Musik und Religion – ein didaktisches Traumpaar

Von Peter Bubmann 

 

Leicht lässt sich mit Martin Luther („Ich gebe der Musik den ersten Platz nach der Theologie“) ein Loblied auf die Musik anstimmen: Sie ist ein exzellentes Medium der Bildung christlicher Religion, Religiosität und christlicher Lebenskunst. Sie muss nicht – wie bei Luther – erst nach der Theologie kommen, sie kommt vielmehr – entwicklungsgeschichtlich gesehen – häufig vor dem theologischen Denken, ja regt dieses erst an. Und: Sie gehört damit notwendig zu den Vollzügen religiöser Bildung dazu. Allerdings ist gerade in pädagogischen Kontexten auch kritisch danach zu fragen, ob der didaktische Einsatz von Musik nicht auch Risiken und Nebenwirkungen mit sich führt.


Musik als Medium der Identitätsfindung

Jede musik-religiöse Karriere beginnt im Mutterbauch. Denn: Das Gehör bildet sich im Ungeborenen vor der Geburt aus. Umstritten ist, ab wann die Ungeborenen hören können. Unstrittig ist allerdings, dass der Herzrhythmus der Mutter und die Intonation bzw. Melodie der mütterlichen Stimme im Uterus wahrzunehmen sind. Die mütterliche Stimme spielt auch in den ersten Lebensmonaten nach der Geburt eine entscheidende Rolle beim Aufbau einer Vertrauensbeziehung zur Mutter (und damit zur Welt überhaupt) sowie bei den ersten Differenzierungsversuchen zwischen dem Selbst und dem Nicht-Selbst.

Grundschulkinder erleben den eigenen Körper als Instrument beim Singen und Bewegen. Sie singen gerne, allerdings findet hier eine „Wendung vom prozessorientierten Singen zum ergebnisorientierten Singen statt“2 , d.h. es entwickelt sich ein Ehrgeiz, auch möglichst richtig und gut zu singen, auch wenn das Singen „noch nicht als künstlerischer Akt, sondern als etwas Natürliches und Schönes“3 empfunden wird. Kinder spielen gerne mit der eigenen Stimme, mit klingenden „Instrumenten“ aller Art (von Steinen bis zu klingenden Hohlkörpern) und bewegen sich mit Lust dazu. Das Singen erscheint im Grundschulalter weithin noch als unproblematische Form des Selbstausdrucks und der Kommunikation – selbst dann, wenn in den Familien kaum mehr gesungen wird.

Im Jugendalter wird Musik zu einem bevorzugten Mittel von Selbstausdruck und Freizeitgestaltung. Neuere soziologische Studien zum Freizeitverhalten Jugendlicher zeigen weiterhin, dass das Musikhören (inzwischen stark über MP3-Formate und das Internet, auch verbunden mit Videoclips auf Youtube) einen ganz wesentlichen Teil der Freizeitgestaltung ausmacht und auch das aktive Musizieren noch einen hohen Stellenwert besitzt4.

„Sag mir, was du hörst und ich weiß, wer du bist.“ Musik spielt als klingende Visitenkarte und Duftmarke der Zugehörigkeit zu Milieus, Szenen und Lebensstilen eine vorrangige Rolle bei der Modellierung der eigenen Person. Musik kann dabei ganz individuell und als sozial abschottende akustische Schutz-Glocke gebraucht werden (ipod in der U-Bahn) oder umgekehrt als Möglichkeit, miteinander Sounds und Rhythmen beim Hören, Singen oder Musizieren zu teilen.

Warum aber gerade die Musik?

Das liegt an der Eigenart dieses Kommunikationsmediums: Als akustisches Medium ist es mittels der eigenen Stimme und mithilfe von Instrumenten und Medien „transportabel“ und mobil – heute im Zeitalter der digitalisierten Musikmedien ohnehin. Am Strand etwa, wo noch die letzten Hüllen fallen und damit die Möglichkeiten der Selbstinszenierung durch Kleidung, Autos etc. minimiert werden, bleiben nur mehr zwei Medien zur Selbstinszenierung: der eigene Körper und die Musik aus dem Ghettoblaster.

