Rezension

 

Benjamin Breutel und Petra Schulz: Gefällt mir! Oder auch nicht. Grenzgänge zwischen Facebook und Religion.
BlickARTist – Religion als Kunst, Bd. 2, Garamond-Verlag, Jena 2014, ISBN 978-3-944830-41-4, 152 Seiten, 14,90 Euro

Beiheft: Didaktik und Praxisvorschläge, ISBN 978-3-944830-42-1, 42 Seiten, 9,90 Euro

 

Was haben Facebook und Religion gemeinsam? Ersetzt die Nutzung von Facebook Religion? Weist die Sehnsucht, die sich mit Facebook verbindet, auf etwas Religiöses hin oder ist Facebook gar Religion? Diese Fragen stehen am Anfang der Überlegungen von Beutel und Schulz bei ihrem Grenzgang zwischen Facebook und Religion.

Das zweiteilige Werk (ein „Buchband“ mit thematisch-sachlichen Überlegungen wird ergänzt durch ein didaktisches Beiheft mit konkreten Unterrichtsideen zur Anbahnung religiöser Lernprozesse) geht schon in seiner Form ungewöhnliche Wege. Der Buchband nimmt die assoziativen Lese- und Umgangsformen von Facebook auf: Immer wieder finden sich im Text kleine unbeschriebene Kästchen, in denen steht: „Was denkst du gerade?“ oder „Schreibe einen Kommentar“. Die Leserinnen und Leser sollen motiviert werden zu „posten“, was sie gerade über das Gelesene denkt. Außerdem finden sich am Rand Seitenverweise, die auffordern, das Buch nicht in gewohnter Weise von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen, sondern durch das Buch zu „springen“ – assoziativ eben, mit Stichworten verbunden, so wie auch der Umgang mit Facebook und Internet oft zum Kreuz- und Querlesen (ver-) führt.

Das, was bei Facebook digital passiert, wird versuchsweise in den analogen Bereich übertragen. Und das funktioniert ausgesprochen gut. Ebenso gut funktioniert es, immer wieder Verbindungslinien zu Erscheinungsformen des Religiösen zu ziehen: Wenn etwa der Versuch, mehrere Tage ohne Facebook zu leben, als Wüstenerfahrung des Alleinseins gedeutet wird oder der Freundschaftsbegriff von Facebook auf den antiken und neutestamentlichen zurückbezogen wird, so erscheint das keineswegs aufgesetzt. Vielmehr werden nachdenkenswerte Linien zwischen christlichen Traditionen und unserer digitalisierten Gegenwart gezogen. Dem Autorenduo gelingt so ein geradezu liebevoller Blick auf beides: Auf das moderne Medium Facebook und die guten alten christlich-abendländischen Traditionen. Kurze und leicht verständliche Texte in beinahe umgangssprachlicher Form machen die Lektüre kurzweilig und zeigen, dass auch schwierigere theologische Fragen in einfache Worte gefasst werden können. Manch ein Prediger könnte sich hier etwas abschauen.

Und wie lässt sich die Idee des Grenzgangs zwischen Facebook und Religion nun für die Praxis fruchtbar machen? Auf diese Frage antwortet das didaktische Beiheft. 19 Praxisimpulse geben reichlich Stoff für die Arbeit mit Gruppen. Jedes Praxiskapitel beginnt mit kurzen didaktischen Hinweisen, formuliert Intentionen der Arbeitseinheit und schlägt eine konkrete Umsetzung vor. Inhaltlich geht es einerseits um die Wahrnehmung des Phänomens Facebook unter verschiedenen Perspektiven andererseits um Brückenschläge zwischen Facebook und Religion, mit dem Ziel, Grenzen zwischen beiden zu überschreiten. Das gelingt nicht immer auf gleich hohem Niveau und wirkt gelegentlich etwas konstruiert, dennoch geben die Praxisimpulse viele Ideen, wie ein Grenzgang zwischen Facebook und Religion beschritten werden kann. Die methodischen Vorgehensweisen gehören dabei zum Standard pädagogischen Arbeitens – besonderer technischer Aufwand muss also nicht betrieben werden. Die Impulse bauen nicht aufeinander auf und können auch einzeln im Unterricht oder der Gemeindearbeit umgesetzt werden. Einige Impulse setzen allerdings Gruppen voraus, in denen es den Gruppenmitgliedern möglich ist, auch persönliche, private Dinge zu äußern. Hierauf sollte bei der Auswahl geachtet werden.

Die Praxisimpulse sind für ältere Schülerinnen und Schüler (etwa ab Klassenstufe 9), für die Erwachsenenbildung und die Gemeindearbeit geeignet. Ein lohnendes Experiment könnte es sein, die Praxisimpulse im Rahmen eines Glaubenskurses einzusetzen.

Der Buchband ist für sich alleine lesbar. Das didaktische Beiheft erschließt sich nur unter Hinzuziehung des Buchbandes. Für Menschen mit und ohne Facebook-Profil eine lohnende Anschaffung und eine anregende Lektüre.

Die Arbeitshilfe „Gefällt mir! Oder auch nicht.“ ist der zweite Band, der in der Reihe BlickArt erschienen ist. Die Reihe hat es sich zur Aufgabe gemacht „Religion in künstlerischer Weise zu erschließen und zur Darstellung zu bringen.“ Die Autorin und der Autor gehen davon aus, dass auf diese Weise theologische Schlüsselbegriffe so aufgenommen werden, dass sie Anschluss finden an die Kommunikation über Sinn- und Orientierungsfragen in einer Gesellschaft, in der Symbolik und Sprache christlicher Religion vielen Menschen fremd geworden sind.

Oliver Friedrich

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 2/2015

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