Vom 23. September bis zum 25. November 2022 war die Ausstellung „Maradona, der Göttliche?“ in der Katholischen Kirche St. Heinrich in Hannover zu sehen. Wie es zu der Ausstellung kam, wie die Bilder von Sergio Siano aufgenommen wurden und was daran erwartbar oder überraschend war, darum geht es in diesem Beitrag.
Warten auf den Messias. Und seine Ankunft.
Vielleicht muss man Eintracht Braunschweig-Fan sein, um ermessen zu können, was es heißt, auf einen Spieler zu warten, der das Ende der Zeiten heraufführt und die Geschichte abschließt. Der die Demütigungen der Niederlagen, den Spott der ewigen Sieger hinwegfegt und eine Gerechtigkeit schafft, die die Reichen und Schönen verstummen lässt und endgültig besiegt wie Gog und Magog. Eine Gerechtigkeit, die sichtbar und zählbar ist und derer man sich an jedem Montag in den Tageszeitungen oder auf „Kicker“ vergewissern kann in den Tabellen mit Punkten und Toren.
Neapel, im vom Norden verlachten italienischen Süden, ist die Stadt, in der sich das ereignet und Maradona der wie ein Messias Erwartete. In einem Podiumsgespräch im Zusammenhang mit der Ausstellung sagte der Fußballexperte und evangelische Theologie Thorsten Leißer: „In der Person Maradonas traf eine Lichtgestalt auf eine Gesellschaft, die bereit war für ‚il salvatore‘, den Retter.“1
Und der Messias hat geliefert: Nach Maradonas Ankunft und durch ihn und mit ihm folgen zwei nationale Meistertitel für den SSC Neapel (die ersten überhaupt), einmal Copa, einmal UEFA-Cup, einmal italienischer Supercup. Neapel ist die Stadt der Seligen geworden. Und die Fußballnation reibt sich die Augen und glaubt, im falschen Stadion zu sein.
Von diesem Befund zu der (fast) göttlichen Verehrung ist es nur noch ein kleiner Schritt. Und sein illegitimes Handspiel-Tor gegen England 1986 und seine Deutung, dass es sich tatsächlich um die Hand Gottes gehandelt habe, ist nur ein weiteres Indiz. Maradona ist der Göttliche.
Die Idee einer Ausstellung
Sergio Siano, der Fotograf der lokalen und überregionalen neapolitanen Tageszeitung Il Mattino hatte als junger Fotoreporter die Zeit Maradonas beim SSC von 1984 bis 1991 dokumentiert und 134 Schwarzweißfotos ausgestellt. Er ist dabei Maradona so nahe gekommen wie wenige. Seine Fotos zeigen die großen Momente des Triumphes, des Toreschießens, des Gefeiert-Werdens – aber gleichzeitig auch einen verträumten Maradona, einen verletzlichen, niedergeschlagenen, leidenden.
Die Fotos sind von großer künstlerischer Qualität – aber sie sind auch die Huldigung eines jungen Fotojournalisten an den fußballerischen Retter. Sie dokumentieren, wie die Massen ihrem Idol verfallen sind, wie sie ein Foto scheu berühren, das auf einer Art Altar in der Mitte Neapels postiert war.
Dirk Schröder, der Vorsitzende des sehr engagierten Fußballmuseums Springe, hatte auf einer Urlaubsreise in Neapel durch Zufall von dieser Maradona-Ausstellung in einem Einkaufszentrum erfahren. Und seither hatte ihn die Frage beschäftigt, wie man diese Bilder nach Hannover holen könnte und wie und wo sie auszustellen wären.
Bei einem Gespräch mit der Per Mertesacker Stiftung und dem Kulturbeauftragten der Kath. Kirche in der Region Hannover stellte sich heraus, dass ein Einkaufszentrum als WhiteCube sich für die Ausstellung der Bilder eignete; die in ihnen aufflackernde Frage nach dem Göttlichen in der Welt brauche aber einen anderen Ort der Auseinandersetzung.
So entstand die Idee, den Göttlichen mit Gott zu konfrontieren und den Ort aufzusuchen, der als Platzhalter gilt für das, was nicht von dieser Welt ist – eine Kirche.
