Rezension

 

Thomas Klie und Silke Leonhard (Hg.): Performative Religionsdidaktik, Religionsästhetik – Lernorte – Unterrichtspraxis, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-17-020562-8, 238 Seiten, 28,00 Euro

Mit Spannung wird man die „performative Religionsdidaktik“ von Klie/Leonhard in die Hand nehmen: Als Neuling, weil der programmatische Titel in theoretischer und praktischer Hinsicht Grundzüge eines didaktischen Ansatzes verspricht. Als Kennerin der Debatte, weil das Buch ein vermeintlicher Indikator ist für den aktuellen Stand, den bisherigen Fortschritt und das zukünftige Potenzial der performativen Didaktik. Wer von beiden kommt auf seine Kosten?

Der Sammelband versteht sich als Folgeband zum 2003 (2. Auflage 2006) erschienenen „Schauplatz Religion“ derselben Herausgeber. Mit 19 Aufsätzen, die auf den ersten Blick ähnlichen Rubriken zugeordnet sind, und wiederum sechs Praxisbeiträgen knüpft das Buch formal an den Vorgängerband an. Der von den Herausgebern verfasste einleitende Aufsatz orientiert über die Grundzüge des performativen Ansatzes. Und obwohl am neuen Band bis auf wenige Ausnahmen andere Autorinnen und Autoren beteiligt sind, nehmen viele Beiträge schon Bekanntes auf.

Das Buch spannt einen Bogen über folgende fünf Kapitel: (1) Theorie (2) Lehr- und Lernorte (3) Erschließungsperspektiven (4) Unterrichtspraxis (5) Rezeption. Das erste Kapitel ist überschaubar und zeigt mit der systematischen Einordnung der performativen Didaktik in die Geschichte der Religionspädagogik, aber auch mit erfrischenden kritischen Überlegungen einen hohen Grad an Selbstreflexivität. Dabei rückt die Frage nach gelingender Inszenierung religiöser Lernprozesse in den Mittelpunkt. Unter „Lehr- und Lernorte“ werden Konsequenzen für die Lehrerbildung aller drei Phasen, von der Hochschule über die Ausbildung am Studienseminar bis zur Fort- und Weiterbildung, aber auch die Gemeindepädagogik in den Blick genommen.

Damit profilieren Klie / Leonhard die performative Struktur erstmals systematisch und differenziert nach ihren didaktischen Handlungsfeldern. Die unterschiedlichen Bedingungen für die performative Gestaltung religiöser Lernprozesse treten hier klar zutage. Im dritten Kapitel kommen mit je einem Aufsatz zu Bibel, Text, Kunst und Liturgie verschiedene Gegenstandsbereiche der performativen Didaktik zur Sprache.

Die im wichtigen Kapitel „Unterrichtspraxis“ vorgestellten Beispiele verstehen die Herausgeber als individuell situierte „exemplarische Erprobungen“ (157). Hier wird nicht nur anschaulich, wie sich performative Didaktik realisieren lässt, sondern auch deutlich, dass bewusst performativer Unterricht oft erst durch seine theoretische Rückbindung als solcher identifizierbar ist. Das Herausgeberduo hat keine „Anleitungsliteratur“ (157) im Sinn. Dennoch bleibt langfristig zu wünschen, dass die Leserin über den Modus reiner Rezeption hinaus stärker in die Lage aktiver Nachgestaltung versetzt wird. Ob sich die Schülerinnen und Schüler im performativen, also involvierenden RU auch immer ausreichend distanzieren können, ist in der Theorie heiß umstritten. Weniger scharf stellt sich das Problem in den Unterrichtsbeispielen des Bandes, da überwiegend bibeldidaktische Ideen zur Darstellung kommen. Wer seine kritischen Anfragen zu diesem Lesezeitpunkt noch unbeantwortet sieht, findet möglicherweise Hilfe im abschließenden Kapitel „Rezeption“. In zwei Beiträgen werden die wichtigsten Anfragen an die performative Didaktik offen benannt und diskutiert.

Fazit: Das Buch trägt viele einzelne Handschriften, ist aber mehr als eine lose Aufsatzsammlung. Die Selbsteinschätzung des Vorworts („Vieles sehen wir nun klarer“) bewahrheitet sich an etlichen Stellen und schon am treffenderen Titel („Religionsdidaktik“ statt „Religionspädagogik“). Als Neuling wird man gut eingeführt; vor allem aber für die Kennerin des Diskurses ist der Band ein Gewinn: Die performative Debatte ist aktuell.

Rainer Merkel

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2009

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