Bernhard Dressler

Zeitenwende – Wendezeit?
Zeitdiagnostische Aspekte im Übergang zum 21. Jahrhundert

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Vorbemerkungen

Von Zukunftsprognosen sollte man nicht nur aus guten theologischen Gründen die Finger lassen. Natürlich, wir müssen als Verantwortliche etwa für die Institution Kirche mittelfristig planen. Dabei wären wir ohne Expertenprognosen handlungsunfähig. Solche Prognosen stiften aber eher Handlungsmotivationen als kalkulierbare Zielsicherheiten. Wir brauchen also Prognosen, um überhaupt planerisch handeln zu können und uns dabei für die Gegenwart zu legitimieren. Aber am Ende solcherart instruierter Handlungsketten landen wir mit großer Wahrscheinlichkeit nicht in den prognostizierten Szenarien. – Von diesem Dilemma will ich hier nicht weiter reden, denn die Warnung vor Prognosen hat unter der thematischen Überschrift “Zeitenwende” ja ganz andere Dimensionen im Blick. Seit Beginn des modernen Geschichtsbewusstseins werden an den Jahrhundertübergängen mehr oder weniger detaillierte und im wissenschaftlichen Gestus formulierte Erwartungshorizonte ausgemalt. Aber das neue Jahrhundert ist jeweils ganz anders abgelaufen, als man es 1799 oder 1899 erhoffte. Und das würde für 1999 genauso zu sagen sein, wenn wir so unklug wären, uns doch noch einmal auf solche Zukunftsgemälde einzulassen. Diese Prognosen haben rückblickend nur einen zeitdiagnostischen Wert für ihren jeweiligen Entstehungskontext; sie sagen also mehr über die Vergangenheit als über die Zukunft. Denken Sie nur einmal an Science-Fiction-Filme, die in den 50er- und 60er Jahren einen Blick ins Jahr 2000 wagten und dabei uns heute rührend oder beklemmend utopisch anmutende Phantasien entwickelten, aber von PCs nicht die leiseste Vorahnung hatten – mit entsprechenden Konsequenzen z.B. für die Designs von Raumschiff-Cockpits, die exotisch-utopistisch und aus heutiger Sicht zugleich vorsintflutlich erscheinen.
Der begrenzte Wert von Prognosen erhält eine ironische Pointe im Blick auf unser Thema selbst, nämlich wenn ich daran erinnere, wie noch vor wenigen Jahren für die Zeit um die Jahrtausendwende apokalyptische Endzeitstimmungen erwartet wurden. Davon kann heute kaum noch oder nur sehr differenziert die Rede sein.
Nebenbei bemerkt: Ich will mich hier nicht lange mit der Kritik an Zahlenmystifikationen, an magischen Überhöhungen der Zahl “2000”, aufhalten. Dass wir jetzt das Jahr 1999 zählen, hat, wie Sie wissen,  mit kalendarischen Zufällen zu tun. In Kairo oder Jerusalem oder Tokyo rechnet man ohnehin anders, und falls man sich an westliche Gepflogenheiten hält, wird die Zahl 2000 dort dennoch ohne unsere Bedeutungszuschreibungen  gelesen.
Aber auch unsere abendländisch-christliche Bedeutungszuschreibung, darauf will ich hier hinaus, verbindet sich im öffentlichen Bewusstsein nicht mit den bis vor kurzem erwarteten Stimmungslagen. Dazu eine weitere Nebenbemerkung: Auch die Reprojektion der Erwartung von Endzeitstimmungen auf das erste Millennium erweist sich als kaum haltbare Phantasie. Bis ins 12. Jahrhundert zählte man kalendarisch in Regierungs- oder Pontifikatsjahren. Der Zahl 1000 haftete daher  – zumal sie noch nicht in arabischen Ziffern mit der “Null”-Symbolik geschrieben wurde – bei der Bevölkerungsmehrheit keinerlei Mystik an. Der mittelalterliche revolutionäre Millenarismus entstand erst im 11. und 12. Jahrhundert im Sog der Reconquista in Spanien (ab 1063) und dann der Kreuzzüge (seit 1096).   Und  900 Jahre später?  1995 schrieb das ‚ZeitMagazin‘ ironisch: “Genießen Sie Silvester, vielleicht ist morgen schon Weltuntergang. Die Lust an der Apokalypse nimmt zu, je näher die magische Jahrtausendwende rückt.” Heute kann man dagegen sagen, dass die Suggestionskraft der runden Zahl allenfalls die etwas aufgeregte, aber doch vergleichsweise banale Suche nach besonderen Events in der kommenden Silvesternacht stimuliert, mit dem schönen Nebeneffekt, dass die positive Deutung der Jahrtausendwende wegen ihrer Eventfähigkeit zunimmt, je näher das Datum rückt. Aber die Apokalyptik bleibt aus oder reduziert sich auf die Angst vor Computerabstürzen wegen der zweideutigen Doppelnull. Herbeigeredetes Endzeitfieber nimmt eher ab. Natürlich: Die Zukunft beschäftigt uns, und das besondere Datum intensiviert vielleicht kurzzeitig die Themen , die uns derzeit ohnehin bewegen. Ein ins Negative gewendeter Fortschrittsoptimismus macht dabei auch Anleihen bei apokalyptischen Bildern – mehr nicht. Zwar gibt es weiterhin perfekt inszenierten Weltuntergangsthrill  im Kino – bemerkenswerterweise zunehmend mit ausserirdischen Katastrophenursachen in Form von Invasionen feindlicher Raumschiffe oder drohenden Kometenkollisionen. Aber sonst: statt ‚Apocalypse now‘ – ‚Apocalypse ciao‘.
Bei so viel Ernüchterung muss aber doch noch eine Beunruhigung Platz haben: Die Beschleunigungen der letzten Jahrzehnte machen uns bei dem Gedanken an das Jahr 3000 schwindeln. Das gilt für eine Sicht aus christlicher Perspektive umso mehr. Ich denke mir mit Peter Sloterdijk einige willkürliche Jahreszahlen – 2003, 2721, 11000, und frage mit auf diese Weise sehr relativiertem Blick auf uns selbst: Ist das vorstellbar? Bis wann würde sich eine Zivilisation an den christlichen Weltkalender gebunden fühlen?

