Jugend&Kultur&Religion

Marienschule Hildesheim


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Matrix und die Truman Show -
Zwei moderne Höhlengleichnisse

 

 

Verfasserinnen: Stefanie Dosch, Nadine Bollmann , Annika Nessau, Melanie Nagel, Jessica Homann, Anja Sperlich, Annegret Limmer, Gabi Weinreich, Sonja Wedekin, Agathe Gattner


Betreuende Lehrkraft: Peter Freienstein

 

 

 

Ich sehe eine Höhle. Und darin, während draußen in den Gassen der Hügel die Springflut Regens übers Wild-Trockene hinschießt, seh ich Glut.

Und gut zwanzig Schritte in die Sicherheit ihres dunklen Überhanges hinein, liegt gesammelt die Glut der Höhle.

Zusammengesammelt, steinumringt, windumstoben. Und es hört Regen die Höhle. Und

Staut sich das Echo hinten, wohin sie dem Glutschein entkommt und dunkler wird und dunkelt, unsichtbar macht, was hier aufhält die Höhle.

Aber fernher kam Donner.

 

(Patrick Roth, Riverside, 1. Abschnitt)

 

Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung

  1. Das platonische Höhlengleichnis

  1. Platon

  1. Das Höhlengleichnis

  1. Wissen und Wahrheit im Höhlengleichnis

  1. Erlösung im Höhlengleichnis

  1. Aspekte der religiösen Haltung heutiger Jugendlicher

  1. Die Einstimmung auf den ontologischen Dualismus in New Age

  1. Der Dualismus in Harry Potter

  1. Die New Age Bewegung - Wurzeln und Träger

  1. Die New Age Bewegung - Hauptlehre

  1. New Age und heutige Jugend

  1. Die Gnosis - der ultimative Hintergrund

  1. Entfremdung

  1. Licht und Finsternis

  1. Gott und der Demiurg

  1. Die Macht der Illusion

  1. Kritik an der Gnosis - Antignosis

  1. Der Film Matrix als Ausdruck moderner religiöser Erfahrung

  1. Der Inhalt des Films

  1. Der Messianismus im Film

  1. Erlösungssehnsucht im Film

  1. Der Gnostizismus im Film

  1. Der Antignostizismus im Film

  1. Gnostischer Demiurg und Befreiung in der Truman Show

  1. Inhalt des Films

  1. Christof als christlicher Gott

  1. Truman als Messias

  1. Die Gnosis im Film

  1. Gnostischer Demiurg oder christlicher Übervater

  1. Wie kommt es zur steigenden Popularität des Manipulationsverdachts und welches Lebensgefühl spricht sich darin aus?

  1. Vorüberlegungen

  II.  Die vier Spaltungen

  1. Folgerungen

Bibliographie

Zur Arbeitsweise

Inhaltsverzeichnis

 

 

EINLEITUNG

 

Zwei Filme haben von sich reden gemacht. Kaum war die Verwirklichung der reality soap in der Truman Show uns so unheimlich nahe gegangen, lief ein anderer Film an, der das Einzelschicksal des betrogenen Truman zum universalen weitete. Hier wurde mit der gnostischen Tradition Ernst gemacht, die seit den Funden im ägyptischen Nag Hammadi die Nachkriegskultur stimuliert hat, nachdem sie schon um die Wende zum 20. Jahrhundert weite Kreise der Gesellschaft über neobuddhistische, hinduistische und allgemein okkulte Wege erfasst hatte. Es war für uns erstaunlich zu sehen, welch genaue Kenntnis gnostischer Gedanken in Matrix eingegangen war. Wir haben in den beiden besprochenen Filmen moderne Höhlengleichnisse erkannt und uns gefragt, warum diese bei Jugendlichen mehr und mehr auf fruchtbaren Boden fallen, wie die spektakulären Kassenerfolge beweisen. Wir dürfen sie wohl ernst nehmen als Hinweis auf eine moderne Höhlenerfahrung, die wir mit dieser Arbeit ausweisen und vielleicht etwas bewusster machen wollen.

 

A) Das platonische Höhlengleichnis – Grundmotive

I. Platon

Im Jahre 427 vor Christi Geburt wird in der Stadt der Weisheit, Athen, eine Persönlichkeit geboren, die bis in unser jetziges Jahrtausend hinein noch von großer Bedeutung ist: der Philosoph Platon. Auf Grund des hohen Adelsstandes seiner Eltern wächst er in seiner Zeit entsprechend guten Verhältnissen auf. Mit zwanzig Jahren, also 407 v. Chr., schließt er sich dem damals äußerst umstrittenen Philosophen und Lehrer Sokrates an, der seinen Lebensweg stark prägen wird. Schon bald beginnt er, der die Schriftlichkeit als minderwertig gegenüber dem Gesprochenen verurteilt, verschiedene Schriften in Dialogform zu verfassen, wie vermutet wird, als eine Art Werbung für die Anhängerschaft des Sokrates, beziehungsweise später seiner eigenen. In diesen Dialogen thematisiert er zuerst Sokrates Leben und Tod, sowie dessen Lehre über die Tugend, später entwickelt er die Vorstellung von einem idealen Staat. Von 388 bis 387 v. Chr. begibt sich Platon zum ersten Mal auf die Reise, die als Ziele Sizilien und Unteritalien hat. Nach seiner Rückkehr nach Athen gründet er dort eine Schule, die Akademie, um fähigen politischen Nachwuchs auszubilden. Auch er persönlich ergreift dazu das Lehramt. Gleichzeitig schriebt er weiter an seinen Dialogen. Zehn Jahre nach dem Ende der ersten Reise tritt Platon die zweite an, die ihn in die gleichen Gebiete führt. 365 v. Chr. kehrt er von dieser wieder heim. Dort setzt er dann seine bisherige Tätigkeit als Lehrmeister fort, bevor er sie schon vier Jahre später wieder einmal unterbricht, als er zu seiner dritten und letzten Reise nach Sizilien und Unteritalien aufbricht. Mit dieser möchte er die Verwirklichung seiner politischen Ideen vorantreiben. Wieder zurück in Athen lehrt und schreibt Platon weiter, bis er als 80jähriger im Jahre 347 v. Chr. in seiner Vaterstadt stirbt.

Sein wohl bekanntestes und vielleicht auch wichtigstes Werk schreibt Platon in der sogenannten mittleren Periode um etwa 385 v. Chr.: die Politeia (Der Staat). Dieses Werk, das von dem schon erwähnten "idealen Staat" handelt, wird bald nach der Gründung der Akademie veröffentlicht. Innerhalb dieses Dialoges erzählt und erklärt der Dialogführer, Sokrates, einem seiner Schüler drei Gleichnisse. Als erste das Sonnengleichnis und das Liniengleichnis, die sich beide mit dem Unterschied zwischen dem Denkbaren und dem Sichtbaren beschäftigen, dann folgt das Höhlengleichnis, das Platons Theorie über die Erkenntnis bildhaft darstellt. Auf dieses Gleichnis baut die vorliegende Arbeit auf.

 

II. Das Höhlengleichnis

Der Erkenntniszustand des Menschen wird innerhalb des Höhlengleichnisses mit folgendem Bild zu beschreiben versucht: Seit ihrer Geburt ist eine Gruppe von Menschen in einer unterirdischen Höhle eingesperrt. Wegen ihrer Lage wäre diese Höhle total finster, würde nicht von fern her ein großes, helles Feuer durch den Eingang der Höhle scheinen und den Höhlenbewohnern so Licht spenden. Jedoch steht zwischen dem Feuer und dem Eingang der Höhle eine hohe Mauer. Zwar ist sie nicht hoch genug, um den Höhlenbewohnern das gesamte Licht zu nehmen, doch verhindert sie, dass sie die an der Höhle vorbeilaufenden Menschen sehen können. Nur die Gefäße, die einige von den Vorbeilaufenden auf dem Kopf tragen, sind zu sehen, genauer genommen, wären zu sehen, denn zusätzlich sind die Höhlenbewohner so gefesselt, dass sie ihre Köpfe nur in Richtung der dem Höhleneingang gegenüberliegenden Wand richten können. Daher sehen sie nur die Schatten der Gefäße, die von dem Feuer gegen eben diese Wand geworfen werden. Nun soll man sich vorstellen, dass auf Grund des Widerhalls die Höhlenbewohner fähig sind, alles zu hören, was in naher Entfernung der Höhle geschieht. Stellt man sich nun des Weiteren vor, dass die vorübergehenden Menschen sich manchmal unterhalten, so sehen die Höhlenbewohner die Schatten der Gefäße und hören die Unterhaltung und, da sie es nicht besser wissen, werden sie daraus schließen, dass die Schatten sich unterhalten. Und dies hielten sie für die reine Wahrheit, weil sie doch keine andere Erklärung dafür zu finden wissen.

Der Dialogführer bittet nun sich von diesem Bild ausgehend vorzustellen, dass einer der Höhlenbewohner plötzlich entfesselt wird, und, da er selbst aus Furcht vor dem neuen Unbekannten zögert, gezwungen wird, gegen das hereinscheinende Licht zu blicken. Wegen seiner kaum geübten Augen empfindet er große Schmerzen und, weil das, was er trotz der Schmerzen zu erkennen vermag, ihm so fremd erscheint, zweifelt er an dessen Wahrhaftigkeit. Nun zwingt man den sich Sträubenden auch noch, aus der Höhle herauszutreten, um das gesamte Land zu überblicken, doch sieht er nichts außer Dunkelheit. Seine Augen verkraften das viele helle, grelle Licht des Feuers einfach nicht. Erst nach und nach erblickt er die wahre Form der Welt hinter dem Eingang seiner Höhle und versteht gleichzeitig das, was er damals in der Höhle zu sehen glaubte. Nun, da er die Wahrheit kennt, will er freiwillig nicht wieder in die Lüge der Höhle zurück, und man müsste daher, wenn man wirklich wollte, dass er zurückkehrt, ihn dazu zwingen. Der Dialogführer will genau das und lässt deshalb den einst Befreiten wieder dort unten in der Höhle fesseln. Und wieder kann der Neugefesselte erst einmal nichts mehr sehen. Erst als geraume Zeit vergangen ist und sich seine Augen schon einigermaßen an die anscheinend noch schwärzer gewordene Dunkelheit gewöhnt haben, vermag er wieder einige Schattierungen auf der Rückwand der Höhle zu erkennen. Natürlich sind die übrigen Höhlenbewohner sehr verwundert über die plötzliche schlechte Sehfähigkeit ihres zurückgekehrten Mitbewohners. Das muss von dem Ausflug nach oben kommen, schließen sie daraus gewissermaßen ganz richtig, doch nun denken sie aus dem Blickwinkel des neugefesselten Heimkehrers völlig falsch weiter: Schlechte Augen nach Ausflug, also ist der Ausflug auch schlecht und muss daher in Zukunft mit allen Mitteln verhindert werden. Die Proteste des Heimkehrers werden einfach ignoriert. Er ist schließlich verblendet.

 

III. Wissen und Wahrheit im Höhlengleichnis

Aussprüche wie "Die Wahrheit ist endlich ans Licht gekommen!", "Mir geht ein Licht auf!" und "Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten" zeigen wie eng Licht und Dunkelheit, Wissen und Unwissenheit, Wahrheit und Lüge miteinander verknüpft sind. Ganz offensichtlich sind sie das auch im Höhlengleichnis. Da die Höhlenbewohner mit dem Rücken zum Licht sitzen, können sie in der Dunkelheit der Höhle nichts als die Schatten der oberen Welt sehen. Diese Schatten stellen jedoch nur ein unvollkommenes Abbild dieser Welt dar. Dadurch können die Höhlenmenschen auch nur wenig von dieser Welt lernen, sind also, verglichen mit den außerhalb lebenden Menschen, unwissend, auf jeden Fall wenig wissend. Als einer der Höhlenbewohner an die Erdoberfläche geholt wird, und das heißt ans Licht, erkennt er im ursprünglichen, als auch im übertragenen Sinn viel Neues, wie zum Beispiel die Farben, die Dreidimensionalität von Gegenständen, aber auch dass seine frühere Vorstellung von der Welt eine falsche war. Und hier wird auch die Verknüpfung von Wahrheit und Wissen deutlich. Aufgrund ihrer Unwissenheit kommen die Höhlenbewohner zu einer Weltvorstellung, die sich im Nachhinein als Unwahrheit herausstellt. Sie sehen die Gefäßschatten, hören das Gespräch und denken, dass die Schatten sprechen können. Völlig falsch, merkt der befreite Höhlenbewohner, als er, nachdem seine Augen sich ans Licht gewöhnt haben, hinter die Mauer schauen kann und dort die sprechenden Menschen sieht, die Gefäße tragen. Jetzt im Licht und mit dem Wissen, wie es wirklich aussieht in der oberen Welt, kann er die Wahrheit erkennen.

