Die Zeit in ihrer Vielfalt denken

von Norman Sieroka

Anmerkungen aus philosophischer Perspektive1

Corona-Infektionen, Kindheitserinnerungen, Präsidentschaftswahlen, Lawinenabgänge: Alles, was wir erfahren und erleben, und sämtliche äußeren Geschehnisse können zeitlich – gemäß ihrem Nacheinander – angeordnet werden. Zeit ist also ein Ordnungsparameter, oder eine Dimension, von Ereignissen. Was Zeit außerdem noch ist, darüber herrscht Uneinigkeit auf dem „Kampfplatz ewiger Streitigkeiten“ – wie Kant die Philosophie (genauer: die Metaphysik) einst nannte2: Ist Zeit relativ oder absolut? Ist sie kontinuierlich oder diskret? Ist sie eine eigene Substanz oder konstituiert sie sich durch Beziehungen zwischen Ereignissen?3

Die Ordnung der Zeit

Bereits das älteste Fragment abendländischer Philosophie nennt Zeit als Ordnungsparameter von Ereignissen: „Denn sie [sc. die seienden Dinge] zahlen einander Strafe und Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der Ordnung der Zeit“, heißt es bei Anaximander.4 Die zeitliche Ordnung wird hier als eine gesetzliche begriffen. Es ist kein „blindes“ oder „chaotisches“ Nacheinander, sondern eines, das mit regelhaftem Ausgleich zu tun hat – und dies gelte für gesellschaftliche wie für natürliche Ereignisse. Nicht nur Diebe werden nach ihren Taten bestraft, so die Annahme. Auch die „Übergriffigkeit“ der Sonne während der langen Sommertage wird im Nachhinein ausgeglichen durch die kurzen Tage im Winter; bis dann im nächsten Sommer wiederum die kurzen Wintertage auszugleichen sind.5

Zeit wird einerseits mit einem steten Fortschreiten assoziiert, andererseits mit einer Wiederkehr von Ereignissen. Man mag dies die linearen und die zyklischen Aspekte von Zeit nennen. Beides ist relevant – in der Wissenschaft wie im Alltag. Untersucht man den CO2-Gehalt der Atmosphäre, ist man vielleicht nicht vornehmlich an den wiederkehrenden jahreszeitlichen Schwankungen interessiert, sondern an einem allgemeinen Trend: ob bzw. in welchem Maße über die Jahre hinweg der CO2-Gehalt angestiegen ist. Dazu muss man Zyklisches und Lineares voneinander trennen können. Und im Alltag wünschen sich viele einerseits Veränderung, aber andererseits auch Wiederholung und Wiedererkennung: Es möge doch jeden Sonntag der geliebte „Tatort“ kommen – aber bitte nicht immer der gleiche! Nur beides zusammen, Veränderung und Wiederkehrendes, markiert ein orientiertes Fortschreiten und damit das, was man beim Leben gerne mit „Sinn“ bezeichnet – ähnlich eben dem Uhrzeiger(sinn), der immer wieder neu über die immer gleichen Zahlen des Ziffernblattes streicht.6

Philosophische Fragen, verschiedene Zeiten

Seit Anaximander hat sich die Philosophie, wie das wissenschaftliche Fragen allgemein, immer mehr ausdifferenziert. Und nicht nur die Metaphysik hat ihre zeittheoretischen Fragen.7 So fragt etwa die Philosophie der Physik nach dem Verhältnis von Kausalität und Zeit; die Philosophie der Kognitionswissenschaften nach den Voraussetzungen zeitlichen Erlebens; die Ethik nach der Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen und für vergangene Taten – also beispielsweise nach individueller Verjährung oder, auf gesellschaftlicher Ebene, nach historischer Gerechtigkeit in der Folge von Kriegsgräueln und Genozid.8  Und die politische Philosophie fragt zum Beispiel, ob man eher vergangene Errungenschaften sichern oder vor allem zukünftige Verbesserungen ermöglichen soll; und welchen Einfluss die Taktung von Wahlen und Abstimmungen auf die Dynamik eines politischen Systems hat. Innerhalb der Europäischen Union etwa, in der Wahlen in verschiedenen Ländern bewusst desynchronisiert durchgeführt werden, kommt es eher zu langsamen kontinuierlichen Verschiebungen politischer Kräfte, während es in den Vereinigten Staaten, in denen Kongress- und Präsidentschaftswahl gemeinsam erfolgen, zu sehr viel deutlicher ausgeprägten Periodisierungen kommt.9 

Statt nun gezielt auf eine einzelne dieser Frage einzugehen, möchte ich das Augenmerk auf die Buntheit dieser Sammlung selbst richten. Denn obwohl sie kurz und unvollständig ist, führt sie auf eine übergeordnete Frage: Ist hier überhaupt immer von der gleichen „Zeit“ die Rede?

