Ein Gedankenexperiment – Wer darf überleben?

Von Christina Harder

Ausgangspunkt: Der Film „The Philosophers“
Zwanzig Schülerinnen und Schüler der Philosophie-Abschlussklasse einer internationalen Schule in Jakarta stellen sich folgendem Gedankenexperiment: Eine Atombombenexplosion löst eine gewaltige nukleare Apokalypse aus. Die Schüler*innen stehen vor dem Eingang eines Bunkers, der ein Jahr lang Schutz bietet und Überleben sichert. Der Bunker ist jedoch lediglich für zehn Personen konstruiert. Nur für zehn Personen sind ausreichend Sauerstoff und Vorräte für ein Jahr vorhanden. Die Schüler*innen müssen nun entscheiden: Wer darf in den rettenden Bunker und überleben?
Dieses Gedankenexperiment steht im Zentrum des Filmes „The Philosophers. Wer überlebt?“ aus dem Jahr 2013. Der geniale, zugleich undurchsichtige sowie zynische Philosophielehrer Mr. Zimit stellt das Urteilsvermögen seiner Schüler*innen zum Abschluss des Philosophiekurses auf eine harte Probe. Er fordert sie heraus. Er provoziert. Er arbeitet mit den ureigenen Methoden der Philosophie, um seine Schüler*innen zu testen. Doch – er spielt dabei selbst, zunächst unbemerkt, eine aktiv steuernde Rolle. Schon bald bekommt das Experiment eine kritische Eigendynamik; und es kommt zu einem unerwarteten, von Herrn Zimit nicht gewollten Ergebnis.

Das Gedankenexperiment als original-originelle Methode der Philosophie
Gedankenexperimente beginnen oft mit: „Nehmen wir einmal an …“ oder „Stellen wir uns vor …“. Sie übernehmen den Gestus des naturwissenschaftlichen Experimentators. Es war Albert Einstein höchst selbst, der eine rein intellektuelle, auf der Vorstellung basierende Denkweise als „Gedankenexperiment“ bezeichnete. Es entspreche „psychologischen Entitäten … mehr oder weniger klare(n) Bilder(n), die …reproduziert und kombiniert werden können“ und sei als „kombinatorisches Spiel“ das „entscheidende Merkmal (meines) produktiven Denkens“1, so Einstein.

Doch Gedankenexperimente sind nicht nur zeitgemäß wegen ihrer wesenhaften Nähe zum produktiven naturwissenschaftlichen Denken, sondern sie sind als ureigene Methode des Philosophierens durch Jahrhunderte und- tausende der menschlichen Geistesgeschichte hindurch als geeignetes Instrument erprobt, um das (Nach-)Denken des Menschen zu schärfen. Es sind Gedankenspiele, mit deren Hilfe Argumente und Hypothesen veranschaulicht, geprüft und entwirrt werden können. Mit ihnen lassen sich außerdem hervorragend einfache logische Widersprüche aufstellen und die Grenzen von Theorien ausloten.2 Gedankenexperimente zeichnen sich in der Regel durch eine lebendige Bildsprache und eine gedankliche Inszenierung alltäglicher bis bizarrer Situationen aus. Sie können geradezu in den Wahnsinn treiben und sind häufig verspielt.3

Vermutlich liegt darin der Grund dafür, dass sie bei Schüler*innen beliebt sind. Von Gedankenexperimenten, das ist meine Erfahrung, fühlen sich viele Schüler*innen provoziert, eigene Denkweisen und Auffassungen zu überprüfen, zu hinterfragen. Sie werden aktiviert, ihr eigenes Denken zu schärfen und manchmal geradezu gezwungen, ihre Argumente neu aufzustellen und eigene Urteile besser zu begründen. Vielfach wird bei ihnen der Eifer entfacht, mit den Mitschüler*innen in eine Art Wettbewerb zu treten nach dem Motto: Wer hat die vernünftigeren Ideen und die logischeren Argumente? Wessen Prämissen tragen die Argumentation am besten? Und – welche Prämissen erweisen sich als nicht tragfähig?