Dass die Höhlenbewohner dort unten in der Höhle an ihre unwahren Vorstellungen ohne jeglichen Zweifel glauben, ist leicht zu verstehen, da sie doch nichts anderes kennen. Sie haben sich eine Vorstellung von der Welt zusammengebastelt, mit der es sich leicht vereinigen lässt, dass Gefäßschatten sich unterhalten. In gewisser Weise baut ihre Weltvorstellung sogar darauf auf. Bis zu dem Augenblick, an dem einer der Höhlenbewohner befreit und nach oben gebracht wird, existierte auch nie irgendetwas, was sie an ihren Vorstellungen hätte zweifeln lassen können. Da sie nicht wissen, dass sie in einer quasi künstlich hergestellten Welt leben, macht ihnen diese Tatsache auch nichts aus. Und außerdem, und das ist vielleicht der gewichtigste Punkt hierbei, geht es ihnen dort unten eigentlich ganz gut. Es ist keine Rede von Folter oder anderer Qual, die sie dort erleiden. Vermutlich haben sie genug zu essen und zu trinken, und sie haben einander. Es ist auch nicht so, dass sie sich dort unten langweilen, nein, man hat sich zum Zeitvertreib genügend Spiele ausgedacht, wie zum Beispiel "Wer kann am besten Schatten wieder erkennen?". Doch warum halten sie noch immer so starrköpfig an ihren alten Vorstellungen fest, nachdem der einst Befreite heimgekehrt ist und ihnen von oben erzählt und von der Unwahrheit der Vorstellung, in der sie hier leben? Man versetze sich einfach einmal in die Lage der Höhlenbewohner und stelle sich vor, es käme jemand und erzählte, dass das, was man immer geglaubt hatte und von dem man felsenfest überzeugt war, so gar nicht existiere, vollkommen falsch sei. Demnach wäre das Leben, das man bis zu diesem Augenblick gelebt hat, vielleicht völlig umsonst, völlig sinnlos gewesen. Wahrscheinlich würde niemand freiwillig zugeben wollen, dass sein Leben sinnlos ist und er selbst dadurch ebenfalls völlig wertlos. Also sieht man sich ganz verzweifelt nach irgendetwas um, und sei es noch so sehr an den Haaren herbeigezogen, das einen davon abhält, seine alten Vorstellungen zu verlassen. Und sind wir mal ganz ehrlich: Ist es nicht ein bisschen unglaubwürdig, dass einer daherkommt und von kunterbunten Farben erzählt, von merkwürdigen mit der Erde verbundenen Gestalten, die ihre zahlreichen (!) Arme hoch zum Himmel strecken und von kleinen, durch die Luft laufenden (!) Federbällchen, die dann auch noch die bekannten Piepstöne von sich geben sollen!?! Vor allem, wenn er auch noch besonders schlecht sehen kann – er erkennt nicht mal die einfachsten Schatten.

 

IV. Erlösung im Höhlengleichnis

Von außen her betrachtet befinden sich die Höhlenbewohner allerdings auf jeden Fall in einer bedauernswerten Situation, aus der sie sich leider nicht selbst befreien können. Sie sind so stark gefesselt, dass es ihnen niemals gelingen würde, sich selber zu entfesseln, würden sie auf diese Idee kommen. Daher muss jemand von außerhalb kommen, um sie zu befreien, und das heißt erst mal die Fesseln lösen. Natürlich reicht dies allein nicht aus, will man sie wirklich erlösen. Vor lauter Misstrauen und Furcht gegenüber der fremden Welt sind sie unfähig, selbst in die Freiheit, in die Wahrheit zu laufen. Der Erlöser muss sie also dazu zwingen. Und selbst das reicht nicht aus: Zusätzlich muss man die Höhlenbewohner auch noch dazu bringen, die vor Schmerzen zugekniffenen Augen zu öffnen, damit sie auch wirklich die Welt sehen können. Doch im Grunde genommen reicht auch das nicht aus, will man die Höhlenbewohner vollständig von der Unwissenheit erlösen. Denn weiterhin können die Höhlenbewohner die Wahrhaftigkeit der wahren Welt abstreiten und stattdessen einfach weiterhin an ihre Schatten glauben. Und diese Ignoranz kann nur schwer von außen beeinflusst werden. Insofern liegt es zu guter Letzt doch an den Höhlenbewohnern selbst, sich von der Unwissenheit zu erlösen und die Wahrheit zu erkennen.

Im Höhlengleichnis wird der entfesselte Bewohner, der Heimkehrer, zu einer Art messianischen Figur. Erst erlöst er sich selbst von der Unwissenheit, als er, nachdem er an die Erdoberfläche geholt worden ist, nach und nach die wahre Welt sieht und erkennt. Nun kehrt er zurück zu den anderen. Normalerweise wird jemand zum Messias (hebräisch: Gesalbter, als Retter und Erlöser), weil er aus Mitleid die noch Unerlösten aus ihrer Misere erretten will. Selbstlosigkeit, Nächstenliebe und Tapferkeit sind nur drei der Titel, die einem solchen Messias nach einer derartig heldenhaften Tat zugesprochen werden. In diesem Gleichnis fällt jedoch sofort auf, dass keine dieser als christlich bekannten Tugenden eine Rolle spielt. Nein, dem einst Befreiten wird seine Freiheit wieder genommen. Er muss gewaltsam gezwungen werden zurückzukehren, muss sogar wieder gefesselt werden, damit er nicht versucht zu entfliehen. Freiwillig, so steht es im Gleichnis, sei er nie zurückgekehrt. Zu schön ist doch das Leben in der Wahrheit. Also keine Rede von selbstloser Liebe zu seinen ehemaligen Mitbewohnern. Doch da er nun schon mal da ist, dort unten in der dunklen Höhle, und ehe er nichts Besseres zu tun weiß, erzählt er vielleicht den anderen von der wahren Welt. Doch dies wahrscheinlich erst einmal nur als Erklärung für seine verdorbenen Augen oder für seine Unzufriedenheit über den jetzigen Zustand. Eventuell entwickelt er, der sich nach den zahlreichen Anschuldigungen der Lüge ungerecht behandelt fühlt, Ehrgeiz, ihnen die Augen für die Wahrheit zu öffnen und ihnen damit zu zeigen, dass er derjenige ist, der recht hat, doch würde er höchstwahrscheinlich an der Ignoranz seiner Mitbewohner scheitern.

Doch überlege man sich nun, dass wieder ein Mensch von außerhalb, solch ein Verderber von Augen und Verstand, kommt und dass der von den Höhlenbewohnern geplante Mord an ihm scheitert und sie tatsächlich ebenfalls an das Tageslicht geschleppt werden, so ist ihnen das, was sie dort erblicken, auf Grund der Berichte des Heimkehrers nicht so fremd wie diesem bei seinem ´Ausflug` damals. Vielleicht können sie sich deshalb schneller und leichter als die Augen des Heimkehrers sich an das Licht gewöhnen konnten an die Wahrheit gewöhnen und so auch leichter erlöst werden. Dann hat der Heimkehrer, wenn auch unbeabsichtigt, seine messianische Rolle doch noch erfolgreich beendet.

 

B) Aspekte der religiösen Haltung heutiger Jugendlicher

Im Lebensstadium, in dem der Mensch zur jugendlichen Gruppe zählt, entwickelt er eigene Weltanschauungen und hört sich ungern die von den Eltern vorgesetzten Theorien und Meinungen über Gott und die Welt an. Diese sind ihm bloß historisch und somit längst überholungsbedürftig. Vor allem aber liegt die Ablehnung dieser auch daran, dass man in ein Alter kommt, in dem man nicht mehr als Kind angesehen werden will. Den Eltern zustimmen ist hierbei ein Zeichen dafür, dass man aus dem elterlichen Käfig nicht ausbrechen will. Das Höhlenmotiv, das von Platon so betont wird, findet hier eine erste Anwendungsebene im Leben der heutigen Jugend. Die Befreiung, die Truman Burbank erlebt und der Weg Neos in Matrix (s.u.) sind zunächst einmal auch Befreiungsgeschichten, die ihre Attraktivität daraus gewinnen, dass junge Leute sich aus der elterlichen Umklammerung herauslösen wollen.

Gerade unsere Generation sieht sich als "Fun-Gesellschaft" und hat wenig Zeit, geschweige denn Lust, sich Gedanken über einen Schöpfer zu machen, über den sich bereits Hunderte von Generationen vor ihnen Gedanken gemacht haben. Es ist zeitverschwendend und sinnlos. Wir leben in einer Zeit, in der die Jugendlichen viel zu stark mit sich selbst beschäftigt sind, als dass sie noch Zeit für so ´unwichtige` Dinge wie einen Gott oder eine Religion hätten, denn wo ist der Spaß daran? Dieser Spaß ist das, was unsere Generation wirklich sucht. Sie lebt im Heute, und dort will sie auch bleiben.

An dieser Stelle bin ich nun dazu verpflichtet zu sagen, dass die Jugendlichen keineswegs alle atheistisch eingestellt sind. Natürlich gibt es unter ihnen auch solche, sowie es auch absolut gläubige gibt, nein, ich würde den Großteil dieser Altersgruppe eher als praktische Atheisten beschreiben. Praktischer Atheismus meint, dass sie zwar an einen Gott glauben, ihr Leben allerdings so gestalten, als wäre von Gott nie die Rede gewesen, er also für sie praktisch nicht existiert.

Hierbei stellt man fest, dass dies eine der einfachsten Methoden ist, an Gott zu glauben, genauso naiv, wie die Jugendlichen von heute halt sind. Ihr Motto könnte lauten: "Egal was für Scheiße ich baue, Gott hat mich trotzdem lieb. Ich muss ihm auch nicht zeigen, dass ich an ihn glaube, und ich muss auch nicht beten und zur Kirche gehen oder dergleichen, denn Gott verzeiht mir alle Sünden".

Zahlreiche Jugendliche sind sich auch nicht wirklich sicher darüber, ob sie an einen Gott glauben, oder nicht, oder an was sie eigentlich glauben. Stellt man ihnen die Frage nach einem Schöpfer, bekommt man oft Antworten wie "Es mag da etwas geben", "weiß nicht so genau, da mach ich mir im Moment keine Gedanken drüber", oder "Ich hab ihn noch nicht gesehen, aber wer weiß".

In dieser Altersgruppe ist es allerdings beliebt geworden, sich vorzustellen, dass es eine höhere Macht gibt, die nicht unbedingt Gott ist, die aber über das Geschehen in der Welt bestimmt (vgl. Shell-Studie, S. 176). Wir benutzen oft Ausdrücke wie "Es war SCHICKSAL, ihn getroffen zu haben", "Es war VORSEHUNG, dass ich heute hier bin", "Es gibt KEINE ZUFÄLLE im Leben", aber für diese Phänomene braucht man ein höheres Wesen, und an dieses Wesen, so undefinierbar es sein mag, glauben viele Jugendliche heute. Dieses Wesen ist also alles, nur nicht Mensch, es ist irgendwo, bestimmt über unser Leben und unseren Tod, ist ewig und sehr, sehr mächtig. Klingt wie Gott, ob er es aber ist, wird von vielen bezweifelt. Die Suggestion eines höheren Wissens jedoch und einer wahren Welt, die noch jenseits der unsrigen liegt, und die Bereitschaft, im Ernstfall sich auf eine solche einzulassen, sind in diesem unbestimmten Ahnen um etwas unklar Höheres grundgelegt und machen Jugendliche empfänglich für die Jenseitserfahrungen der zwei hier besprochenen Filme.

Dieses Wesen, an das viele glauben, wird zur Zeit auch gerne von Außerirdischen dargestellt, also Bewohnern fremder Planeten. Sie sind unter uns und über uns, beschützen uns auf diesem Planeten und bauen uns vielleicht sogar in diesem Moment einen neuen Planeten, der besser ist als dieser. Unter diesen Vorstellungen von außerirdischer (überirdischer) Existenz gibt es auch solche, in denen wir Menschen z. B. als Ersatzteillager für außerirdische Organe dienen oder dergleichen.

Fassen wir also die möglichen Rollen vieler Jugendlicher hinsichtlich Gottes zusammen:

praktische Atheisten

Gläubige

Jugendliche, die an ein höheres Wesen glauben

Gruppen, die über Derartiges nicht nachdenken.

 

Diese vier Grundtypen, besonders Typ 3, machen den Weg frei für Filme wie Matrix oder Truman Show, denn dort werden genau diese höheren Wesen angesprochen. In Matrix sind es die Maschinen, die über unsere Zukunft bestimmen. Sie haben uns eine Welt aufgebaut, in der wir so sorglos wie möglich leben können. Sie bestimmen über Leben, Schicksal und Tod. Auch werden bekannte Phänomene wie ´déja vu` als Fehler im System deklariert, also mit einer überzeugenden Erklärung versehen. Der Film wirkt so überzeugend, dass er der Realität entsprechen könnte. Jugendliche sehen hier eine gute Alternative zu dem, was sie sich bisher immer als höhere Macht vorgestellt haben, zweifeln an dieser Welt und beginnen nach Wahrheiten zu suchen.

Ebenso verhält es sich in der Truman Show. Dem Zuschauer wird eine Big-Brother-Welt gezeigt, in der die Menschen Marionetten sind. Truman ist hier aber der einzige, der vom Theaterstück, mit ihm selbst als Hauptperson, nichts weiß. Der Produzent des ganzen, Christof, übernimmt hier die Rolle eines Gottes, der Truman durch eine Vielzahl von Kameras Tag und Nacht an jedem Ort beobachten kann. Christof hat Trumans Welt geschaffen, bestimmt im Großen über das Geschehen in dieser Welt, Wetter, Leben und Tod, Liebe und Hass.

Die eben geschilderten Filmelemente haben große Wirkung auf Jugendliche, die ja doch oft leicht beeinflussbar sind. Wer kennt denn nicht das Gefühl, dass er der einzig reale Mensch auf Erden ist? Die Möglichkeit, dass wir alle ständig beobachtet werden, wird uns in der Truman Show auf neue Weise vor Augen geführt. Gott als Beobachter ist zwar bereits eine alte Vorstellung und Tradition, neu verpackt fassen Jugendliche aber oft bereits historische Dinge anders auf, beginnen darüber nachzudenken und entdecken einen neuen Gott für sich.

