Jugend&Kultur&Religion

Albert-Einstein-Gymnasium Buchholz


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 Sterben vor Angst

Angst vor  dem Sterben

"The Sixth Sense"

(M.Night Shyamalan, USA 1999)

Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Film

"The Sixth Sense" (M. Night Shyamalan, USA 1999)

 

VerfasserInnen: Oliver Behrendt, Marei Dammann, Sonja Drath, Kristina Kaumanns, Anne - Christin Klinner, Stephanie Möller, Merve Moritz, Corinna Oberbeck, Gerke Westdörp, Astrid Wiik, Niko Wolf

Betreuende Lehrkraft: Birgit Buß

 

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bewältigung von Angst als zentrale Thematik- Cole als Mittler zwischen Leben und Tod

2.1 Vorüberlegungen

2.2 Die Rolle Coles im Film - ein Überblick

2.3 Coles Verhältnis zu seiner Mutter

2.4 Coles Verhältnis zu Malcolm

2.5 Übernimmt Cole eine Erlöserrolle?

     

3. Die Zwischenwelt

3.1 Vorüberlegungen

3.2 Die Zwischenwelt im Film

3.3 Folgen, Illusionen und Ängste der Zwischenwelt 

3.4 Die Zwischenwelt des Films im Vergleich

 

4. Die Symbolik

4.1 Vorüberlegungen

4.2 Die Symbole Zelt und Haus

4.2.1 Die Bedeutung der Symbole im Film

4.3 Das Symbol Tür

4.4 Die Farbe Rot im Film

 

5. Fazit

 

6. Ein Rückblick

6.1 Skizzierung des methodischen Vorgehens

6.2 Reflexion

 

7. Literaturverzeichnis

     

     

1 Einleitung

Es "geht [...] um den Ernst des Lebens, um das heilige Spiel des Lebens", die Möglichkeit, auf Probe zu leben, Dinge passiv zu erfahren.

Der Film, faszinierend wie kein anderes Medium unserer Zeit, ersetzt heutzutage oft persönliche Erfahrungen und scheint die gesamte Gesellschaft mit seiner universellen Botschaft zu erreichen und zu beeinflussen. Die visuelle Darstellung einer existentiellen Frage oder Problematik erscheint uns im Hinblick auf den Umgang mit dem Übersinnlichen, Transzendenten besonders reizvoll. Im Gegensatz zu religiösen Wegweisern, die häufig an der Wissenschaft und den Grenzen menschlicher Vorstellungskraft scheitern, gibt der Film die Möglichkeit das Unerklärliche zu erfahren und demgegenüber "den [theoretischen] Antwortduktus vielleicht überhaupt fallen zu lassen und [...] neue Fragen zu entwickeln". Die Frage nach dem Übersinnlichen ist universell. Wer hat sich nicht schon einmal gefragt, was Sterben oder Tod für uns bedeuten oder welche Rolle das Leben für Zeit und Raum spielt?

"Sterben vor Angst – Angst vor dem Sterben" ist eine Abhandlung über existentielle Ängste und der Angst vor dem, was nach dem Leben folgt. Welche Funktion nimmt die Angst für Leben und Sterben ein?

In dem Film "The Sixth Sense" sehen wir eine moderne Auseinandersetzung mit dieser Problematik. Der Film konfrontiert den Zuschauer auf sehr eindrucksvolle Weise mit der Existenz einer imaginären, unsichtbaren Welt zwischen Leben und Tod und mit dem achtjährigen Jungen Cole, dessen Gabe, die Sterbenden dieser Welt zu sehen, die einzige Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits ist. Die Todesangst des Jungen vor den ihm sichtbar werdenden Sterbenden einerseits und das angsterfüllte Dasein, das die Sterbenden in der Zwischenwelt führen, andererseits wiesen uns auf die Problematik existentieller Ängste zurück und fanden in der Betrachtung von der Vorstellung der Zwischenwelt, einer tiefgreifenden Analyse der Symbolik und der Auseinandersetzung mit Informationen über religiöse und wissenschaftliche Einstellungen zu diesem Thema ihre Erschließung.

So sollen im Folgenden die Funktion Coles, die Bedeutung der Zwischenwelt als mögliche Existenz nach dem diesseitigen Leben und ausgewählte Symbole, die die Aussage des Films unterstreichen, untersucht werden.

