„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen“ – Migration und Interkulturalität als Lernfelder religiöser Bildung

von Sabine Schroeder-Zobel und Felix Emrich

 

Resonanz – vielfältige Stimmen hören

Migration ist eine Grundkonstante der Menschheitsgeschichte. Auch Kinder und Jugendliche erfahren sie direkt oder indirekt: durch eigene Erlebnisse, Familiengeschichten oder Mitschüler*innen mit unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und Religionen.

Schauen wir mal genauer in unsere eigene Familiengeschichte, werden wir dort vermutlich auch häufiger als gedacht Spuren von Migration, Flucht und ähnlichen einschneidenden Veränderungen entdecken – auch dann, wenn wir bei uns persönlich gar nicht von Migrationshintergrund sprechen würden. In meiner Kindheit (Sabine), in den späten 60er- und den 70er-Jahren, bekam meine Großmutter immer mal wieder elektrische Haushaltsgeräte geschenkt, über die sie sich durchaus freute. Was sie aber auch mit einem Seufzen beim Auspacken murmelte, war: „Das kann man doch gar nicht alles einpacken!“. Später habe ich verstanden, was sie gemeint hatte. Als junge Frau mit drei Kindern aus Ostpreußen geflüchtet, konnte sie nicht viel einpacken. Vermutlich hat sie damals in großer Eile viele Dinge auf ihre Nützlichkeit hin betrachtet und in die Kategorien „könnte man einpacken“ und „muss hierbleiben“ eingeteilt. Grundsätzlich hatte ihre Strategie, mit dem Verlust ihrer Heimat und den erlebten Grauen des Krieges umzugehen, indem sie auf die positiven Veränderungen in ihrem Leben schaute, mich sehr beeindruckt.

Migration und auch die gelebte und prägende Kultur sind keine abstrakten Themen – sie berühren die eigene Identität, Zugehörigkeit und auch Hoffnung. Resonanz zu ermöglichen heißt hier, Erinnerungen, Stimmen, Erzählungen, persönliche Erlebnisse nicht nur zu thematisieren, sondern hörbar und spürbar zu machen.

Sind Schüler*innen dazu bereit, kann das biografische Erzählen dazu führen, dass persönliche Geschichten im Unterricht wertgeschätzt werden. Bei aller Vorsicht im Umgang mit traumatisierten Menschen können Schüler*innen die Erfahrung machen, dass sie gehört werden, dass ihre Lebenserfahrungen auch andere Menschen interessieren und nicht nur ihr Fremdsein und die Herausforderungen, die andere darin sehen, in den Blick genommen werden. Kolleg*innen berichten bei Fortbildungen im RPI Loccum, wie das Thema „Flucht“ ihre Schüler*innen mit Fluchterfahrungen und Migrationshintergrund berührt. Der Unterricht thematisiert plötzlich ihr Leben, ihre Erfahrungen, ihre eigenen Geschichten! 

Die altersangemessene Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte (und mit der anderer Schüler*innen) kann bei allen Kindern und Jugendlichen etwas zum Klingen bringen, um so bezüglich der gegenwärtigen politischen Migrationsdebatte die Sinne zu schärfen.

Insbesondere das Fach (Christliche) Religion, offen für Schüler*innen aller Religionen und Kulturen, kann mit symbolischen Zugängen wie Karten, Bildern, Gegenständen und Ritualen auf behutsame Art und Weise emotionale Brücken zum eigenen Erleben erzeugen und unterschiedlichste Resonanzen erfahrbar machen. Auch hier können kulturelle Symbole wie Musik, Feste, Bräuche als Ressourcen in den Unterricht und das Schulleben geholt werden.


Transformation – Lernen im Spiegel der Ruth-Erzählung

Die Bibel erzählt von Migration stets im Spannungsfeld von Fremdheit und Zugehörigkeit. Abraham zieht ins Ungewisse, Israel erlebt Flucht und Exil, Jesus wird als Kind Flüchtling. Besonders eindrücklich ist aber die Geschichte von Ruth. Sie zeigt exemplarisch, wie interkulturelles Zusammenleben gelingen kann.

