Vom Wert des Religionsunterrichts an Schule

von Kerstin Gaefgen-Track und Katrin Gladen

 

Zur Einführung des neuen Faches Christliche Religion nach evangelischen und katholischen Grundsätzen

Der Ruf nach Werten und Orientierung in Schule und Gesellschaft

In einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche wird immer häufiger die Frage gestellt, was unsere Gesellschaft „im Innersten“ zusammenhält. Viele Menschen empfinden, dass Verbindendes verloren geht: Gemeinsame Werte scheinen zu verblassen, Orientierungsmuster lösen sich auf, und das Gefühl von Zusammengehörigkeit wird brüchig. Die Soziologie beschreibt tiefgreifende Veränderungen in der Gesellschaft: als drohenden Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts durch Spaltungen, Unterhöhlen der Demokratie, Exklusion statt Inklusion, Mobbing, Diffamierung, Hass und Hetze im Netz und ebenso als Kriegstüchtigkeit statt Friedenserziehung. Bedrängende gesellschaftliche Probleme sind der zunehmende Antisemitismus und Antiislamismus. Diese Themen beschäftigen aber nicht nur die Soziologen, sie beschäftigen Politik, Gesellschaft und Kirche ebenso wie die Schule. Immer mehr Menschen haben aber auch das Gefühl, dass sie nicht gesehen und wahrgenommen werden; nicht wenige vereinsamen, haben kaum soziale Kontakte. Andere dagegen leben in einer immer stärker medialen Welt, in der die Selbstinszenierung großgeschrieben wird, Kontakte in sozialen Netzwerken stattfinden und die KI genutzt wird, damit das Leben scheinbar leichter, die Arbeit einfacher und das Denken weniger anstrengend wird. Zwischen digitalen Lebenswelten, wachsender Vereinzelung und gesellschaftlichen Spannungen wächst die Sehnsucht nach neuer Orientierung, Halt und Anerkennung. Was ist es wert, mein Leben? Likes, Follower, Datings – was sind sie in der realen Welt wert?

Die Schulpflicht für alle Kinder und Jugendlichen, das Inklusionsgesetz par excellence, bedingt, dass alle Fragen, Themen und Herausforderungen ungefiltert an Schule ankommen. Schule soll es richten: ein differenziertes Bildungsangebot, möglichst individuell für jedes Kind und jeden Jugendlichen zugeschnitten, Inklusion, multikulturelle Bildung, Medienpädagogik, Pluralitätsfähigkeit und Ambiguitätstoleranz, gender- und queersensibel, Demokratie- und Friedenserziehung, aber auch Wehrtüchtigkeit. Schule gegen Rassismus, Antisemitismus und Antiislamismus. Die Liste wird immer länger. Auch durch den zunehmenden Einsatz von KI in der Schule wird gefragt, welche Bedeutung noch der klassische Fächerkanon und das durch ihn vermittelte Wissen besitzen. Welche Kompetenzen brauchen Kinder und Jugendliche für ihr Leben und wie sieht Lernen in der Zukunft aus?

Schule braucht beides: den Religionsunterricht und den Unterricht Werte und Normen

Und mittendrin der konfessionelle Religionsunterricht, der angefragt wird, welchen Raum er überhaupt noch in Schule einnehmen sollte und welchen Sinn er dort macht. Mittendrin zugleich die Religionslehrer*innen, die erleben, wie (sehr) ihr Fach immer wieder angefragt wird, wie sie es immer wieder begründen müssen und nicht zuletzt, wie oft sie als Vertreter*innen der Kirchen verstanden werden und sich deshalb der Kritik an Kirche stellen müssen. Wir sind als Vertreterinnen von Kirchen den Religionslehrerinnen sehr dankbar dafür, wie engagiert und kompetent sie den konfessionellen Religionsunterricht erteilen und wie sie sich engagiert an den Schulen dafür einsetzen. 

In Niedersachsen trifft zum Schuljahr 2026 / 2027 die verbindliche Einführung des Faches Werte und Normen auch an Grundschulen mit der Einführung des Faches Christliche Religion anstelle der bisherigen Unterrichtsfächer Evangelische Religion und Katholische Religion zusammen. Ist ein Werte und Normen-Unterricht bzw. Ethik/Philosophie-Unterricht für alle nicht viel zeitgemäßer und schulorganisatorisch allemal einfacher? In dieser Situation gilt es für das neue Fach in zweifacher Hinsicht zu argumentieren, wieso es einen neuen konfessionellen, bekenntnisgebundenen Religionsunterricht, also das Fach Christliche Religion, gibt und wieso es überhaupt Religion als ordentliches Unterrichtsfach in Schule braucht, vielleicht angesichts der oben gestellten Fragen mehr denn je. Alle anfangs aufgezeigten Themen suchen Antworten im Hinblick auf Orientierung, Sinn, Wahrheit, Gemeinschaft und Hoffnung für die Zukunft – und letztlich auch nach etwas, das über die vorfindliche Wirklichkeit hinausgeht. Damit beschäftigen sich Evangelische Religion und Katholische Religion schon immer und das neue Fach Christliche Religion wird es noch ausgeprägter tun; ausgehend von der Schüler*innenorientierung will es christliche Überzeugungen, Haltung, Werte, ethische Leitlinien und Hoffnung vermitteln und die Frage nach der Transzendenz und dem Göttlichen wachhalten.

