Die Sozialisation der Generation Y
Wie junge Leute Bildung, Beruf, Familie und Alltag managen

Von Klaus Hurrelmann

 

Die Sozialisationsforschung beschreibt die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen als intensive Wechselwirkung zwischen den persönlichen Ressourcen und den sozialen und ökologischen Umweltbedingungen.1 Diese ständige produktive Verarbeitung der inneren und der äußeren Realität, also der körperlichen und psychischen Dispositionen auf der einen und der sozialen und ökologischen Lebensbedingungen auf der anderen Seite, hat ihren Kulminationspunkt im Jugendalter. In dieser Lebensphase entsteht die Fähigkeit, über das eigene Leben sensibel, teilweise hypersensibel nachzudenken.2 Und noch mehr: Das, was junge Menschen in dieser Phase erleben – historische Ereignisse, politische, wirtschaftliche, kulturelle und technische Gegebenheiten – prägt mehrere aufeinanderfolgende Alterskohorten und schreibt charakteristische Muster in ihrer Persönlichkeit fest. Es entsteht eine „Generationslagerung“, die jeweils bestimmte „Generationsgestalten“ hervorbringt.3

 

In diesem Beitrag wird zunächst gezeigt, wie sich solche Generationsgestalten herausbilden und welche Besonderheiten die jüngste Generation, die so genannte Generation Y, kennzeichnet. Anschließend wird erörtert, welche Konsequenzen sich aus der spezifischen Generationsgestalt der jungen Generation für Bildung, Beruf, Familie und Alltag ergeben.


Die Prägung von Generationsgestalten

Karl Mannheim hat in den 1920er Jahren das Konzept der „Generationslagerung“ entwickelt. Er beschreibt damit die tiefe Prägung von aufeinander folgenden Alterskohorten, die durch epochale Veränderungen bestimmt wird.4  In der Nachkriegszeit hat Helmut Schelsky dieses Konzept neu belebt, indem er die Nachkriegsgeneration der 1925 bis 1940 Geborenen analysierte. Diese Generation fand ein politisch demoralisiertes und wirtschaftlich zerstörtes Land vor. Die katastrophal schlechten Verhältnisse schweißte sie zu einer pragmatischen und zupackenden Handlungsgemeinschaft zusammen. Schelsky nannte sie die „skeptische Generation“ – Alterskohorten, die auf das schiere Überleben ausgerichtet waren, nach vorne sahen und mit der nötigen Nüchternheit und Skepsis alles das, aber auch nur das taten, was nötig und möglich war. 5

Angeregt durch diese Studie hat sich in der Sozialisationsforschung eine Definition von Generationen durchgesetzt, die jeweils Alterskohorten von fünfzehn aufeinander folgenden Jahren zusammenfasst. In einem solchen Zeitablauf ändern sich die technischen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Bedingungen derartig stark, dass jeweils eine neue „Generationslagerung“ entsteht, die eine neue „Generationsgestalt“ hervorbringt. Auf die skeptische Generation folgten die 1968er (geboren 1940 bis 1955), dann die Babyboomer (1955 bis 1970), die Generation X (1970 bis 1985) und zuletzt die Generation Y. Jede dieser Generationen ist durch kollektiv erlebte Ereignisse geprägt, die Spuren in ihrem „Sozialcharakter“ hinterlassen haben:

