Rezension

 

Friedhelm Kraft und Hanna Roose: Von Jesus Christus reden im Religionsunterricht. Christologie als Abenteuer entdecken, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-525-70204-8, 191 Seiten, 13,00 Euro

Das Buch kündigt ein Abenteuer an, und damit wird nicht zuviel versprochen. „Christologie“ meint dabei nicht einen abstrakten dogmatischen Begriff. Vielmehr geht es um „die Entdeckung eines Geheimnisses“, um die Beschäftigung mit Jesus dem Christus, der als das „Geheimnis Gottes“ bezeugt und geglaubt wird (S. 9).
Die Frage „Wer war Jesus von Nazareth?“ soll auch weiterhin im Religionsunterricht ihren Platz haben. Zugleich aber geht es um die Fragen: „Wer ist Jesus für mich? Welche Bedeutung hat er für uns heute?“ (S. 9). Anders formuliert: Eine „Jesulogie“, die den „ethischen Jesus“ als Vorbild der Liebe und Gewaltlosigkeit in den Blick nimmt, greift zu kurz. Wichtig ist demgegenüber eine „Christologie“, die in Jesus das „Geheimnis Gottes“ sieht und darin seine Bedeutung für die Gegenwart wahrnimmt. (Angemerkt sei jedoch, dass die Frage nach dem „historischen Jesus“ nicht zwangsläufig zur Reduktion auf den „ethischen Jesus“ führen muss). Wie sich zeigen wird, ist auch das Denken von Kindern und Jugendlichen in stärkerem Maße christologisch bestimmt, als weithin angenommen wird. Dies wird im 2. Kapitel thematisiert, in dem die Autoren sechs empirische Studien aus den letzten Jahren vorstellen (Hanisch/ Hoppe-Graff, Büttner, Ziegler, Albrecht, Butt, Zimmermann) und in der anschließenden Auswertung bestimmte Trends und Probleme herausarbeiten. Damit erhalten Leserinnen und Leser einen informativen Einblick in die neuere empirische Forschung. Aus den referierten Studien werden dann thesenartig formulierte Schlussfolgerungen gezogen, mit denen die Autoren für den „Mut zur Christologie“ im Religionsunterricht plädieren (S. 51).

Im 3. Kapitel geht es um die gegenwärtigen curricularen Vorgaben. Dabei werden die Fragen nach dem Kompetenzansatz des niedersächsischen Kerncurriculums und des baden-württembergischen Bildungsplans untersucht und miteinander verglichen. Im Blick auf die Kompetenzorientierung weisen die Autoren allerdings darauf hin, dass der wissenschaftliche Diskurs darüber in der Religionspädagogik noch längst nicht abgeschlossen ist (S. 52f.). Eine Schlüsselstellung innerhalb des Buches nimmt das 4. Kapitel ein. In den grundlegenden Überlegungen geht es um das Verhältnis von „Glaube und Historie im Christentum“ sowie um das Problem „Historischer Jesus und verkündigter Christus“. Die Frage: „Ist die Geschichte echt?“ bietet die Chance, mehrere Perspektiven zu entdecken – die historischen Ereignisse hinter den biblischen Texten, die subjektiven Glaubensüberzeugungen in den biblischen Texten und die eigenen Glaubensüberzeugungen mit einem existentiellen Wahrheitsanspruch. „Christologie zu treiben entpuppt sich damit als spannende Gratwanderung zwischen Historie und Glauben, zwischen Mensch und Gott“ (S. 82). Im Blick auf die grundlegende theologisch-religionspädagogische Klärung ist für Unterrichtende gerade dieser Abschnitt (4.1) – mit den übersichtlichen Tabellen (S. 76 und S. 79) – zur Einführung und zur Vertiefung nachdrücklich zu empfehlen.

In 4.2 erfolgt die weitere Ausführung mit der Intention, die vielfältigen Chancen, die – unterschiedliche – biblische Texte enthalten, didaktisch ins Spiel zu bringen. Dazu kommen zunächst Stimmen von Kindern und Jugendlichen zu Wort, dann Stimmen von Bibelwissenschaftlern, Systematischen Theologen und Religionspädagogen und abschließend werden einige Hinweise auf bereits veröffentlichte Unterrichtsideen gegeben. Dies wird an sechs Themen ausgeführt – Sohn Gottes, Gleichnisse und „Ich-bin-Worte“, Wunder, Gebet, Kreuz, Auferstehung und Erscheinungen. In der Erörterung dieser zentralen Fragen werden den Leserinnen und Lesern wichtige Einsichten erschlossen.

Im 5. Kapitel skizzieren die Autoren ihr didaktisches Leitbild der Kindertheologie und die pädagogische Theorie des Konstruktivismus. Auf diesem Hintergrund werden zwei Unterrichtssequenzen beschrieben, die gemeinsam geplant und durchgeführt wurden – und zwar von Kathrin Breitenfeld in einer 4. Klasse und von Christian Butt in einer 10. Klasse. Die „Christologie“ wird an folgenden Unterrichtsbausteinen erschlossen: Sohn Gottes / Taufe, „Ich bin das Licht der Welt“, Auferstehung, Kreuz. Durch eine Vielfalt methodischer Ideen gelingt es, dass sich die Schülerinnen und Schüler mit den einzelnen Texten intensiv auseinandersetzen, sie eigenständig bearbeiten und in kreativer Weise gestalten. So zeigt sich in der Grundschule, wie die Kinder mit den ihnen bekannten biblischen Geschichten entfalten, welche Bedeutung sie Jesus beimessen, und wie sie dabei biblische Erzählmomente mit der eigenen Lebenswelt in Beziehung setzen. Im Unterricht der 10. Klasse wird deutlich, wie die Jugendlichen traditionelle, übernommene Aussagen zunehmend mit eigenen Deutungen verbinden und einen Bezug auf das persönliche Leben herstellen. Besonders beachtenswert erscheinen mir in diesem Zusammenhang die Schüleraussagen in dem intensiven Gespräch zu verschiedenen Deutungen des Kreuzes.

Die beschriebenen Unterrichtssequenzen enthalten zweifellos eine Fülle von Anregungen für die Praxis. Darüber hinaus bietet das Buch eine fundierte theologisch-didaktische Grundlage, um das Thema „Jesus Christus“ mit Schülerinnen und Schülern zu erschließen. So ist zu wünschen, dass viele interessierte Leserinnen und Leser auf das „Abenteuer Christologie“ eingehen und sich dazu ermutigen lassen, die Frage nach Jesus Christus im Religionsunterricht neu ins Gespräch zu bringen.

Gerald Kruhöffer

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 4/2011

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