Nicht einmal innerhalb der Physik herrscht Einigkeit über den Zeitbegriff. Und wie steht es dann erst um das Verhältnis physikalischer Zeit(en) zur erlebten Zeit? Auch die Zeitskalen und relevanten Einheiten variieren. In der Physik mögen es Sekunden sein (und in der Geologie dann Jahrmillionen), im politischen Kontext geht es um Legislaturperioden. Schließlich unterscheidet sich sogar die Art der zeitlichen Ordnung: Manchmal, insbesondere in der Physik, geht es um eine Ordnung von früher-später: Zuerst rollt Kugel A, dann stößt sie Kugel B an, dann rollt B. Manchmal, insbesondere im Erleben und Handeln, geht es um die (sogenannte modalzeitliche) Ordnung von vergangen-gegenwärtig-zukünftig.10 So ist es ein Grundcharakteristikum sinnlicher Wahrnehmung, dass sie sich auf Gegenwärtiges bezieht. Der Gegenstand von Erinnerungen ist hingegen Vergangenes, der einer Hoffnung etwas Zukünftiges. Und all diese geistigen Prozesse haben selbst nochmals eine modalzeitliche Substruktur: Denn wir erleben keine zusammenhangslosen Momentaufnahmen, wenn wir Melodien hören, uns an Ausflüge erinnern oder uns um ein ausstehendes Testergebnis sorgen. Vielmehr ist das Erleben kontinuierlich, und es fließt jeweils soeben Vergangenes und direkt Bevorstehendes schon mit ein.11

Zeit als Ressource

Es sind Phänomene wie dieses Fließen, die es schwierig machen, Zeit begrifflich klar und eigenständig zu fassen. Deshalb behilft man sich seit jeher mit Verräumlichungen und Vergegenständlichungen von Zeit. Tatsächlich bedeutet das griechische Verb temno, von dem sich insbesondere lateinisch tempus und englisch time ableiten, „teilen“. Allerdings ist fraglich, ob rein räumliche Assoziationen zu einem adäquaten Verständnis von Zeit führen. So sind schon allein die Bewegungsmöglichkeiten durch den Raum andere als durch die Zeit.

Noch problematischer sind Vergegenständlichungen, die Zeit zu einer ökonomischen oder materiellen Ressource erklären. Dann ist plötzlich von „Zeitersparnis“, „Zeitkosten“ oder „Zeitverlust“ die Rede. Doch wo soll ich suchen, wenn ich nicht den Wohnungsschlüssel, sondern eine Stunde „verloren“ habe? Wo sind die renditeträchtigen Fonds, die aus halben Stunden ganze machen? Und auch wenn diese Beispiele harmlos klingen mögen: Redeweisen prägen unsere gesellschaftliche Wirklichkeit. Wenn bestimmte Tätigkeiten oder Vorkommnisse nur häufig genug als „Zeitverlust“ und „Zeitverschwendung“ deklariert werden, werden sie nach und nach auch allgemein als weniger wertvoll erachtet.12

Damit soll nicht geleugnet werden, was berechtigterweise hinter der Rede von Zeit als einer Ressource und der Sorge um Ressourcenknappheit stehen mag: nämlich das problematische Verhältnis unterschiedlicher Zeiten zueinander. Die erlebte Zeit und auch die physikalische Zeit können nicht für sich knapp werden; weder wird die Wahrnehmung der Gegenwart knapp, noch müssen wir uns sorgen, dass die nächste Stunde weniger als 60 Minuten dauern wird. Wohl aber kann ein physikalisches Zeitintervall knapp bemessen sein, um in ihm beispielsweise sinnvolle und nachhaltige Entscheide in der Klima-, Migrations- oder Haushaltspolitik zu treffen. Denn hier müssen Diskrepanzen austariert werden zwischen kurzfristigen ökonomischen Zielsetzungen, ökologischen und humanitären Notwendigkeiten sowie demokratischen und diplomatischen Verhandlungsprozessen.

