Medien, Digitalität und KI

von Holger Birth

 

Resonanz

In den Archiven des RPI Loccum ist Schriftverkehr aufbewahrt, der von handschriftlichen Briefen, an der Schreibmaschine ausgefüllten Formularen, auf 24-Nadel-Druckern ausgegebenen Unterrichtsentwürfen bis zu digital layouteten Handreichungen reicht. In unseren Schränken lassen sich von Filmspulen bis zu DVDs viele mittlerweile historische Medienformate finden. Die aktuellen Bilderbuchpodcasts oder digitale Fotos von Veranstaltungen liegen hingegen nur noch im Serverraum.

Mediengestalt und Nutzung digitaler Anwendungen haben sich in den letzten Jahrzehnten rasant weiterentwickelt. Die Digitalisierung im Bildungsbereich hat unbestritten viele Vorteile. Die erweiterten Möglichkeiten bei der Online-Recherche oder dem Gestalten von Präsentationen liegen auf der Hand. Es besteht dennoch die Gefahr, dass das Mithalten mit den Entwicklungen und sich verändernden Rahmenbedingen nicht wenige Lehrkräfte zunehmend zusätzlich belastet und Ressourcen bindet, die für die inhaltliche Weiterentwicklung eines schüler*innenorientierten Unterrichts gebraucht werden. Zugleich kann ein lebensweltorientierter Religionsunterricht die digitale Prägung des Alltags der Schüler*innen nicht ausblenden, sondern muss diese zugrunde legen.


Transformation

Wenn der Religionsunterricht inhaltlich, methodisch und didaktisch mit den Entwicklungen Schritt halten soll, bedeutet dies, dass sich neben der Ausstattung der Schulen auch die Form der Lehrmittel, Methoden und Didaktik weiterentwickeln muss. Im Folgenden werden an einigen Beispielen aktuelle Entwicklungen und damit verbundene Potentiale und Herausforderungen aufgezeigt.

1. Digitale Schulbücher

Ein erster Schritt war das alternative Bereitstellen von gedruckten Schulbüchern als PDF oder hauseigener Software der Verlage. Ein simpler Vorteil kann neben der leichteren Schultasche die fehlende Möglichkeit sein, das Religionsbuch zu vergessen, bzw. die Sicherheit, es auch bei Stundenplanänderungen dabei zu haben. Ihre digitalen Notizen haben Schüler*innen, direkt mit der Buchseite verknüpft, schnell parat. Außerdem können das Vergrößern der Anzeige oder integrierte Vorlesefunktionen Schüler*innen mit entsprechendem Inklusionsbedarf helfen.1 

Mittlerweile statten einige Verlage ihre digitalen Schulbücher mit weiteren Funktionen aus, z. B. eine verknüpfte Anzeige aller im Text erwähnten Bibelstellen, verlinkte Podcasts und Videos zum Thema, Lese- und Textverständnishilfen, die einen echten Mehrwert gegenüber der gedruckten Ausgabe bieten. Dieser Weg von der Digitalversion des gedruckten Buches hin zu einer multimedialen Anwendung wird sicher zukünftig noch weiter gehen.

Und auch dort, wo ohne Schulbücher mit selbst gestalteten Arbeitsblättern gearbeitet wird, bieten multimediales Material oder Ergänzungen2  und weiterführende Links3 , die alle direkt vom Anzeigegerät aus aufgerufen werden können, Möglichkeiten, die im analogen Material nicht zur Verfügung stehen.

2. Kollaborative Anwendungen

In Klassen mit mobilen Endgeräten, aber auch in Computerräumen gibt es zahlreiche Möglichkeiten für die Schüler*innen, nicht nur auf ihrem Gerät oder als Gruppe um ein Gerät versammelt zu arbeiten, sondern kollaborativ mit mehreren Geräten in einer Datei oder auf einer Webseite. Von Stichwortsammlungen als Wortwolke bis zu gemeinsam gestalteten Mindmaps oder ganzen eBooks stehen viele, auch kostenlose Anwendungen, zur Verfügung4 , die Dialog- und Gestaltungskompetenzen ebenso fördern wie die Kompetenz, in Teams zu arbeiten. Insbesondere die webbasierten Tools bieten sich dort an, wo Schüler*innen ihre eigenen Geräte mitbringen müssen oder dürfen, da diese im Browser unter Android, iOS, Linux und Windows gleichermaßen laufen. Es empfiehlt sich, nicht in jedem Schulfach andere Anwendungen für die gleiche Aufgabe zu nutzen, sondern sich als Religionsfachgruppe mit den anderen Fächern im Rahmen eines schulischen Medienkonzepts abzusprechen. So wird eine Überforderung von Schüler*innen vermieden und Zeit für das notwendige Einarbeiten auf mehrere Fächer verteilt. Einige dieser kollaborativen Anwendungen sind in verbreitete Systemen wie iServ, Moodle oder Teams bereits integriert, von denen in vielen Schulen ohnehin eines eingeführt ist. Ein zusätzlicher Vorteil einer auf dem Server erstellten Gruppenarbeit ist, dass die Gruppe auch zu Hause gemeinsam ein Ergebnis beenden oder überarbeiten kann und es zur Präsentation in der Lerngruppe vorliegt, auch wenn einzelne Schüler*innen krank sind.

