„Geschubst und gestoßen“ - Ein Film zum Thema Gewalt und Ausgrenzung bei Kindern und Jugendlichen

von Steffen Marklein

 

Bully Dance
11 Min., Animationsfilm
Kanada 2000
Regie: Janet Perlman
Produktion: David Verall, Marcy Page
Einsatzalter: ab 8 Jahren


Auszeichnungen
:

American Library Association (ALSC) Notable Children’s Video List 2001; Cleveland International Film Festival; First Prize, Short Animation Film, Chicago International Children’s Film & Video Festival, Global Peace Film Festival u.a.


Kurzcharakteristik

Ein Schüler ärgert ständig einen Mitschüler, bis die Situation eskaliert.


Inhalt


Der Film schildert einen Standardkonflikt: Ein kleiner Schwacher wird von einem dicken Starken samt seinen Freunden und Mitläufern grundlos tyrannisiert. Ort des Geschehens ist eine Schule in einer großen, betriebsvollen Stadt. Bereits auf dem Schulweg kündigt sich bei der ersten Begegnung der Protagonisten der Konflikt an: Der Schwache beobachtet verständnislos, wie der Starke eine Gruppe spielender Kinder erschreckt und lachend verjagt.

Während des Sportunterrichts beginnt der Starke den Schwachen zu ärgern, ohne dass dies vom Lehrer bemerkt wird. In der nachfolgenden Pause macht der Starke den Schwachen zum Gespött der ganzen Klasse, indem er ihm einen Trinkbecher auf den Kopf stülpt. Auch die beiden Schüler, die dies nicht in Ordnung finden, wagen es nicht zu protestieren und stimmen in das Hohngelächter mit ein. In der nächsten Stunde bemerkt der Lehrer erst nach einer ganzen Weile, dass der Schwache von der Klasse ausgegrenzt wird. Widerwillig wird dieser von der Klasse wieder in den Kreis aufgenommen. Einen Einblick in ihr Zuhause gewährt der Blick nach der Schule: Der Schwache wird freudig von seiner Familie empfangen, verzieht sich jedoch niedergeschlagen in sein Zimmer, der Dicke betritt ängstlich die Wohnung, in der der drohende Schatten des Vaters auf der Treppe zu erkennen ist.

In der nächsten Schulstunde eskaliert der Konflikt. Als sich der Schwache im Sportunterricht beim Lehrer beschwert, droht der vom Lehrer bestrafte Starke bereits mit Rache. Auf dem Schulweg wird der Schwache verprügelt und schikaniert. Als der Schwache letztlich auf das Dach der Schule flüchtet, wird er verfolgt und auch dort noch geärgert. Bei einer Rangelei mit dem Starken rutscht der Schwache aus und fällt vom Dach auf den Schulhof. Der Starke bekommt Angst und flüchtet nach Hause, wohin er von Lehrern, Schülern und Passanten verfolgt wird. Als der Vater von den Geschehnissen erfährt, droht er seinem Sohn mit den Fäusten, doch der Lehrer hindert ihn. Die Reaktion birgt keine Lösung.

Wenig später erscheint der Schwache mit einem Gipsbein im Sportunterricht. Er wird von der Klasse in den Kreis aufgenommen, während der Starke außerhalb des Kreises stehen bleibt. Wie es mit beiden weitergehen wird und soll, bleibt offen.


Gestaltung

Der Film besticht durch seine künstlerische Gestaltung, die in konsequent stilisierter Form eine sehr große inhaltliche wie formale Dichte erkennen lässt.

„Stilistisch klingen Künstler wie Klee oder Dubuffet an, deren Raffinement sich ebenfalls hinter einer scheinbaren Naivität verbirgt“ (Deutschmann). Kleinste Veränderungen der Protagonisten charakterisieren ihre unterschiedlichen Stimmungen und Gefühle. Hervorzuheben ist das fast als dekorativ zu bezeichnende Spiel mit Reihungen von Motiven und ihren Variationen. Häufig wechseln Perspektiven und Einstellungen. Durch Musik, Tanz und Rhythmus werden die Geschehnisse auf einer weiteren Ebene strukturiert und einander zugeordnet. In spielerischer Weise geraten nicht nur die einzelnen Figuren in eine tänzerische Bewegung, sondern das ganze Arrangement. Zur weiteren Struktur gehört ein Gongzeichen. Das Spielerische, Kindliche und Unbeschwerte wird leitmotivisch im Dingsymbol des Balles erkennbar. Der Film verzichtet ganz auf sprachliche Ausdrucksformen.


