Rezension

 

Gabriele Obst: Kompetenzorientiertes Lehren und Lernen im Religionsunterricht, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, ISBN 978-3-525-61612-3, 236 Seiten, 19,90 Euro

In einem ebenso fundierten wie gut zu lesenden Buch gibt Gabriele Obst einen Überblick über die Entwicklung und den derzeitigen Stand der Diskussion zur Kompetenzorientierung. Ausgehend von der Pisa-Studie wird zunächst die bildungspolitische Genese der Einführung von Standards und Kompetenzen nach Pisa dargestellt, sowie die Auswirkung dieses Paradigmenwechsels auf den Bildungsprozess und der damit verbundenen Orientierung von Unterricht am „outcome“. Obst erklärt dabei wesentliche Begriffe und nennt die Definitionen und Maßgaben, die in der Sachdebatte um die Einführung und Entwicklung von Bildungsstandards und Kompetenzen eine Rolle spielen.

Im Rahmen der Darstellung der Kontroverse um die Bildungsstandards im Religionsunterricht benennt Obst sorgfältig und unaufgeregt die Vorbehalte, die von Religionspädagogen eingebracht werden. Kritischen Fragen wie die nach der Ökonomisierung von Bildung, dem „Mehrwert“ des Religionsunterrichtes oder der Überprüfbarkeit von Lernprozessen werden diskutiert. Sie münden in ein Plädoyer für die Kompetenzorientierung, das in sechs Thesen erläutert wird. Für Obst liegen die Chancen der Kompetenzorientierung u.a. in einer Schärfung des Profils des Religionsunterrichtes in der Verständigung über verbindliche Anforderungen, in der Nachhaltigkeit der Lernprozesse und in der Sicherung der Qualität des Unterrichts.

In einem nächsten Kapitel werden die derzeit vorliegen­den unterschiedlichen Modelle für die Entwicklung von Kompetenzen im Religionsunterricht, in ihren (unterschiedlichen) Grundlegungen und Zugängen erläutert. In zwei weite­ren Kapiteln thematisiert Obst die Auswirkungen der Kompetenzorientierung auf Kerncurricula und Religionsbücher.

Ein umfangreiches Kapitel zum Thema „Praxis: Lehren und Lernen im kompetenzorientierten RU“ buchstabiert schließlich einmal durch, wie ein solcher Religionsunterricht aussehen kann. Von der didaktischen Planung über das Aufspüren von Anforderungssituationen, der Erhebung der Erfahrungen und Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler bis zur Formulierung von Lernaufgaben und dem Einsatz von Lernformen deckt Obst das Spektrum der didaktischen Umsetzung kompetenzorientierten Unterrichts ab. Die einzelnen Schritte werden an konkreten Beispielen erläutert und auf diese Weise anschaulich gemacht. Die Offenheit der Debatte um die Kompetenzorientierung zeigt sich darin, dass Obst die praktischen Vorschläge jeweils unterschiedlichen Kompetenzmodellen zuordnet.

Gabriele Obst hat mit ihrem Buch den – soweit ich sehe – bislang einzigen Versuch unternommen, sowohl die nicht leicht zu durchschauende Debatte um Kompetenzorientierung übersichtlich und nachvollziehbar darzustellen, als auch Vorschläge für die ebenso wenig leichte Aufgabe einer konkreten Umsetzung für den Religionsunterricht zu machen. Es ist ihr damit gelungen, was sie beabsichtigte: „Lehrerinnen und Lernen eine Chance (zu) bieten, die pädagogische und religionspädagogische Gemengelage konzentriert und unterrichtsnah zu verfolgen“ und „Mut (zu) machen, sich auf die neuen Entwicklungen beherzt einzulassen“ (8).

Melanie Beiner

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2009

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