Der Göttliche? Ein Ausstellungskonzept
Ja, Maradona gilt seinen Fans als der Göttliche. Aber alle wissen, dass das Übernatürliche im Wesentlichen auf den Fußballplatz beschränkt ist. Abseits des heiligen Rasens und nach der Karriere gab es Bilder der Scham. Von Drogen oder Alkohol umnebelt auf den Tribünen der Welt, Gewalt, Verwicklung in mafiöse Strukturen, gesundheitliche Malaisen, gravierende persönliche Probleme. Aggression und Wehleidigkeit.
Die erste These der Ausstellung war deshalb: Wenn ein Mensch zu Gott gemacht wird, geht das nicht gut aus. Maradona als warnendes Beispiel.
Ein ebenso einleuchtendes wie auch etwas plakatives Konzept. Und das Problem dabei: Die Fotos von Sergio Siano. Sie sind Liebeserklärung und Heiligenverehrung in einem. Sie stellen zugleich eine unüberbrückbare Distanz und eine unbegreifliche Nähe dar und vermitteln fast ein auratisches Erlebnis. Gerade mit ihrer Qualität zeigen sie etwas Besonderes. Den langen, dunklen Schatten, den die Lichtgestalt wirft und der in einem solchen Konzept miterzählt werden müsste, sind bei genauer Betrachtung vielleicht ahnbar. Aber sie erschließen sich nicht unmittelbar.
Im Gegenteil: Eine Ausstellung in einer Kirche könnte als Glorifizierung missverstanden werden, quasi als ein Schritt in Richtung Kanonisierung. Die schnelle Idee, dann eben mit Gegenbildern zu arbeiten, die im Netz vielfach kursieren, verbot sich aus verschiedenen Gründen. Sie könnten mit der Qualität Sianos an keiner Stelle mithalten, sie würden die Ausstellung beschädigen und vermutlich würde das ästhetische Erlebnis über die moralische Geste siegen. Und: Wir wollten weder die Fotos noch den Künstler noch Maradona selbst diffamieren. Ein längerer Prozess des Nachdenkens folgte.
Schließlich half der Kirchenraum.
Die Katholische Kirche St. Heinrich in Hannovers Südstadt war inzwischen als Ausstellungsort gefunden worden. Eine schlichte, 1939 gebaute Kirche, die sich mit dem roten Backstein in die Umgebung einpasst.
Es entstand die Idee, die Fotos in einen Dialog mit den vorhandenen sakralen Kunst- und Ausstattungsgegenständen eintreten zu lassen. Sianos Werke antworteten auf die gleichen Fragen, wie die Kreuzwege und Kirchenfenster. Die Fragen nach Licht und Finsternis, nach Leiden, Tod, Auferstehung, Gemeinschaft und Teamgeist, Einsamkeit und Gefolgschaft, Hoffnung und Verzweiflung.
Neben den Kreuzwegstationen wurden verwandte oder kontrastierende Fotos in gleicher Größe angebracht. Maradona, der kopfüber von einer Sprossenwand nach unten hing neben dem Gekreuzigten; Maradona, der sich verletzt hatte und einen Verband bekam neben der Kreuzabnahme – bei beiden Darstellungen war eine Hand sichtbar, die jemand auf die Schulter gelegt hatte; Maradona, der bei seinem ersten Training aus den Katakomben ins Stadion tritt neben der Auferstehung.
Im riesigen Format der Kirchenfenster und in direkter Nachbarschaft wurde die Lichtgestalt Maradona gezeigt: Versonnen, einen Finger abspreizend – wie bei der Erschaffung Adams; erschöpft auf dem Rasen kniend, mit einer Trinkflasche in der Hand und von einem Lichtstrahl von oben getroffen wie bei einer Offenbarungsszene. Die vielen Fotos von Fans, die voller Begeisterung oder stummer Bewunderung ungläubig den Ballkünsten zusehen oder beim Feiern die Straßen verstopfen, wurden in einer Art Altarnische untergebracht – eine Umkehrung der Verehrung. Die übrigen Fotos in kleineren und kleinen Formaten, wurden mit acht Meter langen Fäden an der Decke angebracht und drehten und bewegten sich – von Vorübereilenden oder geöffneten und geschlossenen Türen bewegt. Ein Leben am seidenen Faden.
Würde das schon ausreichen, die Zwiespältigkeit, Zerrissenheit und auch Verlorenheit des Lebens Maradonas zu thematisieren, die Gefahren der Vergötterung? Würde klar werden, dass im Titel hinter dem „der Göttliche“ ein großes Fragezeichen stand? Das Kuratorenteam war skeptisch.
