Die neue Friedensdenkschrift der EKD hat viel Kritik aufgeworfen. Die Rezeption fand nicht nur in kirchlichen Kreisen statt. Teils vernichtende, meist irritierte Rückmeldungen haben gezeigt, dass es viel zu besprechen gibt. Allein die Absätze zum Thema nuklearer Abschreckung und Atomwaffen hinterlassen einen strahlenden Eindruck. Sie hat einen ihrer Ansprüche, nämlich Diskussionen anzuregen, allein dadurch mehr als erfüllt.1
Ob andere Ansprüche ebenso erfüllt werden, bleibt abzuwarten. Eines lässt sich sofort erkennen: Christ*innen in allen Handlungsfeldern kirchlicher Mitarbeit2 mit dieser Schrift zu erreichen, ist allein durch das Schriftbild schnell als unwahrscheinlich anzusehen. Doch es sind nicht die gefetteten Sätze, die voraussetzungsvollen Erklärungen, die fehlenden rhetorischen und tatsächlichen Bilder und Grafiken, die ein Gefühl der Unvollkommenheit hinterlassen.
Um es klar zu sagen: Eine Denkschrift zu schreiben, die alle ethischen und moralischen Herausforderungen mit politischen Handlungsoptionen unserer Zeit verbinden möchte, ist gelinde gesagt schwierig zu bewerkstelligen. Es ist daher erstaunlich, wie viel die Denkschrift benennt. Doch da findet sich eine ihrer größten Schwächen. In der fehlenden Ausführung.
Sie benennt die internationale Ökumene.3 Sie benennt Entwicklungszusammenarbeit und die Notwendigkeit, Ungleichheiten abzubauen. Aber sie geht erstaunlich wenig auf friedensfördernde Potenziale, beispielsweise: kirchlicher, diakonischer und caritativer Arbeit ein (besonders in gewaltvollen Kontexten).4
Was tun mit einer Friedensdenkschrift, die Friedensdienste nur in Verbindung mit Pflichten nennt?5 Sehen wir denn nicht regelmäßig, dass internationaler Austausch, International Workcamps, Bildungsreisen und Freiwilligendienste einen notwendigen Perspektivwechsel mit sich bringen und christliche Verantwortung stärken?
Was tun, wenn die Konzentration auf zivile Konfliktbearbeitung, wie sie die Denkschrift von 2007 noch vornimmt, in so krassem Kontrast zum relativen Prae des Schutzes vor Gewalt steht wie in der jetzigen Denkschrift und die Beschreibung von Sicherheit dort sehr stark auf die Humansicherheit fokussiert wird?6 Es ist unstrittig, dass es mehr Menschen deutlich besser gehen würde, wenn sie keine Gewalt mehr fürchten müssten. Doch was ist mit den Maßnahmen, die Katastrophen- und Nothilfe leisten können und die gefühlt lediglich „pro forma“ genannt werden?
Was tun mit einer Friedensdenkschrift, die das Werk, welches nicht nur zu Weihnachten eine zentrale Rolle in der Überwindung von Not und Gewalt spielt, Brot für die Welt, nur einmal auf 146 Seiten benennt? Globale Verantwortung zu erkennen und dementsprechend zu handeln, war und ist doch Kernthema unserer Kirche.
Nicht zuletzt spielt das Ehrenamt als Stützpfeiler einer resilienten, demokratischen und wertegeleiteten Gesellschaft, wenn überhaupt, nur eine Nebenrolle im 4. Akt.
Die Denkschrift nennt sehr viel, doch sie führt nur wenig schwerpunktmäßig aus. Die versprochenen Handlungsempfehlungen und Antworten im Sinne unserer christlichen Werte sind schwer zu finden. Als handlungsleitend funktioniert die Denkschrift nur begrenzt. Es ist eine deutsche Denkschrift, ein Kind seiner Zeit. Auf Kritik lässt sich schnell sagen „Sie benennt xy doch“. Allerdings inspirieren ihre Ausführungen nicht unbedingt für das Mitwirken in einer Wertegemeinschaft, die über realpolitische Herausforderungen hinaus die ein oder andere utopische und wichtige Handlungsoption wahrnimmt.
So schließe ich mit dem letzten Satz dieser Denkschrift: In einer Haltung des Respekts, im Hören aufeinander und im gemeinsamen Gebet wird in Christus Gemeinschaft gestiftet und zusammengehalten – und die Hoffnung bewahrt auf den Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft.
Anmerkungen
- Welt in Unordnung – gerechter Friede im Blick, 18.
- A.a.O., 23 ff.
- A.a.O., 80.
- Von Humanitärer Hilfe ist nur einmal auf Seite 80 die Rede.
- Welt in Unordnung – gerechter Friede im Blick, 16.
- A.a.O., 143.