Betroffene sexuellen Missbrauchs in den evangelischen Landeskirchen fordern immer wieder die Einrichtung unabhängiger Anlaufstellen. Auch Ex-Justizministerin Havliza spricht sich dafür aus, dass die Kirchen mehr externe Fachleute hinzuziehen.
Osnabrück (epd). Die ehemalige niedersächsische Justizministerin Barbara Havliza (CDU) hält es für wichtig, dass alle Prozesse rund um Missbrauchsfälle in Institutionen wie den Kirchen unabhängig überprüft werden. Die Aufarbeitung, die Entwicklung von Präventions- und Interventionskonzepten sowie der Umgang mit Betroffenen und Beschuldigten sollten durch Expertise von außen neutral begleitet werden, sagte Havliza in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Ansonsten bleibt zumindest immer der Verdacht, dass die Institutionen die eigenen Interessen in den Vordergrund stellen.“
Die Katholikin und Opferbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen ist Sprecherin der sogenannten Monitoring-Gruppe, die im Bistum Osnabrück den Schutzprozess gegen sexualisierte Gewalt kontrolliert. Dieses achtköpfige Gremium, eine Art Aufsichtsrat, ist mehrheitlich mit unabhängigen, externen Fachleuten besetzt. Außer Havliza ist noch ein weiterer Jurist Mitglied. Auch Betroffene haben dort eine Stimme. Dabei gehe es auch darum, dem Bischof und anderen Leitenden im Bistum auf Augenhöhe und mit Expertise begegnen zu können, betonte die Sprecherin.
Kirchen sollten transparent sein
Gerade die Kirchen hätten historisch ein Selbstverständnis entwickelt, das es ihnen schwer mache, sich selbst zu hinterfragen und die Deutungshoheit abzugeben, erläuterte Havliza, die als Richterin am Landgericht zehn Jahre lang über Fälle von sexuellem Missbrauch geurteilt hat. Macht und Kontrolle abzugeben und sich offen und transparent zu zeigen, sei aus ihrer Sicht aber notwendig, wenn die Kirchen Vertrauen zurückgewinnen wollten. „Es sollte nicht der Eindruck entstehen, die machen da weiterhin ihr eigenes Ding, aber den Betroffenen wird nicht Genüge getan.“
Havliza bezeichnete den Austausch mit Generalvikar Ulrich Beckwermert als Vertreter des Bistums in der Monitoring-Gruppe als konstruktiv und offen. Dem Bistum sei sehr daran gelegen, den Schutzprozess im Sinne der Betroffenen und im Sinne der Prävention voranzutreiben. Es sei gut, dass der Generalvikar die Sicht der Kirche einbringe. In Kontroversen müsse er sich aber der Mehrheit der weltlichen Vertreter beugen.
Unabhängige Ombudsperson ist wichtig
Für wichtig halte sie außerdem die Aufgabe der unabhängigen Ombudsperson. Simon Kampe helfe Betroffenen bei Antragstellungen etwa für Anerkennungsleistungen und vertrete ausschließlich deren Interessen, im Zweifelsfall auch gegen die des Bistums. Kampe werde zwar vom Bistum bezahlt, agiere aber unabhängig. Dasselbe gelte für die unabhängige Beauftragte für den Schutzprozess Anne Mühlhöfer. Beide seien nicht dem Bischof oder dem Generalvikar, sondern ausschließlich gegenüber der Monitoring-Gruppe verantwortlich.
epd lnb mas dab