Corona und Theologie

Von Dirk Bischoff und Michaela Veit-Engelmann

Corona und Kirche

Corona hat die Kirchen kalt erwischt… Noch kann niemand einschätzen, wann und wie das normale kirchliche Leben wieder vollständig in Gang kommen wird. Doch haben sich „während Corona“ beinahe in Windeseile neue Formen kirchlichen Lebens entwickelt: Pastor*innen hielten Gottesdienste in leeren Kirchen und streamten diese im Netz. Fernsehgottesdienste luden dazu ein, das Abendmahl allein am heimischen Couchtisch zu feiern. Die Kirche wurde digital. Auch Telefon- und Onlineseelsorge boomten. Weil ein persönliches Gespräch nicht möglich war, suchten Menschen auf anderen Wegen Trost und Beistand. Gleichzeitig boten sich Vertreter*innen der verschiedenen christlichen Konfessionen, ob gefragt oder ungefragt, als Sinndeuter*innen der gegenwärtigen Krise an und präsentierten Antworten, die in Qualität und Erklärungspotential sehr unterschiedlich sind.

Dies alles regt dazu an, die religiöse Dimension der Corona-Krise auch im Nachgang zu dieser Krise zum Unterrichtsgegenstand zu machen und dabei ganz verschiedene Facetten zu bedenken:

Die Corona-Krise als Nagelprobe für Nächstenliebe

Die Arbeitsmaterialien fragen nach der Begründung und (intrinsischen) Motivation für helfendes und unterstützendes Handeln. Die Corona-Krise wird zur Bewährungsprobe für das Konzept der christlichen Nächstenliebe. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter stellt dabei nur eine Möglichkeit dar, sich dem Thema mit einem dezidiert biblisch-theologischen Zugang zu nähern.

Wer ist schuld? Die Theodizeefrage angesichts der Corona-Krise

Ein Blick gilt in diesen Materialien den verschiedenen religiösen und vielleicht auch pseudoreligiösen Deuteversuchen, die in der Corona-Krise mit mehr oder weniger viel Vehemenz geäußert werden. Dabei steht nicht nur die Gerechtigkeit Gottes auf dem Prüfstand – also die sogenannte Theodizeefrage –, sondern Gegenstand unterrichtlicher Diskussion könnten auch solche abstrusen Theorien sein, wie sie immer mal wieder zu lesen sind, dass nämlich die Homosexuellen schuld an der Corona-Krise seien. Wichtig ist es dabei, auch nichtchristliche Perspektiven mit in den Blick zu nehmen. Denn oftmals sind es gerade die Schüler*innen, die einer anderen als der christlichen Religion angehören, die mit Vehemenz religiöse Positionen zur Sinndeutung in den Unterricht eintragen und so eine Diskussion fordern.

 „Ecclesia semper reformanda“???
– Corona und das kirchliche Leben: Krise und Chance zugleich

„Ecclesia semper reformanda“, so lautet ein Schlagwort der protestantischen Kirchen: Wie wirkt sich die Corona-Krise auf diesen permanenten Reformationsprozess aus? Welche neuen Ausdrucksformen von Kirche haben sich entwickelt und wie sind sie zu beurteilen? Ist da etwas Bleibendes entstanden oder ist das alles nur „heiße“ Luft? Wie wurden die existentiellen Formen von (christlicher) Religiosität in der Corona-Krise ausgelebt? Sind einzelne Elemente verzichtbar oder eben gerade nicht? Anhand aktueller Beispiele aus dem kirchlichen Leben mit Schüler*innen die Wesensmerkmale von Kirche zu diskutieren, ermöglicht auch für eher kirchenferne Teilnehmende des Religionsunterrichts neue Perspektiven auf eine ihnen fremde Institution und vielleicht den einen oder anderen Aha-Effekt.