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„Was nicht passt, wird passend gemacht.“ Auf welchem Wege, wie und womit lernen Menschen mit körperlichen Einschränkungen? Andreas Behr im Gespräch mit Maren Mittelberg

Andreas Behr


Andreas Behr: Maren, du bist Beauftragte für Inklusion und hast in deiner Arbeit mit ganz verschieden begabten Menschen zu tun. Welche Rolle spielt Leiblichkeit dabei – insbesondere in Bildungsprozessen?

Maren Mittelberg: In unserer Arbeit haben wir alle immer mit unterschiedlich begabten Menschen zu tun. Selbst in sogenannten homogenen Gruppen gleicht kein Mensch dem anderen in allen Dingen. Um dieser Vielfalt – besonders auch in Bildungsprozessen – zu begegnen, bietet es sich an, einen möglichst ganzheitlichen Blick auf die Menschen zu haben. Das Wahrnehmen, Agieren und Lernen mit allen Sinnen, das unsere Leiblichkeit ja beinhaltet, ist ein guter Weg, den Menschen in seinen verschiedenen Dimensionen anzusprechen und anzuregen. In meiner Arbeit als Inklusionsbeauftragte kommen diese Aspekte natürlich nochmal mehr zum Tragen. Inklusive Gruppen sind deutlich heterogener und die Bedürfnisse der einzelnen Teilnehmenden oft breit gestreut. Mir begegnen Menschen, die ganz unterschiedliche Beeinträchtigungen haben. Da ist es wichtig, dass neben dem äußeren Rahmen auch die Aufbereitung der Inhalte so gestaltet ist, dass wenig Barrieren da sind und inhaltliche Teilhabe ermöglicht wird. Da kommt nun konkret die Leiblichkeit ins Spiel. Ich mache es mal am Beispiel eines inklusiven Gottesdienstes deutlich.

Natürlich sind Gottesdienste von ihrer Grundanlage her immer inklusiv, denn alle sind eingeladen. Der Vielfalt von Menschen und verschiedenen besonderen Bedürfnissen entgegenzukommen, ist aber immer eine Herausforderung und erfordert an mancher Stelle ein Umgestalten. Inklusive Gottesdienste beachten deutlich mehr bestimmte Grundprinzipien, bei denen die Leiblichkeit und Ganzheitlichkeit des Menschen eine große Rolle spielen. Wenn ich auf die Bedürfnisse und unterschiedlichen Begabungen von Menschen eingehen und ihnen die christliche Botschaft und Gemeinschaft zugänglich und erfahrbar machen möchte, komme ich kaum darum herum, mich von Prinzipien wie Versinnlichung, Visualisierung, Handlungsorientierung und Verleiblichung leiten zu lassen. Das bedeutet z.B. konkret, dass ich mir mehr Gedanken über die Raumgestaltung mache, dass ich den Einsatz von Musik, Bildern, Symbolen und Aktionen mehr berücksichtige und sehr genau prüfe, wann ich welche Sprache verwende. Das Spektrum reicht hier von einem Bibeltext aus der Lutherbibel, über Gebärdensprache und Leichter Sprache bis hin zu computergesteuerten Worten aus einem Talker. Dazu ist das Singen mit Menschen mit Hörbeeinträchtigungen anders als mit Menschen mit geistigen Handicaps. Eine Bildbetrachtung mit blinden Menschen passiert anders als mit Sehenden. Bei gemeinsamen Feiern des Gottesdienstes, aber auch beim Erleben gemeinsamer Bildungsprozesse, erlebe ich oft spannende Reaktionen. Neben dem Wahrnehmen, dass unterschiedlich begabte Menschen einen Zugang zum Thema finden und Erkenntnisse, Wissen oder Fähigkeiten erwerben, kommt es immer wieder vor, dass sehr kognitiv orientierte Menschen entdecken, wie wohltuend das Lernen und Erleben mit allen Sinnen ist.

Behr: Wenn du so erzählst, wird mir nochmal bewusst, wie verschieden die Handicaps sind, die Menschen haben. Ist das eigentlich immer kompatibel?

