Jesus segnet die Kinder (Mk 10, 13-16)
Eine Bewegungsgeschichte für Krippenkinder

von Gerta Hoffrichter

 

Zum Abschluss eines Krippenjahres verlassen häufig Kinder unsere kirchliche Einrichtung, um in einen städtischen Kindergarten zu wechseln. Deshalb legen wir in den Wochen vorher den besonderen Fokus auf den Übergang in die neue Situation und den neuen Lebensabschnitt. Wir nehmen in den Blick, dass sich für alle Beteiligten Veränderungen ergeben, die einschneidend sind und verunsichern können. Deshalb ist in dieser Situation für Kinder, Eltern und auch Fachkräfte hilfreich, eine achtsame Begleitung anzubieten. Dabei sollen auch Angebote gemacht werden, die Kinder stärken und ihnen Mut machen. Biblische Begegnungsgeschichten erzählen davon, dass Jesus Menschen, die abgewiesen oder ausgegrenzt werden, anspricht und zum Leben ermutigt. Die Perspektive der Kinder wird insbesondere in der Geschichte der Kindersegnung aufgegriffen: Die Freunde Jesu versuchen, die Kinder davon abzuhalten, zu Jesus zu gehen. Jesus dagegen weist die Erwachsenen zurecht, wendet sich den Kindern zu und segnet sie. Außerdem stellt er ihren Glauben und ihr Vertrauen auf Gott heraus und macht Kinder in dieser Hinsicht zum Vorbild für Erwachsene.

Diese Geschichte spiegelt wider, was zu den Grundsätzen unserer Krippenarbeit zählt: Jedes einzelne Kind wird vertrauensvoll angenommen. Die Kinder können durch das Hören und Spielen der Geschichte einen Zuspruch für sich selbst wahrnehmen: Wie die Kinder, die Jesus zu sich ruft und segnet, bist auch du liebenswert, wichtig und wertvoll. Durch seinen Segen gibt Jesus Schutz und Halt, der überall hin begleitet, auch auf dem Weg von der Krippe in den Kindergarten. So kann der Zuspruch und Segen Jesu für den Moment stärken – und durch Erinnerungen an die Geschichte auch in der Übergangszeit und in der neuen Situation den Kindern (Selbst-)Vertrauen vermitteln.

Diese Geschichte nutzte ich deshalb in der Abschiedsphase fünf Wochen lang für ein religionspädagogisches Angebot im Morgenkreis und für eine Andacht im Rahmen der Verabschiedung aus der Krippe. Damit sich die Kinder in ihr wiederfinden konnten und handelnd in die Erzählung eingebunden wurden, setzte ich den Text aus dem Markusevangelium in eine Bewegungsgeschichte um. Weil die Geschichte die Kinder und ihre Familien weiter begleiten sollte, bekamen sie am Ende der Andacht eine schriftliche Ausführung mit auf ihren Weg.

Mit der Geschichte sollten auch die Eltern spüren, wie christliche Arbeit in unseren Krippenalltag einfließt, die Kinder mitnimmt und bewegt. Erzählungen aus der Bibel sind übertragbar in unsere Zeit, auf aktuelle Lebenssituationen und bieten Hilfestellungen. So kann für die Eltern ein Zugang zur religiösen Erziehung möglich werden.

Der folgende Text aus dem Markusevangelium in der Lutherübersetzung diente mir als Grundlage für meine Bearbeitung:


Die Segnung der Kinder
13 Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an.

14 Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes.

15 Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.

16 Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.

Für die Bearbeitung wählte ich eine Bewegungsgeschichte in Reim-Form. In meiner langjährigen Arbeit habe ich die Erfahrung gemacht, dass Kleinkinder so besonders gut angesprochen werden. Außerdem können sie Reime in Kombination mit Bewegungen besonders schnell aufnehmen und abspeichern. Im Text verwende ich Worte und Lebenssituationen, die den Kindern bekannt sind, und unterstreiche das Ganze mit Bewegungen. Zum Beispiel erfolgt zum Wort „gehen“ die Gehbewegung. Ich benutze bewusst Wiederholungen in der Geschichte, denn sie tragen zum schnellen Erlernen, Begreifen und Vertiefen bei. Die wichtige Aussage „Das gibt Kraft und Mut und wir spüren, das tut gut.“ wird deshalb dreimal in leicht abgewandelter Form eingesetzt.