  • Die 1968er-Generation konnte sich nach den Aufbauerfolgen der skeptischen Generation in einer bereits wieder entspannten wirtschaftlichen Lage und einer funktionierenden Demokratie an die fällige Auseinandersetzung mit der Generation ihrer Eltern machen. Die Eltern waren in den Nationalsozialismus verwickelt und verkörperten mit ihrer autoritären Haltung und obrigkeitsstaatlichen Orientierung die für sie Ewig- gestrigen. Diese Auseinandersetzung fiel sehr heftig aus und war von Aggression und Gewalt geprägt; sie symbolisiert bis heute eine „politische Revolution“, die von der nachwachsenden Generation ausgeht.
  • Die wirtschaftliche Ausgangslage verbesserte sich für die Generation der Babyboomer weiter. Sie stellen die bisher zahlenmäßig stärksten Jahrgänge in Deutschland überhaupt, sie sind die Kinder optimistischer Eltern. Sie konnten und können sich „postmaterialistische“ Wertorientierungen leisten und sich politisch für eine gute Lebensqualität und eine saubere Umwelt einsetzen, und sie taten und tun das auch. Sie sind die heute in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik dominierende Generation.
  • Die Generation X konnte ebenfalls in Sicherheit groß werden, obwohl sich erhebliche Krisenwolken am wirtschaftlichen Horizont zusammenzogen. Florian Illies hat diese Generation für Deutschland in seinem launigen Buch auch „Generation Golf“6  genannt und beschreibt sie als junge Leute, die vor lauter Saturiertheit und Sattheit nicht mehr wissen, was sie vom Leben wollen. Sie reagieren auf die Wohlstandsgesellschaft mit „Null Bock“ und hedonistischen Orientierungen, behalten allerdings das Engagement für Lebensqualität und Umwelt bei.
  • Die Generation Y wird durch die heute zwischen 15 und 30 Jahre alten Menschen gebildet. Die Jüngeren sind noch in Schule und Ausbildung, die Älteren stehen an der Schwelle zur Berufsausbildung oder zum Berufseintritt, einige mitunter schon vor einem ersten Berufswechsel. Sie alle sind in ihrer formativen Jugendzeit zwischen 2000 und 2015 mit den interaktiven digitalen Medien groß geworden und erschließen sich damit jeden Winkel der Welt. Ein Angehöriger dieser Generation hat politische Spannungen, Terroranschläge und globale Kriege miterlebt und weiß intuitiv, wie unsicher das öffentliche Leben geworden ist. Er hat erfahren, wie ungewiss bis vor wenigen Jahren der Übergang in den Beruf war; die Jugendarbeitslosigkeit machte es 20 bis 30 Prozent von ihnen unmöglich, einen Ausbildungs- oder einen Arbeitsplatz zu erhalten. Die Generationslagerung ist also durch internationale Krisen und Konflikte, durch unberechenbar gewordene Zukunftsbilder und gleichzeitig dadurch gekennzeichnet, dass man als „digitaler Eingeborener“ jeden Winkel der Welt und jede Nische des Alltagslebens durch interaktive Medien erkunden und sich weltweit verständigen kann.
  • Am sozialen Horizont zeichnet sich die nächste Generation ab, die heute unter 15 Jahre alt ist. Sollten sich die wirtschaftlichen und ökologischen Bedingungen so günstig weiterentwickeln wie heute, kann eine Generationsgestalt erwartet werden, die sich wiederum deutlich von der Generation Y unterscheidet. Die World Vision Kinderstudie 2013 und die Shell Jugendstudie 2015 geben hierzu erste Hinweise: Eine selbstbewusste und entscheidungsfreudige junge Generation wächst heran, die sich auch politisch wieder stärker interessiert und einmischt. Ihre eigentliche Prägung aber erfolgt nach den Erkenntnissen der Sozialisationsforschung erst, wenn sie die Pubertät hinter sich lässt und in die Lebensphase Jugend eintritt. Erst dann macht es auch Sinn, einen angemessenen Namen für diese Generation zu suchen.

     


Die Generationsgestalt der heute 15- bis 30-Jährigen

In diesem Beitrag konzentriere ich mich auf die Generationsgestalt der 15- bis 30-Jährigen. Wie alle Studien zeigen, gehen sie pragmatisch und nüchtern mit ihrer komplexen Lebenssituation um. Sie haben ihren eigenen und eigenwilligen Weg gefunden, mit der Ungewissheit und Unsicherheit in ihrer Biografie umzugehen: Sie haben sich eine offene und suchende Haltung angewöhnt, arrangieren sich unauffällig mit den Gegebenheiten, die sie vorfinden, manövrieren und taktieren flexibel, um sich Vorteile zu verschaffen und gehen an alle Herausforderungen mit einer Mischung aus Pragmatismus und Neugier heran. Sie rollen alles von ihren ureigenen persönlichen Bedürfnissen her auf, von ihrem Ego, denn nur auf sich selbst können sie sich in diesen unsicheren Zeiten fest verlassen. 7

