Rezension

 

Uwe Birnstein: Der Humanist. Was Philipp Melanchthon Europa lehrte, Wichern-Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-88981-282-7, 120 Seiten, 9,95 Euro

Martin H. Jung: Philipp Melanchthon und seine Zeit, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, ISBN 978-3-525-55006-9, 168 Seiten, 17,90 Euro

Am 19. April jährt sich zum 450. Male der Todestag von Philipp Melanchthon. Anlass genug, sich mit dem Lebenswerk des berühmten Humanisten und Reformators auseinanderzusetzen. Zwei gut lesbare Taschenbücher geben in unterschiedlicher Weise einen Zugang zu Leben und Werk.

 

Uwe Birnstein bietet einen biografischen Reiseführer in Form von 10 “Lektionen”. Die “Lektionen” orientieren sich an den Lebensstationen von Melanchthon. Der Autor beginnt mit der Schilderung des Kriegsschauplatzes Bretten im Jahre 1504, der Geburtsstadt des Philipp Schwarzerdt, während die 10. “Lektion” einen entkräfteten Streiter der reformatorischen Bewegung zeichnet, der nach dem Tode seiner Frau seinen “Übergang in die Akademie des Sohne Gottes” gleichsam herbeisehnt. Birnstein hat in seinen biografischen Skizzen eine Vielzahl von Zitaten, Briefauszügen und Aussprüchen von Melanchthon eingeflochten. Sie illustrieren und veranschaulichen den Duktus der Er­zählung und verführen zu der Illus- ion eines “authentischen” Zuganges zum “großen Wittenberger”. Ein quellenkritischer Zugang ist nicht beabsichtigt, dem Leser, der Leserin werden alle Stolpersteine aus dem Weg geräumt, selbst ein Nachweis der Zitate ist nicht vorgesehen. Die Stärke des Buches ist das einfühlsam und mit leichter Feder porträtierte Bild eines außergewöhnlichen Gelehrten. Birnstein würdigt in besonderer Weise den Humanisten Melanchthon, er bezeichnet ihn als einen europäischen “Netzwerker”. Allerdings verdrängt der persönlichkeitsgeschichtliche Zugang den zeitgeschichtlichen Kontext seines Wirkens.

Im Unterschied zu Birnstein hat der zeitgeschichtliche Rahmen des Lebensweges Melanchthons in der Darstellung von Martin H. Jung einen eigenen Stellenwert. Zwar orientiert sich auch Jung in seiner Melanchthon-Biographie an den bedeutsamen Eckpunkten seines Lebensweges. Aber der spannende biografische Zugang zu Melanchthon wird stets mit Exkursen und Hinweisen zu den politischen und geistigen Umbrüchen dieser dramatischen Reformationsepoche verbunden. Hervorzuheben ist, dass es Jung in hervorragender Weise gelingt, die theologischen Brüche und Differenzen zwischen Alt- und Neugläubigen, aber auch innerhalb des reformatorischen Lagers differenziert und verständlich darzustellen.

Dies gilt insonderheit für die Kontroversen um das Verständnis des Abendmahls, die Auseinandersetzung mit der Täuferbewegung und das strittige Thema der Willensfreiheit des Menschen. Die “überzeugende Kongruenz” von Theologie und Lebenspraxis ist für Jung ein Kennzeichen der theologischen Arbeit Melanchthons, die in den Ausgaben der “Loci”, der ersten reformatorischen Laiendogmatik, ihren Höhepunkt erreichen sollte. Jung zeigt am Ende seiner brillanten Darstellung Wirkungslinien Melanchthons auf, die neben seiner Bedeutung für den Aufbau eines neuzeitlichen Bildungswesens als “Praeceptor Germaniae” ebenso die europäische Rezeption als “Praeceptor Europae” umfassen. Melanchthon ist bereits zu Lebzeiten mit Attributen und Titeln versehen worden: der “kleine Grieche”, Universalgelehrter, “Diplomat der Reformation”, “Außenpolitiker” der Reformation, aber auch herabsetzend “Grammatiker (Sprachlehrer) von Wittenberg”. Wenn wir ihn heute als “Lehrer Deutschlands” in besonderer Weise würdigen, geschieht dies nicht ohne Eigeninteresse. Da heute die Kirchen der Reformation die Bildungsfrage für sich neu entdecken, ist historische Vergewisserung ein unschätzbares Gut. In diesem Sinne kommt das Melanchthonjubiläum wie gerufen, ebenso die beiden Biografien zum vergleichsweise wenig bekannten Mitstreiter der Reformation.

Friedhelm Kraft

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2010

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