Die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft, die eingangs gestellten Fragen und aufgezeigten Themen, lassen sich auch in einem Werte und Normen- bzw. Ethik-Unterricht behandeln; dabei bleibt es im Fach Werte und Normen offen, welche weltanschauliche oder philosophische Basis im je konkreten Unterrichtsgeschehen diesem zugrunde liegt. Es gibt philosophisch gesehen keine Werte, auch keine Normen, die neutral sind. Sie haben alle eine sie begründende Basis, seien es der Kantsche Imperativ oder die Goldene Regel, die Diskursethik oder der Utilitarismus. Werte sind nie neutral oder allgemein gültig. Sie brauchen eine akzeptierte Begründung, um anerkannt zu werden entweder durch das Individuum, eine Gruppe oder Gesellschaft. Hier leistet das Fach für die Kinder und Jugendlichen, die selbst oder deren Eltern keine religiöse Bildung wünschen, einen wichtigen Beitrag. Der Beitrag des Faches Werte und Normen macht aber keinesfalls das Fach Christliche Religion oder den Religionsunterricht insgesamt obsolet. Die Fächer dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sie bilden zwei unterschiedliche Zugänge zur Wirklichkeit und zum Verstehen von Welt ab. So wie es möglich ist, sich selbst oder das eigene Kind vom Religionsunterricht abzumelden, genauso darf umgekehrt nicht aus schulorganisatorischen oder anderen Gründen das Fach Werte und Normen allein für alle angeboten werden. Religiöse Bildung ist ein hohes Gut für den Fächerkanon an Schule. Sie ist prinzipiell nicht exklusiv für die Kinder und Jugendlichen einer bzw. beim christlichen Religionsunterricht zweier Religionsgemeinschaften und darf auch nicht für eine bestimmte Religionsgemeinschaft vereinnahmend sein. 

Ein Plädoyer für das Fach Christliche Religion

Denn das Fach Christliche Religion versteht Christentum nicht nur als individuelle Glaubensoption, sondern als kulturelle Tiefenstruktur Europas und unserer Gesellschaft. Das Christentum prägt: Menschenbild (Ebenbild Gottes), Ethik (Nächstenliebe, Menschenwürde), Zeit- und Festkultur, Sprache, Literatur, Kunst, Musik sowie politische Ordnungsvorstellungen. Deshalb ist Christentum nicht nur „Sache der Kirche“, sondern kulturelle Ressource einer säkularen Gesellschaft. Religiöse Bildung ermöglicht es, diese kulturellen Codes zu lesen und zu reflektieren.

Dafür gilt es, die Beziehungen zu anderen Religionen, zu säkularen Weltbildern und zu gesellschaftlichen Debatten ebenso wie erweiterte konfessionelle Perspektiven in den Unterricht einzutragen. Neben den evangelischen und katholischen Traditionen kommen in diesem Fach auch orthodoxe und freikirchliche Stimmen zur Geltung und es werden zudem die Perspektiven konfessionsloser und andersreligiöser Lernender ernstgenommen. Die heterogene Schüler*innenschaft erfordert einen Religionsunterricht, der interreligiöse Dialogkompetenz fördert, Grundzüge anderer Religionen und Weltanschauungen thematisiert sowie philosophisch-anthropologische Zugänge integriert. Dabei bleibt das Fach christlich verankert, öffnet sich aber dialogisch für andere Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen. Damit entsteht eine neue ökumenische Perspektive, die Gemeinsamkeiten betont, Unterschiede transparent macht und dialogisch fruchtbar werden lässt. Dies ist die Grundlage für die Bearbeitung der Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft durch den Religionsunterricht im schulischen Kontext.

Im Fach Christliche Religion wird transparent gemacht, dass er auf der Basis des Christentums bzw. der christlichen Grundüberzeugungen erteilt wird. Die sich daraus ergebenden christlichen Werte und Normen haben unsere Gesellschaft jahrhundertelang geprägt und prägen sie auch heute noch. Auch um Architektur, Literatur, Kunst genauso wie die Charta der Menschenrechte oder das deutsche Grundgesetz zu verstehen, ist es unabdingbar, die Geschichte der christlichen Religion zu kennen. Aber auch – das soll nicht verschwiegen werden – um die problematischen Seiten der Geschichte des Christentums kennenzulernen und zu überwinden: Antisemitismus, Antiislamismus, Kolonialismus oder das kirchliche Bestreben, weltliche Macht zu erringen. Ein kritisch-konstruktiver Umgang auch mit der eigenen Geschichte des Christentums, der die Religion nicht verdammt oder für überholt erklärt, ist zentral für ein Gelingen des Zusammenlebens in einer multireligiösen Gesellschaft wie unserer deutschen.

Wenn wir als Gesellschaft die Frage nach den Werten und ethischen Grundüberzeugungen insgesamt wieder neu ausbuchstabieren wollen, ist Schule ein Ort, an dem dafür ethische Grundfragen wie die nach Werten, Normen und Tugenden unterrichtlich vermittelt werden. In Schule können die Fragen nach Orientierung, Sinn und Wahrheit gestellt werden – ebenso wie spezifisch im Religionsunterricht nach Transzendenz, entweder an Lehre und Bekenntnis einer bzw. zweier Religionsgemeinschaften oder weltanschaulich bzw. philosophisch gebunden. Dass wir ein besonderes Plädoyer für den Religionsunterricht und hier für das neue Fach Christliche Religion halten, ist unserer christlichen Überzeugung geschuldet, und dies wollen wir keinesfalls verschweigen.
 

CRU