Diese Merkmale haben den jungen Leuten in den USA das Etikett „Generation Y“ eingebracht, womit das Englische „Why“ gemeint ist, die fragende und suchende Grundhaltung mit der immerwährenden Frage nach dem „Warum“, nach dem Sinn dessen, was man gerade tut. Charakteristisch ist der starke Selbstbezug, eine Art „Egotaktik“, eine opportunistische Grundhaltung, das permanente Abwägen von Alternativen der Lebensführung, der ständige Entscheidungsaufschub, das Kosten-Nutzen-Denken, das zeitweilige selbstverliebte Spielen mit den tausend Möglichkeiten, die man hat und von denen man weiß, dass sie fast alle ins Nichts führen können.

Die Beziehung der Ypsiloner zu ihren Eltern, die mehrheitlich zur Generation der Babyboomer gehören (also 1955 bis 1970 geboren wurden), ist auffällig konstruktiv, ja verbindlich. Die Eltern sind die wichtigsten Verbündeten in der unsicher gewordenen Welt. Sie haben einen sozialen Status erreicht, den man möglicherweise als junger Mensch nicht mehr wird einholen können. Heute besteht eine strategische Allianz zwischen den zwei aufeinander folgenden Generationen, die für die jungen Leute von großer Bedeutung ist, weil sie Sicherheit und Rückzugsmöglichkeiten bietet, aber auch für die Eltern Vorteile bringt, weil sie Anschluss an die moderne Welt halten können und den Medienservice im Haus haben.

Die heutige junge Generation besteht aus digitalen Eingeborenen. Ihre vorherrschende Haltung ist die des subjektiv sensiblen „Umweltmonitoring“, geschult darin, komplexe soziale Systeme zu beobachten und sich an ihnen zu orientieren und wenn nötig auf sie einzustellen. Die heutige junge Generation ist durch ihre Mentalitätslagerung in der Lage, systemisch zu denken. Sie kalkuliert Vorteile und Nachteile bestimmter Optionen und hat eine schnelle Auffassungsgabe. Besonders auffällig sind dabei die Reaktionsfähigkeit in komplexen Situationen und die Bereitschaft zum „Multitasking“, also die Fähigkeit, mehrere Tätigkeiten und Funktionen zur gleichen Zeit und parallel nebeneinander zu bewältigen. Das pragmatische Nutzen-Denken ist verbunden mit einem Wunsch nach Harmonie, Treue und Sicherheit. Das alles sind die Spuren der Generationslagerung der heutigen jungen Bevölkerung.

 


Die Absicherungsstrategie der Generation Y: Bildungszertifikate sammeln

Die Angehörigen der Generation Y haben bittere Erfahrungen mit ihrer Zukunftsplanung gemacht. In ihre Jugend fällt die Zeit der „Generation Praktikum“. Über 20 Prozent der älteren Ypsiloner bekamen keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Dann folgten in schnellem Wechsel Wirtschaftsboom, der Beinah-Kollaps des Weltfinanzsystems, Eurokrise und wieder kräftiges Wirtschaftswachstum, aber das fast nur in Deutschland. In allen westlichen, südlichen und östlichen Ländern um Deutschland herum herrscht der Krisenmodus mit beängstigend hoher Arbeitslosigkeit weiter vor.

In einer solchen Ausgangslage sind die jungen Leute bemüht, mit allen Mitteln sicherzustellen, dass sie nicht zu den Bildungs- und Zukunftsverlierern gehören. Wenn sich alles ändern kann, rüstet nur eine möglichst gute Bildung für den Ernstfall. Deshalb streben die jungen Leute nach möglichst hohen Schul- und Hochschulabschlüssen. Sie sehen hierin die einzige Chance, das gesetzt das Handelns in der Hand zu behalten, auch wenn die Chancenstrukturen noch so unübersichtlich und unberechenbar sind. Sie achten auf vielfältig verwendbare und verwertbare Abschlüsse, um sich möglichst viele Wege offenzuhalten. Abitur und Studium stehen deshalb bei ihnen hoch im Kurs. Das Spiel mit den Optionen ist gewissermaßen ihre Anleitung zum Glücklichsein in einer Gesellschaft, in der zu frühes Festlegen auf eine bestimmte Karriere immer mehr zum Risiko wird, später mit allem oder nichts dazustehen.