Da Gedankenexperimente nicht nur den reinen Verstand herausfordern, sondern gleichermaßen die Fantasie anregen und so etwas wie ‚Herzensweisheit‘ mit ins Spiel bringen, eignen sie sich auch für heterogene Lerngruppen. Erfahrungsgemäß bringen sich rein kognitiv weniger leistungsstarke Schüler*innen ebenfalls aktiv mit ein, weil sie mit ihrer Empathie sowie Fantasie rein theoretischen und in sich logischen Argumentationen den Boden entziehen können, wenn diese auf Prämissen aufbauen, die zwar rational sein mögen, aber rein menschlich gesehen fragwürdig sind. Voraussetzung ist allerdings, dass in der Lerngruppe ein wertschätzender Umgang miteinander selbstverständlich ist.

Die Frage nach der unantastbaren Menschenwürde
Das Gedankenexperiment zu der Frage: Wer darf überleben? aus dem Film „The Philosophers“ gibt es in verschiedenen Varianten. Jede Variante setzt andere Schwerpunkte und richtet entsprechend die Aufmerksamkeit auf andere Details. Im Kern geht es bei diesem Gedankenexperiment jedoch um die grundsätzliche Frage: Lässt sich der Wert eines Menschenlebens bemessen? Darf es bemessen werden? Wenn ein Menschenleben gegen ein anderes Menschenleben abgewogen wird, wenn Menschenleben verglichen und dabei in die Kategorien ‚mehr‘ oder ‚weniger‘ wertvoll eingeteilt werden, dann geht es letztlich um das Fundament unseres gesamten Wertesystems in der Bundesrepublik Deutschland: um Artikel 1 des Grundgesetzes (GG). Und – es geht um die grundsätzliche Frage: Unter welchen Bedingungen ist ein menschenwürdiges Leben in einer humanen Gesellschaft überhaupt nur möglich?

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Mit diesen Worten legten die Väter und Mütter des GG das Fundament für die freiheitlich-demokratische Grundordnung unserer Gesellschaft, das sowohl in der Tradition Immanuel Kants und damit der Aufklärung als auch des jüdisch-christlichen Menschenbildes steht. Die Präambel des GG beginnt entsprechend mit den Worten: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen …“.

Immanuel Kant hat in seinem Werk „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ erläutert, was mit „Würde“ gemeint ist. Darin schreibt er, alles was einen Preis habe, an dessen Stelle könne ein Äquivalent gesetzt werden. Alles, was Würde habe, sei hingegen über jeden Preis erhaben und zu dem könne mithin kein Äquivalent gesetzt werden.4 Kurzum: Alles, was einen Preis und damit einen messbaren Wert hat und in Relation zu einem Äquivalent gesetzt wird, hat keine Würde bzw. dessen Würde wird angetastet. Wenn nun ein Menschenleben als ‚mehr‘ oder ‚weniger‘ wert in Relation zu einem anderen Menschenleben gesetzt wird, dann wird es im Sinne der Moralphilosophie Kants zu einem Objekt und in seiner Würde angetastet. Es ist nicht mehr „Zweck an sich selbst“, sondern wird nach seinem Nutzen bewertet.

Das Gedankenexperiment aus dem Film „The Philosophers“ sowie ähnliche Gedankenexperimente rundum die Frage: Wer darf überleben? legen die Ausgangsprämisse der Teilnehmer des Experimentes offen. Was verstehen sie unter der „unantastbaren Würde“ des Menschen? Erkennen sie jedem Menschen unbeirrt den gleichen absoluten Wert zu? Oder bewerten sie die Menschen nach ihrem Nutzen? Welches Menschenleben ‚bewerten‘ sie ‚höher‘? Nach welchen Kriterien bemessen sie den ‚Nutzen‘ eines Menschen und den ‚Wert‘ seines Lebens?

In den Experimenten mit Schüler*innen, die ich bereits durchgeführt habe, sind teilweise ernüchternde Ansichten zutage gekommen. Manche Schüler*innen zeigen sich irritiert, wenn ihnen klar wird, auf welchen Prämissen sie ihre Argumentation aufgebaut haben und was dies für unser Zusammenleben bedeuten kann. Andere hingegen bleiben unbeirrt bei ihrer rein rationalen, zweckorientierten Argumentation, die zwingend realistisch und logisch ist, wenn auch aus humanem Blickwinkel problematisch.

