„Jeder Schritt führt ins Dilemma.“ – Ein Gesprächsanlass für den Religionsunterricht in der Sek II

von Kirsten Rabe

Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit ist ein völlig neues ethisches Konfliktfeld entstanden. Das Verhältnis von Freiheit und Verantwortung muss neu ausgelotet werden, Begriffe wie Gerechtigkeit und Schuld werden aus einer bisher ungewohnten Perspektive inhaltlich besetzt. Und das Schwierigste an diesem Konfliktfeld: Der Mensch ist nicht nur permanent mit moralischen Dilemmasituationen konfrontiert, es gibt auch keine „vorbildlichen“ Lösungen und Erfahrungswerte, auf die man zurückgreifen könnte. 

Mit überraschend wenig Widerstand haben die Menschen in Deutschland im März 2020 den Lockdown akzeptiert und ihre Freiheit einschränken lassen. Vernunft und Vertrauen in die Entscheidungen aus Politik und Medizin mögen hier ebenso leitend gewesen sein wie die Angst vor dem, was man in den Medien u.a. aus Italien oder Japan täglich gesehen hat. Sicherheitsabstand, Verzicht auf Besuche bei denen, die zur Risikogruppe gehören, aber auch Verzicht auf alle anderen sozialen Netze außerhalb des eigenen Haushalts, Mund-Nasen-Schutz und deutlich eingeschränkte Kommunikation – alles das haben die Menschen seit März akzeptiert. Die einen bezeichnen das als das Wahrnehmen von persönlicher Verantwortung bzw., wie Vertreter*innen der Kirchen formulierten, als gelebte Nächstenliebe. Die anderen bezeichnen das deutlich kritischer als „moralische Bevormundung“ und damit genau das Gegenteil, nämlich die Abnahme von Eigenverantwortung. 

Die Dilemmata liegen auf der Hand: Was ist das höchste Gut – das (Über-)Leben oder ein Leben in sozialer Gemeinschaft mit seinen aktuellen Risiken? Rechtfertigt die Ansteckungsgefahr, Sterbende in ihrer letzten Lebensphase allein zu lassen? Stehen Besuchsverbote und die schlimmen Folgen sozialer Isolation in einem angemessenen Verhältnis? Wie soll man umgehen mit der Gefahr von Gewalt in Familien, die auf sich allein gestellt bleiben? Wie gerecht ist es, dass Schüler*innen mit so unterschiedlichen Voraussetzungen im Home Schooling sind? Rechtfertigt das Streben nach Gesundheit den finanziellen Ruin so vieler Menschen?
Und auch jetzt, mit zunehmenden Lockerungen, verschärfen sich weitere Dilemmata: Wie gehe ich mit meiner größer werdenden Freiheit um? Ist mein Besuch bei den Eltern oder Großeltern einer, der ihnen und mir gut tut oder einer, der sie in Gefahr bringt? Wo kommt meine Freiheit, mich „draußen“ zu bewegen, an ihre Grenzen, weil sie andere in Gefahr bringt? Was entscheide und verantworte ich selbst, was lasse ich mir vorschreiben? 

Schüler*innen sind diese Fragen und Entscheidungssituationen unmittelbar vertraut. Der nachfolgende Kommentar von Hannes Leitlein, am 26. Mai auf ZEIT online veröffentlicht, provoziert Gespräche, Argumentationen und Stellungnahmen zu den oben aufgeworfenen Fragen. Er lädt ein, mit Schüler*innen der Sek II ein hoch aktuelles ethisches Konfliktfeld zu erörtern.
 



Lockerungen
Jetzt müssen wir mit der Schuld selbst klarkommen

Die Corona-Verbote waren bequem. Jeder wusste, was zu tun ist. Nun, da immer mehr Bundesländer sie aufheben, müssen alle zeigen, dass sie der Freiheit gewachsen sind.

Ein Kommentar von Hannes Leitlein

ZEIT online vom 26. Mai 2020

Hinter uns liegen lässige Wochen, im Vergleich zu dem, was auf uns zukommt. Unmissverständliche Regeln ersparten uns allen viel Verlust, ein schlechtes Gewissen, und zudem tagtäglich viele moralisch schwerwiegende Fragen. Es gab Regeln, die es zu befolgen galt: möglichst zu Hause bleiben, nur die engsten Vertrauten treffen, Kurve abflachen. Alle wussten, was zu tun ist. Selbst hin und wieder von den Regeln abzuweichen, war irgendwie okay. Der autoritäre Staat auf Zeit hat der deutschen Gesellschaft eine gewisse Freiheit ermöglicht.

Das ist nun vorbei. Nach Thüringen hat auch Sachsen angekündigt, bald alle Einschränkungen aufzuheben, inklusive Abstands- und Maskenpflicht. Die Ankündigungen werden heftig kritisiert, doch es ist nur eine Frage von Tagen, bis andere Bundesländer nachziehen. Schon jetzt sieht auch eine Beschlussvorlage des Kanzleramtes weitere Lockerungen ab dem 6. Juni vor.

