Rezension

   

Ev. Kirche in Deutschland / Deutscher Evangelischer Kirchentag (Hg.)
freiTöne
Liederbuch zum Reformationssommer 2017,
Bärenreiter-Verlag Kassel / Deutscher Ev. Kirchentag Berlin / EKD Hannover 2017,
ISBN 978-3-7618-2430-6 , 288 Seiten, 7,00 Euro
(Ermäßigungen ab 10 Stück).
Erhältlich unter www.kirchentag.de/kirchentagsshop (auch diverse Begleithefte).

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder! Im Jubeljahr der Reformation, in dem ein entsprechender Kirchentag begangen wird, ist Gelegenheit, ein neues Liederbuch erscheinen zu lassen. Die Gemeinschaftsherausgabe der beiden kirchlichen Großorganisationen DEKT und EKD notiert, was gegenwärtig gesungen wird und was noch zu singen ist.

Auf den ersten Blick ist zu erkennen, dass es sich bei dem orangefarbigen Paperback um einen Gebrauchsgegenstand handelt. Größer als Evangelisches Gesangbuch, Kirchentagsliederheft und Lebensweisen, liegt es bequem, aber leider nicht besonders fest in der Hand. Für einen allzu häufigen Gebrauch ist das Liederbuch nicht gemacht, was an schnell knickenden Eselsohren zu spüren ist. Irritierend wirkt auf den ersten Blick auch die Werbung auf der Rückseite und auf zentralen Seiten zu Beginn und am Schluss. Aus der Perspektive der diesjährigen Kirchentagslosung „Du siehst mich“ (1Mose 16, 13) mag man sich ob der Merk-Würdigkeit die Augen reiben.

Daher ist der zweite Blick ins Buch entscheidender. Beim Blättern stößt man auf 202 Lieder aus fünf Jahrhunderten, vom Reformationszeitalter bis in die Gegenwart hinein – das birgt eine unglaubliche Vielfalt. Heterogenität heißt musikalisch: mehrsprachige Lieder aufnehmen und mehrstimmig singen, auch unterschiedliche Stile zulassen – und Interkulturalität beachten. So finden sich alte Choräle mit alten wie mit neuen Melodien unterlegt, Altbekanntes wie Brandneues aus dem neuen geistliches Liedgut, einige Taizé-Gesänge und Gospel-Artiges, neue liturgische Gesänge und Gebete. Wie schön, dass die nicht nur lyrische, sondern auch liturgische Verknüpfung von Lied und Gebet hier einmal neu durchgeführt ist.

Am meisten beeindruckt daher auf den dritten Blick die schlichte, aber wirkungsvolle Dramaturgie des Liederbuches. Im Liedteil werden entlang (Er-)Lebensformen einer gelebten Liturgie eines Gottesdienstes, ebenso in Anklängen an das Kirchenjahr, Liedteile und Anlässe aufgegriffen. In ihnen spiegeln sich auch Glaubenshaltungen und -praxen. Ein dreiteiliger Part der Tagzeitengebete erlaubt je nach Gelegenheit und Kasus Gebetspraxis und das Aufnehmen von Tagesrhythmen ins Leben. Didaktisch hilfreich ist das Register im Anhang, das die Suche nach verwandten Bibelstellen, musikalischen Formen ebenso wie nach theologischen und religionspädagogischen Themen unterstützt.

Der vierte Blick lässt die Komplexität der Entstehung der freiTöne erkennen. Inspirierend für das neue Liederbuch war ein Liedewettbewerb zum Reformationssommer. Er erbrachte 42 neue Lieder, zu denen 30 aus der Liederwerkstatt und die zwölf aus dem Reformationsliederwettbewerb prämierten gehören. Dass ein ökumenischer Programmausschuss die Auswahl getroffen hat, ist deutlich zu begrüßen. Das Interesse am hohen Verbreitungsgrad erklärt die Werbung auf dem Buchrücken – irritierend bleibt diese dennoch.

Fünftens ist aber bei einem Liederbuch nicht in erster Linie der Blick, sondern der Klang entscheidend. Und da hilft nur eines: Ausprobieren! Singen! Die Begleitung wird durch konsequente Mitnotierung von Harmonieakkorden deutlich erleichtert. Wie bei vielen Liederbüchern wird es ein wenig brauchen, bis das Liedgut zur Kultur wird. Und sicherlich findet auch nicht alles bei jedem Gefallen. Die Mixtur jedoch erlaubt vielfältige Ingebrauchnahme: Jugendlichen ein Liederbuch schenken, damit sie ein Liederbuch überhaupt einmal haben; in der Jugendarbeit einmal das Liederbuch nach und nach durchsingen und Formen entdecken. Die „Lesebrille“ des Registers ermutigt auch musikalisch weniger geübte Profis zur z.B. themenbezogenen Nutzung von Liedgut in Religionsunterricht und Konfirmandenarbeit.

Mit seiner ökumenischen und interkulturellen Prägung sollte das Liederbuch auch den Sommer überdauern und Elemente von Re-Formation durch einen hohen Grad an Beteiligung weiter zum Klingen bringen. Let’s sing!

Silke Leonhard

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 2/2017

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