Aktuelle Bezüge: „Ernstfall der menschlichen Würde“
In der aktuellen Corona-Krise ist das Gedankenexperiment nun leider aus dem fiktiven, rein gedanklichen Experimentierstatus in die Realität eingetreten. In Italien, Spanien, auch Frankreich und Großbritannien mussten und müssen Ärzt*innen und Pfleger*innen darüber entscheiden, wer mit den überlebensnotwendigen, aber nicht ausreichenden Beatmungsgeräten gerettet wird und wer nicht. Wer darf überleben? Diese Frage mussten Ärzt*innen und Pfleger*innen jüngst hundertfach beantworten und entsprechend handeln. Sie mussten Menschenleben gegeneinander aufwiegen. Es blieb ihnen keine andere Möglichkeit, als Menschen sterben zu lassen; vor allem ältere Menschen. Ärzt*innen und Pfleger*innen waren durch ein schlecht vorbereitetes Gesundheitssystem und mangelhaft ausgestattete Krankenhäuser dazu gezwungen, die Würde vor allem älterer Menschen anzutasten.5

Jüngst hat der evangelische Theologe, frühere Berliner Bischof und ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Wolfgang Huber, in einem epd-Interview von einem „Ernstfall der menschlichen Würde“6 gesprochen. Kein Mensch dürfe „nur unter dem Gesichtspunkt angesehen“ werden, „was er der Gesellschaft nützen kann“; auch in dieser Notsituation nicht. Die persönliche Integrität und die Unantastbarkeit der Würde jeder Person zu achten, sei „ein Gebot für jeden Einzelnen, nicht nur für den Staat“7. Mit Blick auf die Situationen in Krankenhäusern in einigen europäischen Ländern, in denen die Würde insbesondere älterer Menschen angetastet wurde und wird, zeigt Huber das Dilemma auf: Es gebe tragische „Situationen, aus denen man nicht schuldlos herausfindet, aber trotzdem handeln muss. Mit größtem Respekt sollten wir an Ärztinnen, Ärzte und Pflegende denken, wenn sie solche Situationen auf sich nehmen müssen. Wenn sie nicht allen helfen können, müssen sie einen Weg suchen, um möglichst viele Menschen zu retten. Sie nehmen aus Verantwortung Schuld auf sich, weil es in einer solchen Situation keinen Weg der Schuldvermeidung gibt.“8

Wer ist es wert zu überleben?
Wer darf überleben? Und – wer darf darüber entscheiden? Oder besser gefragt: Wer trägt die Last der Entscheidung? Welche Kriterien würden angelegt werden? Und – was sagen diese Kriterien über unser Menschenbild und unser Verständnis von unantastbarer Würde aus? Was bedeutet das für unser Zusammenleben und für das Fundament unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung: Artikel 1 GG?

Diese Fragen werden in dem Gedankenexperiment ‚bespielt‘. Dabei können die Schüler*innen ihren eigenen Vor- und Grundannahmen (Prämissen) auf die Spur kommen. Sie können ihre eigenen Ansichten kritisch reflektieren, ggf. korrigieren und modifizieren und sich mit den konkreten Folgen für unser Zusammenleben auseinandersetzen. Es empfiehlt sich, nicht die aktuell realistische Situation in den Krankenhäusern als Szenario vorzugeben, sondern bei einem - Gott sei Dank -  bisher fiktiven zu bleiben: dem Bunker-Szenario9.

Das Szenario
Weltweit explodieren Atombomben, die alles menschliche Leben, das nicht in eigens dafür ausgestatteten Bunkern Schutz findet, vernichten und für ein ganzes Jahr unmöglich machen. Weltweit sind 100 dieser Bunker gebaut und jeweils für das Überleben von zehn Personen über ein Jahr ausgestattet worden. Nahrungsmittel sowie Sauerstoff sind exakt für zehn Personen und ein Jahr vorrätig. Mit Hilfe dieser Bunker können weltweit also summa summarum 1000 Menschen überleben.
Wer darf, wer soll in den Bunker hinein? Wer darf und wer soll überleben?