Es wird also bald wieder und immer mehr den Einzelnen überlassen sein, inwiefern sie sich und andere schützen, ob sie sich freiwillig einschränken oder ob sie die wiedergewonnenen Freiheiten sofort und total ausleben. Die moralischen Fragen, die damit verbunden sind, fallen jetzt mit voller Wucht auf uns zurück – und das nach Wochen der moralischen Bevormundung. Könnte also sein, dass unser innerer Kompass zudem ein wenig eingerostet ist. Mit den Lockerungen kommt der Muskelkater.

Denn die Ankündigungen bedeuten zwar, dass bald alles wieder erlaubt sein wird, aber auch, dass nicht alles geboten ist. Wir müssen die Einschränkungen jetzt mit uns selbst und untereinander aushandeln. Damit wird den Bürgerinnen und Bürgern nicht nur ihre Freiheit zurückgegeben, sie müssen auch mit der Schuld wieder selbst klarkommen, die sie womöglich auf sich laden.

War es bisher möglich, auf die zu zeigen, die die Entscheidungen für uns getroffen haben, muss nun jeder und jede Einzelne wieder mit den Konsequenzen des eigenen Handelns leben. Und die sind nicht gerade klein, wo doch jede Begegnung, sei es im Restaurant, in der S-Bahn oder im Gottesdienst, zu etlichen Erkrankungen führen kann.

Kann ich die Großeltern besuchen oder begnügen wir uns noch eine Weile mit Videocalls? Ins Restaurant gehen oder besser draußen sitzen? Das Kind in die Kita geben oder muss ich meinen Job aufgeben? Jede Entscheidung, die mit dem Zusammentreffen von Menschen zu tun hat, kann potenziell Leben kosten. Auf keine dieser Fragen gibt es eine allgemeingültige Antwort, und in vielen Fällen überwiegt nicht einmal das Für oder Wider. Jeder Schritt führt ins Dilemma. Die Frage, die sich deshalb in den kommenden Wochen stellt, ist nicht: Was darf ich?, sondern: Worauf kann, sollte und muss ich verzichten?

Denn die Freiheit kommt ja mitnichten allen gleichermaßen zu. Sowie die Einschränkungen der vergangenen Wochen manchen schwerer, anderen leichter fielen, so sind die Lockerungen für manche eine große Erleichterung, für andere aber eine Belastung. Nun, da alles wieder möglich sein soll, werden Menschen, die aus gutem Grund befürchten, sich oder andere anzustecken, noch eher zu Hause bleiben und sich isolieren. Die Freiheit des Individuums hilft im Angesicht des tödlichen Virus zuerst den Gesunden, Fitten und Angstfreien. Gerecht ist das auch nicht.

Es könnte jetzt also, da es uns überlassen ist, zu noch mehr zwischenmenschlichen Verwerfungen kommen: Wie umgehen mit der Oma, die lieber ihr eigenes Leben aufs Spiel setzt, als die Enkel nicht mehr zu treffen? Wie lässt sich Sturköpfen und Realitätsverweigerinnen beibringen, dass sie nicht nur ihr Leben, sondern auch das anderer gefährden – und zudem das Gewissen derer, die womöglich ein Leben lang mit dem Verlust einer geliebten Person, verschuldet oder unverschuldet, leben müssen? Wie erreicht man jene in der Familie oder bei der Arbeit, die noch immer glauben, dieses Virus sei nicht schlimmer als eine Grippe, deren Horizont nicht mal bis Großbritannien reicht, wo viermal mehr Menschen gestorben sind, trotz gleichem Wissensstand und geringerer Bevölkerung?

Und doch ist der Schritt in die Freiheit richtig, auch zum jetzigen, frühen Zeitpunkt. Der Staat beweist, dass er der Versuchung widersteht, die gewonnene Macht, die ihm allein für diese Ausnahmesituation zugestanden wurde, auch nur einen Tag zu lange behalten zu wollen. Das wäre – bei aller Hoffnung auf eine bessere, gerechtere, klima- und familienfreundlichere Zukunft – schon viel: Wenn sowohl den Regierenden als auch den Regierten das Vertrauen in seine freiheitliche Grundordnung nicht abhanden kommt. Wir, die wir nun diese Freiheit zurückerlangen, müssen beweisen, dass wir ihr unter diesen besonderen Umständen auch gewachsen sind.

https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-05/lockerungen-coronavirus-einschraenkungen-freiheit-verantwortung?print

 

Aufgaben

  1. Tauschen Sie sich in Kleingruppen über Ihre Erfahrungen mit dem Lockdown aus. Formulieren Sie abschließend ein Fazit Ihrer Gruppe und vergleichen Sie Ihre Beobachtungen.
  2. Markieren Sie im Kommentar von Hannes Leitlein Schlüsselbegriffe. Erläutern Sie diese und setzen sie diese in einer Visualisierung in Verhältnis. 
  3. „Jeder Schritt führt ins Dilemma.“ Erörtern Sie diese These Leitleins.
  4. Wenn Sie die Regierungsverantwortung inne hätten – wie sähe das Leben in Deutschland bis Ende 2020 aus? Entwerfen Sie einen Plan und begründen Sie Ihre Entscheidungen.