Den Druck machen sich die Kinder selbst

Lena Sonnenburg, Dozentin für den Bereich Grundschule. Foto: RPI

Was für Schüler:innen und Eltern beim Schulwechsel wichtig ist

Für viele Kinder steht jetzt der Wechsel auf die weiterführende Schule an. In Klasse 5 sind sie plötzlich wieder die Kleinsten und auch sonst ist vieles neu und ungewohnt. Im Interview verrät Lena Sonnenburg, Dozentin für den Bereich Grundschule, was wichtig ist und wie Eltern ihre Kinder besonders gut begleiten können.

Beginnt für die Kinder, die jetzt in die 5. Klasse gewechselt sind, wirklich der Ernst des Lebens?

Sonnenburg: Für die Kinder nicht, eher für die Eltern (lacht). Ab der 5. Klasse gehen die Kinder nämlich steil auf die Pubertät zu. Das wird dann spannend. Und der Ernst des Lebens hat sich durch den Wegfall der Orientierungsstufe sowieso schon in die Grundschule verlagert. Schulwechsel und Leistungsdruck sind oft auch schon in der 4. Klasse ein beherrschendes Thema. Aber da, wo Grundschulen und weiterführende Schulen gut kooperieren, zum Beispiel in Schulverbünden, da sind die Wechsel gut vorbereitet und organisiert.

Für die meisten Schüler:innen standen ein Ortswechsel und der Abschied von liebgewonnenen Klassenkamerad:innen an. Wie einschneidend ist diese Erfahrung?

Sonnenburg: Oh, das ist schon ein großer Schritt. Die Kinder sind natürlich voller Vorfreude und ganz aufgeregt, sie freuen sich auf neue Fächer und darauf, endlich keine Grundschüler:innen mehr zu sein. Aber zugleich haben sie auch Ängste: Werde ich neue Freunde finden? Wie ist das mit dem Schulweg? Und was mache ich bloß, wenn ich den Bus verpasse? Und man muss sich auch mal klarmachen, wie ungewohnt die neue Schule schon allein durch ihre Größe ist. Grundschulen sind meist sehr überschaubar – und plötzlich teilen sich dann 500 oder noch mehr Schüler:innen eine Schule.

Wie lange brauchen die Kinder, um sich einzugewöhnen? Was schätzen Sie?

Sonnenburg: Schon das allererste Ankommen dauert mindestens drei Wochen. Dann wissen die Kinder so halbwegs, wo der Kunstraum ist und wie sie die Turnhalle finden. Und dann stellt sich auch das Gefühl ein: Hier ist es okay für mich. Damit die Kinder aber richtig ankommen können, brauchen sie Zeit bis zu den Herbstferien. Dann haben sie erste Freundschaften geschlossen, kennen endlich alle Lehrer:innen beim Namen und wissen so ungefähr, was hier von ihnen erwartet wird. Denn insgesamt ist die weiterführende Schule schon sehr viel funktionaler als die Grundschule; der Klassenraum ist nicht mehr so heimelig-gemütlich, in jedem Fach hat man bei einer anderen Lehrkraft Unterricht – an all das muss man sich erst mal gewöhnen.

Wie sollten Eltern ihre Kinder in dieser Zeit begleiten? Den Druck leicht erhöhen? Oder besonders behutsam sein?

Sonnenburg: Auf jeden Fall besonders behutsam sein. Den Druck machen sich die allermeisten Kinder schon von ganz alleine. Die wollen ja auch, dass es gut läuft. Besonders wichtig ist es deshalb, dass die Eltern ein offenes Ohr für die Sorgen ihrer Kinder haben. Und beim Halbjahreszeugnis kann man dann immer noch schauen, wie es mit den Noten so aussieht und ob man vielleicht doch mehr hinter den Hausaufgaben her sein muss als in der Grundschule. Das ist dann immer noch früh genug.

Die Fragen stellte Dr. Michaela Veit-Engelmann