Die Kindersegnungsgeschichte als Bewegungsgeschichte in Reim-Form

Jesus geht mit seinen Freunden in eine Stadt,

Gehbewegung

die einen großen Marktplatz hat.

einen großen Kreis mit der Hand zeigen

Viele Menschen sieht man gehen,

Gehbewegung und Hand wie eine Schirmkappe über die Augen halten

viele Menschen wollen Jesus sehen.

Hände zur Brille formen und vor die Augen halten

Jesus gibt den Menschen Kraft und Mut.

die Arme in „Kraftprotzpose“ halten

Sie spüren, das ist wichtig und tut gut.

Arme über der Brust kreuzen

Mütter, Väter und Kinder sieht man gehen,

Gehbewegung

auch sie wollen Jesus sehen.

Hände zur Brille formen und vor die Augen halten

Sie hoffen, er gibt Kraft und Mut.

die Arme in „Kraftprotzpose“ halten

Und sie spüren, das tut gut.

Arme über der Brust kreuzen

Doch die Freunde von Jesus sind empört

Hände in die Hüften und empört gucken

und sagen zu den Kindern laut: „Geht weg, ihr stört!

mit den Händen „Geh weg”-Bewegung

Geht weg! Habt ihr nicht gehört?“

mit den Händen „Geh weg”-Bewegung

Die Kinder kriegen Angst und einen Schreck.

Arme vor der Brust kreuzen, zusammenzucken

Sie haben Angst und wollen ganz schnell weg.

Arme vor der Brust kreuzen, zusammenzucken und schnelle Laufbewegung

Da spricht Jesus: „Nein, bleibt hier!

mit den Armen heranwinken

Kommt alle her zu mir!

mit den Armen heranwinken

Ich habe alle Kinder lieb und geb euch meinen Segen,

auf alle Kinder zeigen, sich selbst in den Arm nehmen und ein Dach über dem Kopf zeigen

der soll euch behüten auf allen euren Wegen!

weiterhin Dach über dem Kopf halten

Das gibt Euch Kraft und Mut.“

alle fassen sich an

Und wir spüren, das tut richtig gut!

weiterhin anfassen

 
Zum Ablauf des Morgenkreises

Im Morgenkreis treffen sich 15 Kinder im Alter von einem bis drei Jahren und drei Fachkräfte. Jede und jeder nimmt auf einer Sitzunterlage Platz. In der Mitte steht eine Kerze, auf der ein Kreuz abgebildet ist, sie wird angezündet.

Wir beginnen mit dem Gebet: „Wo ich gehe, wo ich stehe, bist Du, lieber Gott, bei mir …“ Hierbei werden unterstützende Bewegungen gemacht. Dann folgt das Lied: „Gott hat alle Kinder lieb …“

Ich leite die Bewegungsgeschichte wie folgt ein: „Heute möchte ich euch eine Geschichte erzählen, in der Jesus mit den Kindern spricht und genau wie in unserem Lied sagt: ‚Ich habe alle Kinder lieb!‘“

Mit eigenen Worten berichte ich vom Inhalt der Kindersegnungsgeschichte. Ich stelle dann unsere Kerze aus der Mitte in die Fensterbank. Dort hat sie ihren festen Platz. Danach stehen wir auf, ich spreche die erste Zeile mit den Bewegungen vor und alle wiederholen sie. Im Anschluss folgen die nächsten Zeilen, bis die Geschichte erzählt ist. Das Ganze wiederholen wir.

Zum Abschluss versuche ich mit den Kindern über die Geschichte zu sprechen. Ich stelle Fragen zu Situationen der Geschichte, die die Kinder aus ihrem Leben kennen, z. B.: „Die Freunde von Jesus schicken die Kinder weg. Hat dich auch schon mal jemand weggeschickt?“ Zum Abschluss lösche ich unsere Kerze und wir singen unser Aufräumlied: „Was machen wir so gerne hier im Kreis ….

