Rezension

   

Andrea Timm und Christhard Lück
Der Mond ist aufgegangen … Ein Inselkrimi
St. Benno Verlag, Leipzig 2016
ISBN 978-3-7462-4600-0, 392 Seiten, 12,95 Euro

Der Mond ist aufgegangen … und wird zum stummen Zeugen eines heimtückischen Mordes.
Andrea Timm und Christhard Lück nehmen ihre Leserinnen und Leser in ihrem im Sommer 2016 erschienenen Erstlingskrimi mit auf die familiäre fiktive Insel „Möwewind“ – um dort gemeinsam mit der Protagonistin Svea Norden den ärztlich dringend verordneten Kuraufenthalt anzutreten.

Dass es sich bei „Der Mond ist aufgegangen“ mitnichten um eine idyllische und beschauliche Urlaubserzählung handelt, wird gleich zu Beginn deutlich: Die „Tatort“-Erfahrenen wissen: Der Mord geschieht meist innerhalb der ersten Minuten. Und auch hier dauert es keine vier Seiten und es gibt das erste Opfer zu beklagen: Ansgar van Halen, katholischer Pfarrer dieser Insel und, auch das wird dem Leser schnell klar, definitiv kein Sympathieträger. Am unteren Ende der Treppe seines Weinkellers findet man ihn, tot und mit verdächtiger Kopfwunde.

Da sich dieser Pfarrer ganz offensichtlich die Sympathien zahlreicher Menschen auf dieser Insel aus den unterschiedlichsten Gründen verspielt hat, lassen mögliche Motive nicht lange auf sich warten. Korruption und Erpressung, ein fragwürdiges Spiel mit den Schwächen des Menschen, innerkirchliche und interkonfessionelle Machtkämpfe – die Bandbreite bleibt erzählerisch geschickt über die fortlaufenden Ermittlungen hin groß.

Den beiden Autoren gelingt es mit Liebe zum Detail, die einzelnen Romancharaktere mit ihren Liebenswürdigkeiten und Verschrobenheiten zu zeichnen und Beziehungskonstellationen anzudeuten, die zielsicher auf die eine oder andere geschickt gelegte falsche Fährte führen. Die in regelmäßigen Abständen eingeschobenen personal erzählten Passagen lassen dabei den Leser immer wieder nah an den vermuteten Täter herankommen, näher als alle anderen am Geschehen die Beteiligten, und doch nie nah genug, um ihn wirklich identifizieren zu können. Und so bleibt man neugierig, wer da eigentlich den „Befreiungsschlag“, von dem auf S. 54 die Rede ist, so gewissenhaft plant und ob es sich hier um dieselbe Figur handelt wie bei dem unheimlichen Fremden, der so plötzlich auf Möwewind aufgetaucht ist.

Der Erzähler liebt das Spiel mit Rückblick und Vorausschau. So stirbt zwar Ansgar van Halen schon im ersten Kapitel, doch springt die Handlung gleich im Anschluss wieder einige Tage in die Vergangenheit zurück. Der Leser kann so detektivisch mitverfolgen, wie sich bei den einzelnen Menschen auf dieser Insel mögliche Mordmotive entwickeln. Erst mit der Mitte des Romans gelangt der Leser wieder an den erzählten Anfang und macht sich – statt bzw. neben Kuraufenthalt – gemeinsam mit Svea Norden und deren altem Schulfreund Fritjof Hansen auf die Suche nach dem Mörder: Ging es hier um den lukrativen bzw. illoyalen Verkauf eines Kirchengrundstückes? Oder doch um Erpressung? Vielleicht waren es auch die allzu konservativen Rollenklischees, die nicht nur die Ökumene schwer machen, sondern zumindest auch ein Motiv sein könnten und plötzlich Sveas Zwillingsschwester Friederike, die evangelische Pastorin der Insel, unter Verdacht bringen.

Neben der Aufklärung des Mordes werden Parallelgeschichten erzählt. Menschliche Geschichten von Liebe und Hass, Scheitern, Versöhnen und Vergebung; aber auch eine Geschichte ökumenischer Feindseligkeiten und der Frage, welche Bedeutung biblische Texte eigentlich für den eigenen Lebensalltag haben können. Diesen individuellen Geschichten folgend, erkennt die Leserin bei zahlreichen der am Romangeschehen Beteiligten ein Geheimnis, das ihn oder sie verdächtig macht. Hier ist unverkennbar die Handschrift der beiden Autoren, evangelisch und katholisch, Theologieprofessor und Architektin, herauszulesen. Auch die leitmotivischen Anspielungen auf das Volkslied „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius tragen diese theologische Handschrift.

In der Tat, ein wenig wundert sich die Leserin an der einen oder anderen Stelle. Nicht unbedingt über einen offensichtlich völlig überforderten Insel-Kommissar, sondern vielmehr über die Leichtigkeit, mit der die beiden spontanen Hobby-Ermittler Fritjof und Svea an ihre Informationen kommen. Dass Dorfbewohner gerne und ausgiebig plaudern und eine geschickt nebensächliche Nachfrage für eine Fülle brauchbarer Informationen ausreichen kann, ist ja durchaus bekannt. Dass aber geheime Daten und sogar Beweisfotos doch so leicht über einen guten Bekannten weitergegeben werden, bleibt hoffentlich Fiktion. Und dass Svea und Fritjof das Ganze dann doch irgendwann zu heiß wird, beruhigt. Auch über die Effektivität dieses Kuraufenthaltes und die Geduld der Ärzte und Therapeuten ließe sich streiten – wäre die Ermittlungsarbeit nicht so erstaunlich gesundheitsförderlich.

Kirsten Rabe

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 1/2017

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