Ärger um die Glocke.
Zum Umgang mit nationalsozialistischem Erbe – Ein Planspiel

Von Fabian Gartmann

 

Anlass

Das Ende des Ersten Weltkrieges jährt sich im Jahr 2018 zum einhundertsten Mal. Die November-Pogrome liegen 80 Jahre zurück. Und vor mittlerweile 50 Jahren wollten die revoltierenden Studenten des zur Generation gewordenen Jahres 1968 den tausendjährigen Muff unter den Talaren der Autoritäten lüften und mit ihrem berühmt gewordenen Schlachtruf die bis dahin ungenügende Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen einfordern. Unterrichtende stellen manchmal scherzend fest, dass solche Ereignisse im Empfinden einiger Schülerinnen und Schüler ähnlich weit von deren Gegenwart entfernt sind wie die Punischen Kriege oder der Thesenanschlag Luthers.

Man muss nicht allein auf derart markante Knotenpunkte der Erinnerungskultur rekurrieren, wenn im Religionsunterricht innerhalb des Themenfeldes Kirche und Staat 1 die Situation der Kirche im Nationalsozialismus zum Lerninhalt werden soll. Ein Blick auf die aktuelle gesellschaftspolitische Lage und einen sich scheinbar fortschreitend etablierenden Rechtspopulismus, wie zuletzt in den Chemnitzer Ereignissen sichtbar, verleiht dem Thema neue Evidenz.

Ebenso finden sich im kirchlichen Bereich Beispiele, die zur reflektierten Auseinandersetzung im Rahmen des Religionsunterrichts nötigen. Neben den kürzlich erschienenen Aussagen des Landesbischofs zur Vereinbarkeit von Christsein und AfD-Mitgliedschaft hat zuvor die Entdeckung nationalsozialistischer Symbole und Inschriften auf Kirchenglocken zu einer breiten öffentlichen Debatte geführt, die über Wochen und Monate nicht nur bundesweite und sogar internationale Medien, sondern auch Kirchenvorstände, Kirchenleitungen, Historiker und Denkmalschützer beanspruchte.
In einer betroffenen Kirchengemeinde griffen Unbekannte gar zu einer Flex, um die mit einem Hakenkreuz kontaminierte Glocke zu „reinigen“. Über die dahinterliegenden Motive, ob nun aus Überforderung oder ungeduldiger Überzeugung angesichts amtskirchlich geordneter, aber langatmiger Entscheidungsverfahren, kann man nur mutmaßen. Ersichtlich wird daraus aber zweierlei: zum einen das Dilemma der unentscheidbaren Entscheidungsnot und ihrer bisweilen überraschenden, alle Erwartungen übersteigenden Bearbeitung im Verfahrensfortgang und zum anderen die Frage, ob Lerneffekte aus dieser unvorhersehbar verlaufenden Geschichte abzuleiten sind.

 


Didaktik

Lässt man sich von der Dramatik des Problems von Hakenkreuz-Glocken nicht moralisch irritieren, sondern didaktisch inspirieren, bietet sich die Methode des Planspiels 2 an, um den heutigen Umgang mit Nazi-Symbolen in einer Unterrichtssituation zu erörtern – und zwar in einer Weise, die den realen Geschehnissen in nichts nachsteht, zumindest was die Offenheit der Entscheidung, wie jeweils zu handeln ist, angeht. „Schon in der Simulation verhalten die Systeme sich auf eine Weise, die der Konstrukteur dieser Modelle nicht voraussehen kann. Die Unprognostizierbarkeit wird sozusagen eingerechnet. Und dann kann es natürlich nicht mehr überraschen, daß auch die realen Systeme sich unvorhersehbar verhalten. Modellrechnung und Realität konvergieren nun, so scheint es, in der Prognose der Unprognostizierbarkeit.“3

