Interviews zum CRU

„Wir haben den Korken von der Flasche gezogen“

Im Interview: Dr. Kerstin Gäfgen-Track, Bevollmächtigte der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen, und Dr. Jörg-Dieter Wächter, Leiter der Hauptabteilung Bildung im Bistum Hildesheim.

19. Mai 2022

Die Diskussion um den christlichen Religionsunterricht geht in die Verlängerung / Interview mit Dr. Kerstin Gäfgen-Track und Dr. Jörg Dieter Wächter

Seit einem Jahr ist die Idee eines christlichen Religionsunterrichts (CRU) in der Welt, der den bisherigen evangelischen und katholischen Unterricht ablösen soll. Der Beratungsprozess über ein Positionspapier der evangelischen Kirchen und katholischen Bistümer in Niedersachsen sollte im Mai mit einem Symposion zu Ende gehen. Nun wurde der Prozess noch einmal bis zum Herbst verlängert. Doch es gibt schon eine Reihe von Erkenntnissen, wie Dr. Kerstin Gäfgen-Track, Bevollmächtigte der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen, und Dr. Jörg-Dieter Wächter, Leiter der Hauptabteilung Bildung im Bistum Hildesheim, im Interview berichten.

Frau Gäfgen-Track, vor einem halben Jahr haben wir schon einmal über den Diskussionsprozess zum Christlichen Religionsunterricht gesprochen. Was hat sich seitdem getan?

Kerstin Gäfgen-Track: Ich hätte nie vermutet, dass der Diskussionsprozess nach einem halben Jahr nochmal so viel Fahrt aufnimmt und es noch so viel Gesprächsbedarf gibt.

Herr Wächter, wie schätzen Sie die Stimmung an den Schulen bezüglich des CRU ein?

Jörg-Dieter Wächter: Die Stimmung ist nach meiner Einschätzung nach wie vor sehr positiv. Ich habe eher den Eindruck, dass die Schulen eine gewisse Ungeduld haben. Die sagen, ihr habt doch vor einem Jahr schon angekündigt, dass ihr das wollt. Warum ist das noch nicht umgesetzt?

Andere finden, das geht alles zu schnell.

Gäfgen-Track: Die gibt es auch. Aber sie sagen zugleich, sie hätten gern schon das ganze Material und die Lehrbücher zur Verfügung, damit sie wissen, wie es geht. Das ist eher die Gruppe, die sich Sorgen macht, weil sie sich nicht gut vorbereitet fühlt. Das ist ja auch verständlich.

Können Sie in Prozent ausdrücken, wie viele Befürworter und Kritiker des CRU es gibt?

Gäfgen-Track: Ich würde sagen, 80 Prozent sind dafür.

Wächter: Wir freuen uns über die Zustimmung, aber auch die Kritiker mit ihren Fragen sind uns wichtig. Ein Beispiel: Ist es wirklich so schlimm mit dem Religionsunterricht in Niedersachsen, dass wir jetzt über solche Maßnahmen nachdenken müssen? Da gibt es ein Informationsdefizit.

Laut Ihrem Positionspapier ist es so schlimm.

Wächter: Ja. Aber Sie dürfen auch davon ausgehen, dass nicht jeder das Positionspapier so intensiv wahrgenommen hat…

Herr Wächter, kann man eigentlich sagen, ob die Katholiken eher für den CRU sind als die Evangelischen – oder umgekehrt?

Wächter: Aus meiner Sicht kann man das so nicht sagen. Katholischerseits gibt es in manchen Regionen Gegenwind. Im Bistum Hildesheim scheint die Kritik stärker zu sein als im Bistum Osnabrück. Aber die Gründe dafür kann ich Ihnen beim besten Willen nicht benennen. Wir haben im Bistum Osnabrück starke katholische Kerngebiete wie das Emsland, dort gibt es ein sehr entspanntes Verhältnis zu diesem Vorschlag.

