Ulrich Becker hat über mehr als fünfzig Jahre – als Universitätsprofessor für Ev. Theologie und Religionspädagogik an der Leibniz Universität Hannover von 1964 bis zu seiner Emeritierung 1996 – die Ausbildung von Generationen von Religionslehrer*innen maßgeblich geprägt und sich hochschulpolitisch als Studienreformer und Dekan engagiert. Einen Anstoß zu seinem Rückzug aus der Lehre mit 83 Jahren gab ein Student, der Grüße von seiner Oma übermittelte. Sie hatte bei Ulrich Becker studiert.
Ulrich Becker ist in einem Pfarrhaus aufgewachsen, in dem er die Konflikte zwischen der Bekennenden Kirche und dem NS-Regime hautnah miterlebte. Dieser Hintergrund – mit der Vorliebe des Vaters für die Theologie Karl Barths – zieht seine Linien aus zur immer neuen Beschäftigung mit Dietrich Bonhoeffer und seinen Grundsätzen von der Erfahrung als Ursprung der Erkenntnis und der Verantwortungsbereit¬schaft als Ursprung der Tat.
Nach dem Ersten Theologischen Examen hatte Ulrich Becker 1955 eine Assistentenstelle am Seminar für die Geschichte des Urchristentum an den Universität in Erlangen inne und übernahm das dortige Studentenpfarramt. Der weitere Werdegang von Ulrich Becker über die nächsten sieben Jahrzehnte war unlösbar verbunden mit seiner Ehefrau Inge Becker-Raethjen. Sie begleitete liebevoll und kritisch seinen beruflichen Weg. Gleichzeitig baute sie sich ganz eigene Arbeitsfelder auf. Das Ehepaar feierte 2025 seine Gnadenhochzeit nach 70 gemeinsamen Jahren.
1959 begann die Hannoveraner Laufbahn, ab 1964 als Professor für Evangelische Religionslehre. Seither hat Ulrich Becker die Fachdiskurse um die Zukunft des Religionsunterrichts mit geführt und sich positioniert. Das Katechetische Amt in Loccum (das spätere Religionspädagogischen Institut) entwickelte sich zu einer Zukunftswerkstatt um zeitgemäße religionspädagogische Konzepte in den 1960-er und 1970-er Jahren. Eine Katalysatorenfunktion hatte die Pädagogische Studienkommission, deren Debatten Ulrich Becker in seiner letzten Publikation aufgearbeitet und reflektiert hat.
1977 übernahm Ulrich Becker die Stelle eines Direktors der Bildungsabteilung des Ökumenischen Rates der Kirchen im Genf (bis 1985). Die Reisen in alle Kontinente und die Erfahrungen mit Kolleg*innen der weltweiten Ökumene eröffneten ihm einen neuen Denkhorizont aus der Perspektive von Menschen und Kirchen im Globalen Süden.
Aus diesen Arbeitskontexten sind zwei wissenschaftliche Arbeitsschwerpunkte hervorgegangen: 1. Das „Ökumenische Lernen im weltweiten Horizont“ verlangt eine Überwindung der Dominanz des instrumentalisierten und fachlich segmentierten Wissens zugunsten der Frage nach der Zukunft aller und einem gemeinsamen Lebenshorizont. Die Vollversammlung des ÖKR in Vancouver 1983, an der Ulrich Becker in verantwortlicher Funktion mitgewirkt hat, hat das Ökumenische Lernen zu einer für die Kirche konstitutiven Dimension erhoben.
2. Die Arbeit an einer pädagogisch und theologisch begründeten Anthropologie des Kindes. Die Frage, was Erwachsene Kindern schulden, hat Ulrich Becker in immer neuen Anläufen „bewegt“. Ein Höhepunkt war gewiss sein Einbringungsvortrag auf der EKD-Synode 1994 in Halle. Von hier führen – unterlegt mit neuen exegetischen Einsichten – die Spuren zu einer theologisch-kirchlichen Sensibilisierung für und die Respektierung von Belangen von Kindern und Jugendlichen in der Folgezeit (Theologisieren mit Kindern und mehr).
Ulrich Becker hat tiefe Spuren in vielen Bereichen hinterlassen – u.a. als Vorstandsvorsitzender des Comenius-Instituts, als Mitglied der EKD-Synode, als Schulbuchautor, als Gründungsmitglied der „Arbeitsgruppe Interkulturelle Bildung und Entwicklungspädagogik“, als Mitarbeiter an der EKD-Denkschrift „Identität und Verständigung“ und der Arbeitshilfe zum „Ökumenischen Lernen“, als Curriculumberater des kenianischen Kirchenrates, als Mitglied des Lehrkollegiums am Theologischen Institut der Universität Klaipeda.
Wir werden seine warmherzige Persönlichkeit und sein reiches Lebenswerk in ehrender Erinnerung bewahren.
Prof. i.R. Dr. Harry Noormann Prof. i.R. Dr. Friedrich Johannsen
Beide sind ehemals Professoren für Evangelische Theologie und Religionspädagogik und langjährige Dekane der Philosophischen Fakultät der Leibniz Universität Hannover.