradona. Vgl. www.per-mertesacker-stiftung.de/jahresbericht-2022 (26.01.2026). Vgl. zu dieser Ausstellung auch den Beitrag von Thomas Harling in dieser Ausgabe, 47.
  7. Herms, Sport, 1605.
  8. Schleiermacher, Über die Religion, 212.
  9. Vgl. https://kurzlinks.de/cu49 (05.12.2025).
  10. Herms, Sport. Partner der Kirche, 32.
  11. Vgl. hierzu das Interview mit Thomas Weber und Christian Bode in diesem Heft, 29. 

Literatur

  • Haas, Hanns-Stephan: Der sportbewegte Sozialraum, in: Praxis Gemeindepädagogik, Heft 2, Leipzig 2023
  • Herms, Eilert: Artikel Sport, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, Band 7, 4. Aufl. Tübingen 2004
  • Herms, Eilert: Sport. Partner der Kirche und Thema der Theologie, Hannover 1993
  • Schleiermacher, Friedrich D. E.: Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern, in: ders. Kritische Gesamtausgabe, Bd. I/2: Schriften aus der Berliner Zeit 1769–1799, hg. v. Günter Meckenstock, Berlin/New York 1984
  • Kirchenamt der EKD (Hg.): Sport und christliches Ethos. Gemeinsame Erklärung der Kirchen zum Sport, EKD Texte 32, Hannover 1990