Gleich zu Beginn gab es bei vielen Unmut, weil sie von dem Positionspapier der Schulreferentinnen und -referenten überrumpelt wurden. Es entstand der Eindruck, dass der Beratungsprozess vielleicht doch nicht so ergebnisoffen ist wie behauptet. Hätten Sie das rückblickend anders gemacht?

Gäfgen-Track: Nein.

Wächter: Nein.

Gäfgen-Track: Es gibt das schöne Wort von Professor Bernd Schröder: Das Verfahren war suboptimal, aber alternativlos.

Welche Frage wurde Ihnen in den Beratungen am häufigsten gestellt?

Wächter: Das Stichwort Beheimatung fiel oft. Wie gelingt in Zukunft die Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation? Einerseits ist es ein Missverständnis, dass dies Aufgabe des Religionsunterrichts sei. Andererseits spricht daraus eine Sorge, die man ernst nehmen muss, die ich aber persönlich eher in der Gemeinde verorten würde. Eine weitere Frage war: Muss denn alles flächendeckend sein? Kann man nicht ein differenziertes Modell machen? Da haben wir klar gesagt, dass wir ein einfaches Modell wollen, das gut zu organisieren ist. Außerdem würde das Land da gar nicht mitspielen.

Gäfgen-Track: Bei uns schält sich besonders die Frage heraus: Was ist eigentlich evangelisch? Über das Katholische hat man so seine Vorstellungen, manchmal auch Vorurteile, das bewegt sich zwischen Papst und Wallfahrt. Aber was ist das Profil evangelischer Spiritualität? Pilgern tun wir ja inzwischen auch. Kirchenmusik ist eher spezifisch evangelisch. Oder liegen die Unterschiede woanders? Diese Diskussion halte ich für einen Gewinn des Prozesses und sie interessiert auch die katholische Seite. Es ist nicht automatisch alles besser, wenn man Frauen ordiniert. Aber es ist theologisch richtig und gut, dass die evangelischen Kirchen es tun. Manchmal ist man ja schnell mal geschichtsvergessen. Eine Aktion wie „#OutInChurch“ hätten wir vor 30 Jahren in der evangelischen Kirche auch gut gebrauchen können.

Worüber haben Sie sich im Diskussionsprozess gefreut?

Gäfgen-Track: Dass der Religionsunterricht endlich mal ein Thema ist, mit dem sich auch innerkirchlich beschäftigt wird.

Wächter: Ich habe mich gefreut über die Resonanz, die weit über dieses Bundesland hinausgegangen ist. Wir haben immer betont, dass wir ein Modell für Niedersachsen machen. In dem Prozess haben wir aber erkannt, für wie wegweisend andere Landeskirchen und Bistümer unser Konzept halten. 

Gibt es bereits andere Bundesländer, die Ihrem Beispiel folgen wollen? Oder lehnen die sich entspannt zurück und warten erstmal ab, was in Niedersachsen so ausgetüftelt wird?

Gäfgen-Track: Wir haben den Korken von der Flasche gezogen. Es gibt bundesweit viel Druck im System, die Religionspädagogik hat schon länger gesagt, ihr Kirchen müsst euch über die Zukunft des Religionsunterrichts Gedanken machen. Jetzt haben wir die Diskussion angestoßen.

Sie haben mit Bezug auf den CRU immer wieder auf die ökumenische Verbundenheit in Niedersachsen und die jetzt schon vorhandenen Gemeinsamkeiten in den Lehrplänen verwiesen. Erwartungsgemäß gab es sowohl von evangelischen wie von katholischen Lehrkräften Unbehagen mit Blick auf das Trennende der Konfessionen. Wie gehen Sie mit diesem Unbehagen um?

Wächter: Man muss das ernst nehmen. Das Unbehagen ist ja erstmal nichts Rationales, sondern etwas Gefühltes. Ich kann das gut verstehen, aber es liegt daran, dass die Berührungsflächen zur jeweils anderen Konfession zu gering sind.