3. Virtuelle Welten

Alleine oder im Team digitale Welten in Minecraft bauen, virtuell in authentischen Fußballstadien von FIFA5  kicken, online auf der Fortnite-Insel ballern6 , die Realität im Snapchat-Filter verändern oder abtauchen in den endlosen Stream von TikTok-Videos7 , das gehört für die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen zum vertrauten Alltag. Auch wenn dies sowohl mit Blick auf einige Inhalte als auch den zeitlichen Umfang von vielen Eltern und Lehrkräften mit Sorge gesehen wird, bleibt es für einen lebensweltbezogenen Religionsunterricht wichtig, die große Bedeutung dieser Erfahrungs- und Begegnungsräume für die Schüler*innen ernst zu nehmen. Ein virtueller Raum, in dem sie Stunden des Tages (oder zumindest der Woche) verbringen, ist eine Realität. Ein Schlechtreden dieses Medienverhaltens wird in den wenigsten Fällen zu einer kritischen Reflexion führen. Das Einlassen und die Offenheit auf das, was sie fasziniert und ihnen wichtig ist, kann dagegen ihren Blick für andere Welten und Realitäten offenhalten, die die Basis unseres Religionsunterrichts und eines gesellschaftlichen Miteinanders sind.

Und virtuelle Welten können den Religionsunterricht selbst bereichern. Auch wenn eine reale Erkundung vorzuziehen ist, sind Besuche in Kirchen, Synagogen und Moscheen möglich8 , die es nicht in der Nähe der Schule gibt, bzw. obwohl keine drei Tagesexkursionen genehmigt würden. Rekonstruktionen historischer Orte können erkundet werden, um die Lebenswelt der Bibel zu veranschaulichen. Die Straßen des heutigen Jerusalems können online durchstreift werden. Die letzten Zeitzeugen des Krieges und des Holocausts können ins Klassenzimmer projiziert noch den nächsten Generationen näher kommen als es eine Dokumentation auf dem Fernseher vermag.9 

4. Recherche

Eine Stärke und zugleich große Herausforderung ist die vermeintlich einfache Recherche im Internet. Von der Recherche für das Referat bis zur eingeholten Antwort auf die gerade von der Lehrkraft gestellte Frage ist Information schnell und umfangreich verfügbar. Neben der Gefahr, dass die Antwort nur vorgelesen und nicht verstanden wird, wird die Kompetenz zum Faktencheck immer zentraler. Was sind glaubwürdige Quellen? Wie finde ich alternative Meinungen jenseits meiner Filterblase? Woran erkenne ich Fehler und Fakes? Wie bilde ich mir trotz allem eine eigene Meinung? Diesen wichtigen Fragen muss sich neben anderen Fächern auch der Religionsunterricht zunehmend mehr widmen.