Im Bereich Bildung kann man auch genau erkennen, mit welcher Strategie die Ypsiloner arbeiten. Sie haben sich nach dem gleichen Muster, das sie bei ihren Eltern verwenden, die Lehrerinnen und Lehrer zu strategischen Bündnispartnern gemacht, flache Hierarchien durchgesetzt, eine partnerschaftliche Beziehung aufgebaut und ein hohes Maß von Individualisierung der Lernschritte erstritten. Sie haben das selbstständiges Lernen unter fachkundiger Anleitung durch die Lehrkräfte als Trainer zur Regel gemacht. An den Gymnasien finden sich heute kaum noch irgendwo obrigkeitsstaatliche Umgangsformen, fast alle sind zu partizipativen, demokratischen Einrichtungen geworden. Die scheinbar so angepasste junge Generation, die anscheinend unpolitisch daherkommt, hat ein enormes evolutionäres Potential, das strategisch so geschickt eingesetzt wird, dass oft ein revolutionärer Effekt daraus entsteht.

Die Generation Y besteht aus jungen Leuten, die sich ständig selbst herausfordern. Sie nehmen nüchtern zur Kenntnis, dass ihre Chancen in Wirtschaft und Beruf bis vor kurzem sehr schlecht waren und auch nach der Entspannung am Arbeitsmarkt immer noch unsicher sind. Die große Mehrheit reagiert hierauf durch eine ständige Arbeit an sich selbst. Anders als die Generation vor ihr, die als Generation X nicht viel für den Eintritt in das Berufsleben tun musste, sieht sich die heutige junge Generation ständig herausgefordert. Da sie aber gelernt hat, geduldig abwartend zu suchen und zu sondieren, entwickelt sie auf diesem Weg durchaus einige Raffinesse. Wie schon gesagt, rollt sie alle ihre Lebenspläne von den persönlichen Bedürfnissen her auf, und diese Strategie überträgt sie auf ihren Weg durch das Bildungssystem. Mit List und Tücke versucht sie alles, um das eigentliche Ziel zu erreichen, nämlich gute Abschlusszertifikate zu erwerben. Sie bringt ein hohes Maß von Selbstmanagement bei der Gestaltung der eigenen Bildungslaufbahn auf.

Die jungen Leute leben in einer Welt, in der man nie auslernt. Die Ypsiloner glauben nicht an den ewigen Job bis zur Rente. Vielmehr glauben sie an ewiges Lernen für immer neue Jobs – und damit fangen sie in der Schule an. Sie erkennen den großen Vorteil, den sie gewissermaßen von Natur aus mitbringen und geschickt strategisch einsetzen: ihre digitale Kompetenz. Das Bildungssystem soll ihnen, die als Digital Natives gewohnt sind, Wissen jederzeit online abzurufen, die gleichen Freiheiten bieten wie andere Lebensbereiche. Und tatsächlich: Individualistisch wie die Generation Y ausgerichtet ist, hat sie in Schule, Ausbildung und Hochschule bereits vielfach durchgesetzt, dass der Lernstoff und die Lernmethode auf ihre persönlichen Bedürfnisse abgestellt werden und auch die Lehrkräfte persönlich auf sie eingehen. Sie sind durch ihre permanente Arbeit am Computer und insbesondere durch ihre intensive Spieltätigkeit gewohnt, regelmäßiges Feedback zu erhalten und Schritt um Schritt in ein Thema einzusteigen. Sie wissen, dass es moderne und flexible Methoden der Selbsteinschätzung von Fähigkeiten und Fertigkeiten gibt, und sie fordern deren Einsatz auch im schulischen Bereich heraus.

