Rollenbilder in der Kinder- und Jugendliteratur
Lektüreideen für die Schule

Von Ulrike Fiene

 

In den Sozialwissenschaften wird der Begriff „Gender“ definiert als durch die Gesellschaft und Kultur geprägte Geschlechtereigenschaften einer Person. Dieses soziale Geschlecht wird ausdrücklich abgegrenzt von dem biologischen Geschlecht. Die Geschlechterrolle, die in einer Gesellschaft vorherrscht, ist also kein biologisches Phänomen, sondern ein sozial-kulturelles.

Es gibt keine homogen männliche oder homogen weibliche Gruppe in einer Gesellschaft, auch wenn es Staaten gibt und Zeiten gab, die diese Wunschvorstellung gerne manifestieren und auch noch kombinieren mit „besser“ oder „schlechter“, mehr oder weniger Wert. Jungen sind anders – Mädchen auch. Jungen lesen anders, sie bevorzugen in der Regel andere Inhalte und oft andere Genres als Mädchen. Der Buchmarkt geht auf diese Wünsche ein und versucht, Buchreihen für Mädchen oder Buchreihen für Jungen zu verkaufen.


„Zeichen setzen! Zwölf Porträts berühmter Frauen“

Unter diesem Titel zeigt Andreas Venske, dass sich das Bild der Frau in Deutschland stark gewandelt hat. Frauen sind heute auf Chefposten, vor allem in Wirtschaftsunternehmen, noch eher die Ausnahme. Durch mangelnde Fähigkeiten ist dies nicht zu erklären.

Andreas Venske stellt als eine der Frauen, die Geschichte geschrieben haben, Katharina von Bora vor. Sie, die als geflohene Nonne den ehemaligen Mönch Martin Luther heiratete, führte das gastfreundliche Haus wie ein Unternehmen. Oft saßen mehr als 40 Personen am Mittagstisch. „Herr Käthe“ nannte Luther seine Frau. Es gelang ihr, auch nach dem Tod ihres Ehemannes selbstständig zu bleiben.

Neben zwei Unternehmerinnen stellt das Buch in kurzen Szenen und jeweils einem kurzen Lebenslauf Politikerinnen, Forscherinnen, Künstlerinnen und Pionierinnen vor. Ihnen allen ist gemein, dass sie dafür gekämpft haben, frei für sich zu bestimmen, wie sie ihr Leben gestalten wollten, obwohl die Gesellschaft etwas anderes von ihnen verlangte und erwartete. Das jüngste Beispiel ist Malala Yousafzai, die junge Afghanin, die sich für Mädchenbildung einsetzt.

Einfach war dieser selbstbestimmte Weg für keine der Frauen, denn das Rollenbild ihrer Zeit sah für sie etwas ganz anderes vor. Über die unterschiedlichsten Erwartungen an Frauen quer durch die Geschichte kann man mehr in den Einführungskapiteln dieses Buches von Andreas Venske erfahren.

Für den Unterricht eignet sich dieses Buch sehr gut, weil sich die zwölf Portraits eine gute Grundlage für Referate sind. Mit Hilfe gemeinsamer Fragestellungen können anschließend Informationen verglichen und ausgewertet werden. So wird deutlich, wie sehr sich das Frauenbild auch in Deutschland in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten gewandelt hat. Das Wissen über das schwierige Streben nach einem selbstbestimmten Leben und die vielen Steine, die Frauen dabei in den Weg gelegt wurden, hilft vielleicht auch, den eigenen Blick zu schärfen und einen eignen Standpunkt zu aktuellen Fragen zu entwickeln. Wie alt war Maria bei der Geburt Jesu? In ihrem Kulturkreis und in ihrer Zeit wurden Mädchen früh verheiratet. Eine in unserem heutigen Verständnis erwachsene Frau war sie sicherlich nicht. Müssen wir aber deshalb heute noch Kinderehen akzeptieren?


Anpassung an die Erwartungen Anderer um jeden Preis?

Das Lesen von Büchern soll natürlich unterhalten; viele Inhalte lassen aber über das nachdenken, was wir für selbstverständlich und normal halten. Und es gibt Inhalte, die Mut machen, anders zu sein und dazu zu stehen. Das gilt für die Berufswahl ebenso wie für Gedanken oder sexuelle Präferenzen.

„Eul doch“ von Martin Baltscheit erzählt in einem Bilderbuch die Geschichte einer kleinen Eule, die im Gegensatz zu allen anderen Familienmitgliedern nicht weint. Die Familie will sie zwingen, sich „normal“ zu verhalten, sie schickt sie fort, grenzt sie aus – erfolglos. Erst als sich beide Parteien schließlich so akzeptieren, wie sie sind, und sich die Familie auf die kleine Eule zu bewegt, ist eine gemeinsame, angenehme Zukunft für alle möglich.

