Erlebnispädagogik und Sport in der Konfi-Arbeit: Klettern

von Karsten Damm-Wagenitz

 

Spiel – Sport – Erlebnispädagogik in der Jugend- und Konfi-Arbeit

Spiel und Sport und Gottes Wort“ – dieser Satz ist mir früh in der evangelischen Jugendarbeit begegnet und findet sich in ähnlicher Form heute noch in verschiedenen Äußerungen des CVJM.1 Dem Slogan liegt die Erkenntnis zugrunde, dass Arbeit mit Jugendlichen einen ganzheitlichen Ansatz benötigt, der nicht nur das Denken beansprucht, sondern auch Gefühle und Körperlichkeit einbezieht. Die christliche Botschaft soll nicht nur gehört, sondern mit Erlebnis und Erfahrung verbunden werden. Dabei steht bei Spiel und Sport ganz wesentlich die Erfahrung von Gemeinschaft, aber auch von Selbstwirksamkeit im Vordergrund. Christliche Jugendarbeit ist ohne Spiel und Sport kaum denkbar. 

Allerdings kommt der Sport selten ohne den Leistungsgedanken aus.2 In der christlichen Jugendarbeit soll jedoch gerade vermittelt werden, dass wir Menschen ohne jede Leistung angenommen sind. Es ist also naheliegend, auf Sport- und Spielarten zurückzugreifen, in denen es nicht in erster Linie darum geht, besser zu sein als andere. Dies ist sicher ein Grund dafür, dass die Erlebnispädagogik Einzug in die christliche Jugendarbeit und später dann auch in die Konfi-Arbeit gehalten hat. 

Auch die Erlebnispädagogik3 arbeitet vielfach mit Spiel und Sport. Allerdings geht es dabei in der Regel nicht um herausragende Leistungen einzelner, sondern um die Annahme gemeinsamer Herausforderungen durch die Gruppe. Ein wichtiges Merkmal der Erlebnispädagogik ist auch die Reflexion, in der die Teilnehmenden die Möglichkeit bekommen, das Erlebte in tiefergehende Lebenserfahrungen zu verwandeln.

Erlebnispädagogik ist nicht notwendig religiös oder gar christlich. Erlebnispädagogische Methoden können aber genutzt werden, um Erfahrungen zu ermöglichen, die auch christlich gedeutet werden können. „Erlebnispädagogische Übungen und Erfahrungen prägen nachhaltig. Wenn sie reflektiert werden, vertiefen und erweitern sie Glauben und Leben. So fordern sie ganzheitlich und nachhaltig die Persönlichkeit.“4

In der Konfi-Arbeit gibt es immer mehr ein Bemühen darum, vom alten Bild des Konfirmanden-Unterrichts wegzukommen. Erlebnis- und erfahrungsorientierte Methoden und Konzepte nehmen zu. Dabei werden erlebnispädagogische Übungen mitunter etwas zufällig eingesetzt, manchmal aber auch sehr gezielt.

Für mich gehört Klettern mit Konfis inzwischen zu den Projekten, die ich als freiwilliges Wahlangebot regelmäßig in die Konfi-Zeit integriere. Im Gegensatz zu vielen anderen erlebnispädagogischen Übungen, die auf das gemeinsame Bestehen einer Gruppenherausforderung abzielen, geht es beim Klettern um sehr individuelle Erfahrungen, die zugleich in ein Gemeinschaftserlebnis eingebunden sind. Dies wird möglich durch die Notwendigkeit, sich beim Seilklettern gegenseitig zu sichern. Daher ziehe ich diese Form auch anderen Klettermöglichkeiten wie Hochseilgarten oder Bouldern (Klettern auf Absprunghöhe) vor. 

Zugleich ist Klettern auch ein populärer Sport und eine der wenigen Sportarten, bei denen Konkurrenz (abgesehen von Wettkämpfen) eine untergeordnete Rolle spielt. 
Es folgt ein Erfahrungsbericht über ein Kletterprojekt aus dem Herbst 2025.