Über kurz oder lang wird sich dieser Trend auch an den Hochschulen durchsetzen. Noch sind sie überlaufen, noch brauchen sie sich nicht um die Studierendenzahlen zu kümmern, aber innerhalb der nächsten fünf Jahre wird sich diese Situation ändern. Dann gilt auch für alle Dozenten und Hochschullehrer, was heute für einen Gymnasiallehrer schon selbstverständlich geworden ist. Dann wird auch der Professor zu einem Coach und Supervisor. Dann wird es mit dem heutigen passiven Studieren vorbei sein, und die unternehmerischen Komponenten werden deutlich hervortreten, weil die jungen Leute selbstbewusst als Kooperationspartner auftreten können, ergebnisorientiert und mit klarer Erfolgsorientierung.

 


Berufsvorstellungen und -präferenzen: Leben und Arbeit verbinden

Kommt diese junge Generation in der Berufswelt an, dann will sie ihre Investitionen in den langen Bildungsweg auch amortisieren. Oberstes Ziel ist es nun, sich persönlich einzubringen, Erfüllung und Freude in der Berufstätigkeit zu haben, eine sinnvolle Aufgabe zu erhalten und vom ersten Tag an irgendwelche wichtigen Dinge zu tun und Spuren zu hinterlassen.

Die Ypsiloner sind leistungsorientiert und wollen in den Beruf. Sie haben den Wunsch, in der beruflichen Ausbildung eine eigenständige und kreative Tätigkeit vollziehen zu können. Sie wollen mit den persönlichen Interessen und Neigungen in die berufliche Tätigkeit hineingehen. Auch Aufstiegschancen und materielle Absicherung spielen eine Rolle, stehen insgesamt aber nicht an erster Stelle. Die meisten wünschen sich freie und selbstbestimmte berufliche Tätigkeiten und die Möglichkeit, sich durch den Beruf in der Privatsphäre nicht vollständig einengen zu lassen. 8

Karriere um jeden Preis ist nicht ihr Programm. Sie sind bereit, hart zu arbeiten – aber bitte in Maßen. Ihnen geht es nicht darum, ihre Arbeitszeit möglichst stressfrei abzusitzen, um dann nach Dienstschluss ihr Leben zu genießen. Sie wollen beides: eine erfolgreiche Karriere und Familie oder Freunde, die nicht zu kurz kommen. Es ist, als ob die Ypsiloner intuitiv eine Burn-Out-Sperre in ihr Arbeitsethos eingebaut hätten. Allen ist klar, dass sie unter Umständen im Alter deutlich länger arbeiten müssen als ihre Eltern. Gleichzeitig nimmt das Pensum im Beruf zu. Wer sich da in jungen Jahren zu sehr verausgabt, wird kaum bis zum Rentenalter durchhalten.

Neben der Sicherheit des Arbeitsplatzes spielt die Chance, sich in der Arbeitstätigkeit persönlich zu entfalten und kreativ und selbstbestimmt eigene Fähigkeiten und Fertigkeiten in diese Tätigkeit einzubringen, eine sehr große Rolle. Die Verdienstmöglichkeiten stehen im Vergleich nicht so sehr im Vordergrund. Die Jugendlichen gehen also nicht in erster Linie mit materiellen, sondern eher ideellen, auf Selbstverwirklichung orientierten Motiven an die Ausbildungsgänge und die späteren Arbeitstätigkeiten heran. 9

Das berufliche Ausbildungssystem, das gegenwärtig bei den Meinungsführern der jungen Generation, vor allem den Frauen, nicht hoch angesehen wird, sollte sich das Ziel setzen, die starke und frühe Berufsbezogenheit, die es anbieten kann, als eine wesentliche Grundlage für die selbstverantwortliche Lebensplanung, Selbstverwirklichung und Identitätsentwicklung für Jugendliche darzustellen. Die persönlichkeitsbildende Bedeutung der Berufstätigkeit sollte erfahrbar werden. Da Jugendliche heute hohen Wert auf die ideellen Aspekte der Berufstätigkeit legen, sollten die Möglichkeiten im beruflichen Ausbildungssystem gestärkt werden, kreativ und eigenständig zu arbeiten und eigene Fähigkeiten und Fertigkeiten in die Tätigkeit einzubringen. Geschieht das nicht, wird das akademische Studium immer mehr an Boden gewinnen, denn es erfüllt alle Wünsche an Offenheit der Planung, Flexibilität der Berufsvorbereitung und Selbstfindung, die Ypsiloner heute haben.

