Als geborene Frühaufsteherin genieße ich das Leben in den Anfängen; der Tag liegt vor mir, die klare Morgenluft, die frisch duftende Erde – und vor allem das lockende Chlorwasser. Nach dem ersten Morgenkaffee packe ich meine Schwimmsachen zusammen und starte zum nächstgelegenen Schwimmbad: im Winter in einer Halle und mit umso größerer Freude draußen, wenn im Mai die ersten Freibäder öffnen. Wo auch immer ich bin – zuhause, am Arbeitsort oder auf Reisen – ich suche stets einen Ort zum Schwimmen, fast immer mit Erfolg. An Tagen, an denen mir der Morgen das Schwimmen nicht zulässt, schaufele ich mir ein anderes Zeitfenster dafür frei. Oft werde ich darauf angesprochen, zuweilen auch mit Kopfschütteln: Ist dir das am frühen Morgen nicht zu anstrengend? Nein, ich brauche keine Ruhe, sondern diese Bewegung.
Die Zeiten, in denen ich – bisher glücklicherweise selten – nicht schwimmen kann, empfinde ich als Einschränkung meines Lebens. Ich war nie eine große Sportlerin, bis ich das Schwimmen mit gut 20 Lebensjahren als täglichen rituellen Bestandteil meines Lebens entdeckt habe. Nach dem Schwimmen fühle ich mich fast immer besser als vorher. Was passiert dabei, was verändert das Da-Sein?
Schon am Eingang des Schwimmbads halten die Allerfrühesten aus der Schwimmbadgemeinde – jedes Bad hat eine solche Gruppe von Frühaufstehern, die täglich zusammenkommt und aufeinander aufpasst – morgens um sechs Uhr die Klinke in der Hand. Ich ströme mit allen durch den Eingang und schiebe zusammen mit den anderen Frauen in der Sammelumkleide schleunigst die Kleider vom Leib. Einmal abduschen und gereinigt ins Wasser steigen. Brrr, oft ist der Anfang schockkalt und erfrischend zugleich. Manchmal stehen Ungeduschte zitternd am Rand und brauchen zehn Minuten, bis ihr Körper im Wasser ist. Ich denke, und manchmal kann ich es auch nicht lassen, dies auszusprechen: Duschen hilft (und ist zudem hygienischer).
Und dann: eine halbe Stunde 25- oder 50-Meter-Bahnen ziehen, den Kopf abtauchen, im Wechsel Brustschwimmen und Rückenkraulen und dabei Beine und Arme, Brust- und Rückenmuskeln gezielt einsetzen. Ein paar Guten-Morgen-Grüße auf den ersten Bahnen, aber spätestens danach arbeitet mein Körpergedächtnis von selbst; ich steuere nicht mehr bewusst das Anschlagen am Beckenrand, sondern tauche innerlich ein. Ein gleitender Übergang: Die Bewegung der Muskeln im An- und Abspannen bringen mich von selbst vorwärts. Besonders liebe ich es, rückwärts schnurgerade gestreckt auf dem Wasser voranzukommen (unterbrochen allein ab und zu von Zusammenstößen der Rückenschwimmer oder durch Unachtsamkeit, wenn ich jemand in die Quere komme. Dann wird manchmal kurz geschimpft, sich entschuldigt und weiter geht es). Meine Gedanken fließen mit – hier spüre ich sehr schnell, was mich an- und umtreibt, bremst und beglückt. Beim Schwimmen bekomme ich die kreativsten aller Einfälle; die meisten meiner Textideen sind Wassergeburten. Hier vergewissert sich leiblich, was sich richtig anfühlt und was gerichtet gehört. Ich würde niemals auf den Gedanken kommen, meine Bahnen zu zählen; der Blick auf die Uhr anfänglich und manchmal zwischendurch gibt mir Freiheit für die halbe Stunde Entfaltung. Manchmal reicht es nur für 25, manchmal sogar für 35 Minuten.
Wenn ich kaputt bin, geht es langsamer, manchmal sogar im Wellnessmodus; wenn ich wach oder angriffslustig bin, schaufeln sich meine Arme und Beine kraftvoll durch das Becken. Schließlich verlasse ich buchstäblich bewegt das Wasser und beginne mein Tagwerk.
Im Schwimmen kommen für mich Erfahrung, Sucht und Ritual auf eine eigene Weise zusammen; es gehört zu meinem Lebenselixier.