Gäfgen-Track: Wir stellen immer wieder fest, dass dann so Erfahrungen kommen wie: Vor 30 Jahren konnte ich bei einer katholischen Beerdigung nicht an der Eucharistie teilnehmen, deshalb will ich das nicht. Auf beiden Seiten fehlen Informationen darüber, wie es heute aussieht. Wir brauchen Räume der Begegnung.

Aber die gemeinsame Eucharistie bei ökumenischen Schulgottesdiensten wird es ja vermutlich nach wie vor nicht geben.

Wächter: Richtig. Wir haben immer gesagt, dass wir in der Schule ökumenisch nicht weiter sein können als die Kirchen insgesamt.

Ich hatte Sie bislang so verstanden, dass Sie mit dem CRU durchaus ökumenische Vorreiter sein wollen.

Gäfgen-Track: Es wird ökumenisch was bewegen, das glauben wir schon.

Wächter: Das glaube ich auch. Und trotzdem können wir in der ökumenischen Praxis, in der Eucharistiefeier beispielsweise, nicht so tun, als gäbe es keine trennenden Auffassungen.

Gäfgen-Track: Bei Schulgottesdiensten stellt sich außerdem die Frage, wie man andere Religionen und auch Konfessionslose mit einbezieht. Da kann man weder einfach so eine katholische Messe noch einen evangelischen Gottesdienst halten.

Bisweilen kam Kritik am Namen christlicher Religionsunterricht, weil auch Freikirchen und Orthodoxe christlich sind, in Ihrem Modell aber nicht vorkommen. Was entgegnen Sie?

Wächter: Die Kritik ist erstmal berechtigt, sie wurde von Beginn an vorgetragen. Das hat sehr früh dazu geführt, dass wir Kontakt zur russisch-orthodoxen Kirche aufgenommen haben. Wir haben erste Schritte überlegt, wie wir orthodoxe Inhalte in den christlichen Religionsunterricht mit aufnehmen können. Da haben wie sehr deutlich aus den Rückmeldungen des Beratungsprozesses gelernt und es auch in die Fortschreibung des Konzepts mit einfließen lassen.

Sind die Gespräche durch den Krieg in der Ukraine belastet?

Wächter: Ja, natürlich. Aber für den Priester der russisch-orthodoxen Kirche nicht minder. Christen aller Konfessionen sollten gemeinsam für den Frieden einstehen.

Das scheint Patriarch Kyrill, Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, anders zu sehen.

Gäfgen-Track: Kyrills Position ist unfassbar. Für mich ist das theologisch jenseits dessen, was denkbar ist. Die Vermischung von Religion und Politik ist entsetzlich. Aber auch die orthodoxe Kirche ist vielstimmig. Was den CRU betrifft: Da ist die russisch-orthodoxe Kirche auf uns zugekommen und hat gesagt, wir wollen dabei sein.

Gibt es ähnliche Gespräche mit den Freikirchen?

Gäfgen-Track: Die wollen wir jetzt aufnehmen. Wir sind in Niedersachsen eine der wenigen evangelischen Kirchen bundesweit, die mit keiner Freikirche eine Vereinbarung über den Religionsunterricht hat. Die müssten wir längst haben. Man muss aber sagen: Anders als bei den Orthodoxen gibt es bis heute offiziell vonseiten der Freikirchen überhaupt keine Reaktion.

Warum musste der nunmehr ein Jahr andauernde Beratungsprozess noch einmal verlängert werden?

Wächter: Wir haben ihn streng genommen nicht verlängert. Wir wollten Mitte Mai ein Bischöfliches Symposion veranstalten, das der Abschluss der Beratungen sein sollte – mit großer Beteiligung von Lehrkräften. Das Kultusministerium hat uns aber signalisiert, dass es wegen der Pandemie für diese relativ große Gruppe keine Reisegenehmigung gibt. Es ging dann darum, beim Veranstaltungsort Stornogebühren zu vermeiden, also haben wir das Ganze verschoben. Kaum hatten wir es verschoben, kam der Hinweis, dass es doch gegangen wäre. Wir haben kurzerhand die Zeit genutzt und noch viele weitere Termine ermöglicht, zum Beispiel ein juristisches Symposion im Juli, auf dem das frisch vorliegende Gutachten diskutiert werden soll.