Deshalb wurden mit verschiedenen Hörstationen Orientierungshilfen angeboten. Sie griffen nicht in die Bilderwelt ein, boten aber Hinweise zum Verständnis des Konzepts. Kommentare von Weggefährt*innen, aus Funk und Fernsehen, Beschreibungen seiner privaten Zeit in Neapel, Selbstaussagen zu seinem Verhältnis zu Fans, Club und Stadt, kritische Kommentare zu Absturz und Ende. Ein ausführlicher Ausstellungsflyer wurde entwickelt, der Anliegen und Ziele der Ausstellung verdeutlichte. Zudem wurden verschiedene begleitende Veranstaltungen entwickelt, die sich mit dem Phänomen Maradona auseinandersetzten: Eine Ausstellungseröffnung mit großem Programm, mit Menschen aus Sport und Kirche und mit dem Fotografen und seiner Kuratorin; eine Podiumsdiskussion „Maradona, der Göttliche. Idol, Messias, gefallener Held?“ mit einer Sportsoziologin, einem theologischen Fußballexperten, einem Ex-Spieler von Hannover 96; einem Gottesdienst („Gott und der Göttliche“) mit liturgisch aufgearbeiteten Beiträgen aus dem Gästebuch und einer resümierenden Finissage.
Die Resonanz
Mit Eröffnung der Ausstellung zeigte sich ein großes Interesse, besonders aus dem Bereich jahrzehntelanger Maradona-Fans. Bis zum Ende des Ausstellungszeitraums waren ca. 1000 Besucher*innen vor Ort gewesen, sehr viele aus dem Fußballmilieu. Sie waren beeindruckt von den Bildern, fanden es witzig, das Göttlichkeitsattribut ernst zu nehmen und fanden den Ausstellungort überraschend, aber sehr gelungen. Im Gästebuch war der aufmunternde Kommentar zu lesen „Endlich macht die Katholische Kirche nicht nur Mist“. Viele empfanden vor dem Hintergrund des Kirchengebäudes, dass die Göttlichkeit Maradonas dann doch in einer anderen Sphäre zu verorten sei. Alle verhielten sich (anders, als von manchen vermutet) dem sakralen Ort gegenüber sehr angemessen.
Aus der Kirchengemeinde und der katholischen Welt hatte es zu Beginn des Projekts die durchaus berechtigte Anfrage gegeben, ob eine katholische Kirche denn der richtige Ort sei für die Ausstellung eines gewalt- und drogenaffinen Exfußballprofis. Nach den drei Monaten, in denen die Gemeinde mit und zwischen den Fotos gelebt, gefeiert und gebetet hatte, waren die Rückmeldungen sehr positiv. Viele Gespräche und Präsentationen hatte es gegeben und insbesondere der Gottesdienst hatte ein Gefühl für den religiösen Gehalt der Fotos eröffnet.
Künstler und italienische Kuratorin waren berührt. Ob Sergio Siano ein religiöser Mensch ist, ist unklar. Seine Bilder aber in diesem Kirchenschiff zu sehen, in dieser Größe, in dieser Anordnung mit diesem Interesse aus dem fernen Deutschland hat ihn, wie er selbst bekannte, zu Tränen gerührt.
Riesig war die Aufmerksamkeit der Medien. Sechs überregionale Tageszeitungen, vier Fernsehprogramme, ein landesweites und ein deutschlandweites Kulturradio berichteten. Offensichtlich wollten sie der Spannung nachgehen zwischen dem Ort und dem Gegenstand, die meisten Journalist*innen waren beeindruckt von der Schönheit der Bilder und dem Zusammenspiel mit dem Kirchenraum. Fast durchgehend waren die Berichte wohlwollend und positiv; bemängelt wurde lediglich, dass bei manchen Bildern mehr Hintergrundinformationen hilfreich gewesen wären.
Unsere Befürchtung, dass das Anliegen der Ausstellung missverstanden werden könnte, bestätigte sich nicht.
Beobachtungen, Überraschungen, Erkenntnisse
Ich persönlich habe den historischen Maradona als Person nie besonders gemocht. Als Kind und Jugendlicher konnte ich zwar seine fußballerischen Fähigkeiten würdigen, aber die Art seines Auftritts, die Herabwürdigung von Mitspielern und Gegnern war mir extrem unsympathisch. Seine Stilisierung zum Helden, zum Außerirdischen war mir mindestens suspekt und sein biografischer Absturz nach der offenkundig verfehlten Fremd- und Selbstwahrnehmung schien mir nicht unlogisch. Der vergöttlichte Mensch scheitert.