Taktungen und Zeitverhältnisse

Das Verhältnis unterschiedlicher Zeiten zueinander ist es auch, was den gegenwärtig so häufig geäußerten „Beschleunigungsbeschwerden“ zugrunde liegt. Nicht die Zeit wird immer schneller, sondern die Taktung insbesondere persönlicher und gesellschaftlicher Ereignisse und Entscheidungen pro physikalischem Zeitintervall wird dichter. Das, was als geschlossene Gegebenheit erlebt wird, erstreckt sich über kürzere physikalische Zeitintervalle.

Allerdings ist diese Beschwerde durchaus nicht neu. Technologische Weiterentwicklungen gab es immer wieder – und darüber, dass „die Zeit flieht“, reflektieren Philosophen bekanntermaßen seit der Antike: tempus fugit.13  Ironischerweise mag hier nicht nur die Kurzfristigkeit oder Schnelllebigkeit eine Besonderheit gegenwärtiger Entwicklung sein, sondern gerade auch die Dauerhaftigkeit der Folgen, die unser Handeln hervorruft. Nicht nur immer kleinere Zeitskalen eröffnen sich uns, wenn wir beispielsweise im Zuge der Digitalisierung Finanztransaktionen im Bereich von Millisekunden abwickeln. Auch auf großen Skalen haben technische Entwicklungen unsere „zeitliche Eindringtiefe“ erhöht: Klimawandel oder auch die Endlagerung von radioaktivem Abfall sind keine kurzfristigen Angelegenheiten, sondern zeitigen Konsequenzen für die kommenden Jahrhunderttausende.14 

Allgemein hängt das individuelle Zeitempfinden stark von den eigenen Lebensbedingungen ab. Auch von daher ist eine Übertragung und Verallgemeinerung ökonomischer und materieller Redeweisen nicht immer plausibel. Für Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft stehen und beispielsweise obdachlos sind oder in einem Flüchtlingsheim oder Gefängnis leben, dürfte das Reden über „Beschleunigung“ schwer nachvollziehbar sein. Aber auch im Berufsleben einer kapitalistischen Gesellschaft wird Zeit nicht von allen gleich empfunden. Das zeigte eindrücklich die Corona-Pandemie mit ihren sehr unterschiedlichen Konsequenzen, die sie für die zeitlichen und räumlichen Taktungen von Pflegepersonal, Flugbegleitern, Hochschullehrern oder Handwerkern hatte.

Autonomie und Gesundheit

Und noch etwas zeigten die coronabedingten Diskussionen – etwa über Sperrstunden und Quarantänedauern – nachdrücklich: Taktungen beziehungsweise das Setzen von Fristen (mit-)bestimmen zu können, ist ein zentraler Teil menschlicher Selbstgesetzgebung, unserer Autonomie.15  Dazu sei auch an die bereits erwähnte Taktung politischer Wahlen und Abstimmungen erinnert; und an Fragen von Verjährung und historischer Gerechtigkeit.

Aber nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene sind Zeitsetzungen sehr wirkmächtig. Auch für den Einzelnen sind sie unmittelbar relevant, wenn es etwa um die geistig-körperliche Gesundheit geht.16 Dies gilt beispielsweise für Rituale oder allgemeiner noch für den Schlaf-Wach-Rhythmus. Nicht umsonst gilt Schlafentzug – also die systematische Verletzung der Autonomie dieser elementaren Taktung unseres Lebens – als Folter. Als Sorge um die persönliche Autonomie lassen sich übrigens auch die erwähnten „Beschleunigungsbeschwerden“ lesen: Reaktionszeiten und damit Handlungsspielräume werden verkürzt, weil es die Gepflogenheiten neuerdings verlangen, beispielsweise auf eine Nachricht nicht postalisch binnen Wochen zu reagieren, sondern, wenn es sich um eine E-Mail handelt, womöglich binnen 24 Stunden – oder, wenn es sich um eine Nachricht per Messenger-Dienst handelt, vielleicht sogar innerhalb weniger Minuten.17

Aufgabe der Philosophie

Wenn es aber vor allem um Taktungen und Verhältnisse von Zeiten geht, dann scheinen die Auseinandersetzungen innerhalb der Metaphysik der Zeit wenig relevant. Wer eine bestimmte Zeitordnung systematisch priorisiert, wird andere Zeitordnungen herunterspielen müssen, und ihm oder ihr droht damit eine empfindliche Verarmung der Erfahrungswelt.

Doch was bleibt übrig, wenn Reduktionismen und naive Vergegenständlichungen abgelehnt werden? Es bleibt, wie gerade beschrieben, die verschiedenen Arten von Zeit, Zeitskalen und Zeitordnungen ernst zu nehmen, sich ihrer Vielfalt und wechselseitiger Taktungen bewusst zu werden und sie vergleichend miteinander zu koordinieren.18 Dies ist eine wichtige Aufgabe der Philosophie – und sie untermauert damit nicht nur die Vielfalt wissenschaftlicher Forschung, sondern in der Tat die Vielfalt menschlicher Erfahrungen.