Sie haben lange auf das verfassungsrechtliche Gutachten zum CRU gewartet – also auf eine Aussage darüber, ob der geplante CRU juristisch überhaupt möglich ist. Hätte man das nicht vorher klären können, bevor man die Pferde scheu macht?

Wächter: Im Positionspapier wird schon deutlich, dass unsere Hausjuristen umfangreiche rechtliche Betrachtungen angestellt haben. Wir waren uns sehr sicher, dass das rechtlich funktioniert. Dann gab es aber aus den Reihen der Bischöfe den Wunsch, das besser nochmal juristisch extern gegenprüfen zu lassen – also haben wir das beauftragt.

Und ist das Gutachten in Ihrem Sinne?

Gäfgen-Track: Ja.

Wächter: Definitiv ja.

Was wird dann bei dem Symposion besprochen?

Gäfgen-Track: Da werden andere Juristen schauen, ob sie das Gutachten teilen. Es gibt ja bei den Juristen wie bei den Theologen eine Spannbreite an Interpretationen. Das Gutachten enthält außerdem Hinweise, was wir beachten müssen, wenn wir den CRU wirklich umsetzen werden – was wir ja alle hoffen. Aber nochmal: Noch ist nichts entschieden.

Vor einem halben Jahr waren Sie beide zuversichtlich, dass der CRU im Schuljahr 2023/2024 an den Start gehen könnte. Sehen Sie das immer noch so?

Gäfgen-Track: Wenn es nach uns ginge, ja. Aber wir müssen realistisch sein. Jetzt, wo wir den Prozess verlängert haben, wird es 2024/2025. Wir haben in den Diskussionen auch gelernt, dass wir parallel zu den Gesprächen mit dem Land eine Konzeptionierungsphase brauchen. Da werden wir mit vielen Beteiligten überlegen, was der CRU für die Kerncurricula und ganz konkret für die Ausbildung im Referendariat oder an der Uni bedeutet. Die Beratungen haben jetzt schon viel geklärt, es hat viele gute Gespräche gegeben – wir würden es nochmal machen.

 

Die Fragen stellte Lothar Veit, Freier Journalist

„Es geht nicht darum, ob ich den Papst gut finden muss“

Im Interview: Dr. Kerstin Gäfgen-Track, Bevollmächtigte der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen, und Dr. Jörg-Dieter Wächter, Leiter der Hauptabteilung Bildung im Bistum Hildesheim.

19. November 2021

 

Am 19. Mai 2021 haben die evangelischen Kirchen und katholischen Bistümer in Niedersachsen das Modell eines gemeinsam verantworteten christlichen Religionsunterrichts vorgestellt, der den bisherigen evangelischen und katholischen Unterricht ablösen soll. Ein entsprechendes Positionspapier hat kontroverse Reaktionen ausgelöst. Im Interview ziehen Dr. Kerstin Gäfgen-Track, Bevollmächtigte der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen, und Dr. Jörg-Dieter Wächter, Leiter der Hauptabteilung Bildung im Bistum Hildesheim, eine erste Zwischenbilanz.

 

 

Frau Gäfgen-Track, seit einem halben Jahr wird über den christlichen Religionsunterricht diskutiert. Entspricht die Diskussion Ihren Erwartungen?

Kerstin Gäfgen-Track: Ja. Wir haben uns erhofft, dass es eine kontroverse, engagierte Diskussion gibt, weil wir glauben, dass wir nur so den Weg finden können, wie es mit dem Religionsunterricht weitergeht.

Herr Wächter, hätten Sie mit mehr oder mit weniger Gegenwind gerechnet?

Jörg-Dieter Wächter: Ich habe mit einer kontroversen Diskussion gerechnet. Die ist eingetreten. Für die vielen, auch kritischen, Hinweise bin ich sehr dankbar, weil wir natürlich nicht alle Einwände in unserem Positionspapier vorwegnehmen konnten.