„Keine Angst, ich halte dich“ – Erfahrungen aus einem Kletterprojekt mit Konfis

Kurz vor 10 Uhr stehen wir vor der Kletterhalle des Bremer Alpenvereins. 15 Konfis, drei Teamer*innen ein Pastor. Wir haben schon eine Fahrt mit Bahn und Straßenbahn hinter uns, aber nun wird das Kletterprojekt gleich richtig losgehen. Die Konfis haben das Projekt selbst gewählt. Eine paar wenige haben schon Klettererfahrung, die meisten noch nicht.

Die Jugendlichen ziehen sich kurz um, dann werden sie von zwei Trainerinnen das Alpenvereins begrüßt. An der Theke holen sie sich ihre Kletterschuhe ab und dann trifft sich die Gruppe in der kleinen Übungshalle – Höhe: acht Meter.

Es gibt eine Einweisung zum Anziehen der Klettergurte, und dann erklären die Trainerinnen, wie die Sicherungstechnik funktioniert: Wie öffne ich den Drei-Wege-Karabiner und wo befestige ich ihn am Klettergurt? Wie herum wird das Sicherungsgerät eingehängt? Was bedeutet Partnercheck?

Bei der ersten Klettervorführung wollen natürlich alle schauen, wie das Klettern geht. Doch die Aufmerksamkeit wird immer wieder auf die Sicherungstechnik gelenkt. Eine Person klettert, eine bedient das Sicherungsgerät, eine hintersichert.
Es wird deutlich: Hier geht es um etwas. Zuverlässiges Sichern ist entscheidend dafür, dass alle wieder heil am Boden ankommen. Zugleich sehen wir: Durch das selbstsichernde Gerät und die dritte Person, die noch einmal hintersichert, ist das ein System, bei dem nichts schiefgehen kann – und im Notfall greifen auch die Trainerinnen noch ein.

Während der Erklärungen werden einige schon ungeduldig, wollen endlich in die Wand. Andere blicken respektvoll oder auch ein wenig ängstlich nach oben. Nachdem sich die Dreierteams zusammengefunden haben, geht es endlich los. Eine Trainerin betreut bis zu drei Teams. Ein wichtiger Grundsatz ist: Immer erst losklettern, wenn sowohl gegenseitig gecheckt wurde, ob alles richtig sitzt, als auch die Trainerin das O.K. gegeben hat. 

Da ich selber in der Bremer Halle als Kletterbetreuer aktiv bin, übernehme ich auch zwei Teams. Am Anfang ist die Sicherungstechnik noch ungewohnt; da muss das zweite Team etwas warten, bis sie losklettern dürfen. Aber die Jungs, die ich betreue, sind hoch konzentriert. Sie wollen alles richtig machen, denn ihr Freund hängt an dem Seil. Sie wissen: „Es kommt jetzt auf mich an“.

Timo5 klettert beim ersten Versuch etwa drei Meter hoch. Dann gibt es das eben gelernte Kommando „Zu!“. Hannes reagiert sofort, zieht das Seil straff. „Willst Du noch weiterklettern?“ – „Nein, lass mich runter.“ Ich erkläre von unten noch einmal, dass Timo beim Ablassen die Füße an die Wand stellen muss, damit er nicht mit der Nase an der Wand langschrappt. Sanft landet er kurze Zeit später auf den Boden. So geht es weiter. Bald haben alle die erste Route ausprobiert. Bis ganz oben ist in dieser ersten Runde noch keiner gekommen. Aber darum geht es auch nicht. Erstmal ein Gefühl dafür bekommen: Wie ist es an der Wand? Wie leicht oder schwer fällt es mir, von Griff zu Griff und Tritt zu Tritt zu steigen? Was macht die Höhe mit mir? Traue ich dem Seil, dem Sicherungsgerät, dem Sicherer?

Diesmal sind es ein paar Mädchen, die schon im ersten Versuch ganz oben ankommen, die jedes Mal schwerere Routen klettern wollen, die es gar nicht abwarten können, endlich in die große Halle zu gehen, wo die Routen 14 Meter hoch sind. Aber es gibt auch diejenigen, die nach dem ersten Versuch sagen: „Ich sichere lieber, klettert ihr ruhig.“ Auch sie erleben, dass sie gebraucht werden, dass es kein Makel ist, nicht so hoch zu klettern. 