Da eine lebenslange Anstellung für die Generation Y alles andere als selbstverständlich ist, hat sie gelernt, auch mit dieser Unsicherheit zu leben. Statt sich panisch an ihren Arbeitsplatz zu klammern, feilen die Ypsiloner ständig an ihren Qualifikationen. Fehlenden Kündigungsschutz gleichen sie durch Attraktivität für andere Arbeitgeber aus. Ein Job muss für sie nicht nur spannend und interessant sein, er muss auch Perspektiven für andere Jobs im Anschluss eröffnen. Deshalb entscheidet sich die Generation Y im Zweifel für das spannendere Projekt mit den netteren Kollegen. 10

Die Generation Y ist ohne traditionelles Statusdenken: Karriere ist für viele nicht eine Frage des Geldes oder des Einflusses, sondern eine Frage, ob die Aufgaben nach einer Beförderung noch interessanter werden. Erste Unternehmen reagieren bereits, indem sie neben der traditionellen Management-Karriere, bei der einen jede Beförderung weiter von der eigentlichen Arbeit entfernt, auch Experten-Karrieren als alternative Aufstiegsmöglichkeiten anbietet.

Stichwort Statusdenken: Die Firma, die einen Dienstwagen zur Verfügung stellt, kann voll daneben liegen. Das Auto ist heute nur noch für einen Teil der jungen Leute ein Statussymbol. Man achtet auf andere Dinge – auf Fitness, Aussehen, Kleidung und vor allem auf die Medienausstattung. Rechner und Smartphone auf dem allerletzten Stand, das zählt für die meisten schon mehr als so etwas wie ein Auto.

 


Die Familienplanung der Generation Y: Die eigenen Bedürfnisse zählen

Denn Lebensläufe sind offen geworden. Ausbildung, Beruf, Hochzeit, Kinder – früher hatte die Gesellschaft klar strukturierte Erwartungen an die Jugend. Heute muss jeder junge Mann und jede junge Frau immer wieder erneut jede biografische Entscheidung selbst fällen. Die Frage nach dem Sinn ist für sie gewissermaßen zum Kompass ihres Lebens geworden.

Noch in der Generation ihrer Eltern hatte in der Regel die große Mehrheit der Dreißigjährigen die Hürden zum formellen Eintritt in die Gesellschaft genommen. Sie verfügten über eine abgeschlossene Ausbildung, eine eigene Wohnung und finanzielle Unabhängigkeit, waren verheiratet und hatten Kinder. Heute sieht das ganz anders aus.11 Die Ausbildungsstrecken sind lang, die Wartezeiten vor dem Berufseintritt auch. Das Durchschnittsalter der Anfänger einer Berufsausbildung im Dualen System beträgt heute knapp 20 Jahre. Das Durchschnittsalter von Frauen, die ihr erstes Kind bekommen, liegt bei über 30 Jahren.

Die große Mehrheit der jungen Leute ist an der Gründung einer eigenen Familie interessiert. Ihre Familienkonzepte sind vielfältig: Patchwork-Familie, Homo-Ehe, WG-Leben mit Kindern – längst nicht alle entsprechen traditionellen bürgerlichen Idealen. In kaum einem Bereich haben sich gesellschaftliche Konventionen so aufgelöst wie bei der Familie. Wilde Ehen grenzen längst nicht mehr an Kuppelei, die Homo-Ehe unterscheidet sich nur noch in wenigen Punkten von der unter Heterosexuellen. In der Generation Y kann jede und jeder Einzelne für sich selbst entscheiden, wie sie oder er das eigene Leben gestalten will und welche Rolle Beziehung und Familie darin spielen sollen. Familienleben muss sich für jeden einzelnen gut anfühlen, lautet die Maxime der Generation Y. Nicht für Staat, Kirche oder Gesellschaft.
Wie alle Generationen vor ihr, verliebt sich auch die Generation Y stürmisch. Ein Ypsiloner prüft aber ganz genau, ob er oder sie auch wirklich den richtigen Partner gefunden hat. Treue ist wichtig, Ehrlichkeit jedoch ebenso. Die Ypsiloner knüpfen ihr Schicksal nicht mehr bedingungslos aneinander. Sie folgen ihren Gefühlen, sind sich aber auch bewusst, dass diese sich ändern können. Single sein ist keine Schande – und für die Generation Y gibt es keinen Grund, eine Beziehung nicht zu beenden, wenn sie nicht mehr funktioniert.