Ein weiterer Aspekt der religiösen Haltung Jugendlicher ist die Erfüllungssehnsucht. Viele Jugendliche versuchen, einem Gott als absolute Erfüllung gedacht orgiastisch näher zu kommen. Ein dafür oft genutztes Mittel sind Drogen. Diese versetzen den Konsumenten in einen neuen Bewusstseinszustand, der so anders und oftmals friedlicher und gefühlvoller ist, als das reale Leben. Unter Einfluss von Rauschmitteln scheint alles einfacher, schöner und verbundener. Man erfährt die Welt als Teil von sich, verschmilzt mir ihr, erhält etwas Göttliches. Diese Drogen wecken ein Diesseitsgefühl, das die Existenz bestätigt. Man spürt, dass man lebt, und sieht möglicherweise sogar einen Sinn im Leben. Einswerden, eins mit den Mitmenschen, eins mit der Natur und eins mit Gott. In einem 1997 erschienen Roman der 24-jährigen Krissy Kays wird die Erfüllungssehnsucht deutlich, als das Mädchen Tash ihre Befreiung unter Einfluss von Ecstasy erlebt: "She loved this feeling. It was like a spring bubbling up inside her, pouring energy and love into every limb of her body. All she wanted to do was dance, dance, dance. Express this feeling. Hug people and dance. They were all feeling like her. No one could stop themselves dancing. It was such a wicked feeling. She didn´t want it to end. Ever. She lived for these moments. Why did you need anything else in your life? Wasn´t this enough? How could it get any better? It was like being reborn" (Wasted, S. 99). Neben Drogen verhelfen auch Extremsportarten wie Bunji-jumping oder Fallschirmspringen, die einen gewissen Kick auslösen, zu solchen quasiorgiastischen Erlebnissen und vermitteln dadurch ein neues, anderes und vielleicht bewussteres Lebensgefühl. So heißt es bei Tash weiter: "And now, even when she wasn´t on E, she had a new confidence and could talk to people" (Ebd., S. 100). Es ist interessant, dass Neo, bevor er im Film Matrix in die Geheimnisse der wahren Welt eingeweiht werden kann, eine rote Kapsel zu sich nehmen muss. Im Film dient sie der Lokalisierung seines Körpers auf den von Maschinen angelegten Minenfeldern (s.u.), aber könnte es nicht auch ein Hinweis auf die Rolle sein, die Drogen und Rauschmittel bei der Wahrheits- und Erfüllungssuche im Leben vieler Jugendlicher heute spielen?

Weiterhin zeigen sich bei vielen Züge eines säkularen Messianismus. Zu sehen ist dies z. B. daran, dass Jugendliche leicht in Sekten geraten oder sich anderweitig nach Gurus etc. umsehen. Die Suche nach einem Erlöser aus diesem verrannten Leben ist ein häufig auftretendes Syndrom. Wird unserer Generation heutzutage eine bessere Welt versprochen, ist sie nicht abgeneigt, dafür auch ihr eigenes und anderer Menschen Leben aufs Spiel zu setzen. Es gibt den gewissen Drang, aus dem Alltag zu fliehen, weil er zu viele Probleme und Sorgen mit sich bringt. Zudem kommt es durch diesen Wunsch nach Erlösung häufig zu Selbstmorden. Der Suizid ist eine Art der Selbsterlösung, der betreffende steht folglich als Messias da, der es ´schafft`, in eine ´bessere` Welt zu gelangen. Freitod hat weniger etwas mit dem Wunsch zu tun, zu Gott zu gelangen, es ist eher eine Form der Flucht aus Angst vor dem Morgen und Ausdruck der Hoffnung auf Besserung. Diese Angst entsteht zunehmend durch das Misstrauen zahlreicher Jugendlicher gegenüber ihren Mitmenschen, insbesondere der Erwachsenenwelt. Die eigentlichen Autoritätspersonen werden abgelehnt. Jugendliche, die sich mit Politik, Kirche oder Forschung etc. beschäftigen, verzeichnen schnell, dass jede Institution mehr oder minder große Macken hat, eher der Selbsterhaltung als der Hilfe für andere dient, und verlieren das Vertrauen diesen gegenüber.

Es bildet sich eine eigene politische Meinung, die nicht selten das Gegenteil der elterlichen ist. Die regierende Partei im Land und die Weltpolitik werden angezweifelt. Zeigt sich den jungen Menschen, dass diese Welt ´falsch` regiert wird, entfacht sich das Misstrauen gegenüber den Erwachsenen bzw. der Obrigkeit noch stärker. Ebenso verhält es sich mit der Kirche. Der Papst hängt in längst überholten Traditionen fest, die Kirche verlangt Geld, Pfarrer verstoßen gegen das Zölibat ..,. die Kirche ist für viele Jugendliche nicht mehr ernst zu nehmen. Wenn selbst diese Institution im Zwielicht steht, nehmen Jugendliche oft Abschied von Gott. Sowohl Politik als auch Kirche werden also abgelehnt. Hierzu kommt noch, dass beide überwachende Funktion haben. Gerade im Alter um 18 suchen wir nach Freiräumen und tun verbotene Dinge, bei denen wir von niemandem gesehen werden wollen. Ist da also jemand, der uns bei unseren Tätigkeiten überwacht, ist er ein Störfaktor. Hieraus folgern wir: Gott der Überwacher ist unerwünscht, wird abgelehnt! Dieses Motiv spielt in der Truman Show eine entscheidende Rolle.

Ein weiterer Misstrauenspunkt im Leben vieler Jugendlicher sind große Theorien. Verworrene Ideen von der Erschaffung oder Entstehung der Welt und ihrem Ende, die in komplizierten Widersprüchen münden, werden oft weit weg geschoben. Ebenso geht es Theorien, die uns zu vereinnahmen scheinen. Ideologien, die noch unsere Vorgänger während der Hippiezeit erfreut und getragen haben, scheinen uns von Machtgelüsten und unredlichen Verführungskünsten gezeichnet. Wir wollen uns nicht für Ziele benutzen lassen, die uns verschwommen erscheinen und auch nicht von uns selbst gekommen sind. Gerade in dieser Lebensphase ist Schnörkellosigkeit erwünscht.

Jugendliche stehen der Religion oftmals kritisch gegenüber. Sie bezeichnen sich selbst als Gott, belächeln die Bibel, lachen fromme Menschen aus, etc. Derartiges Verhalten bedeutet jedoch keineswegs die totale Abwendung von Gott. Selbstverständlich kann dies auch der Fall sein, allerdings kann es auch einfach bedeuten, dass zahlreiche Jugendliche nicht wissen, wie sie ansonsten mit Gott umgehen sollen, oder noch kein wirkliches Bild von ihm für sich selbst gefunden haben.

Der letzte Punkt, den ich zur religiösen Haltung Jugendlicher anbringen möchte, ist das Misstrauen gegen die schiere Transzendenz Gottes. Wo soll er denn sein? Warum gibt es denn so viel Leid auf Erden? Warum lässt er uns sterben? Den Menschen zeigt sich kein Gott, und wer glaubt gerne an jemanden, der so viel Leid zulässt? Gott soll doch so mächtig und allwissend sein. Wenn er so toll ist, warum zeigt er uns nichts davon? Wie bereits gesagt, wünschen sich Jugendliche einfache Erklärungen für alle Geschehnisse dieses Universums, aber da sie auf die Frage nach Gottes Versteck nur Antworten wie ´Überall!`, ´Im Himmel!` oder ´Ich weiß es auch nicht so genau, aber ich weiß, dass es ihn gibt!` erwarten können und keine klaren Aussagen wie ´Er wohnt in einem kleinen roten Backsteinhaus im Süden Israels!` erscheint ihnen die gesamte Angelegenheit mit diesem Gott, der überall und doch nirgends ist, ein wenig suspekt. Es ist bestimmt so, dass die Konkretheit der beherrschenden Macht sowohl im der Truman Show (Christof) als auch in Matrix (Agent Smith und die übrigen Maschinen) ein wichtiger Grund für die Popularität der Filme ist, sogar für ihre Glaubwürdigkeit. Die oberen Mächte sind sichtbar, anfassbar, und damit vorstellbar.

Auch die Leidensgeschichte dieser Welt nimmt viele Jugendliche nicht für Gott ein. Der liebe, gute Gott lässt seine kleinen Schäfchen, uns Menschen, langsam auf brutalste Weise Stück für Stück aussterben oder ausrotten. "Dankeschön, na so einen Gott brauche ich, um besser leben zu können!" wird sich wohl so mancher Jugendlicher denken. Der transzendente Gott wird folglich im großen Maßstab abgelehnt, während ein transzendent-immanenter Gott wiederum erwünscht ist. Ein Gott, der für uns da ist, der uns aber nicht ständig beobachtet und lenkt, ein Gott, der uns hilft und unterstützt, wir aber dafür keine Gegenleistung erbringen müssen, ein Gott, der sich uns zeigt, ein großes Herz besitzt und nicht über uns richtet. Dieser Gott ist es, den sich viele Jugendliche wünschen, insofern sie an seine Existenz glauben, beziehungsweise die Zeit aufbringen, über die Gestalt eines Gottes nachzudenken.

 

C. Die Einstimmung auf den ontologischen Dualismus in New Age

I. Der Dualismus in Harry Potter

Es hat wohl selten so erfolgreiche Jugendbücher gegeben wie die vier bisher erschienen Bände aus der Harry Potter Serie. Harry ist ein Waise, der in der Familie seines Onkels aufgezogen wird und dort als benachteiligter Außenseiter, der im Schrank unter der Kellertreppe schlafen muss, ein einsames Dasein fristet, bis er erfährt, dass er von Geburt ein großer Zauberer und bestimmt ist, in die Fußstapfen seiner Eltern im Kampf gegen den bösen Zauberer Voldemort zu treten. Viele Kinder aber auch Jugendliche mögen diese Romane, und sie wirken unter anderem deshalb, weil sie mit der verborgenen Welt des Magischen einen Fluchtraum schaffen, in dem sie ihre Träume, ihre Hoffnung und ihren Protest ausleben können.

Die Trennung zwischen der vordergründigen Welt der normalen Menschen, die ´Muggles` genannt werden, und der hintergründigen, eigentlichen und wahren Welt der Zauberer, machen den großen Reiz der Romane aus. Die Welt der ´Muggles` wird dabei zu einer irrtümlichen, die die wahren Ursachen und Wirkungen der Ereignisse nicht kennt. Die Familie, in der Harry aufwächst, wird so auch als beschränkt und eng bürgerlich geschildert. Diese Zweiheit von irrtümlicher und wahrer Welt haben wir schon vorher angesprochen, weil sie in unseren beiden Filmen eine entscheidende Rolle spielt. Die Harry Potter Romane sind von einer Haltung geprägt, die durch die New Age Bewegung und verwandte Richtungen seit 100 und mehr Jahren populär gemacht wird und insbesondere in den letzten Jahrzehnten auch bei Jugendlichen wirksam ist.

 

  1. Die New Age Bewegung - Wurzeln und Träger

Die sogenannte New Age Bewegung ist nicht einheitlich und hat mehrere Ursprünge und Traditionslinien:

  1. der Okkultismus des 19. Und 20. Jahrhunderts

Theosophische und okkulte Theorien und Praktiken haben in der Abwendung von christlichem Gedankengut im 19. Und 20. Jahrhundert eine große Rolle gespielt. Ein Hauptwerk ist Isis Entschleiert von Madame Blavatsky, in dem buddhistische Elemente mit magischen und neuheidnischen verbunden wurden.

  1. Geheimgruppen (Freimaurer etc.)

Die einflussreiche Gruppe der Freimaurer geht auf eine Gründung von 1717 in London zurück. Sie verfolgt weltweit humanitäre Ziele und hat sich von Anfang an auch nichtchristlichen, mystischen Traditionen zugewandt, die eher als esoterisch zu bezeichnen sind, zum Beispiel dem Geheimwissen des Alten Ägypten. Schon um die Wende zum 20. Jahrhundert gab es eine Freimaurerzeitschrift mit dem Namen ´New Age`.

  1. das Bekanntwerden der fernöstlichen Religionen

Buddhismus, Hinduismus, Taoismus und andere große fernöstliche Traditionen sind im Abendland nicht schon seit Jahrhunderten gut bekannt, sondern erst im Zuge des britischen Imperialismus mehr und mehr in die westliche Welt eingedrungen. Der erste Philosoph der westlichen Welt, der sich als Buddhist oder Hindu bezeichnen lässt, ist Schopenhauer (1788-1860). Er hat von sich gesagt, dass er nach der Lehre der Upanishaden (indische Einheitsmystik) hat leben und auch wird sterben können. Im 20. Jahrhundert hat ein regelrechter Boom der fernöstlichen Religionen eingesetzt, dessen Ende auch jetzt noch nicht abzusehen ist.

  1. die moderne Physik

Die großen physikalischen Theorien, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden sind (Relativitätstheorie und Quantentheorie) haben dazu beigetragen, das Vertrauen in die oberflächlich sichtbare Welt zu erschüttern, und eine Reihe ihrer Hauptvertreter haben sich deshalb der Maya-Lehre der indischen Religionen zugewandt, wie etwa Erwin Schrödinger und C. F. von Weizsäcker.

  1. Die Hippiebewegung und die Drogenerfahrung

Der Hippie-Protest gegen die Welt des ´Establishments` und die einhergehende zunehmende Drogenerfahrung haben die sichtbare, vordergründige Welt weiter unterlaufen und sind in Grundzügen bis heute sehr populär bei Jugendlichen, obwohl wir nicht mehr so politisch ausgerichtet sind. Aber die Bewegung ist für die heutige Erfahrungswelt der Jugendlichen als der eigentliche Träger des Neuen Bewusstseins anzusehen, dessen Wirkung in der Musikwelt, in der Idee der ´Fun-Gesellschaft` etc. anhält. Programmatisch waren und sind in diesem Sinn das Musical und der Film Hair, in dem ein junger Mann vom Land eine Initiation in die Hippiegesellschaft erfährt und von seinen oberflächlichen und konformistischen Neigungen hin zu einem erfüllteren Leben geführt wird. Die Drogenerfahrung spielt in dem Musical eine große Rolle, zum Beispiel werden Drogen in einer gottesdienstähnlichen Szene im Central Park New York wie Hostien an kniende Empfänger verteilt.

