Rezension

   

Thomas von Steinaecker, Barbara Yelin
Der Sommer ihres Lebens
Reprodukt: Berlin 2017, ISBN 978-3-95640-135-0, 80 Seiten, 20,00 €


Dem Comic haftet immer noch der Ruf an, eigentlich keine Literatur zu sein oder wenn, dann höchstens Literatur für Kinder. Dabei sind Graphic Novels, gezeichnete Romane also, inzwischen längst der Kinderbuchabteilung entwachsen.

Ein gutes Beispiel ist „Der Sommer ihres Lebens“ von Thomas von Steinaecker (Text) und Barbara Yelin (Bild). Der Schriftsteller und die Comiczeichnerin erzählen die Geschichte von Gerda Wendt. Diese lebt in einem Alten- und Pflegeheim und hat oft den Eindruck, dass sie eigentlich schon tot und in der Ewigkeit angekommen ist. Manchmal ist sie verwirrt, aber an früher erinnert sich Gerda Wendt noch gut. Immer wieder werden Bilder aus der Vergangenheit bei ihr wachgerufen: Auf der Suche nach dem richtigen Stockwerk – war es Nr. 1 oder Nr. 3 oder doch die Nr. 2? – erinnert sie sich, wie gut sie früher in Mathe war. Als sie sich unsichtbar fühlt, weil sie von ihrer Umgebung kaum wahrgenommen wird, erinnert sie sich, wie sie damals das Rauchen anfing, um von den Jungen in der Schule wahrgenommen zu werden.

Die assoziativen Verknüpfungen von Gegenwart und Vergangenheit, die gelegentlich auch einen Blick in die Zukunft erlauben, sind zeichnerisch umgesetzt durch einen Stil, in dem manches nur angedeutet wird, Linien und Flächen nicht klar abgegrenzt sind und bewusst immer Raum gelassen wird, der beim Lesen und Schauen aus der eigenen Phantasie ergänzt werden kann.

Bilder und Text verlaufen wie nebenbei von einer Zeit in die andere. Welche Zeit gerade die Gegenwart ist und welche Bilder wie ein Traum aus einer anderen Zeit herüberwehen, das verschwimmt immer wieder: Während Gerda einen Flur entlang läuft, verwandelt sich das Tapp-Tapp ihrer Füße in das Kwii-Kwii ihres Rollators.

Wer z. B. in der Altenpflege oder im Pfarramt Gelegenheit hat, mit alten Menschen Zeit zu verbringen, wird mit diesem Buch wieder daran erinnert, wie wertvoll es ist, die Geschichte eines Menschen zu erfragen und kennenzulernen. Für den Einsatz in Unterricht und Gemeinde bietet das Buch viele thematische Anknüpfungspunkte, nicht zuletzt, weil es in 15 kurze Kapitel gegliedert ist, die je für sich Anregungen zu verschiedenen Themen bieten, z. B. biographisches Lernen, Unterricht im Wandel der Zeiten, Frauen- und Männerrollen, Tod und Ewigkeit, erste Liebe und viele mehr.

Andreas Behr 

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 2/2018

PDF