Zwei Stunden haben wir Zeit zum Klettern. Am Schluss fragen die Trainerinnen in die Runde, wie es war, danken für das tolle Mitmachen, verabschieden sich. Nach dem Umziehen haben wir noch etwas Zeit für eine Reflexion in der Runde.
Auf die Frage, was die Jugendlichen an Erfahrungen gemacht haben bzw. was sie mitnehmen, antworten einige:

  • „Vertrauen, Selbstbewusstsein, Mut“.
  • „Aus dem Kletterprojekt nehme ich vor allem Vertrauen in meine Mitmenschen, aber auch in mich selber mit.“
  • „Von dem Klettertag nehme ich mit, dass man manchmal auch kleinere Schritte braucht, um am Ziel anzukommen.“
  • „Ich nehme mit, dass man nicht immer über den gedachten Weg, aber mit Vertrauen auf Freunde immer ankommt.“
  • „Aus dem Kletterprojekt nehme ich mit, dass ich mehr schaffe, als ich am Anfang geglaubt habe und dass die schrittweise Steigerung des Schwierigkeitsgrades gar nicht so schlimm ist.“
  • „Ich nehme aus dem Kletterprojekt mit, dass man anderen Menschen vertrauen kann und man mutig sein sollte.“


Ermutigung und Vertrauen – Elemente von Empowerment

Was haben die Konfis an diesem Vormittag erlebt? Die Äußerungen in der Reflexionsphase6 zeigen: Vertrauen und Mut stehen im Mittelpunkt des Erlebens. Auch der Aspekt, dass Mut und Selbstvertrauen im Laufe des Projektes wachsen können, wird sehr deutlich. Schon in zwei Stunden gibt es eine Entwicklung. Sich gegenseitig zu helfen und Erfolge zu gönnen, steht hier im Vordergrund.

Was auffällt: Keine Äußerung enthält einen expliziten Glaubensbezug. Dieser wurde in der Reflexion allerdings auch nicht offensiv angestoßen. Anders macht es Uwe Roth in einer Anleitung zu einem Kletterprojekt. Er fragt ganz direkt: „Welche Parallelen zwischen dem Klettern und eurem Leben mit Jesus fallen euch ein?“7. Er schlägt vor, Kärtchen mit Aussagen vorzubereiten, die das Klettern bildhaft auf den Glauben übertragen. Ich habe auf solche direkten Übertragungen verzichtet und setze auf die direkte Wirkung des Erlebten. Das ist allerdings keine grundsätzliche Entscheidung, sondern einerseits der Situation in der Kletterhalle geschuldet, andererseits persönlicher Stil. 

Ich vertraue hier auf die Erfahrung der Selbstwirksamkeit: „Durch herausfordernde Erlebnisse werden persönlichkeitsbildende Prozesse in Gang gesetzt: eine ungewohnte Anstrengung vollbringen, an Grenzen gehen, ein überraschendes Problem bearbeiten und lösen, auf die Unterstützung anderer angewiesen sein. Dadurch bekommen erlebnispädagogische Maßnahmen einen spirituellen Charakter.“8

Wenn es die Möglichkeit gibt, das Kletterprojekt in eine Konfi-Freizeit zu integrieren und z. B. im Rahmen einer Abendandacht auf das Klettern zurückzukommen, sehe ich hier eine gute Möglichkeit, eine Übertragung auf den Glauben anzuregen. „Wobei die Deutungshoheit des Erlebten stets bei der Person des Erlebens zu liegen hat.“9


Praxishinweise

In die Konfi-Arbeit, die ich begleite, konnte ich das Klettern immer nur als Einzelprojekt einbeziehen. Wenn es die Möglichkeit gibt, eine Klettererfahrung in einen größeren Zusammenhang wie eine Freizeit oder einen längeren Konfitag einzubetten, könnte das Erleben noch nachhaltiger wirken. Eine weitere Steigerung wäre aus meiner Sicht das Klettern am Fels, was das Erleben noch unmittelbarer macht. 

Eine andere mit dem Klettern verwandte Erfahrung ist die, einen „Niedrigseilgarten“ oder andere temporäre Seilelemente aufzubauen.10 Hier rückt dann wieder die gemeinsame Herausforderung der Gruppe in den Mittelpunkt. 

Nötig ist in jedem Fall eine Betreuung durch dafür ausgebildete Personen. Kletterhallen bieten das in der Regel für Schulklassen und auch andere Gruppen an, sodass die Sicherheitsaspekte von vornherein beachtet werden. So können wir den Jugendlichen in der Konfi-Arbeit mit relativ geringem Aufwand wesentliche Erfahrungen ermöglichen.
 