Welche Botschaft oder Antwort vermittelt dieser moderne Film im Hinblick auf eine so ernste und existentielle Frage? Welche Gefühle weckt die Existenz der hier beschriebenen Zwischenwelt beim Zuschauer? Nimmt sie gar die Angst vor dem Tod? Inwiefern lässt die Symbolik hier Assoziationen in Bezug auf Religion und Leben zu? Nimmt der kleine Cole vielleicht sogar eine Erlöserfunktion ein?

 

2 . Die Bewältigung von Angst als zentrale Thematik- Cole als Mittler zwischen Leben und Tod

2.1 Vorüberlegungen

In diesem ersten Kapitel steht die Figur des kleinen Jungen Cole im Mittelpunkt. Zunächst stellt sich die Frage, wie sich der Junge durch den Film bewegt und welche Charaktereigenschaften seine Entwicklung beeinflussen.

Um Coles spezifische Rolle im Film erfassen zu können, muss in einem nächsten Schritt sowohl seine Beziehung zu den Sterbenden, als auch zu den Lebenden untersucht werden. Die Beziehung zwischen Cole und seiner Mutter steht stellvertretend für seinen Kontakt zu den Lebenden und zeigt, von welcher Wichtigkeit dieses Mutter-Kind-Verhältnis ist.

Im darauf folgenden Kapitel soll hingegen Coles Verhältnis zu den Sterbenden anhand seiner Bekanntschaft und Vertrautheit mit dem sterbenden Dr. Malcolm Crowe interpretiert werden. Letztlich wird kritisch hinterfragt, ob Cole in dem Film eine Erlöserrolle einnimmt.

 

2.2 Die Rolle Coles im Film – ein Überblick

In M. Night Shyamalans Kinofilm "The Sixth Sense" wird der Zuschauer mit einem außergewöhnlichen Jungen konfrontiert:

Der achtjährige Cole Sear aus Philadelphia lebt seit der Scheidung seiner Eltern bei seiner Mutter in eher einfachen Verhältnissen. Der ruhige Junge hat keinen Kontakt zu seinem Vater und hängt folglich sehr an von ihm zurückgelassenen Gegenständen wie z.B. einer für Cole viel zu großen Brille, die er ohne Gläser trägt. So macht der verschlossene unnahbare Cole einen verwirrten Eindruck auf seine Umgebung. Er findet schwer Kontakt zu Gleichaltrigen und hat so keine Freunde, im Gegenteil: Er wird als "Psycho" bezeichnet und gemieden. Seine einzige Bezugsperson ist zunächst seine Mutter. Sie ist ständig in Sorge um ihren Sohn, da dieser unter extremen Angstzuständen und Panikattacken leidet.

Auf ihm lastet sein Geheimnis: seine übernatürliche Fähigkeit Sterbende zu sehen. Mit seinem empfindsamen Kindergemüt wird Cole zur Projektionsfläche für die Sterbenden der Welt. Selbstmörder und Hingerichtete suchen in ihm einen Vermittler zwischen der Welt der Lebenden und der Sterbenden, um ihr auf der Erde zurückgelassenes Anliegen noch erledigen zu können. Die wütenden, oft entstellten Gestalten umgeben Cole jeder Zeit und überall. Sie machen ihm Angst, sind in der Lage Gegenstände zu bewegen oder ihn zu verletzen; deshalb versucht er ihnen zu entkommen.

Dadurch, dass Cole seine Gabe auch gegenüber seiner Mutter verheimlicht, aus Angst, sie könne ihn ebenfalls für einen "Psycho" halten, kommt er in schwierige Situationen, die der Mutter Angst machen, weil sie sich diese nicht erklären kann. Es kommt zu Missverständnissen und Streit. Coles mentaler Zustand ängstigt die hilflose Mutter. Das innige Mutter-Sohn-Verhältnis wird sehr belastet, so dass Cole noch unglücklicher erscheint und von starken Verlustängsten gequält wird.

Der Betrachter wird nun Zeuge, wie sich Coles Verfassung mit der Zeit wandelt, nachdem er den von einem ehemaligen Patienten erschossenen Kinderpsychologen Malcolm Crowe kennen lernt. Auch Malcolm ist physisch tot und ist sich dessen nicht bewusst. Er hat die Möglichkeit, sein therapeutisches Versagen an seinem Mörder durch den Kontakt zu Cole aufzuarbeiten, da dessen Verhalten vergleichbare Symptome aufweist. Malcolms Vorgehen gleicht einer Wiedergutmachung, die unter anderem dazu führt, dass er sich von der Welt lösen kann.

