Laufend Gott und Menschen begegnen - Was haben Laufen und Glauben miteinander zu tun?

von Hans-Jürgen Drechsler

 

Zunächst einmal so viel, wie jeder Lebensbereich und jedes Tun immer mit dem Glauben zu tun haben. Es gibt für Glaubende keinen Bereich des Lebens, der dabei ausgeklammert wird.
Kann Laufen den Glauben fördern?

Ich denke, in gewisser Weise schon: Durchs Laufen an sich wird man kein gläubiger Mensch, aber wenn man glaubt, kann das Laufen den Glauben unterstützen und das Glaubensleben und -erleben fördern. Und in der Begegnung mit glaubenden Läufer*innen kann sich auch die Begegnung mit Gott ereignen. 

Ich bin Pfarrer und Läufer, lange Jahre Marathonläufer. Da braucht es viele lange Vorbereitungsläufe, die ich oft allein gemacht habe, da mein Zeitplan es nicht so oft erlaubte, das Training mit anderen zusammen zu machen. Oftmals habe ich mir da den Predigttext für den nächsten Sonntag vorher mehrmals in Ruhe durchgelesen und ihn dann auf den Lauf „mitgenommen“. Beim gleichmäßigen Laufen und Nachdenken darüber kamen mir dann viele Gedanken, die sich auch in verschiedener Weise sortierten, so dass ich zumindest einen Grundgedanken und ein Grundgerüst für die Predigt am Ende des Laufs hatte. Das habe ich dann anschließend auch zu Hause in Stichworten notiert. Da geht es mir ähnlich wie dem Marathon-Pater Tobias aus Duisburg, der davon erzählte, wie er es genauso macht.1  Allerdings hat er oft ein Diktiergerät dabei. Das mache ich nicht, da ich nie technische Geräte beim Laufen dabei habe, sondern auf meine Umgebung höre und alles auf mich wirken lasse. Mich würde ein Diktiergerät dabei stören, auch wenn das sicherlich eine Möglichkeit ist, seine Gedanken festzuhalten.

Nun hat nicht jede*r Läufer*in Predigten vorzubereiten, aber spirituelle Erfahrungen kann jeder Mensch beim Laufen machen. Eine gute Möglichkeit ist es, sich vor dem Laufen einen Bibelvers durchzulesen und ihn sich so einzuprägen, dass man ihn während des Laufens gegenwärtig hat. Dann kann man darüber nachdenken und mit Gott im Gespräch sein. Denn das gehört für mich auch dazu. Beim Nachdenken über den Predigttext oder über einen einzelnen Vers gehe ich immer wieder auch ins Gebet. Dabei rechne ich damit, dass Gott zu mir spricht, mir gute Gedanken und Erkenntnisse schenkt, das Bibelwort aufschließt oder mich etwas ganz neu erkennen lässt.

Das bisher Beschriebene gilt für das Allein-Laufen. Aber sowohl Laufen als auch Glauben ist etwas Gemeinschaftliches, kann es zumindest sein. So kann man sich auch in einer Gruppe beim Laufen über einen Bibelvers oder einen Text austauschen. Natürlich muss die Gruppe klein genug sein, damit man sich gut verständigen kann. Es ist vielleicht wie beim Pilgern mit anderen, nur in einem anderen Tempo. 

Und eine weitere Erfahrung habe ich im Laufe der Jahre beim Laufen mit anderen zusammen gemacht:

Da meine Lauffreund*innen alle wissen, dass ich Pfarrer bin, ergeben sich beim Laufen auch Gespräche über den Glauben. Da ich einer von ihnen bin, besteht auch ein gewisses Vertrauen zueinander, so dass auch über persönliche Dinge gesprochen wird. So können die Gespräche beim Laufen durchaus seelsorglichen Charakter haben. Beim Laufen sortieren sich die Gedanken nochmal anders, als wenn man sich nur gegenübersitzt wie bei einem „normalen“ seelsorglichen Gespräch. Und die äußeren Bedingungen, z. B. weil man in der Natur unterwegs ist, schenken auch eine andere, oftmals offenere Atmosphäre als in einem geschlossenen Raum.