Mittelberg: Wie sagt man so schön? „Was nicht passt, wird passend gemacht.“ Aber du hast recht, es gibt tatsächlich Grenzen. Ich habe z.B. schon mehrfach mit Menschen vom Osnabrücker Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen e.V. Dunkelgottesdienste gefeiert. Dabei tauchen Sehende in die Welt von sehbehinderten Menschen ein. In der Kirche ist es vollständig dunkel. Hier wäre ein hörgeschädigter Mensch, der auf visuelle Elemente und die Übersetzung in Gebärdensprache angewiesen ist, aufgeschmissen. Im Dunkeln kann man eben weder Bilder betrachten noch Gebärden sehen. Auch Geräusche bzw. Musik kann dieser Mensch nicht hören, was ja gerade für den Hörenden hier ganz intensiv erlebt wird. Bei großem Vertrauen ginge vielleicht ein Zugang über taktile Reize. Aber schwierig bleibt es. Allerdings ist ein Dunkelgottesdienst schon etwas sehr Besonderes. Bei den meisten Veranstaltungen mache ich immer wieder gute Erfahrungen, wenn wir die Menschen in ihrer Ganzheitlichkeit von Kopf, Herz und Hand und in möglichst viele Sinnen ansprechen. So erhöhen wir die Chance auf inhaltliche Teilhabe für viele verschiedene Menschen.

Behr: „Teilhabe für viele schaffen, möglichst viele Sinne ansprechen, ganzheitlich arbeiten …“, hier hake ich mal kurz ein. Im letzten Jahr mussten wir ja auf Abstand bzw. auf große Distanz gehen. Wie hast du das erlebt?

Mittelberg: Hier gibt es wie so oft im Leben nicht ausschließlich schwarz oder weiß, ganz oder gar nicht, nur gut oder nur schlecht. Aber diese besondere Zeit war und ist schon eine große Herausforderung. Zunächst habe ich erlebt, dass Menschen mit Behinderungen nochmal mehr unsichtbar wurden als andere. Sie sind sozusagen mit ihrem ganzen Leib verschwunden. Viele haben sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen oder waren in den Einrichtungen, in denen sie leben, durch vorgegebene Regeln von der Öffentlichkeit abgegrenzt. Kommunikation über den Computer und damit eben „der Weg der Teilhabe in Zeiten von Corona“ ist für viele nur begrenzt, mit Hilfe anderer Menschen oder gar nicht möglich. Medien sind nur zum Teil barrierefrei, die technische Ausstattung nicht überall ausreichend und die Kommunikation und Interaktion über den Rechner einfach eine andere als in analogen Begegnungen. Sehen, hören, sprechen funktionieren – wenn ich die Fähig- und Fertigkeit dazu besitze – natürlich auch hier. Natürlich gibt es Menschen mit Behinderungen, die gerade diese Medien nutzen und gut beherrschen. Auch sind Methoden und Aktionen entdeckt und genutzt worden, die die Menschen möglichst vielfältig ansprechen sollen. Dennoch bleibt es für die Inklusion von Menschen mit (kognitiven) Beeinträchtigungen tendenziell schwierig, ausschließlich digital unterwegs zu sein. Je komplexer eine Behinderung ist, desto schwieriger wird es. Wenn ich auf unser Thema der Leiblichkeit schaue, muss ich sagen, dass ganzheitliche Ansätze über den Computer kaum umsetzbar sind. Ich habe vorhin von den inklusiven Gottesdiensten erzählt. Meine Kollegin und ich haben einen inklusiven Weihnachts- und Ostergottesdienst aufgezeichnet. Gestaltet waren diese Gottesdienste unter Berücksichtigung inklusiver Prinzipien bis hin zur vollständigen Übersetzung in Gebärdensprache und Beteiligung von Menschen mit und ohne Behinderung (z.B. beim inklusiven Krippenspiel in Leichter Sprache). Auch wenn es am Ende nicht in unserer Hand, sondern im Wirken der heiligen Geistkraft liegt, wie ein Mensch im Gottesdienst und bei einer anderen kirchlichen Veranstaltung berührt wird, ist die Wahrnehmung und Wirkung vor dem Bildschirm eine ganz andere, eine weniger ganzheitliche, weniger leibliche.

Und nicht zuletzt lebt Inklusion immer von der Begegnung miteinander, von der vollen Wahrnehmung und Wertschätzung des anderen Menschen. Dafür brauchen wir dringend wieder die analogen Begegnungen. Selbst ohne Corona bleibt es unsere Aufgabe, immer wieder bewusst Begegnungsräume zu schaffen und deutlich alle einzuladen.

Behr: Ist der Blick auf Leiblichkeit, das Lernen mit allen Sinnen, die Chance für echte Inklusion?