 

  1. Die New Age Bewegung - Hauptlehre

Wir leben nach ´New Age` in der Oberflächenwelt, die aber als bloßer Schein erkannt wird, wenn man einmal in die Tiefen seines Selbst hinabgestiegen ist. Dort finden wir nicht mehr das Ich, das von den täglichen Sorgen umgetrieben und beherrscht wird, sondern ein Selbst vor, das im Kern mit dem Universum identisch ist. Der Appell ist, von unserem Ich wegzukommen, vielleicht durch Meditation, um im Ozean des Selbst die Ruhe zu finden, ´die die Welt nicht geben kann`. Buddhistische und hinduistische Lehren von der ´Nichtzweiheit` werden dabei immer wieder betont. Die Welt, in der wir leben, erscheint als von Gegensätzen geprägt, die, indem sie gegeneinander stoßen, unsere Sorgen verursachen. Wir müssen, um diesen Problemen zu entrinnen, die Gegensätze in der Erfahrung einer großen Einheit überwinden und hinter uns lassen (Ken Wilber).

Im sogenannten Neuen Denken wird dieser Aspekt in eine ´Zwei-Säulen-Theorie` integriert. Westliches und östliches Denken sollen sich ergänzen. Während die westlichen Naturwissenschaften die Natur immer weiter zergliedert haben, um zu den letzten Gesetzen und Einsichten vorzudringen, auch um sie beherrschbar zu machen (der Mensch als ´maitre et possesseur de la nature` wie bei Rene Descartes), übte sich östliche Kultur in der Versenkung in die Alleinheit. Beide zusammen sollen das Fundament sein, auf dem die zukünftige Weltkultur errichtet werden kann.

 

IV. New Age und heutige Jugend

Die öffentlich große Zeit der New Age Bewegung scheint vorbei, wenn auch nicht diejenige des Neuen Denkens, das programmatisch wohl noch lange wirksam bleiben wird. Aber einige Wirkungen sind geblieben und oft untergründig sehr effektvoll. Zu nennen sind der ´Versenkungsquietismus`, der tendenzielle Rückzug in die private Welt und das Misstrauen gegen die oberflächliche Wirklichkeit, die oft mit der Erwachsenenwelt identifiziert wird.

Unter ´Versenkungsquietismus` verstehen wir eine Haltung, die davon ausgeht, dass man der Unruhe der alltäglichen Welt immer wieder entfliehen muss in Oasen der Ruhe, die zum Beispiel durch das Hören von Musik geschaffen werden können. Die Wahrheit dieser Welt kann nur in der Ruhe liegen, die mich ´jenseitig` macht für eine Zeit und ohne die ich die Welt nicht aushalten kann. Ich denke manchmal, dass hier vielleicht auch die Hauptrolle der Religion der Zukunft liegen wird: in einer immer geschäftiger und lauter werdenden Welt Ruhezonen einzurichten (vgl. den Christus-Pavillon an der Expo-Plaza). Vielleicht ist die erflohene Ruhe die Religion der Zukunft.

Darin liegt für viele von uns heute eine ´Privatisierungstendenz`, die vor allem in der privaten Welt Erfüllung sucht, weniger in der Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben. Viele Vereine werben heute schon um Mitglieder, weil die Menschen ihre Freizeit mehr und mehr in privaten Ereignissen und Unternehmungen begehen wollen.

Die oberflächliche Wirklichkeit, deren Konsumgüter wir genießen wollen, wird von Jugendlichen gleichzeitig oft nicht als letzte Wirklichkeit anerkannt, nur als eine Scheinwelt, deren Früchte man zu sich nimmt und deren Hektik man mitvollzieht, aber es bleibt eine ´Distanz der Unverbindlichkeit`. Man kann sich nicht vorstellen, dass sie ´alles gewesen sein soll` und misstraut ihr im Grunde. So erklärt sich möglicherweise der Erfolg der dualistischen Bilder aus Harry Potter, Matrix und der Truman Show.

 

D) Die Gnosis - der ultimative Hintergrund

 

I. Entfremdung

Eine wirklich tief empfundene religiöse Erfahrung, die den Hintergrund für all jene dualistischen Strömungen und Gedankenreihen bildet, die wir schon angesprochen haben, liegt in der antiken (und bis heute währenden und immer wieder transformierten) Gnosis vor (vgl. zu neueren Texten auch Sloterdijk/Macho, Weltrevolution der Seele). Sie ist der Schlüssel für das, was uns in den beiden zu diskutierenden Filmen entgegentritt und wird als Einschätzungsfolie dienlich sein.

Die gnostischen Grundtexte waren verloren gegangen über die Jahrhunderte, nicht zuletzt wegen einer gewissen Verfolgungshaltung der verfassten christlichen Kirche. Was bekannt war, musste vorwiegend aus christlichen Verteidigungsschriften rekonstruiert werden. Nach dem II. Weltkrieg wurden etliche gnostische Texte in Ägypten (Nag Hammadi) gefunden, so dass wir uns heute ein besser gesichertes Bild der Gnosis machen können. Es scheint, als habe sich das gnostische Denken vor allem aus fünf Traditionslinien genährt: der persischen Konzeption von der Welt als Kampfplatz zwischen guten und bösen Mächten, der spätjüdischen Apokalyptik mit ihrer Lehre vom progressiven Verfall dieser Welt (vgl. Taubes, Eschatologie, S. 25ff.), der jüdisch-orientalischen Erlösungssehnsucht, der christlichen Lehre vom Messias, der in die Welt gekommen ist und dem griechischen Dualismus von Leib und Seele, von Unveränderlichkeit auf der einen und dem vorüberhuschenden materiellen Leben auf der anderen Seite. Diese synkretistische Losung hat einen schier unwiderstehlichen Einfluss auf gerade die ernstesten Gemüter ausgeübt und ist einheitlich genug, um auch heute noch wirksam zu sein.

Welche Bedeutung liegt darin, dass der Fund unmittelbar im Anschluss an den II. Weltkrieg gelang, "es war, als erginge aus der Tiefe der Zeiten ein Wink an die Überlebenden der Großkatastrophe des ´christlichen Abendlandes`" (Sloterdijk/Macho, S. 18)! Denn die Erfahrung einer abgrundtiefen Enttäuschung über die Welt und das Leben insgesamt, eine Verzweiflung über die unausweichliche Not, ein Sichabwenden von all dem Übel, das uns durch Krankheiten, Tod und insbesondere auch menschengemachte Probleme entgegentritt, liegt offenbar am Grund einer solch totalen Abwendungslehre, wie es die Gnosis ist.

Die Gnosis intoniert das Fremdsein in der Welt, bis hin zur erschütternden Erfahrung absoluten Nichthierhingehörens, die den Ganzmenschen erfasst, den leiblichen und geistigen. Die Welt ist das "Un-heimliche" (Taubes, Eschatologie, S. 26). Dasjenige an uns, was sich im letzten Ende fremd fühlt, entstammt einer anderen Welt. Es hat sich im Kerker dieser ´materiellen` Welt verloren und sehnt sich in die ´seelische` Heimat zurück: "Warum habt ihr mich von meinem Orte weg in die Gefangenschaft gebracht und in den stinkenden Körper geworfen?"

Gnostische Strömungen des Mittelalters (Katharer) entwickelten zum Teil so extreme Ansichten, dass sie sogar die Ehe als Befleckung durch die Materie gedeutet haben und schon in der antiken Gnosis kam es zu Kastrationen (vgl. Walker, Gnosis, S. 150).

 

II. Licht und Finsternis

Der gnostische Notschrei nimmt immer wieder das Bild von Licht und Finsternis auf, um die extreme Verlorenheit und Sehnsucht zum Ausdruck zu bringen: "Und ich schrie um Hilfe und nicht ist meine Stimme aus der Finsternis gedrungen und ich blickte in die Höhe, damit mir das Licht, an welches ich geglaubt hatte, zu Hilfe käme. Jetzt bin ich bedrängt in der Finsternis des Chaos ... rette mich aus der Materie dieser Finsternis, damit ich nicht in ihr untergetaucht werde".

Noch der Anfang des Johannesevangeliums, der so stark als auf die Gnosis reagiert, greift auf diese Terminologie zurück: "Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen" (Joh 1,5). Wir sehen ja auch das platonische Höhlengleichnis (s.o.), in gewisser Hinsicht der Ursprung der gnostischen Denkweise, sich in dieser Thematik halten, insofern als es in der Höhle eben dunkel ist und überhaupt nur deshalb etwas gesehen werden kann, weil das Licht des Feuers von draußen die Höhlenwand notdürftig erhellt.

 

III. Gott und der Demiurg – die Erlösung

Wenn die Welt so ausdrücklich als Fremde empfunden wird, dann kann sie Gott dem Schöpfer nicht zur Last gelegt werden, insofern man ihn als gut denkt. Man braucht ein anderes Prinzip für diese Welt und hat es in dem platonischen Demiurgen (vgl. Timaios) gefunden. Dieser Demiurg ist in der Gnosis quasi ein böses Prinzip, das in einer bestimmten (aber nicht gekonnten) Nachahmung das göttliche Schöpfungshandeln imitiert, so dass der Kerker ´Welt` zustande kommt, in dem sich unser Lichtfunke verfangen hat. Da diese Welt nur ein Schatten der wahren ist, ein schlechtes Abziehbild, wir sie aber dennoch für die eigentliche halten, ist sie eine Illusion. Ja man kann sagen: Die Illusion schlechthin ist es, dass diese Welt wirklich und echt ist. Aus ihr uns zu befreien ist Ziel der Gnosis. Wer uns aus der Illusion befreit, befreit uns auch gleichsam aus dieser Welt selbst. Die Illusion ist die Gefangenschaft (vgl. die Lehre des Valentinus, Walker, Gnosis, S. 61). Daneben gibt es auch ´gröbere` Richtungen, die zwischen dem Herauslösen aus der Illusion und dem Entkommen aus der feindlichen und fremden Welt unterscheiden, so dass uns ein Kampf um Befreiung aufgegeben ist. In beiden Versionen ist eine Lichtgestalt denkbar, die uns den Weg weist und freikämpft, ein gnostischer Messias.

Es wird deutlich, dass ´Gnosis`, Erkenntnis, als oberstes Ziel angesehen wird. Das moralische Handeln ist nicht gleichermaßen wichtig: "Ziel der Gnosis ist nicht ein moralisches Leben, sondern mystische Erleuchtung und Freiheit von der Knechtschaft der Geschöpflichkeit" (Walker, Gnosis, S. 133). Letzten Endes, so scheint es aber umgekehrt, wäre das moralische Handeln ja auch in einer Scheinwelt, die ich für wirklich halte, sinnvoll und geboten.

 

IV. Die Macht der Illusion

Damit wir uns nicht befreien können, müssen wir in der Illusion gehalten werden. Die bösen Mächte müssen alles daran setzen, dass wir nicht ´aufwachen`. Häufig wird die Lehre von den Archonten vorgetragen, die diese Welt beherrschen und verwalten. Ihrer Medizin des Schlafs sind wir erlegen. Warum wollen sie uns unbedingt so ignorant halten? Welchen Vorteil bietet ihnen unser Mangel an Erkenntnis? Gnostische Texte sind hier durchaus eindeutig: Die Finsternis alleine kann sich nicht halten, sie ist nicht lebensfähig. Sie braucht das Licht, um sich quasi an ihm zu nähren. Daher ist das eingesperrte Licht unabdingbar, das mit unserem Lichtfunken gegeben ist. Das Dunkle hält das Licht gefangen, weil es ohne seinen Gefangenen nicht leben kann. Die Gefangenschaft ist in unserem Mangel an Erkenntnis begründet: "Die ganze vom Demiurgen erzeugte Weltstruktur steht und fällt mit den Lichtfunken, die in der Menschheit verborgen liegen, denn der Kosmos ist nichts als Dunkelheit. Die Archonten, die über die Welt wachen, haben daher ein unbedingtes Interesse daran, die Befreiung des Menschengeistes aus seinem körperlichen Gefängnis zu verhindern. Sie setzen all ihre Listen und all ihre Macht ein, um den Menschen betäubt, berauscht und schlafend zu halten, damit ihnen der Zugriff auf das Licht erhalten bleibt. Epiphanius schreibt, daß den Gnostikern zufolge ´die Seele die Nahrung der Archonten ist, ohne die sie nicht leben können, weil sie vom himmlischen Tau herkommt und ihnen Kraft gibt`. Würde das Licht im Menschen befreit werden, wären Verhungern, Finsternis, Ermattung und Kraftlosigkeit das Schicksal der Archonten". (Walker, Gnosis, S. 75)

Wenn es im oben zitierten Text aus dem Johannesevangelium heißt, die Finsternis habe das Licht nicht ergriffen, dann wird die Absage an die Gnosis deutlich. Im Gegensatz zum gnostischen Gedanken kann sich die Finsternis nicht am Licht nähren, muss es bei sich dulden und kann es nicht besiegen. Christliches Denken hat auch nie die Illusionsthese mitgetragen. Die Welt wurde stets in ihrer realen Einmaligkeit gefasst.

 

V. Kritik an der Gnosis - Antignosis

Für die Einschätzung eines Filmes wie Matrix ist es wichtig, auch die Kritik an der Gnosis kurz zu beleuchten. Der Philosoph Hans Blumenberg hat die Kritik programmatisch durchdacht und zusammengefasst. Für ihn hat das Abendland die Gnosis zweifach zu überwinden versucht. Zunächst hat das Christentum die Güte der Schöpfung betont. Sie sei keineswegs die Schöpfung eines im Grunde inkompetenten oder gar übelwollenden Demiurgen, sondern der freien Tat Gottes selbst entsprungen. Die christliche Welthaltung schien der Idee nach positiv, hat sich aber historisch nicht so erhalten und wohl schon von vornherein zu viele weltverneinende Gedanken in sich aufgenommen, wie es insbesondere in der immer wieder aufbrechenden Ablehnung voller und freier menschlicher Sexualität greifbar wird.

