Rezension

   

Malte Kling, Das Praxissemester als Übergang
Eine praktisch-theologische Untersuchung des Rollenwechsels von Studierenden zu Lehrenden.
INPUT - Interdisziplinäre Paderborner Untersuchungen zur Theologie.
LIT Verlag: Berlin 2018, ISBN 978-3-643-13907-8, 242 Seiten, 34,90 Euro



Wie erleben Lehramtsstudierende das Praxissemester? Gelingt der Rollenwechsel vom Lernenden zum Lehrenden? Wie wird der Übergang wahrgenommen? Lassen sich spezifisch religionspädagogische Auswirkungen erkennen? Welche Unsicherheiten, Instabilitäten, Ambiguitäten und Paradoxien sind erkennbar? Die qualitativ-empirische Studie zum Übergangsempfinden im Praxissemester nähert sich diesen Fragen an, indem mittels qualitativ-vermittelnder Gesprächssituation (halbstandardisierte Leitfadeninterviews) 16 Studierende (vier Männer; zwölf Frauen), künftige Religionslehrkräfte, im Alter zwischen 22 und 29 Jahren retrospektiv befragt, die Daten ausgewertet und die Ergebnisse abschließend in zehn Thesen zusammengefasst werden.

Wer immer mit diesen oder ähnlichen Fragen konfrontiert wird, bekommt durch die Ausführungen im Buch interessante Einblicke in die unterschiedlichen Wahrnehmungen Studierender bzgl. der Chancen und Anforderungen des Praxissemesters. Wer sich auf eine solche Praxisphase vorbereitet, kann sich anhand diverser Beispiele ein erstes Bild von der bevorstehenden Anforderungssituation machen und erfahren, wie unterschiedlich die Herausforderungen retrospektiv bewältigt wurden. Für Fachleiterinnen/Fachleiter, Ausbilderinnen/Ausbilder und Multiplikatorinnen/Multiplikatoren bieten besonders die zusammenführenden Überlegungen einen hilfreichen Überblick über subjektive Befindlichkeiten und eröffnen Zugänge und Anknüpfungspunkte, um mit Referendarinnen und Referendaren ins Gespräch zu kommen. Berufsbiografisch relevante Erfahrungen können so analysiert, diskutiert und ggf. neu bewertet werden. Da der temporäre Rollenwechsel von allen Interviewpartnern als bedeutsam hinsichtlich der künftigen beruflichen Anforderungssituation empfunden wurde, ist entscheidend, wie diese (oder andere) fragile Phasen begleitend unterstützt, wie konstruktives Feedback gegeben oder der zu vollziehende Perspektivwechsel begleitet werden. Mentorinnen und Mentoren können interessante Facetten individueller Befindlichkeit entdecken und möglicherweise kann dadurch künftig bewusster wahrgenommen, offensiver gehandelt und zielgerichteter Hilfestellung gegeben werden. Für Lehrende an Universitäten wird partiell erkennbar, inwieweit Studierenden eine vertiefende Verzahnung theoretischen Wissens mit konkreter Unterrichtspraxis gelingt und welche Funktion Probedenken und Probehandeln hinsichtlich des bevorstehenden Rollenwechsels übernehmen. Der Wechsel vom Lernenden zum Lehrenden stellt durchweg einen Umbruch dar, welcher mit Spannungen, Paradoxien und Ambiguitäten einhergeht. Hierbei zeigen sich spezifische Überforderungsmomente, die es erforderlich machen, das Anforderungsprofil des Praktikums in Teilbereichen neu zu bedenken.

Auch wenn die Bedeutung dieser Ausbildungsphase außer Frage steht (S. 208), ergeben sich im Umfeld des Praxissemesters und der beteiligten Institutionen verschiedenste Anschlussfragen und es lassen sich interessante Forschungsdesiderate aufzeigen. Dieses Praxismodul zeichnet sich nach Aussagen der Studierenden beispielsweise durch eine mehrheitlich empfundene gesteigerte Solidarität aus, was durchaus positive Nebeneffekte mit sich bringt. Dies könnte künftig intensiver durchdacht und konzeptionell im Verlauf der gesamten Ausbildung sinnvoll genutzt werden.

Die Ergebnisse basieren auf der Auswertung von Interviews und legen verschiedene Perspektiven offen, sind durchaus erhellend, aber nicht wirklich unerwartet, da die Interviewfragen ein gewisses Antwortverhalten bereits vorbereiten. Dies ergibt sich vermutlich aus den Ausführungen im Theorieteil, die sich auf Van Genneps Übergangstheorien und Turners Ritualverständnis konzentrieren und die Frage fokussieren, inwieweit das Praxissemester als Übergangs- oder Schwellenphase in Vernetzung mit dem Ritualbegriff beschrieben werden kann (S. 224) und Studierende als Schwellenwesen anzusehen sind. Alle Interviewpartner geben an, das Praxissemester als Übergang erlebt und den Rollenwechsel erfolgreich – wenn auch unterschiedlich akzentuiert – vollzogen zu haben. Möglicherweise auch ein Indiz dafür, dieser Ausbildungsphase vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken.

Konzeption und Durchführung der Studie sind durchgängig transparent, nachvollziehbar und der Theorie folgend dargelegt, die Auswertung der Interviews erfolgt mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring und die sich anschließende Diskussion der Ergebnisse ist strukturiert und anhand von Beispielen konkretisiert; die Ausführungen sind klar, eindeutig, teilweise redundant. Die spannende Frage nach einem subjektiv erlebten Kompetenzzuwachs, der Reflexion von Theorie-Praxis-Verknüpfungen und möglichen religionspädagogischen Auswirkungen werden zwar zu Beginn aufgeworfen, im weiteren Verlauf aber leider nicht weiter ausgeführt.
Insgesamt eine aufschlussreich-facettenreiche Perspektive auf das Praxissemester, die hoffentlich durch weitere Studien ergänzt werden wird.

Dr. Nina Rothenbusch

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2018

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