‚Spiel‘-Regeln
Für die Teilnehmenden des Gedankenexperimentes sind Rollenkarten vorbereitet (M1), die an der gestrichelten Linie gefaltet sind. Die Zusatzinformationen müssen verdeckt sein. Am besten ist es, wenn das Papier mit Tesafilm fixiert wird, damit die Teilnehmenden im ersten Durchgang die Zusatzinformationen zu ihren Rollen auf keinen Fall sehen können. Sichtbar sind im ersten Durchgang lediglich erste Informationen zu der Person, deren Rolle der einzelne Teilnehmende bei dem Experiment einnimmt. Das sind: Name, Alter, Familienstand, Beruf, Hobby, ggf. noch Informationen zur körperlichen Verfassung.

Die Teilnehmenden ziehen jeweils eine Rollenkarte. Es bietet sich an, darauf zu achten, dass weibliche Teilnehmende eine weibliche Rolle, männliche Teilnehmende eine männliche Rolle erhalten, damit wenigstens an dieser Stelle ein Anknüpfungspunkt zur Identifikation gegeben ist, wenn schon die übrigen Angaben keine persönlichen Übereinstimmungen anbieten. In dem Material M1 sind Informationen für 15 Personen, also 15 Rollenkarten enthalten. Je nach Anzahl der Teilnehmenden, lassen sich diese Karten erweitern und/oder modifizieren. Die Karten sind grundsätzlich so aufgebaut, dass die Teilnehmenden im zweiten Durchgang in den meisten Fällen aufgrund der Zusatzinformationen ihre Einschätzungen und Entscheidungen des ersten Durchganges neu durchdenken und ggf. revidieren müssen, wenn sie ihren eigenen Kriterien treu bleiben.

Im ersten Durchgang schlüpfen die Teilnehmenden mit Hilfe der ersten Informationen in ‚ihre‘ Rollen. Sie machen sich mit den Informationen vertraut und haben die Aufgabe, nach einer kurzen Selbstvorstellung („Ich bin …“) für sich in dieser Rolle ein Plädoyer zu halten: Warum ich unbedingt in den Bunker aufgenommen werden sollte. Wichtig: Jede/r möchte unbedingt überleben. Keine/r sollte sich bereitwillig opfern wollen. Altruismus ist in diesem Spiel nicht zulässig. Nachdem sich die Teilnehmenden für ‚ihre‘ Person überlegt haben, welche Gründe dafürsprechen, dass sie in dem Bunker überleben sollte, hält jeder Teilnehmende nacheinander sein Plädoyer. Die anderen können anschließend kurze Nachfragen stellen. Nachdem alle ihr Plädoyer gehalten haben, beginnt die Diskussion: Wer soll die begehrten Bunkerplätze erhalten? Der oder die Spielleiter*in sollte nach einer Weile die Debatte vorerst beenden und dann um eine Abstimmung bitten. Jeder Teilnehmende kann nur für eine bestimmte Anzahl der anderen stimmen, nicht für sich selbst. Der/ die Spielleiter*in erstellt eine Rangliste und verkündet, wer in den Bunker aufgenommen wird und überleben darf.

Im zweiten Durchgang öffnet jeder Teilnehmende seine Zusatzinformationen und überlegt sich erneut: Welche Gründe sprechen dafür, dass ich jetzt erst recht oder immer noch unbedingt im Bunker überleben sollte? Wieder dürfen die anderen nach jedem Plädoyer kurze Rückfragen stellen, bevor im Plenum diskutiert wird. Am Ende wird erneut über die begehrten Plätze abgestimmt.

Beide Durchgänge können zeitlich unterschiedlich gestaltet werden. Es hängt sehr von der Größe der Gruppe und der Diskussionsfreude der Teilnehmenden ab.

