Rezension

 

Mirjam Zimmermann, Ruben Zimmermann (Hrsg.): Handbuch Bibeldidaktik, UTB 3996, Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2013, ISBN 978-3-8252-3996-1, 766 Seiten, 39,99 Euro

Aktuell – facettenreich – kompakt, so präsentiert sich das von Mirjam und Ruben Zimmermann herausgegebene Handbuch Bibeldidaktik. Insbesondere Studierende, aber auch Lehrende können sich, ganz dem Zeitgeist entsprechend, schnell über unterschiedliche bibeldidaktische Ansätze und historisch-kritische Erkenntnisse sowie zu religionsdidaktisch relevanten Themen, Motiven und Inhalten der Bibel informieren. Dabei werden die Leserinnen und Leser mit einer interessanten Vielfalt von Betrachtungsweisen konfrontiert. Allein durch die beachtliche Anzahl von über 100 Autorinnen und Autoren ist eine Mehrperspektivität gewährleistet. Zudem kommen nicht nur Religionspädagoginnen und Religionspädagogen zu Wort, sondern auch Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler aus den Bereichen der Biblischen, Systematischen, Historischen und Praktischen Theologie. Die einzelnen Beiträge greifen entweder primär religions- bzw. bibeldidaktische Fragestellungen auf oder verbinden fachwissenschaftliche Überlegungen mit unterrichtspraktischen bzw. katechetischen Impulsen. Den Ausgangspunkt bildet dabei die gemeinsame Überzeugung, dass die Bibel selbst „ein didaktisches Buch“ (S. 1) ist.

Exemplarisch werden in sieben Kapiteln verschiedene Aspekte des „Bibeldidaktische[n] Dreieck[s]“ (S. 7) mit den Komponenten Bibel, Brücke und Rezipient entfaltet. „Im Fokus“ des ersten Kapitels findet eine Konzentration auf die „Entstehungs- und Wirkungsgeschichte“ (S. 23) der Bibel statt. Zu Beginn fasst der Systematiker Georg Plasger einige wesentliche Informationen etwa zur Entstehung und Kanonisierung sowie zum Aufbau und zum Umfang alt- und neutestamentlicher Schriften in der gebotenen Kürze (auf knapp fünf Seiten) zusammen. Etwas kurz geraten, aber immerhin berücksichtigt sind didaktische Überlegungen. Wie bei allen anderen Beiträgen runden auch hier einige wenige, aber relevante Literaturtipps den informativen Beitrag ab.

Die Beiträge in Kapitel 2 folgen ein Stück weit der Chronologie alt- sowie neutestamentlicher Schriften in der Bibel, konzentrieren sich auf Themen wie Schöpfung, Turmbau zu Babel, Prophetie und behandeln u. a. die Evangelien, die paulinische Rechtfertigungslehre sowie schließlich die Johannesoffenbarung und die biblische Eschatologie. Hier findet sich auch ein besonders lesenswerter Beitrag des Altmeisters Ingo Baldermann zu den alttestamentlichen Psalmen. In gewohnt anschaulicher Weise legt der Verfasser dar, wie die Bibel als „didaktisches Buch“ (s. o.) im Unterricht einsetzbar ist. Erwähnenswert ist darüber hinaus u. a. der wichtige Hinweis auf eine biblisch begründete und motivierte Diakonie durch Renate Zitt. Damit wird der an sich unübersehbare, aber doch allzu oft übersehene „Zusammenhang von Religion und sozialem Handeln“ (S. 238, 239) in Erinnerung gerufen.

Kapitel 3 nimmt herausragende biblische Personen und Figuren ins Visier. Auch hier sind die Beiträge dem Aufbau der Bibel entsprechend angeordnet. Vorgestellt werden u. a. Adam und Eva, Abraham und Sara, Josef, David, Maria (Mutter Jesu), Jesus und Paulus. Aufschlussreich sind die Ausführungen von Mirjam und Ruben Zimmermann zur Gestalt des Judas im Neuen Testament; sie empfehlen „Zugänge über zentrale Fragen“ (S. 359) für die Thematisierung des Judas im Unterricht. Dies schließt möglicherweise den Gedanken ein, „Judas’ Handeln als Teil des göttlichen Heilsplans“ (S. 359) zu verstehen.