Eine zweite Überwindung der Gnosis wurde also nötig (vgl. Wetz, Blumenberg, S. 37ff.). Sie wurde von der neuzeitlichen Moderne geleistet, die in ihrer Weltbejahung die Menschheit, so Blumenberg, einen entscheidenden Schritt vorwärts gebracht hat. Daher heißt sein Werk zum Thema auch: Die Legitimität der Neuzeit.

Durch solche Kritik, die sich nicht nur bei Blumenberg findet, sondern auch bei vielen anderen Autoren (z. B. Drewermann), spaltet sich das gnostische Erbe in zwei unterschiedliche Gedankenkreise:

  1. die These, dass wir, wenn wir die Welt für wahr halten, einer Illusion erliegen, in der uns irgendeine Macht bewusst erhält

  2. die Ablehnung der Materialität oder Leiblichkeit als des eigentlichen Kitts unseres Kerkers

Damit haben wir die Grundlagen zusammen, die wir für eine angemessene Analyse der Filme Matrix und Truman Show benötigen.

 

E) Der Film Matrix als Ausdruck moderner religiöser Erfahrung

Der Inhalt des Films

Der junge Hacker Neo, der oft in virtuelle Welten abtaucht, ahnt, dass etwas mit der Welt nicht stimmt. Als Software-Programmierer, unter seinem bürgerlichen Namen Thomas Anderson, wird Neo in seiner Firma plötzlich von Agenten verfolgt, die in einem Verhör von ihm den Verrat an Morpheus (einem ihm nur über Computer bekannten mächtigen Freund) erhoffen, was er verweigert, und ihn anschließend verwanzen, damit er sie eben gegen seinen Willen zu Morpheus, der als Weltfeind Nr. 1 eingestuft wird, führe.

Am nächsten Tag wird Neo von der Untergrundorganisation mit Morpheus als Anführer in das Geheimnis eingeweiht. Er erfährt, dass die Welt nur als Computersimulation eines elektronischen Impulses existiert. Er erkennt "die Realität als virtuelle Welt, beherrscht von Computerprogrammen mit den Menschen als Protagonisten. Alle Sinneseindrücke werden als Daten in deren Gehirne übermittelt. Die Menschen selber liegen passiv in mit Nährlösung gefüllten Schalen und dienen den Wächtern` der Computerdiktatur, der Matrix, als Energielieferanten" (Loccumer Pelikan, 4 , 2000 , S. 177).

Als Neo auf Morpheus trifft, stellt dieser ihn vor die Wahl, entweder eine blaue Kapsel zu schlucken und unwissend zu bleiben und wie bisher weiter zu leben, oder aber eine rote, um die Matrix und ihre Hintergründe kennen zu lernen.

Neo nimmt die rote Kapsel, entscheidet sich also für die Wahrheit.

Er erfährt, dass man sich wahrscheinlich schon im 22. oder 23. Jahrhundert befindet und nicht im Jahr 1999, wie die Matrix allen vorspiegelt. Er lernt die Crew des Hovercrafts ´Nebukadnezar`, u. a. bestehend aus Trinity und Cypher, kennen und den Maschinenraum, von dem aus sich die Piraten über Telefonleitungen in die Matrix einhacken. Außerdem erfährt er vom Krieg der Menschen gegen die Maschinen am Ende des 20. Jahrhunderts sowie der anschließenden Versklavung der Menschen durch die Maschinen.

Morpheus erzählt Neo von dem Menschen, der die Matrix nach seinem Willen umgestalten konnte und nach der Legende wiederkommen soll. Er sieht diesen Auserwählten in Neo selbst.

Nun lernt Neo von Morpheus Wichtiges über die unterschiedlichen Programme: das Lernprogramm, mit dessen Hilfe Neo mit verschiedenen Selbstverteidigungstechniken programmiert wird; das Sparringprogramm, das Morpheus und Neo in einem virtuellen Trainingsraum gegeneinander kämpfen lässt. Neo lernt, dass er mit Schnelligkeit und Intuition in der Matrix die physikalischen Gesetze überwinden kann; das Sprungprogramm, das es Neo ermöglicht, über einen Abgrund hinweg von einem Hochhaus zum anderen zu springen; das Agenten-Trainingsprogramm, durch das Neo erfährt, dass niemand gegen die gefährlichen Agenten bestehen kann, die als selbständige Computerprogramme die Matrix vor Unregelmäßigkeiten schützen.

Darüber hinaus erfährt Neo, dass, wer in der Matrix getötet wird, auch in der realen Welt stirbt. Denn der Körper kann ohne den in die Matrix eingespeisten Geist nicht leben.

Unterdessen trifft sich Cypher (offenbar Kurzform von Lucifer) in der Matrix mit Agent Smith und macht einen Deal: Dafür, dass er Morpheus an die Agenten verrät, will er wieder in die Matrix eingegliedert werden, weil er lieber in der Unwahrheit, aber dafür ´normal` leben will.

Neo wird von Morpheus zu einem Orakel geführt, welches ihm allerdings nicht das prophezeit, was Morpheus sich erhofft hat. Es sagt, er sei nicht der Erlöser. Zusätzlich erfährt er, dass entweder er oder Morpheus wird sterben müssen. Durch den Verrat Cyphers werden die Piraten schließlich von den Agenten aufgespürt und angegriffen. Morpheus hält sie auf, damit Neo und die anderen fliehen können, und wird anschließend festgenommen und einem quälenden Verhör durch den Agenten Smith ausgesetzt. Cypher kehrt aufs Schiff zurück, wo er durch die Trennung der telefonischen Verbindungen in die Matrixwelt drei Piraten tötet. Als er gerade Neo töten will, wird er vom verletzten Tank erschossen. Währenddessen foltern die Agenten Morpheus, um den Code für den Zentralcomputer zu erpressen. Deshalb planen Trinity und Tank, auch Morpheus zu töten, damit er ihn nicht preisgeben kann, womit nämlich alles verloren wäre.

Doch Neo beruft sich auf den Spruch des Orakels und betont, dass, wenn er sich selbst opfert, er Morpheus retten könne. Er kehrt in die Matrixwelt zurück, dringt gemeinsam mit Trinity in die Agentenzentrale ein. Sie löschen jeden Widerstand aus und legen die Eingangsbereiche in Schutt und Asche.

Währenddessen versucht Agent Smith weiter, Morpheus den Code zu entlocken, indem er seine Verachtung der Menschen betont und illustriert. Er erzählt, dass die Matrix ursprünglich als perfekte Welt geplant war, in der kein Mensch hätte leiden müssen. Doch die Menschen hätten das Programm nicht angenommen, und so fielen ganze Ernten aus. Unter anderem gibt er zu verstehen, dass die Menschen eine Krankheit seien und die Maschinen die einzige Heilung. Zeitgleich gelingt es Neo auf einem Hochhausdach zum ersten Mal, die Gesetze der Matrix zu brechen, um den Kugeln eines Agenten auszuweichen. Per Hubschrauber befreien Neo und Trinity Morpheus vor den Augen der Agenten. Morpheus und Trinity können aus der Matrix zurück aufs Hovercraft fliehen, Neo aber wird auf der Flucht von Agent Smith gehindert. In einer U-Bahnstation entbrennt ein Kampf, in dessen Verlauf Neo fast stirbt, schließlich aber doch die Oberhand behält: Von drei Agenten verfolgt, versucht Neo das rettende Telefon zu erreichen, das ihn aus der Matrix bringen kann. Im Flur eines Hochhauses wird Neo gestellt. Zeitgleich erreichen viele Wächter-Maschinen das Piratenschiff und beginnen, es zu zerstören. Neo wird währenddessen in der Matrix von Agent Smith erschossen, doch mit Hilfe eines Kusses von Trinity (auf dem Schiff), die Neo liebt und an ihn und seine Messiasrolle glaubt, wird er ins Leben zurückgeholt. Er besiegt und vernichtet Agent Smith dadurch, dass er in dessen ´Leib` eindringt und ihn von innen her zur Explosion treibt. Ob Neo allerdings auch endgültig die Erlösung bringen kann, bleibt unbeantwortet (es heißt, der Film werde noch zwei Folgen haben).

 

Der Messianismus im Film

Der Film Matrix benutzt das klassische Erlösermotiv. Neo ist vergleichbar mit Jesus, der in der christlichen Religion als Erlöser verehrt wird. Sein Weg wird aszendenz- und bewährungschristologisch (die Idee taucht schon bei Arius auf, vgl. Ohlig, Christologie I, S. 135) beschrieben: Am Anfang weiß er nicht, dass er der Erlöser ist, und er glaubt auch dann nicht an sich, als Morpheus ihm prophezeit, dass er der Erlöser sei. Als das Orakel ihm sagt, er sei nicht der Erlöser, sondern hätte nur die Gabe dazu, bestätigt sich also seine Meinung. Er stirbt sogar noch unwissend (als Agent Smith ihn erschießt), weiß also noch nicht, dass er ´auferstehen` wird. Erst nach seiner Auferstehung ist er sich seiner Messiasrolle bewusst und nimmt sie an. Im Laufe seines Lebens kommt Neo also immer näher an die Erkenntnis seiner Erlöserrolle heran, findet aber erst nach seinem Tod völlige Erkenntnis. Vollendet wird der Messianismus im Film dadurch, dass Neo in das Totenreich eingeht, um wirklich erlösen zu können. Dieses christlich-dogmatische Motiv (descensus ad inferiores) wird bildlich dargestellt, indem Neo im Körper des Agenten Smith verschwindet, um ihn von innen her zu besiegen und zu vernichten. Ohne das deszendenzchristologische Motiv verhält es sich bei Neo also wie in der Glaubensformel des Philipperbriefs (2,5-11). In gewisser Weise ist Neo immer schon der Erlöser, weil er (ohne sein Wissen) dazu erwählt und bestimmt worden ist, er entäußert sich in der Welt aber bis in den Tod als dem absoluten Tiefpunkt, und darum wird er anschließend erhöht, weil er sich durch seinen Opfermut auf der Welt bewährt hat. Neo ist im Film die Hoffnung der Menschen, allerdings ohne selbst zu wissen, dass und ob er sie erlösen wird.

Interessant sind die vordergründig christlichen Motive, die vor allem im Messiasbild, in der selbstlosen Opferhingabe (für Morpheus), in der Betonung der Macht der Liebe (Trinitys errettender Kuss) und im Hinabstieg zu den Vätern (auch in der Rolle des Versuchers Luzifer) gegeben sind, freilich auch ganz äußerlich in Namen wie Trinity, etc.

 

  1. Erlösungssehnsucht im Film

Die Erlösungssehnsucht im Film wird verkörpert durch Neo. Sie zeigt sich bei ihm zum ersten Mal, als Morpheus ihn vor die Wahl der Einnahme der zwei unterschiedlichen Pillen stellt. Er zögert zwar erst, doch dann entschließt er sich ziemlich fest dafür, die rote Kapsel einzunehmen. Für ihn ist es unvorstellbar, weiterhin in einer irrealen Welt voller Täuschung und Betrug zu leben, wie als wäre nichts passiert. Er will mit allen Mitteln wissen, worauf die Täuschung der Welt und ihre Macht beruhen.

Das Gegenbeispiel zu Neo ist Cypher, der es bereut, die rote Kapsel eingenommen zu haben. Er möchte nicht weiterhin in dieser schrecklichen Welt voll Kampf und Dunkelheit leben, sondern für ihn ist es reizvoller, in der Scheinwelt zu leben, der Täuschungen durch die Agenten unbewusst. Er möchte, wie vorher, wieder ein ganz normales Leben führen.

Miteifernd mit Neo wollen natürlich auch die Zuschauer wissen, wie er es ermöglichen wird, erlöst zu werden. Man hofft darauf, dass er die Agenten besiegt, um so die ganze Welt von der Knechtschaft zu befreien.

Man selbst verbindet ganz eigene, zum Teil sehr persönliche, Erlösungssehnsüchte mit dem Film. Aber ich denke, dass der Film Matrix ein Anstoß für alle ist, die ihn sehen, über die eigene Welt nachzudenken. Es kommen unter anderem die Sehnsüchte nach dem Erkennen des eigenen Ich und des persönlichen Erlösers auf. Es stellen sich Fragen wie zum Beispiel ´Ist es wirklich so, dass die Welt, in der wir leben, nur eine Scheinwelt ist?`, und ´Gibt es eine Welt, in der alles möglich wäre, und die die absolute Freiheit darstellt?`

Darüber hinaus denke ich, dass der Film aber auch das Thema des Zweifels und der Bezweifelbarkeit aufwirft. Man sieht in dem Film ja sehr deutlich, dass nicht alles so stimmen muss, was einem so ´vorgespielt` wird, und dass es nötig ist, auch scheinbar alltägliche Dinge nicht einfach hinzunehmen, wenn man der Wahrheit auf die Spur kommen möchte.

Ein weiterer Punkt wäre noch der Eskapismus, der durch Cypher verkörpert wird. Für ihn ist eine Flucht vor der Wirklichkeit und den realen Anforderungen des Lebens in eine imaginäre Scheinwelt hinein reizvoller, als sich der Wirklichkeit zu stellen und seine Probleme zu lösen. Ich denke, dass es noch vielen anderen Menschen so geht und dass der Film Matrix gerade eben dieses Problem anspricht und vielleicht auch ein Anstoß dazu ist, sich der Wirklichkeit zu stellen und Problemen ins Auge sehen zu können, etwa so, wie derjenige, der aus der platonischen Höhle herauswill, um den Ursprüngen seiner Wahrnehmungen mutig auf den Grund zu gehen.

 

  1. Der Gnostizismus des Films

Wie wir gesehen haben ist es nicht schwer, christliche Deutungsmuster und Strukturen aus dem Film herauszulesen. Dennoch kann nicht bezweifelt werden, dass sich der Film hauptsächlich gnostischen Motiven verdankt und verschrieben hat.

