Ist Pilgern Sport? Pilgern als Brücke zwischen Sport und Religion

von Klaas Grensemann

 

Alle, die bereits einmal gepilgert sind, wissen: Pilgern ist zunächst eine zutiefst körperliche Erfahrung. Wer Tag für Tag zwischen 15 und 30 Kilometer unterwegs ist, vielleicht sogar mit vollgepacktem Rucksack für eine längere Tour, spürt die Anstrengung nicht nur in den Füßen. Unterschiedliche Untergründe, Steigungen und Gefälle, Wetterwechsel, das regelmäßige Wechselspiel aus Gehen und Rasten – all das fordert den Körper. Äußerlich betrachtet erscheint Pilgern deshalb zunächst vor allem als eines: Wandern. Frische Luft, Natur, Bewegung.

In meiner ostfriesischen Heimat sagt man, wenn es darum geht, eine gedankliche oder emotionale Herausforderung zu bewältigen: „Dat mutt ick erstmal unner min Footen kriegen“ – Das muss ich erstmal unter meine Füße bekommen. Dieser Satz bringt einen wesentlichen Gedanken des Pilgerns auf den Punkt: Der innere Zustand wird durch äußere Bewegung angesprochen. Vielleicht könnte man sagen: Sport – oder wenigstens körperliche Aktivität – ist eine Hilfe für die Seele.

Die Wurzeln des Pilgerns reichen weit zurück, im europäischen Kontext gewann es im Mittelalter besondere Bedeutung. Im Christentum entwickelte sich das Pilgern spätestens ab dem 11. Jahrhundert zu einer der wichtigsten Formen gelebter Frömmigkeit. Menschen machten sich auf den Weg zu heiligen Stätten – nach Jerusalem, nach Rom oder zu den Gräbern bedeutsamer Heiliger. Besonders berühmt wurde der Jakobsweg zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela.

Pilgern war im Mittelalter eine existenzielle Unternehmung. Man pilgerte aus Dankbarkeit, aus Buße, aus der Bitte um Heilung, oder aus dem Wunsch heraus, Gott näherzukommen. Wege wurden beschwerlich zurückgelegt, Herbergen entstanden, geistliche und weltliche Schutzrechte wurden eingerichtet. Pilgern war also nie nur Bewegung – es war immer schon eine spirituelle Praxis, eine Reise der Seele, die sich der Reise des Körpers bediente.

Seit mehr als zwanzig Jahren hat auch die Evangelische Kirche das Pilgern erneut für sich entdeckt. In einer Welt, die Tempo, Verdichtung und permanente Erreichbarkeit verlangt, wächst die Sehnsucht nach Entschleunigung, nach einem Weg, der sowohl den Körper als auch den Geist ordnet. Pilgern wird hier bewusst als geistliche Übung verstanden.

Oft werden Pilgernde gefragt, was eigentlich der Unterschied zwischen Wandern und Pilgern sei. Eine klare Trennlinie lässt sich kaum ziehen, denn natürlich bleibt das Pilgern körperlich gesehen ein Gehen durch die Natur. Doch im Kern liegt die Unterscheidung in der inneren Haltung. Wandern beschreibt das äußere Tun – unterwegs sein zu Fuß. Pilgern jedoch beschreibt eine innere Offenheit: den Weg nicht nur als Wanderroute, sondern als geistlichen Raum zu verstehen.

Pilgern heißt: das, was einen innerlich bewegt, „unter die eigenen Füße zu bekommen“. Und so wie Luther zur Taufe sagt: „Wasser tuts freilich nicht, sondern das Wort Gottes, so mit und bei dem Wasser ist, und der Glaube, so solchem Worte Gottes im Wasser trauet“1, könnte man sagen: Beim Pilgern kommen Weg und Wort zusammen. Ich gehe durch die Natur – und beginne, sie als Schöpfung zu begreifen. Ich lausche meinem Körper – und entdecke darin etwas von Gottes Nähe. Ich begegne Menschen – und erfahre im Austausch ein Stück geistlicher Gemeinschaft. So kann der Weg selbst zu einem Ort werden, an dem Glauben neu aufleuchtet.

Diese innere Haltung kann unterstützt werden: durch Rituale, Lieder, Texte, Gebete, Zeiten der Stille oder kleine geistliche Impulse. Gerade diese Elemente lassen das äußere Gehen zu einer inneren Reise werden. Für viele Menschen ist das Pilgern deshalb ein Ort des Loslassens, der Klärung, des Hörens, vielleicht sogar der Versöhnung.

In dieser Haltung lädt die Pilgertradition ein: Schau dir Impulse an, verwende Texte, die zur Besinnung anregen. Finde Lieder und Gedichte, Gebete und Meditationen – kleine Begleiter für den inneren und äußeren Weg, die dich begleiten. Bleib achtsam und voller Staunen. Komm ins Gespräch mit anderen auf dem Weg. Besuche Kirchen, wenn sie geöffnet sind. Verweile, singe, bete, wenn du magst, mit eigenen oder geliehenen Worten.


Ist Pilgern Sport? Ja – und nein.