Rhythmus

Die Vielfalt der Rhythmen (insbesondere auch in den Stilen der Pop- und Rockmusik) eignet sich, um unterschiedliche Befindlichkeiten und Gruppenidentitäten zu markieren. Es gibt genügend Differenzierungsraum im Bereich des Rhythmischen, um Raum für verschiedene rhythmisch-musikalische „Konfessionen“ zu schaffen: nicht nur in den Grobdifferenzierungen von Klassik, Jazz bis Techno, sondern in unzähligen Sub-Stilen etwa des Techno und Hip-Hop, die sich in der Geschwindigkeit des Grundbeats oder in den Rhythmusfiguren des Schlagzeugs unterscheiden. So ermöglichen musikalische Rhythmen ausdifferenzierte körperbezogene Formen der Identitätsmarkierung. Sie stehen für ein bestimmtes Lebensgefühl und die Zugehörigkeit zu jugendkulturellen Gruppen. „Lass’ mich Deine bevorzugten Rhythmen hören und ich sage Dir, zu welcher Szene und Clique Du gehörst …“

Sound & Melodik

Das gilt ähnlich für den Sound der Musik. Die Klanglichkeit von Musik ist spätestens seit der romantischen Symphonik und der Einführung der Synthesizer in die Popmusik sowie der DJ-Mix-Techniken zum dominanten musikalischen Parameter geworden. Nach wenigen Sekunden(bruchteilen) erkennt der Insider seine Musik am Sound. Dieser erzeugt bestimmte Atmosphären, birgt im Wohlbekannten wie in einem Uterus, stiftet Orientierungssicherheit und ein Gefühl von Aufgehobensein – alles Vorgänge, die auch in der religiösen Erfahrung eine wichtige Rolle spielen.
Auch bestimmte Melodien und melodische Typen haben durch ihren Wiedererkennungswert identitätsstiftende Funktion und führen Menschen zu Fan- und Hörergemeinden zusammen (etwa im Schlager oder in der Praise-Musik).

Die Macht der Stimme

Stimmen spielen im jugendlichen Musikverhalten (und nicht nur da) eine besondere Rolle: Die Stimmen der verehrten Idole und Stars repräsentieren diese und bringen sie den Hörern nahe. Im eigenen Mitsummen oder -singen verschmelzen die Identitäten für kurze Zeit. Die Stimme des Popstars wird zur eigenen, die eigene Person wird ins Idol „erhoben“. Nicht zufällig boomt das Karaoke-Singen seit langem. Hinzu kommt, dass sich beim Singen der Stimmklang mit verbalen Botschaften verbindet. Die Melodien und ihre Texte verbinden sich mit biographischen Schlüsselerlebnissen und werden in analogen Situationen wieder wachgerufen oder gleichsam magisch zur Herbeiführung bestimmter psychischer Dispositionen benutzt. Für manche Menschen werden insbesondere im Jugendalter Textzeilen von Songs zu Ankern ihrer Persönlichkeitsentwicklung: in Situationen des Liebeskummers, des Leistungsdrucks und des Gefühls mangelnder Anerkennung, der Trauer, der politischen Orientierungsnot.

Synästhetische Erfahrungen

Musik wird heute von Jugendlichen sehr häufig zusammen mit Bildern wahrgenommen: z. B. in Youtube-Videos, die bekannte Popsongs mit Bilderslideshows kombinieren und so immer auch etwas über denjenigen erzählen, der das Video hochgeladen hat. Die synästhetische Mehrkanaligkeit ist typisch für das Mediennutzungsverhalten im digitalen Zeitalter. Auch hier ergeben sich mannigfaltige religiöse Anschlussmöglichkeiten, z. B. durch die Verbindung von religiösen Symbolbildern mit Songs.
 


Musik als religiöses Ausdrucksmedium von Schülerinnen und Schülern

Wählt man einen weiten, funktionalen Religionsbegriff, dann lässt sich feststellen, dass der eben beschriebene Umgang mit Musik selbst religiöse Züge annimmt: weil der Musikkonsum Orientierung und damit Sinn und Identität stiftet, zur Bewältigung von Zufall und Schicksal hilft, indem Musik emotionalen Halt gibt (Kontingenzbewältigung), rituelle Strukturierung des Alltags ermöglicht und alltagsüberschreitende Lebenshöhepunkte vermittelt.
Damit ist allerdings noch wenig darüber gesagt, ob Jugendliche ihr musikalisches Verhalten selbst als Glaubensausdruck verstehen. Erst auf dem Hintergrund eines substantiellen Religionsbegriffs, der Religion als Beziehung zu einer höheren transzendenten Instanz (Gott) versteht, lässt sich klarer profilieren, inwieweit Musik zum Ausdruck christlichen Glaubens bei Jugendlichen wird oder werden kann.

