"David hat sich gefühlt wie in einem finsteren Tal" - Eine Unterrichtsstunde zu Psalm 23 für die vierte Klasse

von Anja Kleinschmidt 

 

Gott ist mein Hirte!
Mir wird nichts fehlen.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führt mich zum frischen Wasser.
Er erquickt meine Seele.
Er führt mich auf dem richtigen Weg.
Auch wenn ich wandere im finsteren Tal,
fürchte ich kein Unglück,
denn Du, Gott, bist bei mir.
Dein Stecken und Stab trösten mich.
Die vielen Erwachsenen so vertrauten Worte des 23. Psalms habe ich mit Kindern der 4. Klasse erarbeitet. Sie bildeten den Abschluss einer Unterrichtseinheit, in der es um Angst und Vertrauen in den Davidsgeschichten ging. 

 

Theologie Überlegungen

Der Psalm ist ein ausführliches Vertrauensbekenntnis, das in kräftigen Bildern von Bedrängnis und Bewahrung erzählt. Für die den Psalm Betenden hat sich Gott als ein Schutz und Trost bewährt, auch und gerade in der gefahrvollen Situation, über die hier mit dem Bild eines finsteren Tales gesprochen wird. Der Psalmbeter oder die Psalmbeterin lässt die Furcht nicht übermächtig werden, sondern wendet sich nun an Gott. Die indirekte Rede von Gott als dem Hirten wird zur direkten Anrede: "denn Du bist bei mir". Der Dank und die Freude über die erlebte Rettung werden sowohl vor Gott als auch die anderen gebracht, die Übergänge zwischen Gebet und Bekenntnis sind fließend. Solch ein ausführliches Gebet eines oder einer Einzelnen entstand in der Zeit, nachdem das Volk Israel in das Exil gegangen war - erst dort machte man sich so ausführlich Gedanken über das persönliche Gottesverhältnis. So ist die Überschrift des Psalms, "Ein Psalm Davids", nicht als historischer Hinweis auf David als Verfasser zu lesen, sondern als Einordnung in eine Tradition.

Die Bilder, die Psalm 23 benutzt, entstammen verschiedenen Bereichen des damaligen Lebens. Ich beschränke mich in dieser Unterrichtsstunde auf die Bilder aus dem Leben der Hirten und Hirtinnen, d.h. auf die ersten vier Psalmverse. (Ich verwende den Text in der oben angegebenen, leicht gekürzten Fassung.) Diese Bildwelt ist durch die Unterrichtseinheit vorbereitet und vier Verse erscheinen mir ausreichend als Textgrundlage für eine Stunde.

Die Erfahrungen, die die Menschen mit Gott machen, drücken sie mit Bildern der ihnen vertrauten Welt aus. In diesem Psalm wird die Metapher von Gott als dem Hirten ausgeführt. Der Beruf des Hirten oder der Hirtin war in damaliger Zeit weithin bekannt: Wichtige historische Persönlichkeiten wie eben David oder der Prophet Amos waren Hirten, ebenso die Väter des Volkes Israel, Abraham, Isaak und Jakob.

Aufgaben des Hirten ist es, die Tiere zu schützen, ausreichend Futter und regelmäßig Wasser zu finden. Doch was Gott der Hirte den ihm Anvertrauten bietet, ist weit mehr: "Mir wird nichts fehlen", so heißt es uneingeschränkt. In einem Land wie Palästina mit einem großen Anteil an Wüste und Steppe beschreiben die "grüne Aue" und das "frische Wasser" dies in überschwenglicher Fülle. So kommt die Seele wieder zu Kräften oder, anders übersetzt, die Lebenskraft kehrt zurück. Die Bilder vom Grünen und vom Wasser sind ohnehin Ursymbole der Menschen, die Leben und Erneuerung in sich tragen. Der Aspekt des Todes, den das Symbol des Wassers auch in sich trägt, findet sich in diesem Psalm eher in der Abwesenheit des Wassers. Zeichen für den Schutz, den der Hirte bietet, sind der Stecken und der Stab. Mit dem Stab kann der Hirte die Herde vorantreiben und zusammenhalten, sie in den Felsen "auf dem richtigen Weg" führen und auch die langsameren Schafe ermuntern, nicht zurückzubleiben. Mit der Keule - dem Stecken - schützt er die Herde vor wilden Tieren und menschlichen Angreifern. Diesen theologischen Überlegungen folgend, habe ich eine Unterrichtsstunde entwickelt, deren Phasen ich im folgenden skizziere. Ich möchte den Kinder vermitteln, dass die Worte des 23. Psalms Bilder sind, in denen Menschen ausdrücken, dass sie sich umsorgt, geführt und geschützt fühlen.