5. Künstliche Intelligenz10 

Wie bei der Recherche besteht die Herausforderung oft darin, dass gelieferte Ergebnis nicht nur abzugeben, sondern auch zu verstehen und in seiner Erstellung einen Kompetenzzuwachs zu haben. Das Schreiben und Variieren eines guten Prompts11 , der ein zufriedenstellendes Ergebnis liefert, ist alles andere als trivial. Es gilt dabei, bei Schüler*innen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass KI auch falsche Informationen reproduziert, wenn sie mit diesen trainiert wurde, bzw. durch Eingaben anderer Nutzer fälschlich weiter gelernt hat. Es wird zwar versucht, durch Algorithmen einerseits z. B. rechtsextremes Gedankengut oder rassistische Formulierungen, die in historischen Trainingsdaten vorkommen, zu filtern und andererseits Diversität in den Ergebnissen zu fördern, dies gelingt aber nicht unbegrenzt. Hinzu kommt das Problem der Halluzinationen. D.h. KI-Sprachmodelle erzeugen, wenn ihnen Informationen fehlen, möglicherweise auch richtig klingende Texte ohne Wahrheitsgehalt. Wissenslücken schließen sich zwar zunehmend und mit jeder neuen Generation halluzinieren KI-Anwendungen weniger. Neuere Versionen liefern tatsächlich recherchierte Informationen, teilweise sogar mit echten Quellenangaben oder benennen, dass Informationen fehlen oder Antworten fiktiv sind. Trotzdem erfordern die entstandenen Texte weiterhin die Kompetenz einer Verifizierung oder zumindest realistischen Einschätzung des Inhalts. Wenn Schüler*innen sich am Ende einer Unterrichtseinheit zur Kirche im Nationalsozialismus in einigen Details besser auskennen als die KI, kann die Erkenntnis über deren Schwächen zusammenfallen mit einem motivierenden Erfolgserlebnis. Auch im Bereich der zunehmend realistisch aussehenden KI generierten und manipulierten Bilder bedarf es dieser Überprüfungskompetenz. Einer Generation, die mit realistisch wirkenden Science Fiction- und Fantasy-Filmen aufgewachsen ist und von der viele selbst Bilder und Videos mit wenigen Klicks verändern können, sollte klar sein, dass nicht alles, was echt aussieht, auch real ist. Dennoch sind auch bei für uns scheinbar eindeutiger Faktenlage Erwiderungen, wie „Doch, das habe ich auf TikTok gesehen“, leider keine Ausnahme.

Dass manchmal Eltern oder Mitschüler*innen die eigentlichen Künstler*innen und Verfasser*innen benoteter Werkstücke, Schulmappen, Aufsätze oder Plakate sind, ist nicht neu. Durch schnell verfügbare KI, die dabei keine Bedenken hat oder wenigstens Mitarbeit erwartet, steigt die Gefahr, dass wir Ergebnisse benoten, die keinen Bezug zum Leistungsstand der Schüler*innen haben. Neben Aufgabenstellungen, die zu bewältigen KI (noch) schwer fallen (z. B. ein lokaler Bezug, der Recherche vor Ort erfordert), werden deshalb zukünftig andere Formate in der Bewertung stärker werden müssen. Bei der Präsentation von Gruppenarbeiten lässt sich oft leicht unterscheiden, wer sich im Thema gut auskennt, wer Schwierigkeiten hat, vor einer Klasse zu präsentieren, und wer nur mühsam die Stichworte vom Plakat vorliest, weil andere die ganze Arbeit erledigt haben. Auch wenn die Folien zum Leben und Werk Bonhoeffers von einer KI in Sekunden generiert werden, wird für die Lehrkraft erkennbar bleiben, ob die Präsentierenden das Thema durchdrungen haben und auf Nachfragen reagieren können. Zunehmend werden daher gemischte Formate wichtig und möglicherweise wird sich die Gewichtung zugunsten der mündlichen Teile, weg vom eventuell KI-generierten Material bewegen müssen.

 Die Formate, die wir in der Ausbildung von Referendar*innen und Vikar*innen haben, sind an dieser Stelle bereits gut aufgestellt. Auch wenn es mittlerweile spezialisierte KI gibt, die eine Unterrichtseinheit zu Jesu Verkündigung und den Reich Gottes-Gleichnissen mit Angabe der passenden Kompetenzen aus dem niedersächsischen KC in Sekunden erstellt, müssen die angehenden Lehrkräfte die Prüfungsstunden doch noch selber halten und haben anschließend ein Prüfungsgespräch, so dass die eigene Durchdringung des Erarbeiteten erkennbar bleibt. Für die spätere Arbeit von Lehrkräften können diese KI-generierten Entwürfe und Materialien hilfreich werden, ähnlich wie Entwürfe der Verlage oder von Kolleg*innen, denn nichts davon sollte unkritisch, sondern nur mit der eigenen Kompetenz gesichtet, verwendet werden. Gleiches gilt für die wachsende Zahl an durchaus hilfreichen KI-Tools zum Erstellen von Arbeitsmaterialien inklusive Differenzierungen, z. B. vorhandene Texte in einfache Sprache übertragen oder mehrsprachig gestalten.