Dazu ist nochmals im Glaubensbegriff zu differenzieren: Musik kann Träger von Aussagen über Gott und der Anrede zu Gott werden, also in Bekenntnisliedern mit christlichen Texten und in Gebetsliedern, wie sie derzeit im Bereich der Praise-Musik boomen. Die Musik stärkt hier als zweite „Sprach“-Ebene das glaubende Verstehen der Wirklichkeit Gottes und stützt emotional die Hinwendung zu Gott. Als bezeugendes Weitersagen des Glaubens und Medium der Verkündigung spielt Musik in allen Formen der Jugendevangelisation eine wichtige Rolle (z. B. beim Christival). Anders ist der Umgang mit Musik, wenn von Klängen und Gesängen selbst Erfahrungen des Heiligen (Geistes) erwartet werden, wenn also „Glauben“ als vertrauensvolle Erfahrung der Nähe Gottes verstanden wird: Wenn beispielsweise durch Taizé-Gottesdienste meditative Klangatmosphären erzeugt werden, die ein mystisches Geborgenheitsgefühl vermitteln. Oder wenn sich in Techno- oder Gospelgottesdiensten ekstatische flow-Gefühle einstellen, in denen Glücksgefühle und Gotteserfahrung ineinander fließen. Hier wird Musik also selbst und direkt zum Medium der Gotteserfahrung.

Schließlich verwenden Jugendliche Musik im Kontext des Glaubens, um gemeinsam ihren Glauben auszudrücken und darin Gemeinschaft zu erfahren: Noch immer ist das gemeinsame Singen, etwa in der Konfirmandenarbeit, einer der spirituellen Höhepunkte.

Bei alledem sind die religiösen Zugangswege zur Musik und durch Musik nochmals biographisch-kontextuell gebrochen und daher sehr unterschiedlich. Fast immer aber wird Musik als besondere Kraftquelle erfahren: als Macht, die einstimmen lässt in größere Gemeinschaften und höhere Ordnungen (etwa in die gute Schöpfung Gottes), die umstimmen kann (etwa aus Trauer Freude entstehen lässt) und somit seelsorglich wirkt und die schließlich Erfahrungen der Überschreitung des Alltags als Hochstimmung und als Transzendierung des Gewohnten im Fest der Liturgie ermöglicht.
 


Religiöse Bildungschancen in der Begegnung mit Musik

In der Begegnung mit Musik wie im aktiven Musizieren liegen auch in religiösen Kontexten besondere Bildungschancen:

  • Musik fördert religiöse Wahrnehmung, Ausdrucks- und Urteilskraft und ist mithin Teil der alle Fächer umgreifenden Querschnittsaufgabe ästhetischer Bildung. Gerade in der Begegnung mit der Vielfalt von Musikrichtungen kann dies gelingen. Dabei ist die Aufgabe für Lehrende und Lernende wechselseitig. In der Auseinandersetzung mit Musik ergibt sich die Chance, die Lebenswelt der Jugendlichen und die der Erwachsenen wahrzunehmen und in Dialog zu bringen.
  • Musik dient der lebensbegleitenden, erfahrungsnahen religiösen Identitätsbildung der Lernenden im Kontext lebensweltlicher und gesellschaftlicher Prägungen.
  • Eigenes Singen, das Einbringen eines Musikstücks zu einem Thema oder das Bekenntnis zu einer Musikrichtung, die man im Gespräch Anderen gegenüber verteidigt, dies alles kann dazu führen, sich seiner eigenen Fähigkeiten bewusst zu werden und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Besonders das eigene Singen lässt entdecken, wie ausdrucksstark die eigene Stimme sein kann. Musik regt Phantasie an, stärkt die Wahrnehmung und Ausdruckskraft.
  • Musik ermöglicht starke Erfahrungen von Gemeinschaft sowie Prozesse sozialer Bildung und hat damit Anteil an der kommunikativen und gesellschaftsdiakonischen Aufgabe der Religionspädagogik. Allerdings kann Musik auch trennen, und es können Differenzen im Musikgeschmack zu gegenseitigen Abgrenzungen führen.
  • Musik ist Teil der religiösen Traditionen und als kulturelles bzw. kirchenmusikalisches Erbe lohnender Gegenstand hermeneutischer Erschließungen. Das gilt nicht nur, aber besonders für das reiche Erbe der Kirchenlieder.
  • Musik stellt als kulturspezifisches Kommunikationsmedium eine besondere Chance für ökumenisches Lernen sowie interkulturelle und interreligiöse Bildung dar. In der Begegnung mit Liedern und der Musik anderer Konfessionen und Religionen wird das Besondere der anderen Religionsform verdichtet greifbar.
  • Musik bietet sich schließlich als Medium spiritueller Erfahrung an und kann durch ihren lobpreisend-verkündigenden Doppel-Charakter den unverzichtbaren elementaren religiösen Vollzügen (Gebet, Gotteslob, Verkündigung, Segen) Klang-Gestalt verleihen. Ein performativer RU ist ohne Gesang gar nicht denkbar.
     

