Todesfälle in der Schulgemeinschaft begleiten

Von Bettina Wittmann-Stasch

Die Zeiten der Pandemie Covid 19 führten zum ersten Lockdown der Geschichte und zu Schulschließungen im Frühjahr und im Winter 2020/21. Es wurde klar: Jetzt ist Besonnenheit und Vorsicht gefragt. Der Angst vor Ansteckung mit einem unsichtbaren und verheerenden Virus musste z.T. auch durch Schulschließungen begegnet werden. Der Gedanke lag nahe – spätestens nach den verstörenden Bildern von Lastwägen, die Särge abtransportierten – dass Schulen auch jetzt von Todesfällen betroffen sein könnten. Was soll man tun, wenn jemand aus der Schulgemeinde – ob am Coronavirus, an einer anderen Erkrankung oder einem Unfall – sterben sollte? Was tun, wenn man in dieser Zeit noch nicht wieder zusammen in einem Klassenraum sitzen darf, die Schüler*innen sich nicht leiblich gegenseitig unterstützen und trösten können? Wie kann man in solch einem Fall mit Schüler*innen und im Kollegium einen Weg finden, damit umzugehen, dass eine*r fehlt?

Wie man zu anderen Zeiten in so einer Situation Gefühle und Ängste aufnehmen kann, das ist vielerorts geübt, dazu kann man viel nachlesen. Die Herausforderung in Zeiten der Kontakt-Minimierung ist nun aber: All das, was sonst tröstet, geht nicht so, wie wir es gewohnt sind. Deshalb ist hier Kreativität gefragt. Sensibel muss besonders bedacht werden, wie die Mitteilung über den Tod eines Schulmitgliedes erfolgen soll.

Ist es ratsam, dies sofort nach Bekanntwerden und notfalls digital der betroffenen Klasse mitzuteilen? Oder wartet man, bis wieder gemeinsame Zeiten in der Schule möglich sind? Ist in so einer Situation eine Videokonferenz eine gute oder eine schlechte Idee? Soll und muss man nicht doch eine Ausnahmeregelung erwirken und sich gemeinsam im größten Raum der Schule oder in der Turnhalle treffen, sich sehen, wenn man so eine Nachricht weitergeben muss?

Die Erfahrungen der letzten Monate haben gezeigt: Es gab unterschiedliche Wege und unterschiedliche Bedürfnisse:

(1)    Eine Lehrkraft hatte vor allem Sorge, dass sich vor dem Bildschirm keine Möglichkeit finden würde, gemeinsam das Erschrecken, die Trauer, das Unfassliche angemessen zu betrauern. Sie entschied sich deshalb dazu, keine Videokonferenz zu machen, sondern suchte mit der Schulleitung nach einer Möglichkeit, die Klasse vollzählig in die Schule zu bitten. Gemeinsam schufen Kolleg*innen dort eine Atmosphäre, die es trotz des weiterhin gebotenen Abstands zuließ, die gemeinsame Betroffenheit auszudrücken, Gedanken auszutauschen, zu weinen. Nach der Mitteilung durch die Schulleiterin, dass eine Mitschüler*in gestorben sei, entstand Schweigen. Eine Schülerin sagte: Ich hab mir schon gedacht, dass was Schlimmes passiert sein muss, wenn wir alle hierher kommen sollen.“ Erstaunlicherweise hatte es sich noch nicht herumgesprochen, was passiert war.  

(2)    In einem anderen Fall waren sich die Klassenlehrerin, gleichzeitig auch Schulseelsorger*in, und die Schulleiterin einig, dass bei dem hohen Infektionsgeschehen im Landkreis eine Zusammenkunft in der Schule nicht angemessen sein würde: „Was soll ich denn dann machen, wenn die sich trotzdem alle in die Arme fallen, wir das gar nicht verhindern können – und es hinterher heißt: Die Schule XY wurde zum Hotspot?“ Sie entschieden sich deshalb dazu, eine Videokonferenz anzusetzen, zu der die Schulleiterin einlud. Nach der Begrüßung war schnell klar, dass auch in dieser Klasse sich die Nachricht vom Tod eines Mitschülers noch nicht verbreitet hatte. Die Schulleiterin fand einen sehr einfühlsamen Ton, obwohl sie die Klasse kaum kannte.