Die Ypsiloner sind auch in der Liebe eine Generation der Realisten: Auslandssemester, Jobs in verschiedenen Städten, die Doppelbelastung durch Kinder und Beruf – Beziehungen sind heute vielfältigem Druck ausgesetzt. Man sieht um sich herum, dass viele Beziehungen auseinandergehen und sich neu sortieren. Man weiß, man ist davon nicht ausgenommen. Deshalb sucht man nach Absicherungen, etwa der, dass der Arbeitgeber Zeit für die Familie gibt. Wozu hat man sonst schließlich Kinder?

Die Generation Y ist auf diese Weise dabei, auch das Familienleben zu revolutionieren. Nicht nur, weil verschiedenste Familienformen gleichberechtigt nebeneinander existieren, sondern auch, weil flexible Arbeitsplanung, der Anspruch auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, von ihr massiv eingefordert werden wird. Und auch natürlich der Ausbau von Kinderbetreuung und Familienunterstützung im öffentlichen Raum.

Die meisten Impulse kommen hier von den jungen Frauen. Sie haben ihr Bild von der weiblichen Geschlechtsrolle entschieden modernisiert und wollen Kinder, Küche, Kirche, Kommune und Karriere miteinander verbinden. Die jungen Männer hinken noch arg hinterher. Eine Mehrheit klammert sich noch immer an das eine männliche K der Karriere und sieht nicht, wie wertvoll für das Leben in einer offenen Gesellschaft die multiple Rollenkombination ist.

Bei aller Modernität: Für das Familienleben haben die Ypsiloner auch einen Hauch Nostalgie übrig. Ihr sehnlicher Wunsch ist das Häuschen im Grünen. Wenn es „spießig“ ist, einen Bausparvertrag abzuschließen, weil man damit ein kleines Stück Sicherheit für später einkauft, dann sind sie eben so. Irgendwelche Konventionen interessieren sie nicht, sie wollen einfach nur leben, wie es ihnen am besten bekommt.

 


Das Motto: Bildung, Beruf, Familie und Alltag bedürfnisorientiert managen

Die heutige junge Generation ist, wie diese Analyse zeigt, eine der pragmatischen Egotaktiker und bedürfnisgesteuerten Sondierer. Aber was fast immer übersehen wird: Sie ist auch eine der heimlichen Revolutionäre. Denn bei allem vorsichtigen „Monitoring“, bei aller Harmoniesucht und Konfliktscheu verändert die Generation Y die Gesellschaft grundlegender als es auf den ersten Blick scheint. Klein, wie sie ist, steigt sie nicht auf die Barrikaden. Sie will einfach keine Energie unnütz für den Kampf um Prinzipien verschwenden, von dem sie sich wenig verspricht. Ohnehin hat sie oft das Gefühl, dass ihr schlicht und einfach die Masse fehlt, um gezielt auf die Politik Einfluss zu nehmen. Stattdessen macht sie keine falschen Kompromisse, sondern lebt ihr Leben einfach nach den eigenen Vorstellungen. In einer Zeit der Globalisierung, Bankenrettung und Euro-Krise, in der politische Entscheidungen immer wieder als „alternativlos“ dargestellt werden, hat sie längst verstanden, dass es stets andere Optionen gibt.

