Wolken oder Sonnenschein …
Überlegungen und Anregungen zu Ritualen im Religionsunterricht der Grundschule

Von Beate Peters

 

Der Einsatz von Ritualen im Unterricht birgt viele Chancen in sich: Sie können z. B. eine stärkende Funktion für den Einzelnen und für den Gruppenprozess haben, sie können Inhalte vertiefen und zum Fragen und Bedenken einladen. Rituale zum Beginn und Ende der Stunde können Kindern Sicherheit geben und das Gemeinschaftsgefühl stärken. Je nach Inhalt können sie religiöse Aspekte aufnehmen oder / und die Aufmerksamkeit schulen und helfen, den Blick eher nach innen zu richten.


Mit Ritualen der Heterogenität begegnen

Gerade im Grundschulunterricht, der sich großer Heterogenität in den Lern- und Verhaltensvoraussetzungen der Kinder erfreut, bedarf es gemeinschaftfördernder und strukturgebender Elemente, die das gemeinsame Arbeiten trotz aller Verschiedenheit erst möglich machen. Wenn verhaltensoriginelle, nicht deutsch sprechende, leistungsstarke und -schwache, traumatisierte, vernachlässigte und überbehütete Kinder neben Kindern mit weiteren besonderen Merkmalen in 26er Gruppen von einer Person angemessen beschult werden sollen, bedarf es eines hervorragenden Classroom-Managements mit einer um- und weitsichtigen Rhythmisierung des Schulalltags mit verlässlichen strukturgebenden Elementen.

Soweit ist das Plädoyer klar: Die Grundschule braucht Rituale, um den Erfordernissen für die Gruppenbildung und -entwicklung gerecht zu werden. Kinder brauchen klare Strukturen und Wiederholungen, um sich in einer Gemeinschaft sicher zu fühlen und angemessen verhalten zu können. Gerade bei sehr unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen der Kinder bedarf es nonverbaler Angebote, die Zusammengehörigkeit implizieren.


Rituale im Religionsunterricht

Welche Rituale braucht der Religionsunterricht? Braucht er Rituale, die spezifisch religiös sind? Um es vorwegzunehmen: Selbstverständlich bietet er die Chance, religiöse Rituale einzuführen, um sie probeweise einzuüben und kennen zu lernen. Im Grundschulunterricht wird mancherorts ein Gebetslied ritualisiert an den Beginn einer Stunde gestellt oder auch ein Segensspruch an dessen Ende. Viele religiöse Texte, Lieder und Gebete sind als Gebrauchstexte angelegt und knüpfen nur durch den Gebrauch an Traditionen an, setzen diese fort und vermitteln als solche Erfahrungen. Nur durch den wiederholenden Gebrauch können sie für den Einzelnen an Bedeutung gewinnen.

Weil Kinder ein Recht auf Religion haben, sind Erwachsene und Unterrichtende gefordert, ihnen Angebote zu unterbreiten, die Religion kennen zu lernen, ihre lebensförderlichen Potentiale zu entdecken und je nach Bedarf und Interesse für spätere Lebenssituationen verfügbar zu haben. Eingeübte Rituale können eine sinnstiftende und tröstliche Funktion in schwierigen Alltagssituationen übernehmen, die es Kindern nicht vorzuenthalten gilt: In Situationen der Traurigkeit, Krankheit oder des Alleinseins kann es hilfreich sein, sich an eingeübte Rituale zu erinnern und diese nutzen zu können. Religiöse Lieder und Gebete zu kennen, kann in herausfordernden Lebenssituationen Hoffnung geben und inhaltlich gefüllte Perspektiven eröffnen.


Mit Vorsicht religiöse Rituale im Religionsunterricht anbieten

Allerdings stellt sich die Herausforderung, dass im Gruppenprozess durchgeführte religiöse Rituale (Gebet und Segen) auch vereinnahmen können und nicht ohne das Einverständnis der Beteiligten durchgeführt werden sollten. Deshalb ist es nötig, Kindern verantwortlich die Inhalte bewusst zu machen und ihnen den inneren Ausstieg zu ermöglichen. Unterrichtende stehen in der Verantwortung, im Religionsunterricht vorsichtig mit Elementen religiöser Praxis umzugehen und dem Überwältigungsverbot gemäß Kinder nicht zu Lippenbekenntnissen zu nötigen. Im Sinne des Konzepts des Performativen Religionsunterrichtes ist darauf zu achten, dass Kindern neben der praktischen Einübung auch das distanziertere Nachdenken über Lieder und Gebete angeboten wird. Dabei gilt es, Kinder in ihrer Authentizität und Wahrhaftigkeit zu stärken und sie zu ermutigen, sich eigene Befindlichkeiten und Fragen bewusst zu machen und diese auch auszudrücken.