Beide Lehrkräfte hatten durch den Verlauf des Erlebten hinterher die Gewissheit, das in dieser Situation Angemessene getan zu haben. Gut war es beide Male, dass sie nicht alleine waren, sondern zu zweit, im ersten Fall sogar zu viert, den Schüler*innen beistehen konnten und auch sich gegenseitig eine Stütze sein konnten.

Diese Erlebnisse zeigen m.E.: Es kommt auf die jeweilige Situation vor Ort an (und auf das Alter der Schüler*innen), wie in so einem Trauerfall angemessen gehandelt werden kann.

Wie es weitergehen kann, nach der Mitteilung einer solchen Nachricht und weiterer Kontaktbeschränkung?

Natürlich gibt es längst auch virtuelle Trauerräume, seit 1990 in wachsender Zahl. Das Netz vergisst nichts, wie man weiß. Auf digitalen Friedhöfen kann man einen Nachruf verfassen, eine individuell gestaltete Gedenkseite einrichten und dem*der Verstorbenen damit ein ewiges Denkmal im Netz setzen. Manche Trauerforen im Internet, die momentane Gefühle eher verewigen, haben vielleicht Anteil daran, Trauer zu verarbeiten und sich wandeln zu lassen. Sich über diese Formen zu informieren, ist in jedem Fall wichtig – auch um zu erfahren, wo sich ggf. die eigenen Schüler*innen jetzt „tummeln“ könnten. Sogar Kondolenzbücher stehen bereit, um möglicherweise die anteilnehmenden Worte anderer zu dokumentieren.

Ich würde jedoch davon abraten, schulisch eine solche Plattform zur gemeinsamen Nutzung zu initiieren. Aus Pietätsgründen sollte so etwas den Angehörigen überlassen werden. Und aus praktischen Gründen ebenso, da eine solche Seite auch auf Dauer gepflegt werden müsste.  Auch die Evangelische Kirche macht auf www.trauernetz.de ein Angebot für Trauernde. Hier finden Besucher*innen jedoch absichtlich keine Möglichkeit, online Gedenkstätten mit Ewigkeitscharakter anzulegen. Stattdessen sind hier Lyrik, Gebete und Meditationstexte zu finden und der wirklich lohnenswerte Verweis auf die Seite https://gedenkseiten.trauernetz.de/, in der man sehen kann, was für Möglichkeiten digital bereits vorhanden sind.

Für die weitere Bewältigung des Verlustes in der Schule sind Formen zu bevorzugen, die es ermöglichen, in der gebotenen Kontakt-Minimierung und der daraus leicht entstehenden Vereinzelung, sich dennoch nicht alleingelassen zu fühlen. Diese Ideen könnten per IServ den Klassengemeinschaft oder auch der Schule insgesamt mitgeteilt werden, so dass sich jede*r nach dem eigenen Gefühl daran beteiligen kann. Gerade in Zeiten der räumlichen Getrenntheit ist es wichtig, sich ganz bewusst jemanden zum direkten Austausch zu wählen. Schüler*innen sollten darauf hingewiesen werden, dass es Gesprächsmöglichkeiten gibt (auch über die eigene Familie hinaus) bei der Schulseelsorger*in,  der Klassenlehrkraft, einer*einem guten Freund*in, oder auch bei der „Nummer gegen Kummer“ .

Ohne menschlichen Austausch aber besteht die Gefahr, dass Trauer überwältigend sein kann. Der Weg der Unterstützung, indirekt via Telefon oder Chat, ist weniger entscheidend.

Weitere gute Möglichkeiten sind

  • Eine Traueraufgabe für zu Hause stellen:

„Wenn du magst, kannst du mir deine Ergebnisse schicken. Du darfst sie aber auch für dich behalten, wenn du das besser findest.“
     o    Gedanken an NN: Wenn Du ihn*sie jetzt noch einmal sehen könntest, was wäre Dir wichtig, ihm*ihr zu sagen? Wenn Du magst, schreibe es auf!
     o    Gab es bestimmte Worte, die Du mit NN verbindest? Etwas, was NN immer wieder gesagt hat?
     o    Suche Dir draußen einen Stein. Bearbeite ihn (z.B. mit Schleifpapier, Öl...), bis er zu einem Handschmeichler geworden, oder so dass er zu NN besonders gut passt. Wann immer Dir danach ist, kannst Du Dir mit diesem Handschmeichler die Nähe zu NN bewusst machen.
     o    Geh zu euren Gewürzen in der Küche und probiere alle Gewürze aus. Schreibe auf, wonach das jeweilige Gewürz riecht oder schmeckt. Überlege Dir, zu welchem Deiner Gefühle welches Gewürz passt und stelle für heute eine gute Mischung zusammen.