Mit dieser Einstellung sind die 15- bis 30- Jährigen bereits dabei, ihre Lebenswelt radikal verändern. Schon jetzt haben sie in Schule, Ausbildung, Arbeitsleben, Familie und Freizeit einen strukturellen Wandel eingeleitet. Während Familienpolitiker über Betreuungsgeld und Homo-Ehe streiten, leben die Ypsiloner längst, wie es ihnen gefällt. Statt grenzenlosem Engagement für eine Karriere mit vermeintlich sicheren Arbeitsplätzen nehmen sie Elternzeit oder kehren an Schulen oder Universitäten zurück, um sich weiterzubilden.

Nur auf den ersten Blick scheinen sie unpolitisch zu sein. Sie interessieren sich nicht dafür, Programmatiken für eine bessere Welt zu debattieren und große Pläne zu machen, und ideologischen Parolen laufen sie selten hinterher. Klassische Vorstellungen des „Politisch-Seins“ erfüllen sie nicht.12 Sie sehen keinen Grund zu politischer Auflehnung und Opposition gegen die Eltern und Großeltern, und auch nicht gegen die politischen Machthaber. Sie fühlen sich insgesamt nicht bevormundet oder benachteiligt. Aber es wird nicht mehr lange dauen, dann werden die Ypsiloner nicht nur in ihren Familien, Schulen und Arbeitsstätten für flache Hierarchien, gleichberechtigtes Miteinander und intensive Partizipation sorgen, sondern auch in Politik und Öffentlichkeit – alles angetrieben durch die Mentalität, die sie in der formativen Jugendzeit aufgebaut haben und die ihre Generationslagerung widerspiegelt. Ihr Motto lautet: Bildung, Beruf, Familie und Alltag werden von den eigenen Bedürfnissen aus gemanagt.

 

 

Anmerkungen: 

  1. Vgl. Hurrelmann und Bauer 2015.
  2. Vgl. Hurrelmann und Quenzel 2013.
  3. Vgl. Hurrelmann und Albrecht 2014.
  4. Vgl. Mannheim 1964.
  5. Vgl. Schelsky 1963.
  6. Vgl. Illies 2001.
  7. Vgl. Hurrelmann und Albrecht 2014; Shell Deutschland 2015.
  8. Vgl. Bund 2014.
  9. Vgl. Schneider 2013.
  10. Vgl. Haaf 2011.
  11. Vgl. Bund 2014.
  12. Vgl. Ramm et al. 2014.
     


 

 Literatur

  • Bund, Kerstin: Glück schlägt Geld. Generation Y: Was wir wirklich wollen, Hamburg 2014
  • Haaf, Meredith: Heult doch. Über eine Generation und ihre Luxusprobleme, München / Zürich 2011
  • Hurrelmann, Klaus / Albrecht, Erik: Die heimliche Revolutionäre, Weinheim 2014
  • Hurrelmann, Klaus / Bauer, Ullrich: Einführung in die Sozialisationstheorie, Weinheim 112015
  • Hurrelmann, Klaus / Quenzel, Gudrun: Lebensphase Jugend, Weinheim 2013
  • Illies, Florian: Generation Golf, Frankfurt 2001
  • Mannheim, Karl: Das Problem der Generationen, in: Mannheim, Karl: Wissenssoziologie, hrsg. von Kurt H. Wolff, Neuwied 1964, 509 – 565
  • McDonald‘s Deutschland (Hg.): Die McDonald‘s Ausbildungsstudie 2013. Pragmatisch glücklich: Azubis zwischen Couch und Karriere, München 2013
  • Ramm, Michael / Multrus, Frank / Bargel, Tino; Schmidt, Monika: Studiensituation und studentische Orientierungen. 12. Studierendensurvey an Universitäten und Fachhochschulen, Bonn: Bundesministerium für Bildung und Forschung 2014
  • Schelsky, Helmut: Die skeptische Generation, Düsseldorf 1963
  • Shell Deutschland (Hg.): Shell Jugendstudie 2015, Frankfurt 2015
  • Schneider, Hilmar: Ausblick: Was braucht die Arbeitswelt von Morgen?, in: Christine Henry-Huthmacher und Elisabeth Hoffmann (Hg.): Duale Ausbildung 2020. 14 Fragen & 14 Antworten, Sankt Augustin 2013.
  • World Vision Deutschland: Kinder 2013, Weinheim 2013