Ein Planspiel plant also keinen vorherbestimmten Weg, den es dann im Spiel abzuschreiten gilt. Das wäre Theater (und hätte anders gelagerte Lerneffekte). Als Simulation grenzt das Planspiel eine Problemlage in einen behandelbaren und analysierbaren Rahmen ein, indem das überkomplexe Realproblem auf ein bestimmtes und abgegrenztes Setting durch Reduktion von Sachlage, Agierenden und Dauer zugespitzt wird. Dadurch wird überhaupt erst ein Diskussionsfeld eröffnet, in dem sich Komplexität neu entfalten kann.4 Konstitutive Elemente des Planspiels sind zudem die Reflexion und Auswertung der Spielszenen, die zeitlich abgesetzt und eigens als solche markiert sind – anders als in der Realität, wo Aktion und Reaktion und deren Beobachtung und Gegenbeobachtung stets simultan verlaufen.

 


Ablauf

Nach der Vorstellung der Planspiel-Methode braucht es zur Spieleinführung eine Situationsbeschreibung der Problemlage und die Vorstellung der vertretenen Akteure. Rollenkarten geben Auskunft über Personen- und Charakterbeschreibungen und können zusätzlich mit Zielvorstellungen oder mit typischen O-Tönen der jeweiligen Charaktere versehen werden. Sie können entweder allen Beteiligten zugänglich gemacht werden oder aber auch nur den Rollen-Inhabern. Um möglichst viele Schülerinnen und Schüler in den aktiven Prozess einzubinden, können neben den Schauspielenden weitere Beobachtungspositionen vergeben werden, die einzelne Charaktere im Laufe des Spiels verfolgen oder bestimmte thematische Aspekte (z. B. Argumentationsweise, Emotionalität, Beziehungen) fokussieren. Weiter kann eine Spielleitung mit der Kontrolle eines vorher festgesetzten zeitlichen Rahmens beauftragt werden und als „diabolus ex machina“ neue Spielsituationen einwerfen, um etwa den Diskussionsverlauf anzukurbeln oder zuzuspitzen. Die Spielszene endet mit der abschließenden Entscheidung, wie mit dem Ausgangsproblem umgegangen wird.

Vor der Spielauswertung werden die Schauspielenden aus ihren Rollen entlassen. Die Reflexion des Geschehenen beginnt mit der Befragung der aktiv Beteiligten nach ihren Eindrücken, Emotionen und Erfahrungen. Danach folgen die Ausführungen der Beobachtungspositionen. Zentrale Folgerungen, Kernsätze etc. sollten dokumentiert werden.

 


Material

Situation

Für unser Planspiel hat eine Kirchengemeinde in ihrem Kirchturm eine mit einem Hakenkreuz versehene Glocke entdeckt. Als Sofortmaßnahme hat der Kirchenvorstand beschlossen, die Glocke vorerst stillzulegen und ihre Geschichte aufzuarbeiten. Nach zahlreichen Zeitungsartikeln und längeren Diskussionen in der Gemeinde, nach Bürgerversammlungen und Gesprächen mit der Kirchenleitung, mit Denkmalschützern und Historikern sowie politischen Vertretern steht nun die Kirchenvorstandssitzung an, die eine endgültige Entscheidung zum Umgang mit der Hakenkreuz-Glocke bringen soll: Weiterläuten oder Abhängen bzw. Ersetzen?
 

Rollen / Aufgaben

Als Rollen für die Spielszene dieser Kirchenvorstandssitzung bieten sich an: vier bis fünf Kirchenvorsteherinnen / -vorsteher, Pastorin / Pastor, Kirchenleitung (etwa Landesbischöfin /  -bischof), Bürgermeisterin / Bürgermeister, Vertreterinnen und Vertreter der örtlichen Vereine und Verbände (etwa Ev. Jugend, Heimatverein), einen bis zwei Expertinnen / Experten (etwa Historiker, Denkmalschützer). Für jede Rolle braucht es eine Beobachterin / einen Beobachter. Die übrige Lerngruppe beobachtet das Gesamtgeschehen. Die Spielleitung kann die Lehrperson übernehmen, aber auch an eine Schülerin / einen Schüler vergeben werden.
 