Wie in der Gnosis ist das Hauptziel der Erlösung, die Neo beginnt, die Erkenntnis. Über der Tür des Orakels steht, wie beim delphischen Apollontempel "Erkenne dich selbst". Es geht also nicht primär um Glauben oder gar gute Taten, sondern Einsicht ist gefragt und intendiert. Das erste und wichtigste Ziel der Gnostiker wird also direkt angesprochen. Dass Neo kämpfen muss, um die anderen Menschen zu befreien, ist durchaus damit vereinbar und Element einer Reihe von gnostischen Texten. Genau wie in der gnostischen Vorstellung gibt es in Matrix zwei Welten. Es besteht der Dualismus von irrealer Welt (Scheinwelt) und realer (Reich der Finsternis, in dem die Maschinen herrschen). Der Film hat die eine Welt, in der die Gnostiker und alle Menschen vordergründig leben, aufgrund der zwei Perspektiven, denen sie unterliegt, in zwei unterschiedliche Welten gespalten (zur Erklärung siehe unten ´Antignostizismus`).

Die irreale Welt wird im Film als ´Matrix` bezeichnet. In ihr leben die Menschen selbstvergessen und schlafend. Nur wer durch Erkenntnis erlöst wird, kann aus der Scheinwelt entfliehen. Wie in der Gnosis wird die irreale Welt von einer bösen Macht beherrscht: den Computern/Maschinen/Agenten. Sie ziehen ihre Energie ebenfalls aus den Menschen, welche in Batteriefeldern angebaut und gezüchtet werden. Der Mensch darf wie in den gnostischen Texten seine Knechtschaft nicht erkennen, weil die Computer sonst nicht mehr leben und wirken könnten, weil sie keine Energie mehr nachgeliefert bekämen. Es ist in diesem Zusammenhang interessant, dass der Energieweg zur Sonne durch die Menschen im großen Krieg mittels einer Verdunklung des Himmels abgeschnitten worden ist. Damit erreicht der Film zwei gnostische Motive auf einen Schlag: die Abhängigkeit der bösen Herrscher dieser Welt (den gnostischen Archonten) von den Menschen, aber auch den Gegensatz von Licht und Dunkelheit. Durch die Verdunklung des Himmels herrscht Finsternis über die Welt.

Die Maschinen steuern ebenso alle Ereignisse in der Scheinwelt, so dass das Schicksal der Menschen also wieder von einer bösen Macht gesteuert wird. Die Welt im Film Matrix ist also, ganz gnostisch, Schauplatz des Kampfes der guten und der bösen Mächte. Die guten Mächte sind die, die vorher durch Erkenntnis erlöst worden sind (wie Morpheus, Trinity, Neo). Sie leben jetzt in der realen Welt und wissen, dass die andere Welt nur eine Illusion ist. Sie wissen Bescheid darüber, dass die Scheinwelt von bösen Mächten beherrscht wird und wollen sie von der Knechtschaft befreien, indem sie die Menschen aus dem Irrtum erlösen. Sie wollen, dass die Menschen erkennen, dass sie nicht in der realen Welt leben, weil sie ohne diese Erkenntnis nicht aus ihrer Abhängigkeit von den Maschinen zu lösen sind.

Die gnostische Ausrichtung des Films ist schließlich auch im Namen ´Neo` greifbar, der neben seiner offensichtlichen Bedeutung als ´neu`, das man mit dem christlichen Neuen Adam in Verbindung bringen könnte, oder mit der neuen und besseren Welt, die aus seiner Erlösertätigkeit entspringen soll, auch mit ´Neon` in Verbindung gebracht werden kann, also mit der Idee des Lichts, das allen Menschen die Erleuchtung bringen soll. Auch der bürgerliche Name Neos, Thomas Anderson, ist aussagekräftig. ´Anderson` verweist durch ´anderer Sohn` auf die nichtweltliche Herkunft eines Erlösers wie Neo. Die Welt wird erlöst von dem, was in ihr nur gefangen ist, was von ´wo anders` her kommt. Dieses Wortspiel verrät, wie genau die Produzenten des Films über die gnostische Tradition informiert sind, denn die Rede vom ´anderen Sohn` geht zurück auf die Geburt Seths (Genesis 4,25), der Eva anstelle des erschlagenen Abel von Gott geschenkt wurde. Die gnostische Sekte der Sethianer griff auf diese Figur zurück: "Seth wird als der Allogenes bezeichnet, der ´einem anderen Stamme` angehört und ein Fremdling in der Welt ist" (Walker, Gnosis, S. 206). Schon im bürgerlichen Namen Neos also liegt der Hinweis auf die Geburt aus einem anderen Reich, die Fremdheit in dieser Welt. Dass es sich bei dem anderen Reich um ein ´Reich des Lichts` handelt ist aus ´Neo` schon deutlich geworden, greift aber auch direkt auf gnostische Terminologie zurück, insofern der Mensch selbst dort als ´phos` (griechisch für ´Licht`) bezeichnet wurde (vgl. Walker, S. 79): "Die Sethianer glaubten an immer wiederkehrende Offenbarungen und an eine fortwährende Übertragung der ´Geheimnisse Adams` durch einen Phoster oder ´Erleuchter`, der von Zeit zu Zeit auftreten würde" (Walker, S. 206).

Solcherart detaillierte Hinweise auf die gnostische Tradition finden sich viele im Film. So wird das Raumschiff der Piraten ´Nebukadnezar` genannt, eine Bezeichnung, die uns zunächst Schwierigkeiten gemacht hat. Was soll die Benutzung des Namens genau desjenigen babylonischen Königs, der für die zweite Zerstörung des Jerusalemer Tempels verantwortlich ist (587/6 v. Chr.)? Die Auflösung dieses vermeintlichen Rätsels liegt darin, dass der gnostische Dualismus in Persien/Babylonien weltgeschichtlich überhaupt entstanden ist und auf die Lehre des Zoroaster oder Zarathustra zurückgeht. Der Wahrheit dieses Dualismus soll durch die Benennung des Schiffs Rechnung getragen werden.

Walker weist den ausdrücklichen Bezug auf Zoroaster ebenfalls als Erbe der Sethianer aus, und auch weitere Gemeinsamkeiten des Films mit dieser speziellen gnostischen Tradition werden offenbar. Die Idee eines RaumSCHIFFS wird auf die Tradition der Arche zurückgehen, an deren Bord in der Lehre der Sethianer die böse Seite mit Ham ebenso einen ihrer Vertreter schmuggelt, wie es im Film mittels Cyphers geschieht.

Eine der Schriften der Sethianer heißt die ´dreigestaltige Erste Denkkraft`, was die Benutzung des Namens ´Trinity` im Film ausgelöst haben dürfte. Der griechische Name ´trimorphe protennia` weist sogar auf den Namen ´Morpheus` hin. Ebenfalls interessant ist der Name des Vertreters des Bösen: Agent Smith. Mit ´smith` wird er in den handwerklichen Bereich verwiesen, der dem gnostischen ´Demiourgos` (Handwerker) angehört (vgl. Walker, S. 55). Man erinnere sich, dass Hephaistos als Urbild des antiken Handwerkers Schmied war.

Eine sehr bedeutende Gemeinsamkeit liegt in der Szene der Rettung Neos. Eine der grundlegenden gnostischen Auffassungen ist die Spiegelung der irdischen Hochzeit des Erlösers mit der im Himmel geschlossenen. Trinitys Kuss geschieht auf dem Piratenschiff, nicht also in der Welt der Matrix, erlöst aber den in der Matrix fast sterbenden oder schon gestorbenen Neo. Man fühlt sich an den gnostisch-hermetischen Grundsatz erinnert, der jedweden Dualismus durchzieht: ´Wie oben, so unten`.

Eine weitere Referenz liegt in der Wanze, die Neo durch den Nabel in den Körper geführt wird. Zunächst ist wichtig, dass sie aussieht wie ein Skorpion, der von Gnostikern oft für die Schlange genommen wird, die für das Böse der Scheinwelt steht. Weiterhin kommt dem Nabel in vielen gnostischen Lehren eine Schlüsselrolle zu: "Severus zufolge, einem Schüler Marcions, ist der Mensch vom Nabel aufwärts göttlich und vom Nabel abwärts ein Geschöpf des Teufels" (Walker, S. 76).

Überhaupt ist die Idee, dass die Welt im Zahlenspiel ausgedrückt werden kann (die ´Matrix`), bei gnostischen und halbgnostischen Systemen immer sehr beliebt gewesen. Sie beherrscht das System des Pythagoras eben so sehr wie sie in der jüdischen Kabbala eine Rolle spielt.

Ganz ohne Frage ist der Film von einer Fülle sehr spezieller gnostischer Referenzen durchzogen, von denen wir hier nur einige aufweisen konnten.

 

  1. Der Antignostizismus im Film

Wir haben oben schon gesehen, dass es, sowohl was die Haltungen von Jugendlichen angeht, als auch ausgelöst durch die Kritik an der Leibfeindlichkeit des klassischen Gnostizismus, zur Trennung gekommen ist zwischen den beiden gnostischen Grundmotiven der Illusionswelt auf der einen und der Ablehnung der Materie und der Verhaftung an sie auf der anderen Seite. Die jungen Leute von heute sind nicht leibfeindlich aufgewachsen und leben in einer Welt, die den Leib und seine Genüsse durchaus zu schätzen weiß und weit davon entfernt ist, den Leib als Ort unserer Fremdheit zu bezeichnen. Leibfeindlichkeit liegt auch überhaupt nicht in der Tendenz unserer Konsumgesellschaft, die Märkte und Kaufbereitschaft ständig vervielfältigen, beziehungsweise steigern will.

So erklären sich zwei wichtige Abweichungen von der klassischen Gnosis im Film Matrix. In einer zentralen Stelle, die schon erwähnt worden ist, überkommt es den Agenten Smith und er schleudert seinen ganzen Hass gegen die Leiblichkeit und Verhaftung an die sichtbare Menschenwelt heraus. Im Verhör des Morpheus sagt er:

"Ich will ehrlich mit Ihnen sein, Morpheus, die Wahrheit sagen. Ich hasse diesen Planeten, diesen Zoo, dieses Gefängnis, diese Realität, oder wie man immer dazu sagen mag. Ich halte es nicht länger aus, vor allem den Geruch, falls es so etwas gibt. Ich bin seiner sozusagen überdrüssig. Ich kann riechen, wie Sie stinken, und jedes mal, wenn ich es rieche, fürchte ich mich infiziert zu haben. Es ist abstoßend, finden Sie nicht? Ich muss hier irgendwie raus. Ich will endlich frei sein ...".

Auch hier ist gnostisches Vokabular den Filmemachern bekannt. Sie beziehen sich ausdrücklich auf das ´Gefängnis` dieser Welt und, wie in einem obigen Zitat, auf den ´stinkenden` Leib und drücken eine große Sehnsucht aus, ihm zu entfliehen. Der ´Trick` ist nur, dass sie dieses mehr oder weniger gnostische Bekenntnis dem ´Feind` in den Mund legen, dem Agenten des Bösen. Dadurch wird diese Meinung offenbar disqualifiziert und für den mit Neo und Morpheus sympathisierenden Betrachter als falsch erwiesen. Es soll offenbar ganz deutlich gemacht werden, dass zwar die gnostische Täuschungsbehauptung übernommen wird, nicht aber die ´berüchtigte` Leibfeindlichkeit.

Daraus entsteht die Notwendigkeit einer weiteren Änderung. Für die klassischen Gnostiker ist die Scheinwelt finster, im Film Matrix ist es aber die reale Welt in ihrem gegenwärtigen Zustand. Man hat also Motive, die klassisch der Scheinwelt zukommen, auf zwei unterschiedliche Welten verteilt. Während man in der antiken Gnosis aus der Scheinwelt nur in ein Jenseits fliehen konnte, flieht man hier in die reale Welt, die durchaus ein Diesseits ist. Die Scheinwelt, in der Neo aufwächst, ist als Welt selbst völlig in Ordnung. Sie ist in diesem Fall NUR deshalb nicht in Ordnung, weil sie auf einer Täuschung beruht und verhindert, dass wir unsere Ausbeutung durch die Maschinen bemerken. Der Grund des Ungenügens liegt also in Matrix nicht in der Scheinwelt ihrem Inhalt nach, sondern nur darin, dass sie eine Scheinwelt ist. Das Erlösungsziel ist es deshalb, die Ausbeutung in der realen Welt zu beenden, so dass die reale Welt genauso schön werden kann, wie es die Scheinwelt immer schon gewesen ist.

Matrix also ´verdiesseitigt` die Gnosis. Der Film betont die Täuschung, aber er kritisiert nicht das Leben und Sein in der Scheinwelt selbst. Diese Verdiesseitigung der Gnosis ist ein extrem modernes Projekt und spiegelt offenbar genau das Lebensgefühl der heutigen Jugend wieder. Wir misstrauen den institutionellen Mächten, aber wir lieben das Leben auf der Erde und empfinden normalerweise kein Bedürfnis, aus dem Leib zu entfliehen. Wenn also die Gnosis aktualisiert wird, dann heute nur hinsichtlich ihrer illusionistischen Grundbehauptung.

 

Gnostischer Demiurg und Befreiung in der Truman Show

Inhalt des Films

Truman Burbank ist der Star der ´Truman Show, einer Fernsehshow, die 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche weltweit live ausgestrahlt wird. Der Haken an der Sache: Truman weiß selbst nicht, dass er der Star ist, denn er lebt seit seiner Geburt vor 30 Jahren in dem größten Fernsehstudio der Welt, auf der Insel Seahaven. Alle Menschen um ihn herum, von seiner Familie über seinen besten Freund bis hin zum Mann, der ihm jeden Morgen die Zeitung verkauft, sind bezahlte Schauspieler und Komparsen.