Ruth 1,16: Ruth überschreitet Grenzen: Sie lässt ihr Volk und ihre Götter zurück und sagt zu Noomi: „Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“ Migration wird hier zum interkulturellen Lernprozess – Ruth eignet sich Sprache, Religion und Tradition der neuen Gemeinschaft an, bleibt aber zugleich Subjekt ihres Handelns.

Ebenfalls sagt sie: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen …“ und beschreibt damit Migration als Möglichkeit für solidarisches Verhalten, die Pflege bestehender und Eröffnung neuer Bindungen.

Ruth 2,10: Ruth wird als „Fremde“ bezeichnet. Doch Boas reagiert mit Respekt. Hier zeigt sich ein Schlüssel interkulturellen Zusammenlebens: Anerkennung trotz Differenz.

Ruth 4,11: Ruth wird in die Heilsgeschichte Israels hineingenommen. Sie ist nicht mehr „die Moabiterin“, sondern Teil der gemeinsamen Zukunft – und sogar Stammmutter Davids.

Die Ruth-Erzählung verdeutlicht, dass Migration nicht nur die Migrantin verändert, sondern die Migrantin auch die aufnehmende Gemeinschaft. Noch einmal deutlicher: Interkulturalität ist hier nicht nur „Duldung“, sondern wechselseitige Transformation. Auch Israel verändert sich durch Ruth.

Im Religionsunterricht kann gefragt werden, was Ruths Erfahrungen mit heutigen Migrationserfahrungen verbindet. In Rollenspiel und Bibliolog können sich Schüler*innen in die unterschiedlichen Figuren der Geschichte hineinversetzen und so Fremdheit und Anerkennung erleben und reflektieren. Durch unterschiedliche Perspektiven und Gesprächsformen werden Erlebnisse und Geschichten von heute und von damals verknüpft. 

So verstanden, heißt Transformation: Lernende verändern ihre Sicht auf Migration und stellen persönliche Bezüge her – Schulen wie Gemeinden entwickeln sich möglicherweise zu Orten, an denen kulturelle und religiöse Vielfalt als Reichtum erfahren werden.


Zuversicht – Hoffnungsräume eröffnen

Öffentliche Debatten betonen oft die Belastungen, Konflikte und Integrationsprobleme. Die Religionspädagogik ist hier gefordert, eine andere Stimme stark zu machen: die der Zuversicht. Dabei meint Zuversicht nicht Schönfärberei. Sie gründet in der Erfahrung, dass Gott Geschichte immer wieder durch Grenzüberschreitungen hindurch schreibt. Ruths Weg und auch andere Migrationsgeschichten der Bibel zeigen, dass aus Fremdheit Zukunft erwachsen kann – für einzelne Menschen, für Israel, und für die Heilsgeschichte insgesamt.

Trotz aller großen Herausforderungen gibt es zahlreiche gute Gründe, um zuversichtlich zu sein:
•    Schulprojekte, in denen Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Herkunft
     gemeinsam spielen, gestalten und lernen,
•    mehrsprachige, auch ökumenische Gottesdienste und multi- sowie
     interreligiöse Feiern,
•    Lehrkräfte, die durch ihre Haltung des Dialogs, Respekts und der
     Anerkennung „Räume des Willkommens“ eröffnen,
•    Unterricht, in welchem nicht nur neu zugewanderte Schüler*innen Deutsch als
     Zweitsprache lernen, sondern die Mehrsprachigkeit einer Klasse als
     Ressource genutzt wird und die Familiensprachen der Schüler*innen
     gefördert werden,
•    Demokratie-Bildung, die die politische Debatte über Zuwanderung kritisch in
     den Blick nimmt und Schüler*innen dabei hilft, einen eigenen Standpunkt zu
     entwickeln.


Zum Schluss

Im interkulturellen und interreligiösen Miteinander können Gottes Spuren neu sichtbar werden. Ruth mit ihrer Geschichte ist dabei eine mögliche Schlüsselfigur. Sie zeigt, dass Migration nicht am Rand, sondern im Herzen der Glaubensgeschichte steht.