Rezension

 

Karl Ernst Nipkow: Der schwere Weg zum Frieden. Geschichte und Theorie der Friedenspädagogik von Erasmus bis zur Gegenwart. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2007, ISBN 978-3-579-08016-1, 416 Seiten, 34,95 Euro

Das Werk des Theologen, Religionspädagogen und Erziehungswissenschaftlers Karl Ernst Nipkow erschien im Jahr 2007. Den Anlass dazu beschreibt Nipkow zu Beginn in seiner Einleitung: „Im Kontrast zu Kriegen als einer weltgeschichtlichen Konstante und zur ebenso alten Sehnsucht nach Frieden fehlt in der pädagogischen wie in der religionspädagogischen Geschichtsschreibung eine Geschichte der Friedenspädagogik, ebenso eine darauf aufbauende Theoriebildung.“ (9) Für die Theologie und Religionspädagogik sei dieses Desiderat umso schmerzlicher, denn: „Die Rechtfertigung von Kriegen entband weit mehr Legitimationsanstrengungen als der Wille zum Frieden. Pädagogik und Theologie gehorchten meist den übergreifenden politischen Machtinteressen und dominanten Mentalitäten.“ (ebd.)

Für beides, eine Geschichte und eine Theorie der Friedenspädagogik, leistet Nipkow wegweisende Pionierarbeiten. Er tut dies, indem er die dünne, teils verschüttete Spur friedenserzieherischer und -politischer Einsichten oftmals verfolgter christlicher Denker freilegt, auch im Kontrast zu solchen Philosophen und Theologen, die gewollt oder ungewollt dem Krieg das Wort geredet haben (Fichte, Hegel, Nietzsche).

In den ersten fünf Teilen des Buches werden in lebhafter, spannender Weise 13 herausragende Gestalten aus fünf Epochen in ihrem Leben und Wirken vorgestellt. Ihre philosophischen und theologischen, politischen und pädagogischen Einsichten aus der Analyse von Kerntexten werden im letzten Teil des Buches systematisch gebündelt und zu einer weltbürgerlich ausgerichteten Theorie der Friedenspädagogik weitergeführt.

Nipkow setzt „Im Zeitalter der Renaissance und Reformation“ ein mit Erasmus von Rotterdam und Martin Luther, ergänzt durch den eine Generation jüngeren, weniger bekannten Sebastian Franck. Die ersten beiden Kapitel warten mit wenig Überraschungen zur Frage von Krieg und Frieden auf: Erasmus verdammte den dynastischen Krieg „christlicher Fürsten untereinander“ und fragte nach dem Ursprung der menschlichen Kriegslust, während es Luther mit seiner Zwei-Reiche-Lehre um den inneren Frieden ging, indem er dem Staat die „Schwertgewalt“ in politischen Fragen der Ordnung einräumte. Bei Sebastian Franck begegnet bereits ein Bündel an Einsichten, die sich in der späteren Friedensforschung wieder finden.

Franck, der sich erst der Reformation zuwandte, um dann ein konfessionsloses, mystisches Christentum zu propagieren, schrieb 1539 sein „Kriegsbüchlein des Friedens“. Auf 270 Seiten beschäftige er sich anschaulich und analytisch, z.T. schon „sozialwissenschaftlich“ und historisch ausgerichtet, mit dem Krieg als der „Grundsuppe allen Übels“. Besonders wandte er sich gegen die überall vorherrschende Gewöhnung an den Krieg als etwas letztlich Gottgewolltes. Obwohl er 1531 auf Betreiben von Erasmus aus Straßburg verbannt wurde, erkannte Franck Luther und Erasmus als Lehrer des Evangeliums an. Ein Beispiel angewandter Feindesliebe? Jedenfalls wollte Franck die Lehre (Bergpredigt!) und das Leben Jesu Christi als Maßstab allen christlichen Lebens verstehen, auch in der Kontinuität zu alttestamentlichen Friedensvisionen und gerade in der Frage von Krieg und Frieden.

Ähnlich angefeindet und zwischen den konfessionellen Stühlen wirkte auch Johann Amos Comenius, der als einziger Vertreter des 17. Jahrhunderts porträtiert wird. Comenius, der „einsame Vorläufer“ einer echten Friedenspädagogik hatte zumal als gläubiger Christ unter dem 30-jährigen Krieg und der Pest schwer gelitten. Eine „umfassende Vision“ bildet den roten Faden seines Lebenswerks: „Theologie, Politik und Pädagogik für den gottgewollten Weltfrieden.“ (69). Comenius schwebte politisch eine „Weltversammlung“ vor, die in umfassenden Beratungen das Wohl aller verfolgen sollte. Eine friedlichere Gesellschaft hänge aber entscheidend von einer erneuerten Erziehung und Bildung ab. Unter dem alten Grundsatz: „Wahre Schule, frohes Spiel“ fasst Comenius sein pädagogisches Grundverständnis zusammen: Der kreative Unterricht bzw. das Lernen gestalte sich zwang- und gewaltlos, auf leichten Wegen, freudig und freiwillig, mit einem großen Maß an Mitbestimmung der Lernenden – dabei aber nicht ohne Ernst und Disziplin.

Diese Beispiele verdeutlichen, wie herausfordernd und spannend, auch für ältere Schülerinnen und Schülern, die Linie ist, die Nipkow über die Jahrhunderte hinweg bis heute verfolgt. Seine systematische Auswertung zeichnet sich vor allem durch ihre Mehrdimensionalität aus: Zum Beispiel sei für jede Friedenspädagogik der Blick auf die Ursachen von Krieg und Feindschaft grundlegend. Diese werden aber nicht nur soziologisch und politisch ausgeleuchtet, sondern auch psychoanalytisch und sogar evolutionsbiologisch – mit großem Gewinn für die Leserinnen und Leser.

Unter der Leitfrage „Sind Gewaltverzicht und Friedensfähigkeit erlernbar?“ entfaltet Nipkow in drei Analyseschritten seine „Theorie der Friedenspädagogik“, die auf die Schlüsselbegriffe global erweiterte Verantwortlichkeit, Empathie und Vertrauen abzielt.

Mit diesem Band hat Karl Ernst Nipkow eine Vielzahl überraschender Entdeckungen über die behandelten Autoren (leider wurden selbst in dieser kleinen „Schattengeschichte“ keine Frauen gewürdigt, z.B. Berta von Suttner) und deren bis heute bedenkenswerten, oft herausfordernden Ansätze vorgelegt.

Seine Analysen bilden darüber hinaus eine unentbehrliche Grundlage nicht nur für die weitere Friedensforschung, sondern für jeden Pädagogen, der den schweren Weg zum Frieden gemeinsam mit seinen Schülerinnen und Schülern, Konfirmandinnen und Konfirmanden erinnernd und neu gestaltend gehen will.

Felix Emrich

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 1/2010

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