Interpretation


Der Titel Bully Dance: Der Film ist Teil einer Trilogie, die sich mit verschiedenen Konfliktformen und möglichen Lösungsstrategien auseinandersetzt. Das englische Wort „bully“ lässt sich mit „brutaler Typ“ oder „Tyrann“ übersetzen. „To bully“ meint etwa tyrannisieren, piesacken, einschüchtern, ohne dass es für dieses Verhalten eine verstehbare Ursache gibt. Im Film spiegelt sich dieses Verhalten im Gebaren des Starken wider. Weil dieser die Macht besitzt, nutzt er sie aus. Dieser Typus und sein stereotypisches Verhalten finden sich nicht nur unter Kindern und Jugendlichen, sondern auch unter Erwachsenen.

Eskalation des Konfliktes: Der Film thematisiert eine typische Konfliktsituation in der Schule. Der Palette der Bosheiten des Täters entspricht auf der Seite des Opfers ein breites Spektrum von Reaktionsweisen. Es gelingt der Gesamtgruppe nicht, ihre abwartende passive Rolle zu verlassen. Im Zweifelsfall lässt sie sich vom Starken und seinen Freunden vereinnahmen. Mit dem Einschalten der Lehrerautorität hat der Schwache eine ungeschriebene Regel von Gruppen durchbrochen, nämlich interne Konflikte nicht öffentlich zu machen oder sogar um Hilfe von außen zu bitten. Mit der folgenden Katastrophe kommt es jedoch zur Wende, da offensichtlich eine Grenze überschritten wurde.

Gewalt ist keine Lösung: Das Credo des Films ist deutlich: Gewalt ist unter keinen Umständen eine Lösung. Gleichzeitig bleibt das Ende der Konfliktklärung offen: Im Gegensatz zum Schwachen bleibt der Starke von der Gemeinschaft ausgeschlossen, was mit der Schlusseinstellung in Form eines analytischen Diagramms unübersehbar gemacht wird. Fragen bleiben zu diskutieren: Ursprünge der Aggression, Präventionsmaßnahmen zur Verhinderung von „Mobbing“-Phänomenen, Gruppenzwänge, angemessene und ungemessene Interventionen von Autoritäten etc.

Gesellschaftskritik: Die reale Konfliktsituation der Protagonisten ist eingebunden in eine gesellschaftliche Wirklichkeit, deren Mechanismen das Leben der Massen normieren und rhythmisieren. Auf einer Meta-Ebene kann man das vom Starken erwartete Verhalten auch als eine erzwungene gesellschaftliche Anpassung interpretieren und danach fragen, ob „seine Gewalttätigkeit nicht auch eine Form von Protest sein könnte“ (Deutschmann).


Einsatzmöglichkeiten im Unterricht


Die eigene Schulsituation ermöglicht Kindern und Jugendlichen, einen unmittelbaren Bezug des Films zu ihrer Lebenswirklichkeit herzustellen. Zwar bewahrt die verfremdende künstlerische Darstellung und das Stereotyp des Schwachen und Starken vor einer unmittelbaren Rollenidentifizierung, doch bleibt die emotionale Betroffenheit des Films groß.

Eine Übertragbarkeit des Konfliktes auf Klassensituationen oder andere aktuelle Bezüge lassen sich leicht herstellen. Deutlich kann das Geflecht von Beziehungen, Bündnissen und Verantwortlichkeiten herausgearbeitet werden. Dabei kann gegenüber aller Zwangsläufigkeit und Starrheit der Geschehnisse die Freiheit und Offenheit von Prozessen betont werden. Tanz und Spiel deuten diese Möglichkeiten an, ohne dabei konkrete Lösungen vorwegzunehmen.

Ein eigener ästhetischer Zugang eröffnet sich über die künstlerische Gestaltung, die, wie erwähnt, z.B. bei Paul Klee und seiner Bildnerischen Formenlehre anknüpfen kann.

Für untere Jahrgangsstufen stehen auf der DVD „Gewalt muss nicht sein!“ zahlreiche Arbeitsblätter zur Verfügung. Die Geschichte kann in einfacher Form rekonstruiert werden. Einzelne Situationen lassen sich analysieren.

Für höhere Schulklassen bieten sich Vergleiche mit Texten aus der Literatur und Wissenschaft an. Meldungen aus den Nachrichten oder aktuelle Zeitungsartikel, in denen über die Gewalt an Schulen berichtet wird, lassen sich hinzuziehen. Die Rolle von Mediatoren und Vertrauenslehrer/-lehrerinnen kann thematisiert werden.


Anmerkungen

  1. Auszug aus der in Vorbereitung befindlichen Arbeitshilfe des RPI Loccum „Kurz & Gut – Kurzfilme für den Religionsunterricht“, hrsg. v. Steffen Marklein, die Mitte des Jahres erscheinen wird.

Text erschienen im Loccumer Pelikan 1/2010

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