Mittelberg: Ja, ich glaube schon, dass es ein Gewinn für die inklusive Konfirmandenarbeit ist, wenn wir uns die Leiblichkeit und Ganzheitlichkeit des Menschen immer wieder deutlich bewusstmachen und unsere (Lern-)Angebote daran orientieren. Gemeinsames Lernen und Erleben wird da erleichtert, wo der Inhalt auf vielfältige Weise zugänglich gemacht wird. Dazu ist auch die Nachhaltigkeit von Lernprozessen deutlich höher, wenn sich Menschen eine Kompetenz auf unterschiedlichen Wegen aneignen können. Konkret bedeutet das, dass ich die Lernziele meiner Konfi-Einheit so aufbereite, dass die Kinder und Jugendlichen die ganze Vielfalt ihrer Aneignungs-, Verarbeitungs- und Handlungsmöglichkeiten nutzen können. Ich orientiere mich gerne an den vier grundlegenden Aneignungs- und Zugangsformen, wie sie die „Arbeitshilfe Religion inklusiv“1 beschreibt. Diese werden bezeichnet als „basal-perzeptiv“, „konkret-handelnd“, „anschaulich-modellhaft“ und „abstrakt-begrifflich“. Wenn man genauer schaut, welche Dimensionen des Menschen dabei angesprochen werden, sieht man schnell, dass es dann um Kopf (Kognition), Herz (Emotion/Wahrnehmung) und Hand (Körper/Tun) geht.

Wichtig sind für mich dabei drei Aspekte: Erstens gibt es bei den Lernformen keine Über- und Unterordnung. Alle vier Aneignungsformen sind gleichwertige Lernformen. Sie sind unabhängig vom Lebensalter und der Lernausgangslage des Menschen. Zweitens darf ich nicht vorab den Kindern und Jugendlichen zuschreiben, welcher Weg der ihre ist – auch wenn ich natürlich als pädagogisch-didaktisch ausgebildete Person eine gute Einschätzung entwickeln sollte und ggf. auch Lernprozesse durch positive Unterstützung lenken kann. Und drittens – und das ist der Punkt, der für uns Vorbereitende die Arbeit mit sich bringt – es müssen immer verschiedenen Aneignungsformen gleichzeitig angeboten werden. Dann kommen wir nämlich in die Situation, dass wir wirklich inklusiv arbeiten.

In der Praxis sind wir noch – und ich schließe mich selbst dabei nicht aus – sehr in einem integrativen Denken und Handeln verhaftet. Wir schauen, welche Bedarfe eine Einzelperson hat, und bereiten für sie extra etwas vor. Das ist zwar schon mal besser, als jemanden erst gar nicht teilhaben zu lassen, aber es ist eben noch weit weg von echter Inklusion. Das Lernen mit allen Sinnen und parallele Anbieten der Aneignungsformen kann den Weg bereiten, mehr und mehr den Gedanken der Integration hinter uns zu lassen und zu wirklich inklusivem Denken und Handeln zu kommen.

Behr: Wir führen dieses Interview um Pfingsten. In der Bibel wird erzählt, wie Menschen unterschiedlicher Sprachen und ja vermutlich auch unterschiedlicher Fähigkeiten und Interessen plötzlich alle etwas verstanden haben. Ist Pfingsten also das Fest der Inklusion?

Mittelberg: Also, so konkret habe ich das noch nie ausgedrückt. Viele Menschen, die sicherlich total unterschiedlich in ihren Interessen, Fähigkeiten und Begabungen gewesen sind, verstehen plötzlich etwas. Ihnen wird durch das Geschenk der Geistkraft Teilhabe ermöglicht. Damit bekommt Pfingsten eine enorme inklusive Wirkkraft. Wir dürfen uns darauf aber nicht einfach ausruhen! Wir müssen weiterhin inklusive Haltungen verdeutlichen, fördern und ausbauen. Bewusstsein zu bilden, Barrieren abzubauen und Teilhabe bzw. Teilgabe zu gestalten – all das gehört noch deutlicher in unseren Alltag in Kirche und Gesellschaft. Und nochmal zu Pfingsten: Wenn wir uns an die verschiedenen Aneignungsformen erinnern, können wir auch in der Pfingstgeschichte verschiedenen Dimensionen entdecken. Da ist ja schließlich nicht nur von den Sprachen die Rede, die plötzlich verstanden wurden. Es wird auch von Flammen erzählt, deren Leuchten mit den Augen zu sehen und deren Wärme mit der Haut zu spüren war. Dazu wird von einem Brausen berichtet, das mit den Ohren zu hören und sicher ebenfalls am ganzen Körper zu spüren war. Somit hat Gott gleich verschiedene Ausdrucksweisen genutzt, um seine heilige Geistkraft spürbar werden zu lassen. Ganzheitlich, leiblich und inklusiv.

Anmerkungen

  1. Schweiker, Wolfhard: Arbeitshilfe Religion inklusiv. Grundstufe und Sekundarstufe 1, Basisband: Einführung, Grundlagen und Methoden. Im Auftrag der Religionspädagogischen Projektentwicklung in Baden und Württemberg (RPE), hg. von Hartmut Rupp und Stefan Hermann, Stuttgart 2012