Zahlreiche Lehrplanstellen eröffnen musikbezogenes Arbeiten, auch wenn dies nicht ausdrücklich benannt ist. So können etwa bei der Beschäftigung mit lokalen kirchengeschichtlichen Traditionen musikalische Zeugnisse von Widerstand und Anpassung während der NS-Zeit als Unterrichtsmedien herangezogen werden (z. B. Lieder der „Deutschen Christen“, der Bekennenden Kirche, der sog. „entarteten“ Musik etc.). Liturgisches Lernen geschieht am besten über Lieder (z. B. Kyrie-Lieder). Wenn es um Mystik und ekstatische Formen von Religion geht, liegt die Beschäftigung mit ekstatischer Musik (geistlicher wie weltlicher) nahe, etwa aus dem Bereich Esoterik oder Gospel.

Lehrpläne stecken aber als Empfehlungen nur den Rahmen des tatsächlichen Unterrichtsgeschehens ab. Im Interesse an einer subjektorientierten Didaktik, die die lebensweltlichen Erfahrungen der Lernenden aufgreift, empfiehlt es sich, auch dort auf musikalische Erfahrungen zurückzugreifen oder diese zu inszenieren, wo sie vom Lehrplan nicht angesprochen oder vorgesehen sind.

 

Anmerkungen

  1. Vortrag beim Treffpunkt Schule des RPI Loccum zum Thema „Da schwingt was mit: Musikalische Formen von Religion in der Schule“ am 17.10.2015 im RPI Loccum.
  2. Münden, Singen mit Grundschulkindern, 186.
  3. Münden, Singen mit Grundschulkindern, 186.
  4. Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2014.

 

Literatur

  • Bubmann, Peter/Landgraf, Michael (Hg.), Musik in Schule und Gemeinde. Grundlagen – Methoden – Ideen. Ein Handbuch für die religionspädagogische Praxis, Stuttgart 2006 [umfassendes Hand- und Lehrbuch zur Thematik]
  • Bubmann, Peter/Schnütgen, Tatjana K.: Musik und Tanz, in: Godwin Lämmermann/Birte Platow (Hgg.): Evangelische Religion. Didaktik für die Grundschule, Berlin 2014, 177-188.
  • Everding, Matthias: Land unter!? Populäre Musik und Religionsunterricht (Internationale Hochschulschriften; 324), Münster u.a. 2000 [grundlegende Studie eines kath. Musik- und Religionslehrers]
  • Macht, Siegfried: Musik als Schlüssel des Glaubens. Praxisbausteine nicht nur für die Konfirmandenarbeit. Lied- und Werkeinführungen zu Kernthemen christlicher Überlieferung, München 2013
  • Lindner, Heike: Musik für den Religionsunterricht. Praxis- und kompetenzorientierte Entfaltungen, Göttingen 2014 [praktische Arbeitshilfe vor allem für den gymnasialen Bereich]
  • Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hg.): Jugend-Information-Multi(Media)-Studie (JIM). Basisuntersuchung zu 12- bis 19-Jährigen in Deutschland, 2014 (online: www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf14/JIM-Studie_2014.pdf (Abruf 9.10.2015))
  • Münden, Gerd-Peter: Singen mit Grundschulkindern, in: Musik und Kirche 75 (2005), Heft 3, 186–189.
  • Richter, Christoph: Musik und Religion. Arbeitsheft für den Musikunterrichts in der Sekundarstufe II an allgemein bildenden Schulen, Berlin 2011 [anregend auch für RU]
  • Söhngen, Oskar: Theologie der Musik, Kassel 1967
  • Betz, Susanne / Hilt, Hans / Leube, Bernhard (Hgg.): Unsere Kernlieder. Werkbuch zur Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, München 2011
  • Wich, Franz: Dem Singen (d)eine Stimme! Erfahrungen, Hilfen und Beispiele für den Umgang mit Liedern im Religionsunterricht, in: Arbeitshilfe für den evangelischen Religionsunterricht an Gymnasien, hg. von der Gymnasialpäd. Materialstelle der Evang.-luth. Kirche in Bayern, Themenfolge 148, Erlangen o.J. (2013) [nur direkt über die GPM zu beziehen]