Warum wollen Sie ohne Not Abschied vom getrennten evangelischen und katholischen Religionsunterricht nehmen? Oder treibt Sie vielleicht doch irgendeine Not?

Wächter: Wir reagieren mit dem Konzept des christlichen Religionsunterrichts auf eine gesellschaftliche und demographische Entwicklung, die uns schon Sorgen bereitet. Wir glauben, dass das gemeinsame Voranschreiten im Bereich der religiösen Bildung zukunftsfest ist.

Demographische Entwicklung heißt in diesem Fall, es gibt immer weniger evangelische und katholische Schülerinnen und Schüler?

Gäfgen-Track: Ja. Aber es gibt ein ungebrochenes Interesse am Religionsunterricht. Wir haben keine Not. Wir haben hier in Niedersachsen schon seit über 20 Jahren den konfessionell-kooperativen Religionsunterricht und arbeiten gut zusammen. In dieser Zusammenarbeit liegt eine Stärkung des konfessionellen Religionsunterrichtes, deshalb wollen wir noch einen Schritt weitergehen. Wenn ich zum Beispiel nicht aus einem christlichen Elternhaus komme, woher soll ich dann wissen, ob ich evangelischen oder katholischen Religionsunterricht besuchen will? In unserem gemeinsamen Angebot kann ich beide Konfessionen kennenlernen.

Frau Gäfgen-Track, vor allem die katholische Kirche steht aktuell mit ernsten Themen in der Kritik: die mangelhafte Beteiligung von Frauen in Leitungsämtern, eine überkommene Sexualmoral, der unbefriedigende Umgang mit dem Thema Missbrauch, zuletzt Rücktrittsersuche von Kirchenoberen, die der Papst nicht annimmt. Warum wollen Sie mit dieser Institution enger zusammenarbeiten?

Gäfgen-Track: Es gibt nicht nur diese Seite der katholischen Kirche. Und es gibt auch auf Seiten der evangelischen Kirche große Probleme, die vielleicht momentan medial nicht so im Fokus stehen. Aber auch wir haben zum Beispiel erhebliche Probleme im Umgang mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt. Beide Kirchen stehen gegenwärtig unter Druck. Zugleich können wir immer weniger plausibel machen, warum es unterschiedliche Konfessionen gibt, wo wir uns doch alle zu dem einen Christus-Zeugnis bekennen. Es ist sinnvoll, auch im Religionsunterricht zu überlegen: Wo sind unsere Gemeinsamkeiten, wo haben wir Differenzen? Aber ich finde es nicht angebracht, mit dem Finger auf die andere Kirche zu zeigen.

Dennoch eine ähnliche Frage an Herrn Wächter: Der evangelischen Kirche werden oft eine gewisse theologische Beliebigkeit, ein Mangel an Feierlichkeit und eine links-grüne Grundtendenz in politischen Fragen vorgeworfen. Außerdem ist sie aus Sicht Roms gar keine Kirche im eigentlichen Sinne. Warum wollen Sie mit dieser Institution enger zusammenarbeiten?

Wächter: Wir haben jetzt seit über 20 Jahren richtig gute Erfahrungen in Niedersachsen in der Zusammenarbeit von Fachleuten gemacht. Hier arbeiten nicht in erster Linie Institutionen zusammen, sondern Männer und Frauen, denen eine religiöse Bildung an den Schulen wichtig ist. Wir sind der Auffassung, dass es sinnvoll ist, diese Erfahrungen auf eine neue Stufe zu stellen. Nämlich weg von der bloßen Beantwortung organisatorischer Fragen hin zu einem verstärkten In-den-Blick-nehmen inhaltlicher Fragen. Die großen Fragen, welche ekklesiologischen Grundlagen hier eine Rolle spielen könnten, haben wir offen gesagt in unserer konkreten Zusammenarbeit genau so wenig thematisiert, wie das unsere Gemeinden machen, wenn sie gemeinsam einen sozialen Mittagstisch anbieten oder sich in Projekten für benachteiligte Familien engagieren. Es geht uns um die praktische Organisation unseres christlichen Zeugnisses und nicht um die großen kirchenpolitischen Fragen.