Zuversicht

Veränderte Medien, Digitalisierung und KI im besonderen bieten viel Potential, stellen aber auch Herausforderungen für unsere Gesellschaft dar. In einem Fach, in dem es darum geht, was unser Leben bestimmt und wie wir miteinander und in der Welt leben wollen, ist die inhaltliche Auseinandersetzung geboten und wir können hier Stärken unseres Faches in die gesellschaftliche Diskussion einbringen. Dazu gehört auch die kritische Frage, wie der mit der Digitalisierung steigende Bedarf an Ressourcen mit der Bewahrung der Schöpfung vereinbar bleiben kann. Der Religionsunterricht hat hierbei das Potential, im Zusammenspiel mit anderen Fächern Schüler*innen stark zu machen für einen kritischen und verantwortungsvollen Umgang mit technischen Entwicklungen.
 
Wichtig ist, dass sich auch die Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte weiterentwickeln muss. Es war und bleibt eine Voraussetzung für die Digitalisierung in der Bildung, dass Gelder des Digitalpaktes in Hardware, Software und Infrastruktur investiert werden. Aber damit diese auch sinnvoll eingesetzt werden können, müssen Lehrkräfte aller Fächer entsprechend aus- und fortgebildet werden. Leider blieb bisher häufig nur das Selbststudium in Zeiten ohnehin starker Belastung durch den wachsenden Lehrkräftemangel. Oft standen zwar digitale Fortbildungen zur Verfügung, die aber für Kolleg*innen mit geringeren Vorkenntnissen und optimierungsfähiger digitaler Affinität eher ein Hindernis als eine Hilfe darstellten. Dies zeigte sich auch darin, dass unsere präsentischen RPI-Fortbildungen zu Religionsunterricht in Tablet-Klassen bisher immer bereits nach wenigen Tagen ausgebucht waren und Workshops zu digitalen Methoden in anderen Veranstaltungen zu den am stärksten nachgefragten gehörten. 

Die Bereitschaft, sich bei allen technischen Hürden und ethischen Bedenken auf die Digitalisierung, neue Methoden und die sich ergebenden Inhalte für das Fach Religion einzulassen, ist bei Lehrkräften vorhanden und das RPI Loccum wird sie dabei weiter unterstützen.

Anmerkungen

  1. Dies geht bei gleicher Formatierung auch, wenn die restliche Lerngruppe die Printausgabe nutzt.
  2. Z.B. Musikvideos oder eigene Erklärvideos.
  3. Z.B. Quellen, Online-Bibeln, vertiefende Materialien, Themenseiten oder externe gute Erklärvideos.
  4. Eine kleine Sammlung von kostenlosen und datenschutzkonformen Anwendungen findet sich z. B. auf der Webseite „kits” (Kompetent in Technik und Sprache) des Niedersächsischen Landesinstituts für Qualitätsentwicklung (NLQ): https://kits.app.
  5. Von Jugendlichen umgangssprachlich immer noch so genannt, auch wenn die 1993 gestartete Reihe seit 2024 unter dem Namen „EA Sports FC” weitergeführt wird.
  6. Minecraft, FIFA und Fortnite führen nach den aktuellsten Studien des Medienpädagogischen Fachverbunds Südwest (mpfs) die Listen der liebsten digitalen Spiele sowohl in der Altersgruppe der 6- bis 13-Jährigen (KIM-Studie 2024, 59, https://kurzlinks.de/843c) als auch der 14- bis 17-Jährigen (JIM-Studie 2024, 52, https://kurzlinks.de/zda6) an.
  7. Laut der JIM-Studie wurde Snapchat 2024 von 52 % der 12- bis 15-Jährigen täglich/mehrmals die Woche genutzt, TikTok von 54 %, hinter WhatsApp mit 96 % und Instagram mit 62 % (JIM-Studie 2024, 31, a.a.O.).
  8. Beispiele unter https://3dkirchensicht.de, https://kurzlinks.de/fmkb, https://kurzlinks.de/4tc9, https://kurzlinks.de/0kwd, https://kurzlinks.de/ztxq. 
  9. Z.B. mit der App „WDR AR 1933-1945“ (für Android und iOS).
  10. In diesem Abschnitt ausschließlich im Sinne der Sprachmodell-basierten künstlichen Intelligenz zur Text und Bilderstellung genutzt. Zur Vertiefung sei auf den Loccumer Pelikan 1/2025 mit dem Themenschwerpunkt Künstliche Intelligenz verwiesen (https://kurzlinks.de/aumm).
  11. Arbeitsanweisung für die KI.
     

Der Link zur kits.app ist in der pdf-Datei zu finden!