Wenn der Tod in die Schule kommt – und Corona?!

Von Bettina Wittmann-Stasch

Wir erleben derzeit durch den Ausbruch des Coronavirus eine Ausnahmesituation. Wir sind alle nicht geübt, mit einer solchen Situation umzugehen. Besonnenheit und Vorsicht sind gefragt, Angst muss begrenzt werden. Worst-Case-Szenarien zu entwickeln, ist deshalb kein guter Weg – aber eine innerliche Vorbereitung ist gut, wie auch zu anderen Zeiten. Denn was tun, wenn jemand aus der Schulgemeinde – ob am Coronavirus, an einer anderen Erkrankung oder einem Unfall – sterben sollte? Was tun, wenn man in dieser Zeit noch nicht wieder zusammen in einem Klassenraum sitzen darf, die Schüler*innen sich nicht leiblich gegenseitig unterstützen und trösten können?

Diese Vorstellung ist schrecklich und beängstigend. Doch es ist gut, sich auch für diesen Notfall Gedanken zu machen. Auch hier gilt der Leitspruch, der manchmal helfen kann, sich mit Ungewolltem zu beschäftigen, solange noch Zeit dafür ist: „Wer es nicht schafft, sich vorzubereiten, schafft es, nicht vorbereitet zu sein.“

Wie also kann man in solch einem Fall mit Schüler*innen und im Kollegium damit umgehen, dass eine*r fehlt? 

Zu anderen Zeiten kann man in so einer Situation Gefühle und Ängste gut aufnehmen, indem man gemeinsam einen Trauerraum oder Trauertisch gestaltet. Schüler*innen wie Kolleg*innen können so auf ganz unterschiedliche Weise Zugang zu ihrer Form der Trauer finden und auch verschiedene Wege der Verarbeitung gehen. Natürlich braucht es dafür Material. In vielen Schulen wird dies in einem Trauer- oder Trostkoffer zusammengestellt und vorgehalten, damit es schnell verfügbar ist und die Zeit der Vorbereitung auf das Handeln in der Klasse für die innere Vorbereitung zur Verfügung steht. Übliche Utensilien sind Kerzen (als Ausdruck von Hoffnung)1, Tonscherben (für alles Zerbrochene), farbige Muggelsteine (Tränen), textile Blüten (Leben), Papier, Stifte und gute Wachsmalkreide (zum Schreiben und  für kreative Gestaltungsideen), Musik (möglichst keine aktuellen Songs, sondern eher klassische Musik, die beruhigt, aber nicht melancholisch ist) – und nicht zu vergessen: Taschentücher.

Die Herausforderung für diese Zeiten der Kontakt-Minimierung ist nun aber: All das, was sonst tröstet, geht nicht so, wie wir es gewohnt waren. Deshalb ist hier Kreativität gefragt.

Natürlich gibt es längst virtuelle Trauerräume, seit 1990 in wachsender Zahl. Im Umgang damit ist – vor allem im schulischen Zusammenhang – jedoch Vorsicht angeraten: Das Netz vergisst nichts, wie man weiß. Auf digitalen Friedhöfen kann man einen Nachruf verfassen, eine individuell gestaltete Gedenkseite einrichten und dem*der Verstorbenen damit ein ewiges Denkmal im Netz setzen. Sogar Kondolenzbücher stünden theoretisch bereit, um möglicherweise die anteilnehmenden Worte anderer zu dokumentieren. Diese Möglichkeit nutzen ggf. Angehörige – das können wir alle kaum hindern – doch schulisch eine solche Plattform zur gemeinsamen Nutzung zu initiieren, wäre aus meiner Sicht grob fahrlässig. Denn eine Traueranteilnahme ohne Verfallsdatum behindert den Trauerprozess eher, als dass sie ihn fördern könnte2. Zur gelingenden Trauer gehört es, Verstorbene langsam loslassen zu können und den Verlust in das eigene Leben zu integrieren. Ob Trauerformen im Internet, die momentane Gefühle "verewigen“, dazu wirklich beitragen, erscheint deshalb sehr fraglich – und für den schulischen Zusammenhang würde ich dazu nicht raten.

Sich über diese Formen zu informieren, ist dennoch wichtig – auch um zu erfahren, wo sich ggf. die eigenen Schüler*innen jetzt „tummeln“ könnten – und über die Schwierigkeiten und Gefahren darin informiert zu sein. Die Evangelische Kirche macht auf www.trauernetz.de auch ein Angebot für Trauernde. Hier finden Besucher*innen jedoch absichtlich keine Möglichkeit, online Gedenkstätten mit Ewigkeitscharakter anzulegen. Stattdessen sind hier Lyrik, Gebete und Meditationstexte zu finden und der wirklich lohnenswerte Verweis auf die Seite https://gedenkseiten.trauernetz.de/, in der man sehen kann, was für Möglichkeiten digital bereits vorhanden sind.