Nach drei Monaten Ausstellung fand ich diese Sichtweisen weiter richtig. Aber sie hatten etwas Unvollständiges. In der Theologie unterscheidet man zwischen dem historischen und dem verkündigten Jesus, dem Christus, dem Messias. Und der verkündigte Maradona ist ein schillernderes Phänomen, als es meine ersten, schnellen theologischen Reflexe zuließen. Wenn er sich auf dem Boden wälzt nach einem Foul, ist er natürlich nicht der leidende Gottesknecht. Aber viele Menschen in Neapel hatten das Gefühl, dass er für sie die Schmerzen auf sich nimmt. Und die Fotos zeigen etwas von seiner Eleganz. Man sieht einen Menschen, der so ganz und gar im Augenblick lebt und agiert, der eins ist mit dem Ball und dem Spiel und dem Stadion. Die Zuschauer*innen spüren eine Schönheit, eine Präsenz, die sie sekundenlang den Atem anhalten lässt, bevor ihre Begeisterung im Stadion eruptiert. Ein Augenblick, in dem die Zeit anzuhalten scheint und es nicht mehr um 90 Minuten plus Nachspielzeit geht, sondern um die Ewigkeit.
Offenkundig ist Maradona nicht der Messias, offenkundig kann er die Menschen nicht erlösen. Dennoch kommt man an dem Befund nicht vorbei, dass diese Stadt, die sich gedemütigt fühlte, der niemand etwas zutraute (zuallerletzt sie sich selbst) auf eine gewisse Weise zu sich kam. Ein Stolz auf die Stadt, auf sich selbst entstand, eine vor Glück taumelnde Gemeinschaft, die zumindest in diesem Bereich Herablassung und Spott abschütteln konnte. Viele Menschen hatten das Gefühl, dass ihr eigenes Leben rehabilitiert wurde und dass eine Gerechtigkeit sich ereignete, die so sehr den eigenen Lebenserfahrungen widersprach, dass sie nicht von dieser Welt sein konnte. Vor einem Friedhof hing ein Banner, das die Toten bedauerte: „E non Sanno che se so‘ perso“ (Und sie wissen gar nicht, was ihnen entgeht). Natürlich hatte diese Entwicklung mit einer geschickten Einkaufspolitik des Vereins, einem guten Trainer, sehr guten Mitspielern und vielem mehr zu tun. Aber in Maradona ereignete sich das Hoffen, Sehnen und Erfüllen.
In der Podiumsdiskussion war die Frage aufgekommen, ob es im Fußball Erlösung gäbe. Und jemand sagte: „Wenn deine Mannschaft am letzten Spieltag auf einem Abstiegsplatz steht und dann fällt in der zweiten Minute der Nachspielzeit das entscheidende, das ‚erlösende‘ Tor und die Leute jubeln und umarmen sich und die Mannschaft ist gerettet – offensichtlich gibt es Erlösung im Fußball.“ Alle wissen: Es geht nur um Sport. Aber wenn man den Schluss umkehrt … Wenn man nicht sagt, im Fußball findet Erlösung statt, sondern am Fußball kann man erklären, was Erlösung bedeutet, also: Mit der Erlösung ist es so, als wenn eine abstiegsbedrohte Fußballmannschaft in der zweiten Minute … Plötzlich wird der theologische Begriff mit Leben gefüllt. Und der Fußball und Maradona werden zu einem Gleichnis.
Meine Skepsis dem historischen Maradona gegenüber ist geblieben. Und das, was man vielleicht den verkündigten Maradona nennen könnte, das Narrativ über ihn, trägt viele extrem bedenkliche Züge (Maradona-Verehrung als ernst gemeinte Religion, Reliquienverehrung etc.). Aber es enthält Erfahrungen, die man, glaube ich, mit Fug und Recht dem religiösen Bereich zuordnen kann.
In der Ausstellung und in der Begegnung mit Bildern und Kirche ist für mich der Göttliche mehr und mehr zurückgekehrt als der Menschliche. Der Einsame, der Verlorene und eben auch, typisch menschlich: der Protzende, der Provozierende, der Peinliche. Und am Ende kam es mir so vor, dass in dieser Kirche Gott und der Göttliche sich in keinem Wettstreit mehr befanden.
Anmerkungen
- Dannowski, Christoph: Mit Rosenthal und Maradona in der Kirche, in: Neue Presse vom 14.10.2022.