 

Hinführung: Zwei Bilder von Angst und Vertrauen

Die Kinder sollen in dieser Phase auf den Symbolgehalt von Bildern aufmerksam werden. Sie können die Psalmworte mit Gemälden vergleichen: Wie ein Gemälde mehr ist als eine reine Abbildung, birgt der Psalm Erfahrungen, die über dem Wortsinn des Gesagten hinausgehen. Ich zeige den Kindern zwei Aquarelle mit Landschaftsdarstellungen: eine bedrohliche Gewitterszenerie und eine freundliche einladende Wiese mit Birken. Diese drücken Stimmungen aus, wie sie im Psalm anklingen. Ich habe die Motive gewählt, weil sie den Kindern aus ihrer Umgebung vertraut sind und weil auch der Psalm Bilder aus der Natur verwendet.

Wir arbeiten zunächst mit dem bedrohlichen, danach mit dem freundlichen Motiv. Ich bitte die Kinder jeweils, das Bild zu beschreiben und sich dann in die Landschaft hineinzuversetzen. So haben sie die Möglichkeit, etwas über die Absicht und die Aussage des Malers oder der Malerin herauszufinden. Dies fällt den Kindern nicht schwer: Sie benennen Gefühle wie Bedrohung und Angst in dem einen und Geborgenheit und Sich-Wohlfühlen in dem anderen Bild.

Ich habe als Medium zwei DIN-A3-Farbkopien gewählt, die ich den Kindern im Stuhlkreis präsentiere. So haben sie die Bilder auch während der folgenden Erarbeitung vor Augen.

 

Erarbeitung I: Wortgemälde

Die Kinder sollen auch die Worte des Psalms als Bilder kennen lernen und verstehen. Den Psalmtext habe ich, nach Sinnabschnitten gegliedert, auf sieben DIN-A3-Bögen geschrieben. Bevor ich den Kindern den Text zeige, sage ich ihnen, dass sich auf diesen Bögen Bilder befinden, die nicht mit Farben, sondern mit Worten gemalt seien, doch genauso Gefühle ausdrücken. Mit diesem Impuls weise ich die Kinder auf den Bildgehalt der Psalmworte hin. Eine Schülerin hat dies sehr treffend ausgedrückt: "Wir sollen uns Gott ja nicht als einen Mann mit Stock und Keule vorstellen, sondern damit ist gemeint, dass er uns beschützt." Nachdem Verständnisfragen geklärt sind, bitte ich die Kinder, sich in jedes einzelne der Wortbilder hineinzuversetzen und herauszufinden, ob sie ähnliche Gefühle vermitteln wie die beiden Gemälde. Wenn ja, sollen sie die Wortbilder zu den Farbbildern legen. Diese Zuordnung ist in manchen Fällen eindeutig und in anderen umstritten; es besteht immer auch die Möglichkeit, eine Textkarte zwischen die Bilder in die Mitte zu legen. Jede Klasse wird die Psalmworte verschieden verteilen und erstellt so ihr je eigenes Bild des 23. Psalms.