Das kann man einfach ausblenden?

Gäfgen-Track: Nein, wir blenden das nicht aus. Aber beiden Konfessionen liegt es erstmal am Herzen, den Menschen die Botschaft des christlichen Glaubens weiterzusagen und aus dieser Botschaft heraus zu handeln. Da sind die Gemeinsamkeiten wirklich größer als das Trennende.

Wächter: Der Streit um die Frage, ob irgendjemand eine Kirche ist oder nicht, der interessiert uns für das gemeinsame Zeugnis nicht im Ansatz. Das sind sicher theologisch wichtige Fragen, die man erörtern kann, aber das interessiert die Menschen nicht, das interessiert die Schülerinnen und Schüler nicht und das interessiert uns im Hinblick auf die Organisation religiöser Bildung auch nicht.

Frau Gäfgen-Track, eine evangelische Lehrkraft könnte aber schon fragen: Muss ich jetzt den Papst gut finden? Muss sie?

Gäfgen-Track: Muss sie nicht.

Muss denn eine katholische Lehrkraft den Papst gut finden, Herr Wächter?

Wächter: Nein. Ich finde die Fragen kurios. Sie implizieren, dass es eine fraglose Zustimmung einer konfessionell gebundenen Lehrkraft zu all dem gibt, was innerhalb ihrer Konfession gedacht, gesagt und gelehrt wird. Wir haben innerhalb unserer beiden Kirchen viel mit Themen zu tun, die kontrovers verhandelt werden. Nichts anderes verlangt auch der Bildungsprozess. Natürlich wird in der Schule darüber zu diskutieren sein, wie das Amt des Papstes zu beurteilen ist.

Gäfgen-Track: Ich würde von jeder Religionslehrkraft erwarten, dass sie das, was kirchliche Lehre der jeweiligen Konfession ist, angemessen darstellt. Erst dann kann und soll sie sich dazu persönlich verhalten und beispielsweise sagen, das Papstamt sehe ich, so wie ich die Bibel verstehe, nicht als zwingend notwendig an. Was mich in diesem Prozess stark irritiert: Es kommen plötzlich Vorurteile hoch, von denen ich glaubte, dass sie längst überwunden sind. Mein großes Ziel ist mittlerweile, dass durch den gemeinsamen Religionsunterricht nochmal genau hingeschaut wird: Was ist die eigene kirchliche Lehre und was ist die Lehre der anderen Konfession?

Wächter: Viel interessanter als die Frage, ob ich den Papst gut finde, sind Fragen nach den unterschiedlichen Rahmenvoraussetzungen, die wir bislang noch für den Religionsunterricht haben. Über die Vokation und die Missio canonica gibt es unterschiedliche Zugangsbedingungen. Diese sollen für evangelische und katholische Religionslehrkräfte harmonisiert werden. Wir wollen die bisher mit der Missio canonica verbundenen relativ hohen Hürden, die formal immer noch gelten, modifizieren. Da sind wir im Gespräch, übrigens auch mit Rückendeckung der Bischöfe.

Die Vokation ist eine Unterrichtsbestätigung der evangelischen Kirche, die Missio canonica eine Unterrichtserlaubnis der katholischen Kirche. Können Sie noch etwas konkreter werden, was Sie modifizieren wollen?

Wächter: Im katholischen Verständnis sendet der Bischof die Religionslehrerinnen und -lehrer und erwartet von ihnen nach bisheriger Lesart, dass sie auch in ihrer persönlichen Lebensführung der Glaubenslehre der katholischen Kirche entsprechen. Das hat man in der Regel auf einige objektivierbare Sachverhalte enggeführt, nämlich auf die Fragen: Ist dein Ehepartner katholisch? Sind die Kinder katholisch getauft? Bist du selber katholisch verheiratet? Das scheint uns inhaltlich dem Sendungsgedanken nicht mehr angemessen Rechnung zu tragen. Deshalb wollen wir das modifizieren – übrigens bundesweit und unabhängig von der Frage, ob wir hier einen christlichen Religionsunterricht einführen. 