Dieses Buch eignet sich für die Grundschule. Es ist teilweise für die jungen Zuhörer und Betrachter ganz schön erschreckend und gruselig; aber es wird auch dazu reizen, darüber zu sprechen, wie es ist, ausgegrenzt zu sein, Ansprüchen genügen zu müssen, Ängste zu haben.


Lektüreempfehlungen

Will man eine Lesekiste zusammenstellen, die viele Fassetten des Themas „Gender“ abdeckt, so wird man natürlich auf dem Markt der Kinder- und Jugendbücher fündig. Lesekisten haben den Vorteil, dass jeder Schüler und jede Schülerin eine Lektüre finden wird, die zu seinem oder ihrem Leseverhalten passt. Wenige gemeinsame Fragestellungen ermöglichen im Anschluss an die Lektüre einen Austausch von Informationen, eine Diskussion, die das Thema in seiner ganzen Palette zeigt.

Kulturen prägen Geschlechterrollen. „Der geheime Himmel“ erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven über eine verbotene, lebensgefährliche Liebe und über das Leben in Afghanistan.

  • Abawi, Atia: Der geheime Himmel, dtv 2015, ISBN 978-3-423-74014-2, 14,95 €, 339 Seiten, ab 14 Jahre
     

Homosexuelle Jugendliche haben auch heute noch eine Menge Probleme zu überwinden. „Ein Känguru wie du“ erzählt die Geschichte von zwei Raubkatzen, die für einen Auftritt trainieren. Kurz vor dem Auftritt laufen sie weg, da sie erfahren, dass ihr Trainer schwul ist. Aber auch ihr neuer Freund ist schwul. Da gibt es einige Vorurteile zu überdenken!

  • Hub, Ulrich: Ein Känguru wie du, Verlag Silberfisch Hamburg 2015, ISBN 978-3-86742-559-9, Hörspiel auf Audio CD, 12,99 €, ab 6 Jahren
     

Starke Mädchen wollen ihren eigenen Ansprüchen genügen und sich selbst verwirklichen. „Coco und das Kleine Schwarze“ erzählt die Lebensgeschichte von Coco Chanel. Aufgewachsen im Waisenhaus lernt sie Schneiderin, steigt gesellschaftlich auf und will dazugehören. Sie revolutioniert die Mode und befreit die Frauen vom Korsett.

  • Van Heringen, Annemarie: „Coco und das „Kleine Schwarze“ , Freies Geistesleben 2014, ISBN 978-3-7725-2883-5, Bilderbuch, 26 Seiten, 14,90 €, ab 6 Jahren
     

Vollkommen gleichberechtigt in einer Welt der Zukunft leben, das muss nicht unbedingt erstrebenswert sein. „Ugly – verlier nicht dein Gesicht“ spielt in der Zukunft. Zum 16. Geburtstag werden alle Jugendlichen einer Schönheitsoperation unterzogen. Dank eines kleinen geheimen Eingriffs in das Gehirn werden sie aber gleichzeitig zu unkritischen Mitgliedern einer Spaßgesellschaft.

  • Westerfeld, Scott: „Ugly – Verlier nicht dein Gesicht“, Carlsen 2016, ISBN 978-3-551-31587-8, 429 Seiten, 5,99 €, ab 12 Jahre
     

Sind typische Mädchenbücher und typische Jungenbücher wirklich so typisch? „ Abenteuer für starke Jungs“ bietet ebenso Prüfmaterial wie „Typisch Mädchen“. Neben den rosafarbenen Glitzer-Büchern mit Elfen gibt es auch dieses Buch, das Mädchen ermutigt, wild und unangepasst zu sein. „Typisch Jungs“ macht Jungen Mut, sich gegen das Rollenverhalten zu verhalten.

  • Brami, Elisabeth: „Typisch Mädchen?“ Thienemann 2016,, ISBN 978-3-522-30432-3, Sachbilderbuch, 40 Seiten, 5,99 €, ab 4 Jahren
  • Brami, Elisabeth: „Typisch Jungs?“, Thienemann 2016, ISBN 978-3-522-30429-0, Bilderbuch, 40 Seiten, 5,99€, ab 4 Jahren
  • Schöne, Hegner u.a.: „Abenteuer für starke Jungs“, Ellermann 2015, ISBN 978-3-7707-7665-8, Bilderbuch, 26 Seiten, 2,95 €, ab 6 Jahren
     

Die ausführlichen Rezensionen aller hier genannten Bücher findet man in der Datenbank unter www.ajum.de. Die Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW rezensiert Kinder- und Jugendbücher. Gesucht werden können Bücher über Schlagwort, Titel, Suchtext, Gattung, Einsatzmöglichkeit. 

 
Venske, Andreas: Zeichen setzen! Zwölf Porträts berühmter Frauen, Arena 2015, Reihe Lebendige Biographien, ISBN 978-3-401-60119-9, 126 Seiten, 8,99 €, ab 12 Jahren  
Baltscheit, Martin: Eul doch, Carlsen 2016, ISBN 978-3-86742-577-3, Bilderbuch, 48 Seiten, 14,99 €, ab 6 Jahren