 

Eindrücke aus dem wiederholten Einsatz im Morgenkreis

In den fünf Wochen vor dem Abschied spielten wir die Bewegungsgeschichte regelmäßig durch. Es zeigte sich, dass die Kinder die Wiederholung genossen, weil sie sicherer wurden, die Bewegungen mitmachten und schließlich den Text verinnerlicht hatten.

Die Kinder hatten Spaß an den Bewegungen und ich hatte den Eindruck, dass sie den Text dadurch – Zeile für Zeile – immer besser verstanden. Besonders den älteren Kindern ab dem zweiten Lebensjahr war das anzumerken. In den Zeilen, in denen z. B. gezeigt werden konnte, wie stark sie sind, machten die vielen Jungen, die wir in der Gruppe haben, besonders gern mit. Sie wurden durch die „Kraftprotzpose“ angesprochen. Auch das empörte Verhalten der Freunde Jesu berührte viele Kinder sichtlich, schnell ahmten sie Bewegungen und Mimik nach.

Ich hatte mir vorgestellt, recht schnell mit den Kindern ein Gespräch über die Geschichte führen zu können. Doch ich spürte, dass sie einige Wiederholungen im Morgenkreis benötigten, um die Geschichte so zu verarbeiten, dass Platz für das Gespräch war. Dabei zeigte sich, dass die Kinder sich wiederfanden und von eigenen Erfahrungen erzählen konnten: „Meine Mama und mein Papa haben mich lieb.“ (Wer hat dich lieb?) „Wenn es ganz laut ist, habe ich Angst.“ (Hast du auch mal Angst?)

Die Aussage der letzten zwei Zeilen der Geschichte: „Das gibt euch Kraft und Mut und wir spüren, das tut richtig gut“ wiederholte ich bei der Durchführung. Ursprünglich hatte ich vor, diese Zeilen nur einmal zu sprechen. Das gemeinsame Anfassen und Bewegen machte deutlich und erfahrbar: So kann es sich anfühlen, wenn wir kräftig und mutig werden. Jetzt können wir spüren, wie gut das tut.

 

Zum Einsatz bei Verabschiedungen mit Eltern

Bei zwei Verabschiedungen, die schon zuvor stattfanden, waren alle Kinder und die Familien der zu verabschiedenden Kinder dabei. Auch hier spielten und sprachen wir die Reime zur Kindersegnungsgeschichte. Viele Kinder machten mit und die Erwachsenen hatten ebenfalls Spaß, sprachen und bewegten sich zum Text.

Am letzten Tag des Krippenjahres wurden dann acht Kinder verabschiedet. Wir feierten aus diesem Anlass eine Andacht, an der besonders die Familien der Kinder, die in den Kindergarten kamen, teilnahmen. Der Ablauf der Andacht war ähnlich aufgebaut wie der im Morgenkreis. Die Kindersegnungsgeschichte bildete den Schwerpunkt. Wir feierten im Gemeindehaus, mit einem großen Stuhlkreis für die Erwachsenen, in dem sich innen ein Sitzkissenkreis für die Kinder befand. In der Mitte auf dem Fußboden stand unsere Kerze und darum herum lagen die vorbereiteten, laminierten Geschichten. Wieder wurde deutlich, dass die Bewegungsgeschichte den Bibeltext bei allen verständlich machen kann und auch die Erwachsenen sich auf Geschichte und Bewegung einließen. Ich hoffe, dass dieses Erlebnis dazu beiträgt, dass Kinder und Erwachsene die Geschichte innerlich mitnehmen und sich ermutigen lassen, neue Wege zu gehen.
 


Literatur

  • Die Bibel, nach der Übersetzung Martin Luthers, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2006
  • Möller, Rainer / Tschirch, Reinmar: Arbeitsbuch „Religionspädagogik für Erzieherinnen“, Stuttgart 2006
  • Arbeitshilfe für evangelische Kindertagesstätten nach den Grundsätzen 06/2010, Diakonisches Werk der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers e.V.