Rezension

 

Andreas Obenauer: Reli für Jungs, Didaktische Impulse für einen jungengerechten Religionsunterricht, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, ISBN 978-3-525-77680-3, 112 Seiten, 17,99 Euro

Der Religionsunterricht wird von Jungen oft als „Mädchenfach“ angesehen. Religionsunterricht für Jungen ist auch aus der Sicht der meisten Lehrkräfte schwieriger. Die Mädchen zeigen sich oft motiviert, Jungen sind als Störer und eher gelangweilt im RU verschrien.

Das ist eigentlich überraschend, denn während man für einen mädchengerechten Unterricht lange suchen muss, um passende Identifikationsfiguren in der Bibel oder der Kirchengeschichte zu finden, gibt es für Jungen Vorbilder in Hülle und Fülle. Deshalb ist der vorliegende Band eine große Hilfe für alle, die sich mit diesem Phänomen beschäftigen wollen oder müssen. Aus der Praxiserfahrung heraus werden Ansätze für einen Religionsunterricht entwickelt, die nicht allein die Jungen in das Vorbereitungsdenken einbeziehen, sondern auch methodisch Vorlieben der Geschlechter reflektieren. So wird das Buch eine Fundgrube für religiöse Lernprozesse mit Jungen, und es zeigt Wege, wie der Religionsunterricht für Jungen interessanter werden kann.

Zunächst zeichnet der Autor die pädagogische Diskussion um Geschlechter und Geschlechterrollen in der Schule nach und untersucht grundlegende biblische Texte, um zu zeigen, dass von jedem Geschlecht jeweils nur im Plural angemessen geredet werden kann (Kapitel 2 und 3). Genau hier liegt auch die Aufgabe für den Religionsunterricht: Freiraum zu gewähren, um innerhalb der Vielfalt von möglichen Männlichkeiten und Weiblichkeiten Schülerinnen und Schülern den jeweils eigenen Weg zu ermöglichen. Welche Auswirkungen diese Pädagogik der Vielfalt (Kapitel 4) auf einen jungengerechten Religionsunterricht haben soll, bedenkt der Autor in dem anschließenden Praxiskapitel zu jungengerechten Themen (Kapitel 5) vor allem anhand biblischer und kirchengeschichtlicher Männergestalten.

Die Ästhetik eines jungengerechten Religionsunterrichts wird in Kapitel 6 exemplarisch anhand von Bodenbildern bedacht und erweitert. So sollten nach Obenauer die Zugänge und Verarbeitungsformen mit „spezieller Ästhetisierung“ (S. 51) wie Kett-Materialien, Egli-Figuren und Godly-Play daraufhin überprüft werden, ob sie Raum geben, auch Sperriges, Dunkles und Brüchiges darzustellen. Daher ist die Frage nach Materialien insgesamt wichtig: Dass es für Jungen hilfreich ist, wenn neben Filz, Kerzen, Sand und weiteren meist üblichen Materialien auch solche in den Blick kommen, die eher grobere Haptik aufweisen, wie zum Beispiel Steine, Scherben, Lego- oder Playmobilfiguren etc., leuchtet unmittelbar ein.

Im Kapitel 7 wird die bisher schon durchgespielte „Pädagogik der Vielfalt“ dann auch auf spirituelle Elemente des Religionsunterrichts übertragen. Dabei orientieren sich die Vorschläge wiederum an „klassischen“ Jungenstärken, die die im Religionsunterricht verbreiteten spirituellen Elemente erweitern. So wird zum Beispiel die Bewegungsfreude von Schülern mit klassischen spirituellen Methoden verbunden und zu einem „Mini-Pilgern“. Oder eingedenk der Suche nach Grenzerfahrungen bei Jungen werden Andachten an eher ungewöhnliche Orte wie z. B. an eine Unterführung oder an einem Fluss o. ä. verlegt (S. 55), wodurch neue Spannungsmomente entstehen.

Spezielle Methoden für Jungen zu entwickeln und zu benennen ist ein Balanceakt: Einerseits soll an typische Jungenstärken angeknüpft werden, andererseits sollen die Entwicklungsaufgaben für Jungen (wie in der Erweiterung dann ja auch für Mädchen) dabei nicht aus dem Blick geraten. Dem widmet sich Kapitel 8, mit 40 Seiten das umfangreichste Kapitel, das konkrete, direkt umsetzbare Ideen für den Religionsunterricht der Grundschule und der Sekundarstufe I vermittelt. An einem Unterrichtsbaustein wird dann in Kapitel 9 exemplarisch konkretisiert, wie sich Themenfelder und Methoden in einer Unterrichtssequenz miteinander verbinden lassen (Lernstraße zum Thema „Typisch Jungs“ für die Sekundarstufe). In der Lernstraße werden biblische Texte und Geschichten behandelt, in denen sich Jungen wiederfinden sollen, ohne aber Klischeebilder zu bedienen – ob geschlechtergetrennt (wie hier vorgeschlagen) oder gemeinsam muss den eigenen pädagogischen Überlegungen und Möglichkeiten überlassen bleiben.

Insgesamt sind die vorgestellten Ideen mehr für den Unterricht im Grundschul- und Sekundarbereich verwertbar, die Lernstraße „Typisch Jungs“ könnte aber leicht modifiziert auch in einer Berufsschule einzusetzen sein.

Insgesamt ist die Lektüre anregend und macht auf Ansatzpunkte aufmerksam, die zu bedenken sich lohnen – auch der angenehme Schreibstil ist eine Empfehlung wert. Lediglich das mit dem Erwerb des Buches verfügbare bilderlose Downloadmaterial könnte gestalterisch sicher noch eine Durchsicht vertragen.

Bettina Wittmann-Stasch

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 1/2015

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