Frau Gäfgen-Track, Sie sprachen Ihre Verwunderung über bestehende Vorurteile an. Muss auch die Ausbildung für das neue Unterrichtsfach nachjustiert werden?

Gäfgen-Track: Ja, sicher. Die Ausbildung muss die Studierenden noch einmal sehr viel stärker in die Grundüberzeugungen der jeweils anderen Konfession einführen. Es ist nicht mehr so, dass das Allgemeinwissen ist. Wir wissen aus vielen Untersuchungen zu Lehramtsstudierenden, dass nicht wenige sich auch in der eigenen Kirche nicht so gut auskennen, wie wir uns das wünschen würden – und wie es auch eine Voraussetzung für die Erteilung des Religionsunterrichtes sein sollte. Und sie kennen sich dann auch nicht in der anderen Konfession aus. Wir sind darüber in einem intensiven Gespräch mit den Universitäten und Hochschulen. Das sind wir auch unabhängig von der Einführung eines christlichen Religionsunterrichtes.

Während Ihr Modell für Gymnasien womöglich deutliche Veränderungen bedeuten würde, gibt es Religionslehrkräfte an Berufsbildenden Schulen, für die es längst Alltag ist, christliche, muslimische und konfessionslose Schülerinnen und Schüler gemeinsam zu unterrichten. Ist das Ziel, später noch einen Schritt weiterzugehen und wie in Hamburg einen „Religionsunterricht für alle“ anzubieten?

Wächter: Nein, das ist nicht das Ziel. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, an der Bekenntnisbindung gemäß Artikel 7 Absatz 3 des Grundgesetzes festzuhalten. Wir sind hier in Niedersachsen etwas skeptisch, ob andere Versuche in Deutschland dieser Voraussetzung Genüge tun. Wir glauben, dass wir mit unserem Ansatz etwas gefunden haben, das religionspädagogisch vertretbar, rechtlich abgesichert und von der schulischen Praxis her erforderlich ist.

Am Ende muss ja auch das Land noch zustimmen. Bekommen Sie von dort Signale zu Ihrem Beratungsprozess?

Gäfgen-Track: Es besteht bei der Politik und den Ministerien eine große Bereitschaft, in ein vertieftes Gespräch einzutreten, wenn wir unseren Beratungsprozess abgeschlossen haben. Wir führen aber auch jetzt schon Gespräche mit Vertretern des Ministeriums oder der regionalen Landesämter für Schule und Bildung. Auf all diesen Ebenen nutzen wir Gesprächskontakte und laden auch Fachleute des Landes ein, an Veranstaltungen des Beratungsprozesses teilzunehmen.

Wann soll die erste Stunde christlicher Religionsunterricht erteilt werden? Oder ist es theoretisch auch denkbar, dass der Prozess scheitert?

Wächter: Theoretisch denkbar ist immer alles.

Gäfgen-Track: Genau.

Wächter: Aber wir gehen davon aus, dass wir frühestens im Schuljahr 2023/2024 mit dem christlichen Religionsunterricht an den Start gehen können. Das ist durchaus sportlich. Der bisherige sehr konstruktive Verlauf des Beratungsprozesses lässt mich persönlich sehr zuversichtlich sein, dass wir das hinkriegen. Im Grunde ist es begründungspflichtig, wenn wir Sachen getrennt machen. Und nicht, dass wir sie zusammen machen.

Gäfgen-Track: Ich bin genauso zuversichtlich. Ich halte es auch für sportlich, aber ich glaube, der Zug ist unumkehrbar. Und das ist auch gut so.

 

Die Fragen stellte Lothar Veit, Freier Journalist.