 


Anmerkungen

  Vortrag vor der Kirchenkreiskonferenz Wolfsburg am 19.5.1999.

  Vgl. Thomas H. Macho, Wenn Jahrtausende sich wenden...; in: Zeitschrift für die Didaktik der Philosophie und  Ethik 4/1996, 238.

  Vgl. Michael Nüchtern, Endzeitstimmung zur Jahrtausendwende?; in: EZW-Matrialdienst 1/1998, 2f.

  Peter Sloterdijk, Etwas vor sich haben, Nachwort zu: Ders. (Hg.), Vor der Jahrtausendwende. Berichte zur Lage der Zukunft, Frankfurt/M. 1990, 728f.

  Michael Nüchtern, a.a.O., 4.

  Rüdiger Safranski, Warum die Vergangenheit meinen Bedarf an Zukunft deckt; in: Peter Sloterdijk (Hg.), a.a.O., 197f.

  Walter Benjamin, Geschichtsphilosophische Thesen (9); in: Ders., Zur Kritik der Gewalt und andere Aufsätze, Frankfurt/M. 1965, 84f.

  Vgl. Robert Spaemann, Unter welchen Umständen kann man noch von Fortschritt sprechen?; in: Ders., Philosophische Essays, Stuttgart 1983, 130-150, bes. 148ff.

  Karl Marx in Marx-Engels-Werke (MEW), Bd.9, 462.

Hannah Arendt, Vom Leben des Geistes, Bd.2, Anhang, München 21989, 226.

Thomas Ziehe, Optionen und Ohnmacht – Zur Modernisierung jugendlicher Lebenswelten; in: Loccumer Pelikann 2/1993, 9-13.

Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, Frankfurt/M 21978, 462.

  Vgl. hierzu und zum folgenden: Georg Hilger, “Achte auf den rechten Augenblick!” (Sir 4,20). Zum Umgang mit der Zeit in Religionsunterricht und Christenlehre; in: Christenlehre/Religionsunterricht – Praxis  2/1999, 9-18.

  Michael Nüchtern, a.a.O., 4.

  Michael Theunissen, Negative Theologie der Zeit, Frankfurt/M. 1991, 287f.

  Hans Weder, Die Verflüchtigung der Gegenwart; unveröffentl. Loccumer Vortragsmanuskript.

  Zit. nach G. Hilger, a.a.O., 13.

   Walter Benjamin, a.a.O., 94.

   Wolfgang Pöhlmann, Bestimmte Zukunft. Die Einheit von ‚Eschaton‘ und ‚Eschata‘ in neutestamentlicher Sicht; in: Evangelium Schriftauslegung Kirche. Festschrift für Peter Stuhlmacher zum 65. Geburtstag, hg. von J. Adna, S. J. Hafemann und O. Hofius in Zusammenarbeit mit  G. Feine, Göttingen 1997, 343.

  Michael Nüchtern, a.a.O., 7.



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