Anmerkungen

  1. Z.B. https://kurzlinks.de/ui5q und https://kurzlinks.de/6kwe (13.01.2026).
  2. Vgl. Mosebach, Sportpädagogik, 12
  3. Zur Entstehung und Profilierung vgl. auch Brustkern, Erlebnispädagogik und religiöse Bildung.
  4. Hörtling, Vorwort, 9.
  5. Alle Namen wurden anonymisiert.
  6. Zu Reflexionsmethoden siehe Friebe, Reflektierbar und Rutkowski, Der Blick in den See.
  7. Vgl. Roth, Gott hält, 119.
  8. Muff / Engelhardt, Spiritualität und religiöse Bildung, 254f.
  9. Hoppenstedt, Stoßgebet, 47 (hier wird auch das interessante Projekt einer temporären Kletterkirche vorgestellt). Siehe auch Jansen, Subjektorientierung, in Bezug auf erlebnisorientierte Pastoral: „Im Behutsamen Umgang mit dem Erlebten verweist sie auf Orte der Transzendenz und motiviert durch ihre Zuversicht, nach der Bedeutung des Erlebten zu fragen. Schließlich ermutigt sie so zu einer erlebten Praxis des Glaubens“ (91).
  10. Siehe hierzu Böhmer, Temporäre Seilgärten, 235ff. sowie Strasser, Spannung zwischen Bäumen.
     

Literatur

  • Böhmer, Henning: Temporäre Seilgärten in: Michl, Werner / Seidel, Holger (Hg.): Handbuch Erlebnispädagogik, 235-238
  • Brustkern, Florian: Erlebnispädagogik und religiöse Bildung, in: WiReLex 2018, https://kurzlinks.de/z07a (13.01.2026)
  • Friebe, Jörg: Reflektierbar, Reflexionsmethoden für den Einsatz in Seminar und Coaching. 2. Auflage, Bonn 2019
  • Hörtling, Hermann: Vorwort, in: Fachausschuss Erlebnispädagogik im Ev. Jugendwerk in Württemberg (Hg.): Sinn gesucht – Gott erfahren, 7-9
  • Hoppenstedt, Detlev: Stoßgebet … an der Himmelsleiter, in: Das Baugerüst, Zeitschrift für Jugend- und Bildungsarbeit 3/2023, Sport und Bewegung, 46-47
  • Jansen, Helmut: Subjektorientierung und Lernziele in der erlebnispädagogischen Pastoral: Entweder – oder? In: Pum, Viktoria u.a. (Hg.): Erlebnispädagogik im christlichen Kontext, 75-94
  • Michl, Werner / Seidel, Holger (Hg.): Handbuch Erlebnispädagogik. 2. Auflage, München 2021
  • Mosebach, Uwe: Sportpädagogik trifft Erlebnispädagogik in: das Baugerüst, Zeitschrift für Jugend- und Bildungsarbeit 3/2023, Sport und Bewegung, 6-12
  • Muff, Albin / Engelhardt, Horst: Spiritualität und religiöse Bildung, in: Michl, Werner / Seidel, Holger (Hg.): Handbuch Erlebnispädagogik. 2. Auflage, München 2021, 254-256
  • Pum, Viktoria / Pirner, Manfred L. / Lohrer, Jörg (Hg.): Erlebnispädagogik im christlichen Kontext, Bad Boll 2011
  • Roth, Uwe: Gott hält – Klettern im Toprope, in: Fachausschuss Erlebnispädagogik im Ev. Jugendwerk in Württemberg (Hg.): Sinn gesucht – Gott erfahren, 170-120
  • Rutkowski, Mart: Der Blick in den See, Reflexion und Theorie und Praxis. 2. Auflage, Augsburg 2015
  • Fachausschuss Erlebnispädagogik im Ev. Jugendwerk in Württemberg (Hg.): Sinn gesucht – Gott erfahren, Erlebnispädagogik im christlichen Kontext. 3. Auflage, Stuttgart 2014
  • Strasser, Philipp: Spannung zwischen Bäumen, Handbuch für temporäre Seilelemente. 2. Auflage, Augsburg 2014