 

Vertiefung I: Der Psalm als Ganzes

Damit die Kinder den Psalmetext auch als Ganzes hören und mit ihm besser vertraut werden, lesen sie ihn reihum satzweise. Sie gehen dazu an ihre Plätze und erhalten ihren eigenen Psalmtext, den ich auf einen DIN A4-Bogen Pergamentpapier fotokopiert habe. So sind spätestens an dieser Stelle alle Kinder verbal am Unterricht beteiligt gewesen.

 

Erarbeitung II: Ein Psalm Davids

In der Unterrichtseinheit über David haben die Kinder Einblick genommen in das Leben der damaligen Welt, insbesondere der Hirten und Hirtinnen. Diese Kenntnis erleichtert ihnen den Zugang zu den Symbolen der Psalmen. Nachdem sie in der ersten Erarbeitungsphase im Psalm ausgedrückte Gefühle entdeckt haben, sollen diese in der zweiten Erarbeitung mit konkreten Situationen verknüpft werden. Dazu haben wir uns an die Geschichten von David erinnert.

Als Impuls gebe ich den Kindern folgende Hinweise: "Dieser Psalm ist schon sehr alt und wurde von vielen Menschen gesprochen. Darum weiß man heute auch nicht mehr, wer diese Worte gedichtet hat. Manche sagen, dies sei David gewesen. Obwohl das wahrscheinlich nicht zutrifft, ist diese Überlegung kein Zufall, sondern dafür gibt es im Text Anhaltspunkte."

Ich bitte die Kinder, diese zu benennen - sie haben ja David als Hirten kennen gelernt, der zuerst seine Herde und später als König sein Volk zu schützen und zu versorgen hatte. Sie erinnern sich auch an den Kampf mit Goliath, der, wie ein Mädchen sagt, für David wie ein finsteres Tal war, oder an den Musikanten David, der vor Saul fliehen musste.

 

Vertiefung II: Der jeweils eigene Hintergrund

Die Kinder sollen sich in dieser Phase den Psalm persönlich aneignen, indem sie, angeregt durch die Aquarelle, einen jeweils eigenen Hintergrund gestalten. Mit dieser Malarbeit sollen alle Kinder die Möglichkeit bekommen, ihre Assoziationen zum Psalm darzustellen, und zwar auf einer nichtsprachlichen Ebene, damit jedes Kind seine Ideen einbringen kann, auch die nicht so wortgewandten. Dazu habe ich den Text auf einen DIN A4-Bogen Transparentpapier kopiert. Meine Idee war es, dass die Kinder mit Farben ihre Gedanken und Empfindungen in den Text hineinmalen, ihn "unterlegen". Wir besprochen noch einmal, dass wir Stimmungen aus beiden eingangs betrachteten Aquarellen im Psalm entdeckt haben und dass diese ineinander übergehen. Die Geborgenheit trotz unwegsamer Umgebung drücken die Kinder in ihren Bildern teils nur durch Farben, teils gegenständlich aus. Ich verteile für jedes Kind ein Teelicht, in dessen Schein sie ihr Bild noch einmal betrachten können.

Wir wollen, sagt Simone Weil über Symbole, "nicht versuchen, sie auszudeuten, sondern sie solange betrachten, bis das Licht herausbricht."

 

Schluss: Ein eigener Vers

Während der Malarbeit sollen die Kinder sich einen "Lieblingsvers" auswählen. Diesen "ihren" Vers sagen sie zum Abschluss der Stunde den Mitschülern und Mitschülerinnen. Nachdem sie zuvor zufällig einen Vers gelesen haben, können sie den Vers ihrer Wahl jetzt vielleicht schon auswendig, oder sie lesen ihn "vor ihrem Hintergrund", dem fertigen Transparent. So entsteht zum Abschluss der Stunde noch einmal ein ganz besonderer Psalm: der Psalm der Klasse gedichtet aus den Versen aller Kinder.

 

Medien

Geissberger, H.: Abziehendes Gewitter (17), Verlag Walter Keller, CH-Dornbach

Navizzardi, E.: Birke (Aquarell), Raffael-Verlag, CH-Ittingen.

Text aus Loccumer Pelikan

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