Die Insel ist umgeben von einer riesigen Kuppel, die den Himmel darstellt. Der ´Mond` dieses ´Himmels` beinhaltet das gesamte Regiezentrum, in dem Christof, der Regisseur und Produzent der Show, ´herrscht`. Er kontrolliert alles, was auf der Insel passiert, und kann in das Geschehen eingreifen.

Natürlich weiß Truman all das nicht und bemerkt erst nach und nach, dass in seiner Welt etwas nicht stimmt. Während seines Studiums verliebt er sich in eine Frau, die man künstlich von ihm fernhält, da sie nicht die vom Produzenten und Regisseur erwählte ist, die er bestimmt ist zu heiraten. Diese Frau jedoch warnt ihn, alles um ihn herum sei Schein, alles ein großes Studio, und er weltweit beobachtet und jede Minute vor der Kamera. Er kann sie, die man dann von ihm wegreißt, nicht vergessen, weiß aber nicht, wie er zu ihr gelangen soll. Was sie gesagt hat, verfängt jedoch nicht wirklich bei ihm. Später aber ereignen sich Dinge, die ihn selbst an seiner Welt zweifeln lassen. So taucht plötzlich sein verstorbener Vater wieder auf (der Schauspieler lebt ja noch und möchte zurück in die hochdotierte Show) und er bemerkt, dass sich bestimmte Ereignisse in rhythmischen Abständen wiederholen. Seine Frau scheint oftmals wie zu einem unsichtbaren Publikum zu sprechen, ein Aufzug in einem Haus entpuppt sich als bloße Attrappe vor einem Filmstudio, etc. Schließlich flüchtet er mit seinem Segelboot von der Insel, wofür er seine Angst vor dem Wasser überwinden muss, die man ihm durch den fiktionalen Segeltod seines Vaters, bei dem er Zeuge war und, wie er meint, auch schuld, eingeimpft hat. Er übersteht einen starken Sturm, der von Christof ausgelöst wird, um ihn an der Flucht zu hindern, und kracht plötzlich mit dem Boot, der ´Santa Maria`, in den ´Horizont`. Er entdeckt eine Treppe nach draußen und will gehen, als Christof ihn direkt aus dem ´Himmel` anspricht, um ihn zum Bleiben zu überreden. Doch trotz aller Vorteile, die Christof ihm aufzählt (er lebe in einer ´geborgenen Welt`, die besser sei als diejenige, in die er jetzt flüchte), entscheidet sich Truman für ein Leben in der wirklichen Welt und verlässt das Studio.

 

Christof als christlicher Gott

Schon im Namen des Regisseurs der Truman Show ist eine Anspielung auf die christliche Religion zu finden: ´Christof` beinhaltet das Wort ´Christ`. Christof hat Trumans Welt geschaffen ("Ich bin der Schöpfer ...") und bestimmt als Regisseur und somit oberster Chef über sie. Vom Wetter über die Sonnenauf- und -untergänge bis hin zur Bestimmung über Leben und Tod der Darsteller und sogar Trumans selbst liegt alles in Christofs Händen. Durch Tausende von Kameras sieht er alles, was in Seahaven passiert, aber er ist nicht allwissend, denn er weiß nicht, wie es in Trumans Kopf aussieht ("Sie hatten nie eine Kamera in meinem Kopf!"). Weil Christof alles beobachten kann und die Macht hat, in das Geschehen auf der Insel einzugreifen, geht von ihm eine gewisse Vorsehung aus. Er kümmert sich persönlich um Trumans Angelegenheiten, schickt zum Beispiel seinen besten Freund Marlon zu ihm, wenn es ihm schlecht geht und gibt ihm seinen tot geglaubten Vater zurück, um ihn aus der Krise zu holen, die dadurch eingetreten ist, dass ihm sein Vater zufällig wiederbegegnet ist.

Er will vor der Hand nur das Beste für Truman, wie auch der christliche Gott dem Glauben nach nur das Beste für die Menschen will, und ist der Meinung, dass die ´richtige` Welt, die Welt außerhalb des Filmstudios, ´pervers` ist.

Christof wohnt, beobachtet und herrscht außerdem aus dem ´Mond`, also dem Himmel heraus. Dies entspricht dem Glauben vieler Menschen, dass der christliche Gott im Himmel ist und von dort aus alles sehen kann. Hinzu kommt, dass Christof sich meistens im Hintergrund hält, als verborgen, geheimnisvoll und unantastbar dargestellt wird, womit er Eigenschaften erhält, die auch traditionell dem christlichen Gott zugesprochen werden.

Offenbar wird somit in der Truman Show durch Trumans Ausbruch aus dem Filmstudio auch der Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit (der Name der ´Santa Maria` weist auf die Epoche und Leistung des Kolumbus) und somit die Befreiung vom ´Übervater`, als der der christliche Gott von vielen empfunden wurde, dargestellt. Die von Feuerbach gedachte Befreiung des Menschen von einem übermächtigen Gott wird in der Truman Show vorgeführt. Truman zieht eine riskante Welt der faulen Geborgenheit in der Welt eines despotischen Gottes vor.

Auch ein bekanntes Bild aus der Renaissance oder der Folgezeit, in dem der Mensch als neugieriger Pilger der Weisheit und Erkenntnis die ´Käseglocke`, die über die Erde gestülpt ist, durchbricht, findet sich im Film wieder, denn hier durchstößt Truman mit der ´Santa Maria` den ´Horizont`, die Käseglocke des Filmstudios.

 

Truman als Messias?

In Trumans Welt der Täuschung ist er der einzig wahre Mensch, wie sein Name schon sagt (´true man`). Man kann sagen, dass er christologische Züge enthält. Er wird seit seiner Geburt von Millionen von Menschen beobachtet. Die Leute wissen, was er durchgemacht hat und noch macht. Wenn Truman leidet, dann leiden die Menschen vor dem Bildschirm mit ihm, und wenn er sich freut, dann freuen sich die Zuschauer ebenfalls. Ebenso ist es bei Jesus. Wir leiden mit ihm, als er an das Kreuz genagelt wird. Wir glauben und hoffen, dass er von den Toten aufersteht.

Als Truman die gefährliche Reise mit dem Segelboot ´Santa Maria` - was übrigens auch eine Anspielung auf die Mutter Gottes sein wird - antritt, inszeniert Christof einen heftigen Sturm, um die Flucht Trumans zu verhindern. Er lässt den Sturm so stark werden, dass es so aussieht, als ob Truman, wie auch sein Vater, ertrinkt. Damit erleidet er einen symbolischen Tod, ähnlich wie Christus am Kreuz einen wirklichen Tod erleidet. Die Leute vor den Bildschirmen sind schockiert und fassungslos. ´Ihr` Truman kann doch jetzt nicht sterben! Solange haben sie seine Lebensgeschichte bewundert und verfolgt, und nun soll alles vorbei sein?

Als der Sturm von Christof ´abgeschaltet` wird und wieder klarer Sonnenschein zu sehen ist, liegt Truman regungslos mit den Armen ausgebreitet in Form eines Kreuzes über der Reling des Segelbootes. Die Zuschauer sitzen in diesem Moment traurig vor dem Bildschirm, das heißt sie leiden mit ihm. Im Innersten besteht wahrscheinlich noch ein Fünkchen Hoffnung, dass Truman sich regen wird und aufstehen. Genau diese Auf(er)stehung passiert schließlich auch, und die Zuschauer jubeln vor dem Bildschirm. Truman, an den sie glaubten und mit dem sie litten, ist auferstanden!

Ein christologischer Aspekt, welcher jedoch nicht ohne Weiteres auf Truman zutrifft, ist das Motiv des Erlösers. Diese Rolle kann nur der Schöpfer ´Christof` einnehmen. Er allein kann bestimmen, wann Truman die Wahrheit erfährt. Christof hat die Möglichkeit, diese TV-Produktion jederzeit abzubrechen und damit auch Truman aus dieser Scheinwelt zu erlösen.

Dennoch kann man Trumans stellvertretenden Kampf der Tendenz nach als ´erlösend` ansprechen. Die Zuschauer nehmen ja an ihm teil, und in gewisser Hinsicht kann gelten, dass, als er erlöst ist, auch sie erlöst sind.

     

  1. Die Gnosis im Film

Wie in Matrix basiert Erlösung in der Truman Show auf der Erkenntnis, dass die Welt, in der Truman lebt, eine Scheinwelt ist. Wir wissen bereits, dass es sich dabei um ein grundlegendes gnostisches Motiv handelt, wie auch in dem anhängenden Dualismus von Scheinwelt und wahrer Welt (der in der Truman Show allerdings ironisch unterlaufen wird, weil die wahre Welt inhaltlich nicht als besser erscheint als die illusionäre). Gnostisch ist auch die Idee der Gefangenschaft. Truman sitzt in einer unechten Welt fest, aus der es eigentlich kein Entkommen gibt. Alles wird daran gesetzt zu verhindern, dass er entkommt. Denn, und auch dies ist ein gnostisches Motiv, das wir schon aus Matrix kennen, Christof verdient mit der Fernsehserie viel Geld, ist also wie die Archonten vom eingesperrten Lichtfunken abhängig, ernährt sich von ihm. Wie die Archonten der Gnosis die Menschen in der Illusion festhalten, so hält auch Christof Truman in der Illusion fest, dass ´seine` Welt die wahre ist. Dies tut er durch dessen Angst vor Wasser und natürlich durch die Schauspieler und die Technik, die Truman davon abhalten, die Insel zu verlassen. Denn wenn Truman die Wirklichkeit entdecken würde, dann würde er die Illusionswelt geradezu verlassen müssen (denn was wäre sie ohne seine Illusion), wovor auch die Archonten und der Demiurg Angst haben.

Wie in der Gnosis kann Truman sich nur selbst befreien, und zwar durch Erkenntnis. Er muss erkennen, dass er in einer Illusion lebt, um frei zu sein.

 

V. Gnostischer Demiurg oder christlicher Übervater

Schon in Matrix haben wir eine Mischung christlicher und gnostischer Elemente vorgefunden, aber sie betraf nicht die diese Welt beherrschende Macht. Diese konnte im Rahmen von Matrix nur als gnostischer Demiurg, beziehungsweise als die Archonten erscheinen. In der Truman Show verhält es sich in charakteristischer Weise anders. Hier finden wir bezüglich des Gottes Christof selbst eine Vermischung von Motiven aus der Geschichte der christlichen Religion im Abendland auf der einen und gnostischen Elementen auf der anderen Seite vor.

Während der Ausschnitt aus der Christentumsgeschichte die Befreiung vom Übervater Gott intoniert, den gegen die Übermächtigung durch Gott rebellierenden und aufbegehrenden Menschen, enthält das gnostische Motiv den Schlaf des Geistes, der in einer illusionären Welt dahindämmert und sie für wahr hält. Dieses letztere Motiv ist für den Film eigentlich kennzeichnend, weil die Unwissenheit Trumans um die TV-Show sein Thema ausmacht.

Wenn nun diese beiden Traditionen vermischt werden, entsteht ein gewisser Widerspruch, der darin liegt, dass Truman, um gegen seinen Übervater zu rebellieren, um diesen wissen muss, um aber umnachtet in einer Welt des Scheins zu leben, um den gnostischen Demiurgen gar nicht wissen darf.

Warum mischt der Film die beiden Traditionen dennoch? Offenbar handelt es sich um moderne Urerfahrungen. Jugendliche stehen heute, da sie schon früher als Erwachsene gelten können als die Vorgängergenerationen, in einem starken Kampf um Ablösung von den Eltern. Wir wollen uns behaupten und wissen, dass nur wir selbst uns aus der Verfangenheit in die Autorität des Elternhauses lösen können. Sich von den Eltern zu lösen war immer nötig. Heute wird es noch schwieriger sein als zu früheren Zeiten. Die Truman Show stellt diese Urherausforderung des modernen Jugendlichen in eine Analogie zur Ablösung von Gott am Ende des Mittelalters, in der beginnenden Neuzeit.

Die zweite Urerfahrung liegt in der Lähmung durch universale Interessen, Institutionen und die Möglichkeiten der Medien und des Computers. Jugendliche erfahren sich als in einem Netz von multinationalen, überindividuellen Interessen gefangen. Die Welt scheint an einem vorüber zu gehen, und wir reservieren unsere Verantwortung oft nur noch für das eigene, private Leben. Das Gefühl, das der Beherrschung durch die Illusion in der Truman-Welt entspricht, ist das der Resignation. Der Täuschungsverdacht bleibt eine Versuchung der modernen Welt.

Trumans Frau will ihn zu einem genügsamen, privaten Leben mit Familie und Kindern überreden, er hingegen träumt von der großen, weiten Welt und den Aufgaben, die sie bietet und stellt. Die Truman Show ist das filmische Gedicht einer Befreiung, die religiöse Züge trägt. Sie meint die Befreiung aus Eingeschlossenheit und Resignation. Wir sollen die Welt nicht einem gnostischen Demiurgen überlassen.

 

  1. Wie kommt es zur steigenden Popularität des Manipulationsverdachts und welches Lebensgefühl spricht sich darin aus?

 

  1. Vorüberlegungen

  2. Es gibt viele Faktoren, die zur steigenden Popularität des Manipulationsverdachts beitragen. Im Folgenden will ich einige Faktoren erläutern, die diese ´Bewusstseinswandlung` insbesondere bei jungen Menschen entscheidend beeinflussen. Eine sehr große Rolle spielen hierbei die Medien. Ein schillernder und fast schon berüchtigter Vertreter dieses Manipulationsverdachts ist beispielsweise seit Jahren Erich von Däniken. Er vertritt in seinem Besteller Zurück zu den Sternen die These, dass die Menschen durch Ausserirdische, die sogenannten früheren Götter, manipuliert und verführt wurden und werden. Ihm zufolge ist die Entwicklung des Menschen nicht rein zufällig und ungewollt, sondern von intelligenteren Lebewesen sehr bewusst gesteuert worden. Folglich ist die heutige Menschheit, nach Däniken jedenfalls, das Ergebnis einer gezielten Manipulation.