Rituale mit dem Potential für religiöse Deutungen einführen

Neben spezifisch religiösen Ritualen bietet es sich im Religionsunterricht ebenso an, Rituale einzusetzen, die ermutigenden Charakter haben, ohne religiöse Praxis durch den direkten Gottesbezug (wie bei Gebet und Segen) explizit zu beinhalten. Auf der Suche nach einem Ritual, das religiöses Potential birgt und doch nicht spezifisch religiösen Inhalts ist, lässt sich an Symbolen weiter denken.

Das Symbol Sonne ist beispielsweise allen Kindern als konkrete Sonnen-Erfahrung zugänglich und wird als Licht- und Wärmequelle bei allen auch positive Assoziationen wecken. Die Sonne bedient das Urbedürfnis eines jeden Menschen nach Licht und Wärme und ist somit lebensnotwendig. Gleichzeitig bietet die Sonne die Möglichkeit, als Symbol auf Gott hin gedeutet zu werden.

Der Zuspruch: „Die Sonne scheint für dich – an jedem Tag neu!“ ist kein spezifisch religiös-christlicher und kann jedem Kind einer Klasse zugesagt werden. Die Vorstellung des immer wiederkehrenden Lichts kann durch die Perspektive auf das zuverlässige Helle Zuversicht vermitteln. Das im Folgenden dargestellte Ritual macht sich diesen Zuspruch zu eigen und stärkt dadurch jedes einzelne Kind (durch das Bild des einzelnen Sonnenstrahls) sowie die Gemeinschaft (durch das entstehende Bild der Sonne mit vielen Strahlen).


„Die Sonne scheint für dich!“ – Ein Ritual mit Sonne und Wolken

Nach den Ferien oder nach dem Wochenende bietet es sich an, den Kindern Gelegenheit zu geben, über Erlebtes und Erfahrenes zu sprechen. Um zu ermöglichen, dabei Schönes und weniger Schönes, Angenehmes und Unangenehmes, Fröhliches und Trauriges auszudrücken, kann die Symbolhaftigkeit von Sonne und Wolken genutzt werden:

  • In der Mitte liegt ein großes, blaues Tuch.
  • Darauf liegt eine gelbe Sonne aus Pappe oder Holz (Durchmesser ca. 40 cm), die am Rand 25 bis 30 kleine Löcher hat, durch die jeweils ein gelber dicker Wollfaden (ca. 50 cm) gezogen ist. Die Wollfäden liegen am Anfang zusammengezogen auf der Sonne.
  • Die Kinder sitzen im Kreis um die Mitte. Der Lehrer bzw. die Lehrerin lädt dazu ein, dass jedes Kind sich einen Sonnenstrahl aus der Mitte zieht: „Die Sonne scheint für jeden von uns, an jedem Tag neu. Manchmal kann man sie nicht sehen, aber sie scheint doch. Deshalb darf sich jede / jeder von euch jetzt einen Sonnenstrahl ziehen. Denkt dran: Die Sonne scheint für euch – an jedem Tag neu.“ Nacheinander ziehen sich die Kinder jeweils einen Wollfaden aus der Mitte in ihre Richtung.
  • Als Variation ist folgende Übung möglich: In der nächsten Stunde beginnt die Lehrkraft wieder mit dem Zuspruch „Die Sonne scheint für dich!“ und legt dabei einen Sonnenstrahl in Richtung eines Kindes. Anschließend bittet sie das Kind, für ein anderes Kind den Strahl zu legen und den Satz zu sagen, das andere Kind legt wiederum einen Strahl und spricht einem weiteren den Satz zu usw.
  • Weiterführend kann in einer folgenden Stunde zur Versprachlichung eigener Erfahrungen angeregt werden. Zunächst zieht wieder jedes Kind einen Sonnenstrahl für sich selbst. Im Anschluss wird das Lied „Wolken oder Sonnenschein“ gesungen (M 1). Die Lehrkraft erklärt: „Manchmal erlebt man etwas, und es ist einem, als ob die Sonne scheint. Hast du etwas erlebt, das für dich war, als würde die Sonne scheinen?“ Je nach Interesse erhalten die Kinder die Möglichkeit zu erzählen und nehmen sich ggf. gegenseitig an die Reihe. (Möglich ist das Erzählen von konkreten oder symbolischen Sonnenerlebnissen.)
  • In jeder weiteren Stunde wird zunächst das Lied gesungen. Danach zieht jedes Kind einen Strahl und einige Kinder erzählen von Sonnenerlebnissen. Um die Verwendung symbolischer Sprache zu unterstützen, könnte die Lehrkraft ggf. selbst von einem Sonnenerlebnis in symbolischer Bedeutung erzählen. Einige Kinder werden weiter von konkreten Sonnenerlebnissen erzählen, andere werden auch die symbolische Möglichkeit aufgreifen.
  • In einer späteren Stunde wird in der Mitte ein Körbchen mit kleinen weißgrauen Wolken aus Pappe oder Holz ergänzt. Nach dem inzwischen ritualisierten Beginn mit Lied, Strahlenziehen und Erzählen erklärt die Lehrkraft: „Manchmal ist es einem, als ob lauter Wolken am Himmel sind. Alles scheint grau. Manchmal scheint sogar in Wirklichkeit die Sonne und doch denkt man, alles sei voller Wolken. – Wenn du etwas erlebt hast, das wie eine dunkle Wolke war, kannst du es auch erzählen.“ Interessierte Kinder nehmen sich nacheinander eine Wolke und erzählen jeweils.
  • In einer Folgestunde können beide Übungen miteinander verbunden werden: „Jedes Kind darf sich einen Sonnenstrahl ziehen, weil die Sonne für jeden scheint. Wenn du gerade etwas erlebt hast, das für dich war, als ob die Sonne scheint, darfst du uns davon erzählen. Wenn du etwas erzählen möchtest, das eher war, als ob eine Wolke am Himmel ist und alles dunkel macht, lege eine Wolke auf das Tuch. Auch davon darfst du erzählen.“
     