Beim gemeinsamen Laufen ist das Gespräch über den Glauben in manchen Fällen auch ein Glaubenszeugnis, wenn andere Fragen stellen, offen für den Glauben sind.

Ich möchte ein paar Gedanken anschließen, was mir das Laufen auch noch weiter bedeutet.
Es ist für mich ein Ausgleich zu meiner Arbeit, die oftmals mit viel Sitzen zu tun hat und auch sehr umfangreich und anstrengend ist. Beim Laufen komme ich zur Ruhe, zumindest, wenn es kein Intervalltraining oder Tempolauf ist. Aber auch das dient dem Ausgleich und der körperlichen und geistigen Stärkung.

Durch das Marathonlaufen habe ich auch viel über Ausdauer und Geduld gelernt. Das lange Laufen erfordert Ausdauer und braucht einiges an Training. Und das gibt dann eine Menge Kraft und Energie auch für den Alltag, in dem ich beides auch sehr brauche. Wenn größere Herausforderungen vor mir liegen, dann habe ich im Hintergrund die Erfahrung, dass ich schon viele läuferische Herausforderungen gemeistert habe – eben durch Ausdauer und Beharrlichkeit.

Bei allem Trainieren und Anstrengen aber ist es auch ein Geschenk, dass ich so laufen kann. Ein Marathon oder auch andere Läufe sind immer eine Anstrengung, die Vorbereitung benötigen. Aber bei aller Vorbereitung ist es auch ein Geschenk, dass ich das machen konnte. 

Ein Bibelvers, den ich mir dann bei vielen Marathonläufen immer wieder vorgesagt habe, ist Jes 40,31: Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie gehen und nicht müde werden.
 
Neue Kraft: Die habe ich beim Laufen und in vielen Zusammenhängen meines Lebens immer wieder geschenkt bekommen. Und daran denke ich auch bei kürzeren Läufen immer wieder. Es ist ein Geschenk, dass ich laufen kann. Und wie wertvoll dieses Geschenk ist, habe ich besonders deutlich im letzten Jahr erfahren, als ich durch eine große Operation fast vier Monate nicht laufen durfte (und auch nicht konnte). Das war wegen der Schwere der Operation auch eine große Herausforderung im Glauben. Und dass ich dann wieder laufen konnte, wieder Kraft durch das Laufen bekam und nun eher noch nachdenklicher durchs Leben laufe, ist eine Folge dieser Erfahrung vom letzten Jahr.

Glauben und Laufen hängen für mich also zusammen. Wer selbst glaubt, kann sich ja mal, wenn er es bisher nicht gemacht hat, mit einem Bibelvers auf den Weg machen oder nur mit einem Wort und dann Erfahrungen damit sammeln.

Und wer nicht glaubt, wird nicht durch das Laufen an sich gläubig, aber vielleicht erfährt er doch durch die vielen, die als Christ*innen laufen, etwas davon und wird zum Nachdenken angeregt.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dadurch, dass viele wissen, dass ich Pfarrer bin, Gespräche zustande kommen und Menschen über den Glauben nachdenken.

Besonders schön finde ich, dass ich jedes Jahr im Advent von meinem Lauftreff gefragt werde, ob ich eine kurze Andacht mache, bevor der Lauf losgeht. Dann stand ich oft im Talar über den Laufsachen vor bis zu hundert Läuferinnen und Läufern und habe versucht, ihnen einen Gedanken zu einem Thema mitzugeben, oftmals natürlich zu der besonderen Botschaft von Weihnachten. Da ich viel positive Resonanz bekommen habe in all den Jahren, glaube ich, dass auch dadurch ein guter Zusammenhang von Laufen und Glauben gegeben ist. 

Gott lässt sich überall finden und offenbart sich auf ganz vielfältige Weise – auch beim Lauftreff. 

Anmerkungen

  1. Interview vom 16.10.2020, Bibel TV – das Gespräch, https://kurzlinks.de/i1h4.