Nach den beiden Durchgängen, nachdem alle aus ihren Rollen wieder entlassen worden sind, sollte aber in jedem Fall eine Reflexionsrunde stattfinden. In dieser Runde geht es darum, dass sich die Schüler*innen ihre eigenen Prämissen bewusst machen, auf die sie ihre Plädoyers und Argumentationen aufgebaut haben. Ihre Prämissen wiederum spiegeln grundsätzlich ihr Menschenbild wider. Es kann sich eine Diskussion anschließen zu der Frage, ob die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen in Notsituationen überhaupt bewahrt bleiben kann oder nicht vielleicht sogar angetastet werden muss. Dabei geht es um die Bürde der Verantwortung derjenigen, die über Leben und Tod entscheiden müssen. Hier böte sich beispielsweise das o.g. Zitat Wolfgang Hubers an. Auch ein Zitat Dietrich Bonhoeffers wäre denkbar, der sich ausführlich mit der „Struktur verantwortlichen Lebens“, zu dem laut Bonhoeffer immer auch die Bereitschaft zur Schuldübernahme gehört, auseinandergesetzt hat.

Für diese Reflexionsrunde sind zwei mögliche Abläufe denkbar:

1.) Nachdem alle Teilnehmenden des Gedankenexperimentes aus ihren Rollen entlassen wurden, wird ohne Kommentar ein großes Plakat auf den Fußboden in die Mitte gelegt. Darauf steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Die Schülerinnen und Schüler lesen den Satz. Sehr wahrscheinlich begreifen einige Schüler*innen sehr schnell, was dieser Satz mit dem Gedankenexperiment zu tun hat. Sollte sich ein/e Schüler*in spontan dazu äußern wollen, dann sollte er/sie das dürfen.

Erfahrungsgemäß wird es sich dabei sehr wahrscheinlich um einen Rechtfertigungsversuch handeln, da manche Schüler*innen allein diesen Satz im Anschluss an das Gedankenexperiment als Provokation bzw. als Vorwurf verstehen. Sollte sich kein/e Schüler*in direkt und spontan dazu äußern wollen, dann wird nach ungefähr einer Minute ohne Worte ein Zettel auf das Plakat geschoben. Darauf steht: „Wer ein Menschenleben in den Kategorien ‚mehr‘ oder ‚weniger nützlich‘ in Beziehung zu einem anderen Menschenleben setzt, gibt ihm einen messbaren Wert im Sinne eines Marktpreises.“ Sollte kein/e Schüler*in spontan etwas dazu sagen wollen, wird nach einem Moment ein nächster Zettel nachgeschoben, auf dem steht: „Wer einem Menschenleben einen Marktpreis gemäß seines Nutzens gibt, macht den Menschen zu einem Objekt.“ Es folgt nach einem Moment des Schweigens ein letzter Zettel, auf dem steht: „Wer einen Menschen zu einem Objekt mit einem Marktpreis gemäß seines Nutzens macht, tastet seine Würde an.“

2.) Nachdem alle Teilnehmenden aus ihren Rollen entlassen wurden, wird der Ausgang des Experimentes in dem Film „The Philosophers“ erzählt: Der Philosophielehrer, Mr. Zimit, erwartet insbesondere von seiner besten Schülerin, mit der er ein Verhältnis hatte, die sich nun aber in einen Mitschüler verliebt hat, dass sie nach rein rationalen Erwägungen entscheidet. ‚Rationale‘ Urteile sind dabei nach Mr. Zimits Auffassung, das wird sehr schnell deutlich, reine ‚Nutzenerwägungen‘ im Sinne der Frage: Wer nützt dem Überleben der Menschheit und dem Wiederaufbau am meisten? Jede ‚Spielrunde‘ jedoch, in der nach reinen Nutzenerwägungen entschieden wurde, geht in dem Film schief. Die zehn Menschen in dem Bunker überleben in dem Gedankenexperiment nicht.