    Doch auch und gerade in Filmen wird die Hoffnung der Menschen auf Hilfe von einer transzendenten Macht verstärkt. Matrix und die Truman Show weisen den Manipulationsverdacht in einer besonders starken Form auf. Doch auch in Armageddon und Independence Day taucht der Manipulationsaspekt auf. Anders aber als in Matrix und Truman Show wollen die Menschen in Armageddon und Independence Day eine Manipulation. Die Erde wird in beiden Filmen von einem riesigen Planeten bedroht, der die Erde zerstören kann. Nun hoffen die Menschen auf eine Macht, die ihr Leben und das der Erde rettet. Ihre Zukunft soll also manipuliert werden. Die Menschen haben Angst vor der Zukunft und wollen ihr nicht allein gegenüber stehen müssen. Sie brauchen die Hilfe von einer größeren Macht.

    Doch warum ist diese Manipulationsthese gerade in den letzten 100 Jahren so attraktiv und öffentlich zugänglich geworden? Zum einen liegt das sicherlich an der zunehmenden Technisierung der Erde. Der Alltag der Menschen wurde und wird durch Strom, Computer, Fernsehen, ... immer weiter vereinfacht. Aber die Maschinen übernehmen eine immer größere Macht und werden immer besser, schneller , intelligenter. Sie sind fast besser als die Menschen, die sie erschaffen haben (vgl. Matrix). Viele Menschen fragen sich, wohin diese Entwicklungen noch führen werden. Der Philosoph Günter Anders hat in Die Antiquiertheit des Menschen auf die vielfältigen Gefahren dieser Entwicklung aufmerksam gemacht. Viele fühlen sich eingeengt und ausgeliefert, einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. Die Manipulationsthese drängt sich nach vorn, weil die Menschen das Gefühl bekommen, ihr Leben nicht selbst steuern zu können.

    Die vier Spaltungen

Seit dem Beginn der Neuzeit und besonders im 20. Jahrhundert sind Entfremdungsprozesse des Menschen von der Umwelt, in der er lebt, spürbar, die nun, im Übergang zum 21. Jahrhundert, offenbar so auffällig geworden sind, dass sie in Filmen populär gemacht werden können. Das Gefühl, einer unbeherrschbaren, manipulierten Welt oder der Illusion einer Welt ausgeliefert zu sein, hat starken Auftrieb bekommen. Es zeigt sich besonders in vier Erscheinungen des kulturell-geistigen Lebens:

1.Die macchiavellistische Spaltung

Seitdem vor 500 Jahren der Florentiner Niccolo Macchiavelli in seinem ´Fürsten` festgeschrieben hat, dass die Moral der Fürsten anderen Beurteilungsfaktoren unterliegt als die Privatmoral des einzelnen Bürgers ist ein Problem in den Vordergrund getreten, das heute bei uns Jugendlichen eine große Rolle spielt: Wie sehr kann man Politikern und Institutionen trauen? Manchmal scheint es, als seien wir durch einen Graben des Misstrauens von der herrschenden Schicht und ihren öffentlichen Organen getrennt und der Rückzug in unser privates Leben die einzig angemessene Reaktion. Die Kriege in Jugoslawien und Tschetschenien, die von Politikern offenbar nur langsam zur Kenntnis genommen worden sind, und die öffentliche Gemeinschaft mit solchen Politikern, denen Menschenrechtsverletzungen zur Last gelegt werden, sind befremdend. Spendenskandale, Vorteilsnahmen aller Art, offensichtliche Intrigen hinter den Türen der Macht sind an der Tagesordnung und wenig dazu angetan, das Vertrauen in unsere Führungsschicht zu stärken. Wen wundert da noch der Vorwurf der ´Politikverdrossenheit`? Im Grund erwarten wir sogar, dass alle ´oben` nur ihren Vorteil suchen und ihnen Lüge und Täuschung jederzeit ein rechtes Mittel sind, ihre Ziele zu erreichen. Gute Politiker kommen in den Himmel, böse kommen überall hin. Der Verdacht des Macchiavellismus liegt nah, der sich in unseren Kreisen oft in einer tiefen Langeweile ausspricht, wenn es um Politik geht. Wir wissen jedoch: Wer sich ´privatisieren` lässt, wird auch manipulierbar. Es wirkt wie ein Teufelskreis, und das Unbehagen daran durchzieht wie ein schlechtes Gewissen auch die Filme Matrix und Truman Show.

2. Die psychoanalytische Spaltung

Seit Sigmund Freud, wie wir alle durch so viele Informationskanäle wissen, das Un- und Unterbewusste freigelegt hat, ist der Verdacht gegen die Gültigkeit unserer oft scheinbar so reinen ethischen Motivation nicht mehr aus der Welt zu schaffen: "Freud ging von einer grundsätzlichen Diskrepanz zwischen Denken und Sein aus. Wir denken zum Beispiel, dass unser Verhalten von Liebe, Hingabe, Pflichtgefühl usw. motiviert ist, und wir sind uns der Tatsache nicht bewusst, dass wir in Wirklichkeit vom Wunsch nach Macht, von Masochismus und einem Abhängigkeitsbedürfnis motiviert sind ... und die meisten von uns leben eigentlich in einer Welt der Selbsttäuschung, in der sie annehmen, dass ihre Gedanken die Wirklichkeit repräsentieren" (Fromm, Sigmund Freuds ..., S. 28). ´Gute` Handlungen sind nicht mehr unmittelbar überzeugend. Wer einer alten Frau über die Straße hilft, mag egoistische Motive verfolgen, wie etwa Beruhigung des eigenen Gewissens, das wohltuende Gefühl einer guten Tat, die Ablenkung von seiner wahren Schlechtigkeit, etc. Wer ins Kloster eintritt, mag die Welt fliehen, der er nicht gewachsen ist, mag sexuelle Neurosen ausleben, mag Macht im überschaubar kleinen Bereich, ungestört von der Außenwelt, suchen, etc. Wer für Minderheiten eintritt, wie Martin Luther King, mag persönliche Hassgefühle gegen die führende Schicht befriedigen oder gar masochistischen Neigungen folgen und die Gefahr suchen, etc. Wir trauen sogar unseren eigenen guten Motiven nicht mehr. Oft, wenn uns ein guter Wille geleitet hat, wollen wir Lob nicht gelten lassen und versuchen die Tat beschämt als etwas Belangloses auszugeben, ohne mit dieser Lösung jedoch selbst zufrieden zu sein. Es scheint, dass wir von einer unterbewussten Welt gesteuert werden, derer wir selbst nicht Herr sind. So werden wir in gewisser Weise durch unseren eigenen ´Untergrund` manipuliert und erscheinen als Opfer einer Illusion über uns selbst und die Mitmenschen.

3.Die ideologiekritische Spaltung

Karl Marx hat den Begriff des ´falschen Bewusstseins` in die Diskussion gebracht. Unsere scheinbar guten Absichten sind durch unsere ökonomischen und ähnlichen besitz- und machtorientierten Interessen unterlaufen. Mit diesem Begriff hat er die psychoanalytische Spaltung vorbereitet, wenn auch mit besonderer Betonung des ökonomischen Aspekts. Durch die Generation unserer Mütter und Väter (die sogenannte Kulturrevolution) wurde die marxistische Gesellschaftsanalyse populär. Wenn auch nach dem Fall der Mauer Marx, wie wir hören, nicht gerade in Mode ist, bleibt doch ein Verdacht gegen jegliche Ideologie zurück. Wir trauen den großen Systemen nicht, auch denjenigen nicht, die ihrerseits andere Systeme kritisieren. Es scheint uns oft, dass Menschen Argumente nur vorschieben, um ihre finanziellen und Machtinteressen zu verbergen.

4. Die deterministische Spaltung

Viele Biologen und andere Naturwissenschaftler sehen den Menschen als Spielball materieller Ursachen, die er nicht selbst im Griff hat. Unter Jugendlichen ist unterschwellig oft genug zu hören, dass es sich bei dem freien Willen um ein Hirngespinst handelt. Auch hier sehen wir uns als Opfer einer Macht, die wir selbst weder überblicken noch kontrollieren können.

 

III. Folgerungen

Insbesondere die namenlosen und krakenartigen Maschinen im Film Matrix verkörpern jene Mächte, denen wir uns ausgeliefert sehen. Sie halten die Menschen der Welt Neos in genau derjenigen Illusion, in der viele von uns sich heute instinktiv wähnen. Die kleine private Welt, in deren Nöten und Besorgungen viele heute aufgehen, entsteht aus der Reaktion auf den Entzug der großen, die wir im Grunde an fremde Mächte abgegeben haben. Der Eskapismus in die private Welt ist angenehm und unangenehm zugleich: angenehm, weil uns die Last der Entscheidung für das öffentlich-rechtliche Leben und die großen Zusammenhänge abgenommen wird, unangenehm, weil der Riss zwischen privater und ´großer` Welt zu Entfremdungserfahrungen führt. Dazu kommt noch, dass, weil die öffentliche Welt von uns Gleichen gemacht und gestaltet wird, also auch immer privater wird, wir eine noch größere öffentliche Welt ´da draußen` vermuten, in der die wirklichen Entscheidungen getroffen werden. Es gibt also einen doppelten Riss zwischen privater und öffentlicher Welt: Wenn das öffentliche Leben zur Spielwiese wird, sucht man den Ernst ´da draußen`. In gewisser Hinsicht wollen wir den Ernst ´da draußen` und sind deshalb für die Höhlenerfahrung des Manipulationsverdachts um so anfälliger. Wir wollen nicht nur die kleine Welt unserer Privatheit.

Der Rückzug ins Private ist grundlegend, nicht nur eine Abwendung vom vermeintlich so öffentlichen Engagement der politisch bewegten Hippiezeit. Schon im Musical ´Hair` prallen die beiden Welten aufeinander – die private Welt mit ihren Hoffnungen und Nöten, die kalte öffentlich-politische Welt mit ihren unmenschlichen Entscheidungen. Diese Zweiheit ist leitend geblieben.

Das Schlimme an unserer Höhle ist es, dass oft der Wunsch fehlt, aus ihr auszubrechen, weil wir das absolute Jenseits der Entscheidungsebene wollen, weil, wiederum, wir es brauchen, denn die kleine, private Welt kann nicht genügen. So werden wir anfällig für Absolutismen. Hier haben die besprochenen Filme eine große Rolle: Sie versuchen, den Willen zum Ausbruch wiederzuerwecken, zu beleben und zu stärken. Der Erfolg Trumans und der sich schon andeutende Gesamterfolg Neos sind wie ein Aufruf, das eigene Schicksal wieder zu übernehmen und öffentlich verantwortlich zu werden.

In diesem Aufruf spiegelt sich eine Krise der Öffentlichkeit. Viele Erscheinungen unserer Lebenswelt dokumentieren die seltsame Entwicklung, dass die Öffentlichkeit selbst privat wird, für uns ein Hauptphänomen unserer Gesellschaft. Wir sehen in ´Big Brother` zum Beispiel, wie die private Welt als solche öffentlich wird und damit auch der umgekehrte Vorgang stattfindet. Die Ebene eigentlich öffentlich-rechtlicher Verantwortung verschwindet so aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit, wird quasi jenseitig, und der Raum für die Suggestion und Ahnung einer ´großen Manipulation` wird frei. Dieser Gedanke aber lähmt, macht unfrei und hält kindlich. Wie wird uns der Auszug aus der ´infantile society` gelingen? Hoffentlich nicht durch absolutistische und totalitäre Systeme, die den Entscheidungs- und Lebensbereich historisch-öffentlicher Verantwortung nur künstlich herstellen, und wie im Rausch.

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Zur Arbeitsweise

Die vorliegende Arbeit ist aus dem Unterricht erwachsen. Nachdem wir unseren Kursleiter im Rahmen des Semesters über ´Christologie` auf den Film ´Matrix` aufmerksam gemacht und ihn gemeinsam angesehen haben, sind wir den Bezügen zur Tradition und den Ursprüngen der Attraktivität des Filmes bei Jugendlichen nachgegangen. Dabei haben sich einige von uns vorwiegend mit der Gnosis beschäftigt, andere wieder mit New Age, wieder andere mit den genauen Inhalten der Filme etc. Die jeweiligen Ergebnisse der Arbeiten wurden dann im Kurs besprochen. Wir waren erstaunt, wie genau der Film Elemente der gnostischen Tradition abgebildet hat, und da wir schon bei der Diskussion des Buches ´Riverside` von Patrick Roth auf Platons Höhlengleichnis gestoßen sind, war es nicht schwer, den Zusammenhang des Films mit dieser alten philosophischen Tradition zu erkennen. Die Frage, warum ein moderner Film auf die gnostische Tradition zurückgreift, hat uns sehr beschäftigt.

Der Film ´Truman Show` kam bei der Diskussion über ´Gotteslehre` dazu, und es war deutlich, dass auch er die gnostische Höhlensituation sehr eindringlich abbildet. Wir haben ihn im Kurs mit ´Matrix` verglichen, und uns hat besonders das Doppelspiel von ´gnostischem Demiurgen` und ´christlichem Übervater` beschäftigt, zumal wir uns schon mit der Religionskritik Feuerbachs auseinandergesetzt hatten.

Um die Arbeit für den Wettbewerb zu schreiben, haben wir die einzelenen Kapitel und Abschnitte als Aufgaben verteilt, dann vorgetragen und schließlich vereinheitlicht.

Uns allen war und bleibt es erstaunlich, wie sehr Filme, die wir zunächst im Kino zur Unterhaltung gesehen hatten, sich plötzlich als von Traditionen und Fragestellungen geprägt erwiesen haben, die uns, da sie weit in der Vergangenheit lagen, unbekannt waren. Wir haben aus der Beschäftigung mit diesen Bezügen viel - nicht zuletzt über uns selbst und unsere heutige Situation - gelernt.

     

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