Pilgern kann eine wunderbare Brücke sein zwischen Sport und Religion. Der Körper wird in Bewegung gebracht, der Geist darf sich bewegen lassen. Manche starten als Wanderer und kommen als Pilgernde an. Die körperliche Herausforderung, die sportliche Leistung, die Freude, eine Strecke „gemeistert“ zu haben – all das gehört dazu. Und im Wort „gemeistert“ klingt für mich auch der „Meister“ Christus mit.

Denn manchmal erleben Pilgernde: Ich bin diesen Weg gegangen – und manchmal wurde ich auch „gegangen“. Die Erfahrung, getragen zu sein, über sich selbst hinauswachsen zu dürfen, gehört zur spirituellen Dimension des Pilgerns.

Aber Pilgern wird nicht dadurch zum „echten“ Pilgern, dass es weh tut oder besonders anstrengend ist. Der Schmerz ist kein spirituelles Kriterium. Entscheidend ist die Haltung: die Offenheit, den Weg nicht nur mit den Füßen, sondern auch mit dem Herzen zu gehen.

Pilgern ist mehr als Sport – aber ohne die körperliche Dimension ist Pilgern kaum denkbar. Es ist eine Bewegung des Körpers, die dem Geist Raum schenkt. Eine alte Praxis, die heute Menschen neu anspricht. Ein Gehen, das äußerlich Wandern und innerlich Beten sein kann. Eine Brücke zwischen Körper und Seele, Alltag und Gott.

Viele beginnen den Weg wegen der Bewegung – und finden unterwegs das, was tiefer bewegt. 

Gerade der sportliche Zugang kann für viele Menschen eine Brücke sein, sich dem inneren, geistlichen Weg überhaupt erst zu nähern. Wer pilgert, beginnt oft wegen der Bewegung – aus Freude am Wandern, an der Natur, an der körperlichen Herausforderung. Doch auf dem Weg kann etwas geschehen: Pilgern hilft, zugeschüttete Zugänge zum Glauben wieder freizulaufen. Schritt für Schritt entsteht Raum, in dem sich innere Fragen melden dürfen, in dem Sehnsucht hörbar wird und in dem der Glaube – manchmal ganz leise – neu anknüpft.

Viele Menschen berichten davon. In der Pilgerherberge im Kloster Bursfelde höre ich immer wieder den Satz: „Ich dachte, ich bin durch mit dem Thema Kirche – aber durch das Pilgern habe ich gemerkt, dass das nicht stimmt.“ Auch Hape Kerkeling beschreibt in seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ diese Erfahrung treffend: „Sollte ich jemals einen festen Glauben gehabt haben, dann will ich ihn zurück!“2

Der niederschwellige Zugang des Pilgerns ermöglicht, zwei Sehnsüchten zugleich zu folgen: der Sehnsucht nach Bewegung, nach Körperlichkeit in der Natur – und der Sehnsucht nach geistlicher Bewegung, nach einem gedanklichen Leerlauf, der unterwegs zu einem „Lehr-Lauf“ werden kann. Welch ein Segen, dass dies heute so vielfältig möglich ist.

Alleine in Norddeutschland laden zahlreiche Pilgerwege dazu ein, diesen Zugang selbst auszuprobieren. Besonders der rund 300 Kilometer lange, gut erschlossene Pilgerweg der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers von Loccum nach Volkenroda3 bietet dafür hervorragende Möglichkeiten – durch die wunderschöne Natur des Weserberglandes, des Sollings und des Eichsfeldes. Und wer sich nicht allein auf den Weg trauen möchte, kann sich begleiteten Tages- oder Mehrtagestouren mit ausgebildeten Pilgerbegleiter*innen anschließen.4

Pilgern ist angesagt – weil Pilgern auch Sport ist, aber eben nicht nur. Es verbindet Körper und Seele, Naturerlebnis und geistliche Tiefe, Leistung und Loslassen. Welch ein Segen!5
 

Anmerkungen

  1. Martin Luther: Der kleine Katechismus, Das vierte Hauptstück – Das Sakrament der Heiligen Taufe, Zum Dritten „Wie kann Wasser solche großen Dinge tun?“, 153.
  2. Kerkeling, Ich bin dann mal weg, 198.
  3. www.loccum-volkenroda.de (08.12.2025).
  4. Wer prägnant und zugleich vertiefend und mit guten Beispielen für die eigene Praxis nach Literatur sucht, dem sei das Buch „Glaube auf dem Weg – Impulse zum Pilgern“ empfohlen: Dohna, Glaube auf dem Weg.
  5. www.pilgern.de (08.12.2025).
     

Literatur

  • Dohna, Amélie Gräfin zu: Glaube auf dem Weg – Impulse zum Pilgern, Göttingen 2018
  • Dr. Martin Luthers kleiner Katechismus mit Erklärung, 23. Aufl. Hamburg o.J.
  • Kerkeling, Hans-Peter: Ich bin dann mal weg, München 2001
  • www.loccum-volkenroda.de (08.12.2025)
  • www.pilgern.de (08.12.2025)