Nach drei fehlgeschlagenen Durchgängen bröckelt das rein rationale Gebäude. Mr. Zimits Musterschülerin bittet nun darum, im nächsten Durchgang allein entscheiden zu dürfen. Mr. Zimit lässt sie gewähren, reagiert jedoch entsetzt und beginnt mit einer Verschlechterung der Abschlussnote zu drohen, als seine Musterschülerin plötzlich ganz andere Kriterien anlegt als in den Spielrunden zuvor. Ihre Kriterien folgen nun nicht mehr nur rein rationalen Erwägungen nach der Nützlichkeit des Berufes und vermeintlich idealen physischen wie psychischen Eigenschaften, sondern berücksichtigen auch zwischenmenschliche Aspekte sowie das menschliche Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit, nach Sinnlichkeit und Transzendenz. Nun bekommen plötzlich der Weinhändler, der Gedichte rezitieren kann, die Schauspielerin, die Opernsängerin und der Kartenspieler Plätze in dem Bunker, die in den Runden zuvor gleich als ‚nicht nützlich‘ aussortiert worden waren. Und – diesmal gelingt das Experiment. Die zehn Menschen in dem Bunker überleben das eine Jahr in der Isolation, weil ihre zutiefst menschlichen Bedürfnisse nach menschlicher Nähe, Sinnlichkeit und Emotionalität berücksichtigt wurden. Da die meisten Schüler*innen erfahrungsgemäß ebenfalls ausschließlich nach der Nützlichkeit der Berufe sowie nach dem Alter und der Fruchtbarkeit der Personen entscheiden, wobei Menschen ab 50 Jahren, Weinhändler, Literaten, Schauspieler, Opernsängerinnen, Spirituelle und Sensible in der Regel keine Berücksichtigung finden, fordert dieses Ergebnis des Filmes „The Philosophers“ sie und ihre reinen Nützlichkeitskriterien heraus.

Beim Erzählen vom Ausgang des Gedankenexperimentes in dem Film kann ein Plakat in die Mitte gelegt werden, auf dem steht: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Daran schließt sich eine Diskussion zu der Frage an, ob wir Menschen nicht allzu oft und zu schnell nach Kriterien bewerten, die erstens nicht dem Menschen als ganze Person gerecht werden und zweitens ihn auf seine reine Nützlichkeit reduzieren und dabei wesentliche Aspekte des Menschseins außer Acht lassen; z.B. das Bedürfnis des Menschen nach Sinnhaftigkeit seines Daseins, nach Sinnlichkeit und damit letztlich nach Transzendenz. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch vom Wort.“

Die Rolle der Lehrperson
Dieses Gedankenexperiment habe ich in verschiedenen Variationen in unterschiedlichen Lerngruppen durchgeführt. Ich habe es kein einziges Mal erlebt, dass sich nach diesen Impulsen und Hinweisen, die die Schüler*innen – wie gesagt – in der Regel als Provokation und Herausforderung verstehen, nicht sehr schnell eine lebhafte Debatte ergeben hätte. Wichtig ist, dass die Lehrperson das Gedankenexperiment und diese Reflexionsrunde nicht einfach nur moderiert, sondern zwischendurch immer wieder mit Provokationen aktiviert. Die Provokation ist, wie das Gedankenexperiment, eine ureigene Methode des Philosophierens, mit der die Diskussionsteilnehmenden gezwungen werden, sich ihre eigenen Prämissen bewusst zu machen und selbstkritisch zu überprüfen. In den meisten Fällen versuchen die Teilnehmenden ihre eigenen Prämissen und Argumente zu rechtfertigen. Dabei findet oftmals Schritt für Schritt eine Modifizierung des eigenen Standpunktes statt; manchmal nicht unmittelbar, jedoch nach einiger Zeit mittelbar.

Die zwei Runden des Gedankenexperimentes sowie die anschließende Reflexionsrunde können beendet werden, indem die Lehrperson auf reale Situationen hinweist, in denen ähnliche Entscheidungen zu fällen waren wie in dem fiktiven Atombunker-Beispiel. Aktuell könnte dies der Hinweis auf die bereits erwähnte Situation in den Krankenhäusern mancher Länder Europas während der Corona-Krise sein. Es gibt aber auch andere Beispiele, die in eine ähnliche Richtung weisen. Eine Sammlung von Essays mit Beispielen angetasteter Würde finden sich in dem Buch „Die Würde ist antastbar“ von Ferdinand von Schirach.