  • Zu einer bestimmten Zeit gemeinsam eine Kerze ins Fenster stellen und an den*die Verstorbene denken.
  • Briefe schreiben an NN, an Gott – und sie beim Wiederbeginn in der Schule gemeinsam rituell verbrennen.
  • Bilder malen, die auch im späteren Gedenken in der Schule gemeinsam verwendet werden können.

Dazu sind ggf. auch folgende Impulse nutzbar

  • Wenn Du magst, dann male Deine Gefühle – ohne groß nachzudenken. Lass Dich von den Farben leiten.
  • Am Folgetag: Wenn Du Dein Bild noch einmal von etwas weiter entfernt anschaust: Welche Gedanken kommen Dir dazu? Schreibe sie auf und stecke sie an dein Bild. Bring dein Bild am ersten Schultag mit in die Schule!
  • Telefonzeiten vereinbaren, in denen sich jeweils fünf Schüler*innen in einem „Telefonraum“ mit der*dem Klassenlehrer*in treffen können.
  • Sonnenblumensamen versenden, die gemeinsam gepflanzt und gepflegt werden bis zum Wiedersehen.

Wenn die Schule wieder besucht werden kann, muss man gut ausloten, was gerade oben aufliegt. Es wird wichtig sein, den*die Verstorbene genauso wenig zu vergessen wie die vielen unbekannten schwierigen Zeiten Einzelner in ihren Familien.

Literatur zum Weiterlesen in Auswahl
1.    Tod und Trauer in Erzählungen

  • Kita und Grundschule

Hubka, Christine/ Hammerle, Nina: Wo die Toten zu Hause sind. Mit einem pädagogischen Anhang „Wie mit Kindern über den Tod reden?“. 4. Aufl., Innsbruck/Wien 2010.

  • Sekundarstufe

Gaarder, Jostein: Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort. 2. Aufl., München 2002.
Schmitt, Eric-Emmanuel: Oskar und die Dame in Rosa, Frankfurt/Main 2005.
Pape, Frank: Gott, du kannst ein Arsch sein! Stefanies letzte 296 Tage, München 2016.

2.    Tod und Trauer in Seelsorgeliteratur

  • Kachler, Roland: Meine Trauer wird dich finden, Freiburg u.a. 2017.
  • Lammer, Kerstin: Den Tod begreifen. Neue Wege in der Trauerbegleitung. Neukirchen-Vluyn 2003, besonders 234-276.
  • Cardinal, Claudia: Alles, nur kein Kinderkram. Was trauernde Kinder und Jugendliche brauchen, Ostfildern 2012.
  • Morgenthaler, Christoph: Systemische Seelsorge. Impulse der Familien-und Systemtherapie für die kirchliche Praxis, Stuttgart 2014, 5. Aufl., 244-265.3.

3.    Rituale

  • Religionspädagogisches Zentrum Heilsbronn (Hg.): Kleine Rituale in der Schulseelsorge, Heilsbronn 2016.

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  1. Des Brandschutzes wegen müssen es meist inzwischen LED-Kerzen sein!
  2. Vgl. auch den Artikel „Trauern per Mausklick“ unter https://www.katholisch.de/artikel/1718-trauern-per-mausklick.
  3. Nach Ideen von Meike Hirschfelder, den Weg der Verarbeitung auf alle Sinne zu erweitern (visuell, auditiv, kognitiv, olfaktorisch, gustatorisch), vgl. auch die Homepage https://www.rpz-heilsbronn.de/Dateien/Arbeitsbereiche/Schulseelsorge/Corona/hirschfelder_virtueller-trauerraum.pdf