Rollenkarten

In M 1 werden beispielhaft Vorschläge für die Rollenkarten präsentiert, die erweitert, fortgeschrieben oder abgeändert werden können. Die Einfügung von fiktiven Orts- und Personennamen oder Berufsbezeichnungen macht die Charaktere noch anschaulicher. Darauf muss an dieser Stelle verzichtet werden, damit nicht der Verdacht aufkommt, es stünden real existierende Personen hinter den nachfolgenden fiktiven Beschreibungen, die holzschnittartig die Meinungen und Argumente wiedergeben, die in der Berichterstattung zu den Hakenkreuz-Glocken vorgekommen sind und öffentlich zugänglich waren.

 

Phasen

Als Einstieg in die Diskussionsrunde bietet es sich an, dass jede Rolle ein Kurzstatement abgibt. Danach ist die Diskussion eröffnet. Es braucht eine gewisse Zeit, um sich ins Spiel einzufinden. Zeitliche Vorgaben bieten sich eher nicht an, sondern müssen sich am Spielverlauf und an der insgesamt zur Verfügung stehenden Zeit orientieren. In etwa der Mitte der Diskussionszeit empfiehlt es sich, die Teilnehmenden mit einer neuen Spielsituation zu konfrontieren, bspw. das Angebot der Kirchenleitung, eine neue Glocke zu finanzieren. Etwa fünf Minuten vor Diskussionsende bittet die Spielleitung um die Abschluss-Statements und ruft anschließend zur Abstimmung auf.

Leitende Fragen für die nachfolgende Auswertung der einzelnen Rollen und des Gesamtprozesses können sein:

  • Wie geht es mir?
  • Was habe ich wahrgenommen?
  • Was / welcher Satz / welche Situation ist mir besonders in Erinnerung geblieben?
  • Was hat mich irritiert?

     


Unterrichtsplanung

Das Einsetzen der Methode Planspiel ist nicht unaufwendig. Einerseits muss die Methode ggf. selbst vorgestellt und eingeübt werden, andererseits benötigt das Einfinden in das jeweilige Szenario ausreichend Zeit. Im konkreten Fallbeispiel bedarf es zudem einer Einarbeitung der Sachlage (etwa zur Entscheidungs- und Gremienstruktur der ev. Kirche). Einfassen lässt sich die Unterrichtssequenz in die Beschäftigung mit der Situation der Kirche im NS-Regime, dem Kirchenkampf und dem Widerstand der Bekennenden Kirche.


 

Anmerkugen: 

  1. Das Kerncurriculum für das Gymnasium verortet das Themenfeld „Kirchen im Nationalsozialismus“ unter dem Leitthema „Kirchliche Verantwortung in Staat und Gesellschaft“ im Jahrgang 9 / 10. Vgl. Kerncurriculum für das Gymnasium. Schuljahrgänge 5-10. Evangelische Religion, 31.
  2. Eine ausführliche und frei zugängliche Beschreibung der Planspiel-Methode findet sich unter: http://me thodenpool.uni-koeln.de/planspiel/frameset_plan spiel.html (Abrufdatum: 01.11.18).
  3. Luhmann, Niklas: Die Kontrolle von Intransparenz, 96.
  4. Zur Reduzierung von Komplexität durch Komplexität siehe Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, insbes. 45ff.
     

 
Literatur

  • Luhmann, Niklas: Die Kontrolle von Intransparenz, Berlin 2017
  • Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, Berlin 1987
  • Niedersächsisches Kultusministerium (Hg.): Kerncurriculum für das Gymnasium. 5chuljahrgänge 5-10. Evangelische Religion, Hannover 2016

 

 

Die Schweringer Glocke bevor und nachdem Unbekannte sie mit der Flex „gereinigt” hatten. © Fabian Gartmann 

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