Zum Weiterdenken
Die christliche Perspektive, wonach jedes Menschenleben heilig ist, kann an jeder Stelle in die Diskussion eingebracht werden; entweder als Impuls durch die Lehrperson oder durch einige Schüler*innen. Hierbei wirkt die christliche Perspektive immer wieder wie ein „Stachel im Fleisch“ der Reduzierung des Menschseins auf rein rationale Nützlichkeitskriterien.

Die Frage dahinter ist: Ist das, was auf den ersten Blick zwingend rational zu sein scheint, mit Blick auf ein menschenwürdiges Leben in einer humanen Gesellschaft wirklich vernünftig? Ist es wirklich vernünftig, den Wert eines Menschenlebens nach seinem Nutzen in Relation zu einem anderen Menschenleben aufzuwiegen? Wir alle, jede und jeder von uns, sollte sich grundsätzlich fragen: Was wollen wir? Was will ich? Möchte ich in einer humanen Gesellschaft leben, in dem jedes einzelne Menschenleben absolut (also nicht relativ) wertvoll ist? Wie stelle ich mir so eine Gesellschaft vor? Auf welchem unantastbaren Fundament muss so eine Gesellschaft mit menschlichem Antlitz aufgebaut sein?

Und – was passiert, wenn ich dieses Fundament antaste? Was passiert mit uns und unserem Zusammenleben, wenn dieses Fundament in einer Notsituation wie der aktuellen infolge eines desolaten Gesundheitssystems angetastet werden muss?

1) Einstein, zitiert nach Levy, Paradoxien und Gedankenexperimente (2017), 13 und 15.
2) Vgl. Levy, Paradoxien und Gedankenexperimente (2017), 13.
3) Vgl. Levy, Paradoxien und Gedankenexperimente (2017), 14.
4) Vgl. Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 87f; entnommen: Wernecke / Otto, Mensch und Menschenwürde (2011), S.17
5) Vgl. u.a. folgenden Bericht: Künstliche Beatmung: Wer entscheidet über Leben und Tod? | FAKT | Das Erste https://youtu.be/eJvuE7UZMlc 
6) Huber, epd-Interview, zitiert nach CIG 15/2020, 162.
7) Huber, ebd.
8) Huber, ebd.
9)  Ein im Detail verändertes, im Grundsatz aber gleiches Szenario wäre das sog. „Rettungsboot- Dilemma“, bei dem es um das Überleben auf einem Rettungsboot mit begrenzten Kapazitäten geht. Bei diesem konkreten Gedankenexperiment führt die veränderte Situation zu anderen Kriterien, nach denen in der Regel über das (Über-)Leben der Bootsinsassen geurteilt wird.


Literatur

  • Bekes, Peter, u.a. (Hg.),Gedankenexperimente im Philosophie- und Ethikunterricht, Praxis Philosophie& Ethik, Heft 5 – Oktober 2015, 1.Jahrgang, Braunschweig 2015
  • Bertram, Georg W., Philosophische Gedankenexperimente. Ein Lese- und Studienbuch, 2.Auflage, Stuttgart (2012) 2016
  • Huber, Wolfgang, in einem epd-Interview, zitiert nach: Christ in der Gegenwart (CIG), 72.Jahrgang, Nr.15/2020, Freiburg, 12.April 2020; 162
  • Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten; Textauszug entnommen aus: Wernecke, Karsten, und Otto, Henrik: Mensch und Menschenwürde. Kompetent in Religion/ Oberstufe, 1.Auflage, Stuttgart 2011
  • Levy, Joel: Paradoxien und Gedankenexperimente aus Philosophie und Naturwissenschaft, aus dem Englischen übersetzt von Svenja Tengs, Titel der englischen Originalausgabe: The Infinite Tortoise. The Curious Thought Experiments of History’s Great Thinkers (2016), Köln 2017

Film:
The Philosophers. Wer überlebt?, Ascot Elite Film AG 2014 (FSK 12)