Warum die Religionspädagogik in der Vikariatsausbildung dennoch wertvoll ist – und noch wertvoller werden kann
Die religionspädagogische Qualifikation ist ein wichtiger Teil in der Ausbildung zum Pfarrberuf am Predigerseminar Loccum. Neben der Schulung und Begleitung in der Arbeit mit Konfirmand*innen tauchen die Vikar*innen durch ein dreimonatiges Schulvikariat in die für sie meist fremde Welt des Schulalltags und des Unterrichtens ein. In den fünf am Predigerseminar Loccum beteiligten Landeskirchen Norddeutschlands ist eine regelmäßige Unterrichtsverpflichtung im späteren Dienstauftrag allerdings nicht vorgesehen. Die wenigsten zukünftigen Pastor*innen werden in Schule arbeiten. Deshalb taucht bei nicht wenigen die obige Eingangsfrage auf. Es schwingt dabei bisweilen der funktionale Zweifel mit, welche religionspädagogischen Kompetenzen eigentlich für die Arbeit im Pfarrberuf weiter kultiviert und „nutzbar“ gemacht werden können und sollen.
Der erste Teil der Antwort könnte lauten: Ja, Lehrer*innen arbeiten anders. In der Fokussierung der Schwerpunkte in der Ausbildung der Vikar*innen sprechen wir im Predigerseminar deshalb seltener von einzelnen, differenziert zu lehrenden und anzueignenden Kompetenzen. Das hat vor allem damit zu tun, dass der Aufbau von Kompetenzerwerb im Pastor*innenberuf nur schwer überprüfbar ist. Er zeigt sich zwar an Fortschritten im Agieren in der Gemeinde, im Kursgeschehen und an anderen Lernorten. Zugleich ist der Pfarrberuf aber nicht nur erlernbar wie ein Handwerk. In der sich rasch weiter verändernden postsäkularen Gesellschaft wird die Kommunikation des Evangeliums zu einer immer größeren Herausforderung, die etwa Kontextsensibilität, Kreativität und ein Fundament gelebter Glaubenspraxis gleichermaßen benötigt. Zudem lösen sich bisher vertraute Strukturen mit wachsender Geschwindigkeit auf. Deshalb folgt das Curriculum im Predigerseminar Loccum einem Dreischritt: „wissen wird können“. Will sagen: Was muss ich über Zahlen und Fakten, aber auch Konzeptionen, gesellschaftliche und theologische Diskurse wissen rund um ein Handlungsfeld? Welche rollenbewussten Haltungen bringe ich im Blick auf dieses Handlungsfeld oder eine Anforderungssituation mit? Was muss ich können und vertiefen, um Handlungssicherheit zu erreichen und darüber hinaus innovativ und flexibel auf neue Herausforderungen zugehen zu können? Dieses Zusammenwirken von Wissen, Haltung und Können bedeutet in der Praxis, dass in den Kurswochen die bisher voneinander abgegrenzten Lernbereiche miteinander verzahnt und zu Themenblöcken zusammengefasst werden (z. B. „in die Rolle kommen können“).
Kompetenzerwerb erfolgt nach diesem Verständnis in einem (lebenslangen) Prozess, der sich nach dem Vikariat fortsetzt. Fortschritte der Vikar*innen auf dem Weg dieses prozessual angelegten Curriculums lassen sich aber gut im Dialog aller an der Ausbildung beteiligten Personen und Institutionen beschreiben.
Bei alledem ist das RPI eine unverzichtbare Partnerin in der Arbeit mit Konfirmand*innen und der Begleitung des Schulvikariates. Lehrer*innen, so könnte der zweite Teil der Antwort lauten, arbeiten anders, und gerade dies unterstützt Vikar*innen, um die Ziele des prozessualen Curriculums zu erreichen, und zwar vor allem im Blick auf
- eine klare zeitliche und inhaltliche Strukturierung der Arbeit, die hilft, Ergebnisse zu erbringen und zu überprüfen: U.a. durch das jeweilige Kerncurriculum ist eine Ziel-, Kompetenz- und Prozessorientierung gegeben, die für eine differenziert beschriebene Zielgruppe in einen klaren Zeitrahmen eingefügt ist.
- die Kommunikation des Evangeliums, die sprachlich elementarisiert und auf diese Zielgruppe bezogen werden muss. Die meist ehrlichen Rückmeldungen der Schüler*innen helfen bei der Überprüfung und der Fokussierung auf die Lebenswelt der Schüler*innen.
- die Möglichkeit, pastoraltheologisch relevante Fähigkeiten zu vertiefen. Dazu gehören die Ambiguitätstoleranz, Resilienz und emotionale Stabilität sowie die eigene Lernfähigkeit.
- die Schulung von körperlicher, geistiger und verbaler Präsenz, um sich authentisch und zugleich souverän in lebendiger Auseinandersetzung zu zeigen.
- die pädagogische Gestaltung des Generationenverhältnisses. Neben dem Bezug auf die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen, um die Zukunftsperspektive von Kirche tragfähig zu machen, gehört dazu auch die Arbeit mit den Eltern und weiteren Erziehungsberechtigten als Gesprächspartner*innen, die die Kirche oft bereits verlassen haben.
- die für die Vikarsausbildung sehr wichtige Arbeit im Sozialraum, die durch diese breit gefächerten Kontaktflächen gestärkt wird.
Aufgrund dieser wertvollen Impulse ist die Intensivierung religionspädagogischer Arbeit auch im Bereich der Gemeindepädagogik in der Zusammenarbeit zwischen RPI und Predigerseminar wünschenswert.