Rezension

 

Kirsten Boie
Bestimmt wird alles gut
mit Illustrationen von Jan Birk
Klett Kinderbuch, Leipzig 2. Aufl. 2016
ISBN 9783954701346, 48 Seiten, 9,95 Euro
Altersempfehlung: ab 6 Jahren

Kirsten Boie erzählt in diesem Kinder-
buch die authentische Geschichte von Rahaf und Hassan, zwei syrischen Kindern, die sie in Deutschland kennen gelernt und befragt hat. Das Buch bietet den Text in deutsch und arabisch an und ermöglicht dadurch, dass Kinder und Erwachsene aus beiden Sprachräumen das Buch gemeinsam lesen und zusammen in die Geschichte der syrischen Familie eintauchen können.

Als Lesende erfahren wir mit dem Blick zur zehnjährigen Rahaf, wie sie mit ihren Eltern, ihrem Bruder Hassan, zwei weiteren kleineren Geschwistern und anderen Familienangehörigen in Homs gewohnt und gelebt hat. Schnell wird deutlich: Das gemeinsame Spiel mit Cousins und Cousinen wurde immer wieder jäh von angreifenden Flugzeugen gestört und die Bedrohung durch Bombenangriffe und Bodenkämpfe im Bürgerkrieg versetzte alle in Angst und Schrecken. Der Entschluss des Vaters, die Stadt zu verlassen, führte zur schmerzlichen Trennung von der geliebten Großfamilie.

Die Flucht beginnt mit der Erfahrung, von geldgierigen Schleusern abhängig zu sein. Die Familie findet sich ohne Gepäck auf einem kleinen überfüllten Schiff, hält tag- und nächtelang Enge und Angst aus und landet schließlich voller Hunger und Durst in Italien. Auf dem weiteren Weg mit dem Zug begegnet der Familie sowohl Unfreundlichkeit als auch unerwartete Hilfsbereitschaft. Schließlich kommt die Familie nach Deutschland und zunächst für drei Monate in ein Erstaufnahmelager, in dem Rahaf und ihre Geschwister Gelegenheit haben, mit anderen syrischen Kindern zu spielen. Das „neue Zuhause“, in dem die Familie nach dieser Zeit leben soll, entpuppt sich als spärlich eingerichteter Container mit nur drei Betten für sechs Personen. Der verpflichtende Schulbesuch wird nicht nur durch die Sprachbarriere zur Herausforderung für Rahaf. Zum Glück geht ihre Mitschülerin Emma auf sie zu, so dass sie schließlich sogar Freundinnen werden. Trotzdem bleibt das Heimweh – und die Hoffnung, dass ihr Papa Arbeit als Arzt findet und sie eines Tages als Familie in eine schöne Wohnung ziehen können.

Kirsten Boie erzählt einfühlsam und realitätsnah in einfacher Sprache, als würde ein Kind als stiller Beobachter selbst sprechen. Die Geschichte lädt zum Nachempfinden ein und ermöglicht dabei eine angemessene Distanz, weil sie nicht betont dramatisiert und mit Emotionen spielt, aber doch das unbegreiflich Schreckliche aus Kindersicht beschreibt und benennt. Die Bilder von Jan Birck ergänzen die Erzählweise und illustrieren gradlinig Schlüsselsituationen (z. B. Flugzeugangriff in Homs, Enge auf dem Schiff, als Fremde Familie auf dem deutschen Bahnhof, im Container, neu in der Schule) und unterstützen das Einfühlen. Die Farbgebung nimmt Stimmungen auf und fokussiert in einigen Bildern Rahaf bzw. ihre Familie, so dass der Blick zu ihrer Situationen gelenkt wird, ohne sich aufzudrängen.

Das Buch ist empfehlenswert für den Einsatz bei Kindern, weil es mit verständnisvollem Blick den gesamten beschwerlichen Fluchtweg einer syrischen Familie nachzeichnet und dabei ein gutes Maß an Ausführlichkeit zeigt. Der lange Weg wird vorstellbar und die Belastungen und Nöte der Familie werden nachvollziehbar, ohne dass allein an Emotionen appelliert und Mitleid provoziert wird. Durch die klare und doch verhaltene, einfühlsame Erzähl- und Illustrationsweise wird Raum für Lesende und Betrachtende geschaffen, der nötig und hilfreich ist, um die Geschichte wirken zu lassen.

Beate Peters

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2016

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