Für die Bewältigung des Verlustes in der Schule sind Formen zu bevorzugen, die es ermöglichen, in der gebotenen Kontakt-Minimierung und der daraus leicht entstehenden Vereinzelung, sich dennoch nicht alleingelassen zu fühlen. Diese Ideen könnten per IServ den Klassengemeinschaft oder auch der Schule insgesamt mitgeteilt werden, so dass sich jede*r nach dem eigenen Gefühl daran beteiligen kann. Gerade in Zeiten der räumlichen Getrenntheit ist es wichtig, sich ganz bewusst jemanden zum direkten Austausch zu wählen. Deshalb kann es wichtig sein, Schüler*innen darauf hinzuweisen, dass es Gesprächsmöglichkeiten (auch über die eigene Familie hinaus) gibt: die Schulseelsorger*in, die Klassenlehrkraft, eine*n gute*n Freund*in. Ohne direkten menschlichen Austausch – selbst wenn der Weg selbst indirekt bleibt via Telefon – besteht die Gefahr, dass Trauer überwältigend sein kann.
Weitere gute Möglichkeiten sind:

  • Eine Traueraufgabe für zu Hause stellen3:
    „In Gedanken an NN:
    o    Wenn Du ihn*sie jetzt noch einmal sehen könntest, was wäre Dir wichtig, ihm*ihr zu sagen? Wenn Du magst, schreibe es auf!
    o    Gab es bestimmte Worte, die Du mit NN verbindest? Etwas, was NN immer wieder gesagt hat?
    o    Suche Dir draußen einen Stein. Bearbeite ihn (z.B. mit Schleifpapier, Öl...), bis er zu einem Handschmeichler geworden, oder so dass er zu NN besonders gut passt. Wann immer Dir danach ist, kannst Du Dir mit diesem Handschmeichler die Nähe zu NN bewusst machen.
    o    Geh zu euren Gewürzen in der Küche und probiere alle Gewürze aus.  Schreibe auf, wonach das jeweilige Gewürz riecht oder schmeckt. Überlege Dir, zu welchem Deiner Gefühle welches Gewürz passt und stelle für heute eine gute Mischung zusammen.

Wenn du magst, kannst du mir deine Ergebnisse schicken. Du darfst sie aber auch für dich behalten, wenn du das besser findest.“

  • Zu einer bestimmten Zeit gemeinsam eine Kerze ins Fenster stellen und an den*die Verstorbene denken.
  • Briefe schreiben an NN, an Gott – und sie beim Wiederbeginn in der Schule gemeinsam rituell verbrennen. 
  • Bilder malen, die auch im späteren Gedenken in der Schule gemeinsam verwendet werden können.
    Dazu sind ggf. auch folgende Impulse nutzbar:
    o    Wenn Du magst, dann male Deine Gefühle – ohne groß nachzudenken. Lass Dich von den Farben leiten. 
    o    Am Folgetag: Wenn Du Dein Bild noch einmal von etwas weiter entfernt anschaust: Welche Gedanken kommen Dir dazu? 
    Schreibe sie auf und stecke sie an dein Bild. 
    Bring dein Bild am ersten Schultag mit in die Schule!
  • Telefonzeiten vereinbaren, in denen sich jeweils fünf Schüler*innen in einem „Telefonraum“ mit der*dem Klassenlehrer*in treffen können.
  • Sonnenblumensamen versenden, die gemeinsam gepflanzt und gepflegt werden bis zum Wiedersehen.

Wenn die Schule wieder besucht werden kann, muss man gut ausloten, was gerade oben aufliegt. Es wird wichtig sein, den*die Verstorbene genauso wenig zu vergessen wie die vielen unbekannten schwierigen Zeiten Einzelner in ihren Familien. Ein angemessener Umgang mit der Trauer kann dabei den Empfehlungen unter „Die Zeit danach bedenken“ folgen.

 

Literatur zum Weiterlesen in Auswahl

1.    Tod und Trauer in Erzählungen

  • Kita und Grundschule
    Hubka, Christine/ Hammerle, Nina: Wo die Toten zu Hause sind. Mit einem pädagogischen Anhang „Wie mit Kindern über den Tod reden?“. 4. Aufl., Innsbruck/Wien 2010.
  • Sekundarstufe
    Gaarder, Jostein: Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort. 2. Aufl., München 2002.
    Schmitt, Eric-Emmanuel: Oskar und die Dame in Rosa, Frankfurt/Main 2005.
    Pape, Frank: Gott, du kannst ein Arsch sein! Stefanies letzte 296 Tage, München 2016.

2.    Tod und Trauer in Seelsorgeliteratur

  • Kachler, Roland: Meine Trauer wird dich finden, Freiburg u.a. 2017.
  • Lammer, Kerstin: Den Tod begreifen. Neue Wege in der Trauerbegleitung. Neukirchen-Vluyn 2003, besonders 234-276.
  • Cardinal, Claudia: Alles, nur kein Kinderkram. Was trauernde Kinder und Jugendliche brauchen, Ostfildern 2012.
  • Morgenthaler, Christoph: Systemische Seelsorge. Impulse der Familien-und Systemtherapie für die kirchliche Praxis, Stuttgart 2014, 5. Aufl., 244-265.3. 

3.    Rituale

  • Religionspädagogisches Zentrum Heilsbronn (Hg.): Kleine Rituale in der Schulseelsorge, Heilsbronn 2016.

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1)  Des Brandschutzes wegen müssen es meist inzwischen LED-Kerzen sein!
2) Vgl. auch den Artikel „Trauern per Mausklick“ unter https://www.katholisch.de/artikel/1718-trauern-per-mausklick.
3) Nach Ideen von Meike Hirschfelder, den Weg der Verarbeitung auf alle Sinne zu erweitern (visuell, auditiv, kognitiv, olfaktorisch, gustatorisch), vgl. auch die Homepage https://www.rpz-heilsbronn.de/Dateien/Arbeitsbereiche/Schulseelsorge/Corona/hirschfelder_virtueller-trauerraum.pdf