Unterschiedliche religions- bzw. bibeldidaktische Konzepte kommen in Kapitel 4 zur Sprache. Nach einem perspektivischen Rückblick auf prägende evangelische Ansätze seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 1970er Jahre durch Rainer Lachmann liefern weitere namhafte Autoren wie etwa Michael Meyer-Blanck, Hans Mendl oder Friedrich Schweitzer Einblicke in aktuelle bibeldidaktische Modelle und Entwürfe. Substantielle Konzepte bzw. Prinzipien wie die Symboldidaktik, die Korrelation, die Elementarisierung, das Theologisieren mit Kindern oder die Performative Didaktik werden in prägnanter Weise vorgestellt und exemplarisch erläutert.
Kapitel 5 informiert über unterschiedliche aktuelle Methoden der Arbeit mit der Bibel. Im Zentrum stehen dabei aneignende Lernwege, wie sie von Mirjam und Ruben Zimmermann zunächst überblicksartig und dann von anderen bekannten Autorinnen und Autoren wie Rainer Oberthür („Bibelwort-Karten“), Uta Pohl-Patalong („Bibliolog“) oder Annaliese Hecht („Biblische Figuren stellen“) genauer charakterisiert werden. Sehr übersichtlich und informativ gestaltet sich u. a. auch der Beitrag „Bibel und Popkultur“ von Gerd Buschmann. Hier findet sich eine Fülle von Beispielen für die Rezeption biblischer Motive und Themen in der Popmusik, der Werbung, im Bereich der audiovisuellen Medien, der „Computerwelten“ (S. 575), der Comics und des Fußballs.

Im Mittelpunkt des Kapitels 6 stehen die Rezipientinnen und Rezipienten der Bibel als Lernende und Lesende. Neben entwicklungspsychologischen und sozialisationsbedingten Voraussetzungen für die Auseinandersetzung mit der Bibel werden u. a. schultyp- und gemeindespezifische Aspekte aufgegriffen und erläutert bzw. diskutiert. Beachtung findet zudem das höchst brisante Thema Inklusion, das von Anita Müller-Friese in knappem Umfang fundiert und praxisbezogen behandelt wird. Inwiefern die „Bibel als Medium der Identitätsbildung“ (S. 609) fungieren kann, skizziert Carsten Gennerich. Eine beachtliche Rolle schreibt er u. a. dem argumentativen Charakter biblischer Texte zu. Aufschlussreich wäre in diesem Kapitel sicherlich noch ein Hinweis auf die empathischen Dimensionen der Bibelrezeption gewesen.

Das Kapitel 7 widmet sich schließlich brisanten Anfragen an die Bibel und problematisiert unterschiedliche Zugänge zu biblischen Texten. Dazu zählen nicht nur etwa die geradezu „klassischen“ Fragen nach der Wahrheit oder der Zeitgemäßheit biblischer Aussagen, sondern auch die Frage nach genderspezifischen „Lesarten“, die Thematisierung von Antisemitismus und „Gewalt in der Bibel“ (Anton A. Bucher, S. 693). Oft sehen sich Lehrpersonen in der alltäglichen Schulpraxis vor die Frage gestellt, ob sie problematische Bibeltexte ausklammern sollen. Hierauf liefert Michael Fricke in seinem Beitrag hilfreiche Antworten und gibt Hinweise, weshalb gerade auch „schwierige“ Bibeltexte im Religionsunterricht behandelt werden können. Wer darüber hinaus „Tipps für einen langweiligen Religionsunterricht“ (S. 675) sucht, erhält sie von Bernd Beuscher. Man könne den Bibelunterricht – salopp formuliert – beispielsweise „durch zu viel Sinn“, „durch stetes Füttern“ (S. 675) und dadurch, „immer nahe, beliebt, nett und verständnisvoll sein“ (S. 676) zu wollen, regelrecht „ruinieren“ (S. 675). Geboten seien dagegen u. a. „Didaktik statt Taktik“ und „Leerstellen statt Fülltexte“ (S. 678).

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Die Lektüre aller sieben Kapitel ist kurzweilig, ja spannend und lohnt sich. Im Rahmen der verschiedenen Fokussierungen kommen höchst relevante Ansätze und sehr interessante Aspekte der aktuellen Bibeldidaktik zum Vorschein. Mit Blick auf die Interdisziplinarität bleiben lediglich neurowissenschaftliche Forschungsperspektiven weitgehend unberücksichtigt. Gewöhnungsbedürftig ist die nicht immer transparente Zuordnung von Beiträgen zu bestimmten Themenbereichen (vgl. z. B. den Beitrag „Moderne deutsche Bibelübersetzungen“ von Peter Kristen zum Kapitel 1 „Im Fokus: Geschichte“), was die Arbeit mit dem Handbuch im Alltag erschweren mag.

Insgesamt ein sehr empfehlenswertes Handbuch für Studierende, Lehrende an (Hoch-)Schulen sowie Katechetinnen und Katecheten in der Gemeinde, das durch seine Aktualität und die Prägnanz der Beiträge sowie durch die breite Vielfalt der Themen besticht.

Herbert Stettberger

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 4/2014

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