Betrachtet: „Wenn Sie sich gestört fühlen …”

Von Oliver Friedrich

 

Es ist schon merkwürdig: Immer mehr Menschen sagen, dass sie Atheisten seien. Sie sagen, dass sie mit Kirche und Religion nichts anfangen könnten und dass sie sie sich lieber auf sich selbst verließen als zu einem Gott zu beten, dessen Existenz sie für mehr als fragwürdig halten. Im Urlaub aber oder bei Städtetouren besuchen eben diese Menschen alle Kirchen, die am Wege liegen. Sie zücken ihre Fotoapparate und Mobiltelefone und fotografieren jeden Winkel oder sie zünden Kerzen an und verweilen still. Die Kirchengemeinde, in der ich einmal gearbeitet habe, hat einen nicht unwesentlichen Teil ihrer Einnahmen aus Spenden für Kerzen erwirtschaftet, die Besucherinnen und Besucher im Sakralraum anzünden konnten.

Merkwürdig ist auch: Vielerorts sind die Kirchen zum Gottesdienst am Sonntagmorgen nur wenig besucht. Wenn dann aber ein Kirchenvorstand beschließt, dort nicht mehr regelmäßig Gottesdienst zu feiern oder die Kirche anders zu nutzen, sie womöglich zu verkaufen, protestiert der ganze Ort. Auch diejenigen, die seit Jahren nicht mehr im Gottesdienst gesehen wurden, unterzeichnen Unterschriftenlisten und setzen sich für den Erhalt ihrer Kirche in ihrem Ort ein. Das Kirchengebäude an seinem Platz in Dorf oder Stadt scheint für die Menschen etwas anderes zu bedeuten als das, wozu das Gebäude einmal errichtet wurde. Während die Bedeutung des Gottesdienstes, des Gebets, des Glaubens für die Menschen schwindet, behalten die Orte von Gottesdienst, Gebet und Glaube ihre Bedeutung und ihren Platz im Bewusstsein der Menschen.

Die Karikatur von Thomas Plaßmann bringt dieses Phänomen auf den Punkt: Während viele die Kirche und ihre Kunstwerke bestaunen und fotografieren, sitzt eine Frau allein in der Kirchenbank, die Hände zum Gebet gefaltet. Das Gebet droht im Kirchraum zu stören, wenn dieser vor allem als ein kunsthistorisch und touristisch interessanter Ort wahrgenommen wird.

Ohne Zweifel sind viele Kirchgebäude kunsthistorisch interessant und lohnen deshalb einen Besuch. Doch das ist es nicht allein. Der Kirchraum verändert die Menschen, die ihn besuchen, so jedenfalls habe ich es oft beobachtet. Für einen Moment müssen sich die Menschen neu orientieren. Sie müssen klären, wo genau im Raum sie sich befinden: unter der Orgelempore, im Seitenschiff, am Mittelgang? Ihre Augen müssen sich anpassen an das Licht in der Kirche. Gesicht und Nase spüren die veränderte Temperatur, und der Rhythmus von Säulen und Gewölbe verändern den Blick, verändern den Gang. Oft beginnen die Menschen zu flüstern, wenn der Lärm von draußen nur noch entfernt zu hören ist. Sie verlangsamen ihren Schritt und suchen einen Platz in der Kirche, der ihnen in diesem Moment entspricht. Manche zünden eine Kerze an.

Kirchgebäude weisen über sich hinaus. Sie erzählen von einer Wirklichkeit jenseits der Wirklichkeit. Sie umfangen ihre Besucherinnen und Besucher mit dieser anderen Wirklichkeit auch dann, und das ist das Faszinierende, wenn den Menschen Gottesdienst, Glaube und Gebet fremd, ja unbekannt geworden sind. Beim Betreten einer Kirche schwingt diese Wirklichkeit mit und es ist schwer, sich ihr zu entziehen. Menschen, die auf Reisen einen Kirchraum besuchen, betreten also vordergründig nur einen Raum mit einer besonderen Funktion. Dieser Raum aber spricht eine andere Sprache als die Bahnhofshalle oder der Wartebereich im Flughafen. Der Kirchraum öffnet den Blick für eine andere Dimension des Lebens. Vielleicht werden Kirchräume deshalb auch so viel fotografiert. Wer braucht dagegen schon ein Foto von einer Bahnhofshalle?

 
© Thomas Plaßmann