Diese Übung kann insgesamt ritualisiert eingesetzt werden. Soll es zu Beginn jeder Religionsstunde durchgeführt werden, könnte der Ablauf folgendermaßen aussehen:

  • Das Lied „Wolken oder Sonnenschein“ wird gesungen.
  • Jedes Kind darf sich einen Sonnenstrahl aus der Mitte ziehen, der als Zuspruch gedeutet werden kann: Die Sonne scheint für jeden in unserer Klasse.
  • In jeder Stunde dürfen drei Kinder von ihren entsprechenden Sonnen- oder Wolkenerlebnissen erzählen.
  • Diese drei Kinder suchen in der Folgestunde drei weitere Kinder aus, die erzählen dürfen.
     

Mit diesem Ritual werden die Kinder in der Wahrnehmung, Bewertung und Deutung des Erlebten unterstützt. Sie lernen, Erlebtes selbst in Sprache zu fassen und anderen zuzuhören. Die Klassengemeinschaft wird gestärkt, indem den jeweils persönlichen Erlebnissen begrenzter Raum gegeben und Teilnahme ermöglicht wird. Außerdem üben sich die Kinder – je nach Möglichkeit – in der Verwendung symbolischer Sprache und entwickeln ein Bewusstsein für das Symbol Sonne (bzw. Sonne und Wolken).


Mögliche Weiterführungen des Motivs „Sonne“ mit religiösem Bezug

Die Bewusstmachung und Versprachlichung von „Sonnen- und Wolkenerlebnissen“ kann später ein Ausgangspunkt dafür sein, über Form und Inhalte des Gebets nachzudenken. „Sonnenerlebnisse“ können Grundlage für den Dank und „Wolkenerlebnisse“ für Bitte oder Klage werden.
Das Motiv „Sonne“ kann in verschiedenen Unterrichtssequenzen immer wieder aufgegriffen, bedacht und gedeutet werden, z. B.:

  • Im Rahmen einer Sequenz zur Schöpfung (nach Gott fragen) können Licht und Sonne thematisiert werden.
  • Neben anderen Symbolen kann die Sonne als Gottessymbol ins Spiel gebracht werden (z. B. mit der Symbolkartei von Rainer Oberthür oder mit dem Lied „Gottes Liebe ist wie die Sonne“).
  • Aspekte der Frage nach Jesus Christus können durch das Symbol „Sonne“ erschlossen werden:

– Die Aussage aus der Bergpredigt „Ihr seid das Licht der Welt“ kann zum Nachdenken über die Bedeutung der Nachfolge anregen.

– Die aufgehende Sonne kann im Zusammenhang mit der Auferstehung gedeutet werden: „Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging“ (Mk 16,2).
 

Anregungen für den Einsatz verschiedener Rituale finden sich auch unter www.rpi-loccum.de/ material/lernwerkstatt (Button: vorangegangene Ausstellungen/Button: Rituale im Religionsunterricht)

 
Durch die Löcher am Rand der Sonne sind die Wollfäden bereits durchgezogen.  
Die Kinder ziehen nacheinander die Wollfäden zu sich. In einer späteren Stunde wird das Ritual um Wolken erweitert.
Eingeübtes Ritual: Sonnen- und Wolkenerlebnisse im Bild ausdrücken.