Rezension

   

Heike Lindner: Musik für den Religionsunterricht. Praxis- und kompetenzorientierte Entfaltungen, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, ISBN 978-3-525-70208-6, 200 Seiten, 25,00 Euro

 

Musik gehört in den Religionsunterricht! Heike Linder möchte dazu nicht nur Interesse wecken, sondern mit ihrem neuen Buch einen Steinbruch an unterrichtlich verwendbaren Möglichkeiten vorlegen: „Curriculare Anforderungen, Themen des Religionsunterrichts, Kompetenzfelder, didaktische Schlüssel und Methodentipps werden zusammen mit konkreten Lernaufgaben für die unterrichtliche Umsetzung zur Verfügung gestellt.“ (Seite 7) Heike Linder arbeitet damit ihre Dissertation aus dem Jahr 2003 (Musik im Religionsunterricht, Lit-Verlag, Münster/Hamburg/London zweite Auflage 2009) zu einem Praxisbuch um, indem sie die theoretischen und diskursiven Beiträge auf ein Minimum verkürzt und die praktischen Anregungen für einen kompetenzorientierten Religionsunterricht anpasst und vermehrt.

Heike Lindner ist Musikpädagogin und Professorin für Evangelische Theologie und ihre Didaktik an der Universität Köln. Sie macht mit diesem Buch deutlich, welche große Rolle Musik für und im Religionsunterricht übernehmen kann. Sie belegt erneut ihre These, dass durch die Arbeit mit Musik und an Musik im Religionsunterricht zentrale Kompetenzen gefördert und ausgebildet werden können, die Kindern und Jugendlichen ein Arbeiten an religiösen Themen und Fragestellungen sehr erleichtern. Im Zentrum steht für Heike Lindner dabei, mit Kindern und Jugendlichen zu entdecken, wie sehr Religion auf die Verwendung von Zeichen angewiesen ist, um in konkreten Lebensvollzügen als Deutekategorie verwendet werden zu können. Diese an Zeichen gebundenen Rezeptions-Prozesse lassen sich ihrer Auffassung nach an Musikstücken gut studieren. Lindner zeigt vor allem im vierten Teil ihres Buches auf, wie sehr diese Prozesse in Musik und Religion parallel laufen, so dass anhand einer Auseinandersetzung mit musikalischen Rezeptionsprozessen die Bearbeitung von religiösen Inhalten vorbereitet und erleichtert werden kann. Lindner geht bei der Entfaltung ihrer praktischen Beispiele davon aus, dass man direkt mit den Rezeptionsprozessen beginnen kann, sie stellt zugleich aber auch dar, wie wichtig für diesen Schritt zunächst die Ausbildung von Wahrnehmungskompetenzen (Musik hören) und Gestaltungskompetenzen (Musik machen) ist. Daher lohnt es sich doch, das Werk zunächst in einem Stück zu studieren.

Das Werk gliedert sich in vier Teile, die zwar aufeinander aufbauen, jedoch nach Willen der Autorin jeweils für sich stehen und einzeln genutzt werden sollen. Das Inhaltsverzeichnis enthält eine entsprechende Lesehilfe, ebenso erläutert der erste Abschnitt der Einleitung den Aufbau des Buches. Eine Reihe von Piktogrammen soll zudem helfen, einzelne Unterabschnitte zu verwerten, indem sie beispielsweise als Lernaufgabe, als Hintergrundinformation oder als Musik-Titel-Hinweis gekennzeichnet sind. Für die Praxis in der Vorbereitung von Religionsunterricht wünscht man sich jedoch noch mehr Hinweise und eine klar nachvollziehbare Gliederung der einzelnen Kapitel. So findet sich die Erläuterung der Bedeutung von Musik für Martin Luther (Seite 71ff.) mitten in den Ratschlägen, wie mit Klassen gesungen bzw. Bodypercussion geübt werden kann.

Das Ziel Lindners ist allen, die einen Zugang zu Musik haben, unmittelbar einleuchtend: „Ich glaube nicht, dass ein Musiker, der seinen Job ernst nimmt, Atheist sein kann.“ (Heinz-Rudolf-Kunze, zitiert nach www.cicero.de/presse/heinz-rudolf-kunze-echte-musiker-koennen-keine-atheisten-sein, 30. Juli 2015 letzter Zugriff am 19. Januar 2016, 14.50 Uhr). Die Beispiele, die dazu verwendet werden, stammen überwiegend und ganz bewusst nicht aus dem Popularbereich. Heike Lindner will bewusst mit Fremdheit arbeiten und nutzt daher vorwiegend Musik aus dem Bereich Klassik und Avantgarde. Auch die praktischen Anleitungen z. B. von Singen mit pubertierenden Klassen sind überaus hilfreich, bedürfen aber einer großen persönlichen Affinität der Lehrkräfte nicht nur zu Musik, sondern auch zu einem souveränen Umgang mit Medien und Arbeitsmaterialien, die sich für Kinder und Jugendliche nicht unmittelbar aus ihrer Lebenswelt heraus erschließen lassen. Das damit verbundene didaktische Konzept erläutert Heike Lindner an manchen Stellen, vor allem aber in ihrer Dissertation. Daher finden in diesem Werk vor allem diejenigen Anregungen für die eigene Unterrichtsvorbereitung, die schon einige Erfahrung im Umgang mit Musik im Religionsunterricht haben und sich auf neue, spannende Begegnungen mit dem besonderen Zeichensystem von Musik und Religion einlassen wollen.

Sönke von Stemm

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 1/2016

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