Erstmals haben Betroffene sexualisierter Gewalt Rederecht vor der hannoverschen Landessynode erhalten. Einige von ihnen kritisierten, dass die Öffentlichkeit sowie Betroffene aus diakonischen Einrichtungen bei der Anhörung nicht zugelassen waren.
Hannover (epd). Erstmals haben am Mittwoch mehrere Betroffene sexualisierter Gewalt aus Niedersachsen ein direktes Rederecht vor der evangelischen Synode in Hannover erhalten und direkt zu den Kirchenparlamentariern gesprochen. Synodenpräsident Matthias Kannengießer sprach nach der nicht öffentlichen Anhörung von einem „sehr intensiven Vormittag“. Das gelte sowohl für die Betroffenen, vor denen er großen Respekt habe, als auch für die Zuhörenden. Den Angaben zufolge hörten die Synodalen der hannoverschen Landeskirche die Schilderungen von elf Betroffenen. Sechs von ihnen sprachen persönlich vor der Synode. Ein Beitrag wurde als Audiodatei vorgespielt, vier weitere wurden verlesen.
Einige Betroffene hatten schon vor der Synodentagung kritisiert, dass die Anhörung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, und die Möglichkeit der öffentlichen Rede gefordert. Synodenpräsident Kannengießer betonte demgegenüber, es habe Personen gegeben, die sich ausdrücklich dafür bedankt hätten, dass das Plenum nicht öffentlich gewesen sei.
Ein direktes Rederecht für Betroffene sexualisierter Gewalt war nach Kannengießers Angaben zunächst für die laufende Tagung beschlossen worden. Ob Betroffene auch bei kommenden Tagungen des Kirchenparlaments sprechen dürften, beschließe die nächste Synode. „Es ist ein Thema, das bleibt“, betonte Kannengießer.
Deutliche Kritik von Betroffenen
Die Betroffene Kerstin Krebs sagte im Anschluss ihres zehnminütigen Vortrags dem Evangelischen Pressedienst (epd), sie halte an ihrer Kritik an den Rahmenbedingungen fest. „Die waren nicht traumasensibel und schlecht.“ Die Betroffenen konnten vor der Synode einzeln und auf Wunsch mit einer Begleitperson sprechen. Krebs wertete das als Versuch der Isolation. Zugleich habe sie sich „in Teilen wahrgenommen“ gefühlt, erläuterte sie. Die Frage sei jetzt, ob und in welcher Form die Synode auch künftig an dem Rederecht für Betroffene festhalte.
Die Betroffene Lisa Meyer äußerte mit Blick auf den Ausschluss der Öffentlichkeit, die Kirche habe „paternalistisch und bevormundend über Formen, Inhalte und Öffentlichkeit“ entschieden. Auf ihre verspätete Anfrage, ob sie trotz Ablauf der Anmeldefrist dennoch vor der Synode sprechen dürfe, habe sie bis zwei Tage vor Beginn der Synode keine Antwort erhalten, obwohl ihr diese versprochen worden sei, kritisierte sie: „Was Sie hier zeigen, ist nicht Wertschätzung und Respekt, sondern institutionelle Herablassung.“ Sie habe deshalb ihre Anfrage zurückgezogen.
Schweigeminute für Betroffene
Der Betroffene Horst E. sagte, er habe sich von der Synode „gehört“ gefühlt. Er habe das Kirchenparlament um eine Schweigeminute für Betroffene gebeten, die infolge ihrer Missbrauchserfahrungen Suizid verübt haben. Dass alle Synodalen aufgestanden seien, habe ihm das Gefühl gegeben, dass sein Bericht „bezeugt“ würde. Dies sei für ihn wichtig, weil er stets die Erfahrung gemacht habe, dass seinen Erfahrungen und Erlebnisse kirchlicherseits nicht geglaubt worden sei oder geleugnet worden seien. Zugleich äußerte E. die Erwartung, „dass die Synode begreift, dass sie Macht und Verantwortung hat, etwas für die Betroffenen zu bewegen“.
Katharina Kracht von der Initiative „Vertuschung beenden“ sagte, sie erkenne zwar die guten Absichten der Synode an, sich mit dem Thema sexualisierte Gewalt auseinanderzusetzen. Jedoch zeige die Landeskirche eklatante Schwächen bei der Dokumentation von Missbrauchsfällen und bei der Kommunikation mit Betroffenen. Sie forderte, die Aufarbeitung müsse fortan von externen Stellen übernommen werden. Dies gelte insbesondere für Verwaltungsvorgänge wie eine lückenlose und transparente Dokumentation von Fallmeldungen.
Diakonie-Betroffene enttäuscht über Ausschluss
Betroffene aus Einrichtungen der Diakonie, etwa Kinderheimen, zeigten sich enttäuscht, kein Rederecht vor der Synode erhalten zu haben. Zu ihnen gehört Ioannis Wolters. Der 81-Jährige war dennoch nach Hannover gekommen. Er trug ein Schild um den Hals mit der Aufschrift „Missbrauchsopfer der ev. Kirche“. „Die Kirche muss endlich mit uns reden, damit das Geschehene aufgearbeitet werden kann“, sagte Wolters. Er habe als Jugendlicher in der diakonischen Anstalt Freistatt bei Diepholz Zwangsarbeit leisten müssen, sei geschlagen und vergewaltigt worden.
Schon einige Wochen vor der Synode hatten Betroffene wiederholt gefordert, öffentlich sprechen zu können. Sie argumentierten, dem Wunsch einzelner Betroffener nach Anonymität hätte die Synode nachkommen können, ohne den Wunsch anderer nach Öffentlichkeit zu missachten. So hätte ein Livestream eine Unterbrechung bei anonymen Beiträgen ermöglicht.
Synode verteidigt nicht öffentliche Sitzung
Das Präsidium der Landessynode erklärte dazu, in einem Vorgespräch mit Betroffenen habe sich gezeigt „dass der eine Weg, der für alle betroffenen Personen gleichermaßen passt, nicht existiert“. Deshalb sei ein Setting erarbeitet worden, das eine geschützte Atmosphäre biete und es Betroffenen erlaube, den Sitzungssaal ohne Kontakt zu den Medien zu betreten. Auch eine Begleitperson war erlaubt.
Mit Blick auf Betroffene aus Diakonie-Einrichtungen hieß es, die Synode habe für die organisatorisch und rechtlich von der Landeskirche unabhängige Diakonie keine Entscheidungsbefugnisse und wolle Betroffenen nicht sagen müssen, sie sei für sie nicht zuständig.