Anmerkungen

  1. Bei diesem Text handelt es sich um eine überarbeitete und ergänzte Fassung eines Artikels, der im Dezember 2020 in der Zeitschrift „Forschung & Lehre“ (976-978) erschienen ist.
  2. Kant, Kritik der reinen Vernunft, A VIII.
  3. Vgl. Dainton, Time and Space; Dyke u.a., A Companion to the Philosophy of Time.
  4. Diels und Kranz, Die Fragmente der Vorsokratiker, DK 12 B1.
  5. Vgl. Sieroka, Zeit.
  6. Koselleck, Wiederholungsstrukturen in Sprache und Geschichte.
  7. Vgl. Aristoteles, Physik, Buch IV, 10-14.
  8. Vgl. Meyer, Historische Gerechtigkeit; Dyke, Time and Ethics; Dietrich u.a., Zeit – Eine normative Ressource?; Elias, Über die Zeit.
  9. Vgl. Goetz u.a., The EU Timescape.
  10. Sieroka, Philosophie der Zeit.
  11. Husserl, Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins.
  12. Sieroka, Immer schneller?
  13. Vgl. Demandt, Zeit – Eine Kulturgeschichte.
  14. Hanusch, The Politics of Deep Time.
  15. Vgl. Blumenberg, Lebenszeit und Weltzeit.
  16. Vgl. Theunissen, Negative Theologie der Zeit; Steinfath, Zeit und gutes Leben.
  17. Vgl. Lübbe, Im Zug der Zeit.
  18. Vgl. Whitehead, Adventures of Ideas, 222; Sieroka, Philosophie der Zeit, 8-9.

Literatur

  • Aristoteles: Physik – Vorlesungen über Natur (Erster Halbband: Bücher I(A)–IV(D). Griechisch–Deutsch), Hamburg 1987
  • Blumenberg, Hans: Lebenszeit und Weltzeit, Frankfurt a. M. 1986
  • Dainton, Barry: Time and Space (2. Aufl.), Durham 2010
  • Demandt, Alexander: Zeit. Eine Kulturgeschichte, Berlin 2015
  • Diels, Hermann u.a.: Die Fragmente der Vorsokratiker (1903), Hildesheim 2004-2005
  • Dietrich, Frank u.a. (Hg.): Zeit – Eine normative Ressource?, Frankfurt a. M. 2018
  • Dyke, Heather (Hg.): Time and Ethics: Essays at the Intersection, Dordrecht 2003
  • Dyke, Heather u.a. (Hg.): A Companion to the Philosophy of Time, Malden MA 2013
  • Elias, Norbert: Über die Zeit (Arbeiten zur Wissenssoziologie II), Frankfurt a. M. 1984
  • Goetz, Klaus H. u.a. (Hg.): The EU Timescape (Journal of European Public Policy, Sonderheft 16/2), London 2009
  • Hanusch, Frederic: The Politics of Deep Time, Cambridge 2023
  • Husserl, Edmund: Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins (1928), Tübingen 2000
  • Koselleck, Reinhart: Wiederholungsstrukturen in Sprache und Geschichte, in: Saeculum (57) 2006, 1-15
  • Lübbe, Hermann: Im Zug der Zeit – Verkürzter Aufenthalt in der Gegenwart, Berlin 1992
  • Meyer, Lukas H.: Historische Gerechtigkeit, Berlin 2005
  • Sieroka, Norman: Zeit, in: Kirchhoff, Thomas (Hg.): Online Lexikon Naturphilosophie, Heidelberg 2021, doi.org/10.11588/oepn.2021.0.79593
  • Sieroka, Norman: Philosophie der Zeit – Grundlagen und Perspektiven, München 2018
  • Sieroka, Norman: Immer schneller? Die Zeit und Ihre Wahrnehmung, in: Bundeszentrale für politische Bildung und Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Wir Kapitalisten: Von Anfang bis Turbo, Bonn 2020, 152-155
  • Steinfath, Holmer: Zeit und gutes Leben, in: Zeitschrift für philosophische Forschung (74) 2020, 493-513
  • Theunissen, Michael: Negative Theologie der Zeit, Frankfurt a. M. 1991
  • Whitehead, Alfred North: Adventures of Ideas (1933), New York NY 1967