Obwohl Malcolm physisch tot ist, macht er Cole keine Angst, da sich dieser weder durch sein Aussehen noch durch sein Verhalten bedrängt oder bedroht fühlt. Im Gegenteil der Junge findet den so auftretenden Sterbenden sehr nett, doch an Hilfe durch diesen glaubt er nicht.

Diese beiden Hilfsbedürftigen beginnen sich häufiger zu treffen. Malcolm wird Cole immer sympathischer, da dieser ihn so akzeptiert, wie er ist, und sich bemüht ihn zu stärken, indem er z.B. versucht ihm seinen Spitznamen "Psycho", mit dem der Junge droht, sich arrangieren zu wollen, auszureden. Durch die Entwicklung von Vertrauen wird dem geschulten Psychologen ein tieferer Einblick in Coles Psyche gewährt. Übergeordnetes Ziel ihrer gemeinsamen Stunden ist die Erfüllung des Wunsches des Jungen, seine Angst zu verlieren. Malcolm stellt schnell fest, dass dieser Junge weder gewöhnlich ist noch gewöhnlichen Beschäftigungen nachgeht. So hält Cole sich gerne in der Kirche auf und spielt dort mit Figuren, die er (teilweise) lateinisch sprechen lässt. Er stiehlt Marienfiguren, um diese in einer in seinem Zimmer aufgebauten Deckenhöhle aufzustellen. Auch erfährt Malcolm, dass Cole schon freies assoziatives Schreiben, bei dem sich düstere Zeilen ergeben haben, versucht hat.

Nach einem Zwischenfall, bei dem Cole von Gleichaltrigen in eine Dachkammer gesperrt wird und dort einem starken Angstzustand ausgesetzt ist, der zu einer Ohnmacht führt, wird er ins Krankenhaus eingeliefert. Sein mentaler Zustand hat sich so verschlechtert, dass er bereit ist, seinem neugewonnenen Freund sein belastendes Geheimnis mitzuteilen. Mit der Eröffnung seiner Gabe zeigt er deutlich, dass er Vertrauen zu Malcolm hat und ihn braucht. Doch Malcolm scheint in seiner Fachwelt keine zufriedenstellende Erklärung zu finden, bis er auf alten Tonbändern von seinem Attentäter auf Beweise, die ihn Coles Beschreibungen glauben lassen, stößt.

Eines Tages offenbart Malcolm dem Jungen die Lösung: Die Sterbenden bitten um Hilfe und machen Cole nur Angst und verletzen ihn, da er sie nicht erhört. Daher soll er versuchen ihnen zu helfen. Nach diesem Gespräch fasst Cole Mut, er verliert seine Angst und lernt mit seiner besonderen Gabe zu leben. Dies ist der Wendepunkt für den angstgequälten Jungen: Er geht auf die Sterbenden ein und erfüllt ihnen als Medium ihre letzten Wünsche. Coles veränderte Situation trägt dazu bei, dass er von seinen Mitschülern stärker anerkannt wird und auch in der Lage ist, das Geheimnis seiner Mutter zu offenbaren.

Hervorzuheben ist eine markante Eigenschaft des kleinen belasteten Jungen. Neben seiner ungewöhnlich ausgeprägten Rhetorik besitzt er ein extrem starkes Einfühlungsvermögen, mit welchem er stets Bedrückung und Sorgen seines Therapeuten bemerkt.

Cole spielt in diesem Film die Hauptrolle, da er erst aufgrund seiner besonderen Gabe eine Verbindung zwischen der Welt der Lebenden und der Toten herstellen kann.

 

2.3 Coles Verhältnis zu seiner Mutter

Um die Frage "Ist Cole ein Mittler zwischen Welt und Zwischenwelt?" beantworten zu können, muss Coles Verhältnis zu den Lebenden untersucht werden. Da die Beziehung zwischen Cole und seiner Mutter einen ganz besonderen Stellenwert im Leben des Jungen einnimmt, soll zunächst hierauf eingegangen werden.

In den verschiedenen Szenen des Films ist zu erkennen, dass Cole seine Mutter sehr liebt, dass er bei ihr Geborgenheit sucht und dass er um keinen Preis von ihr so betrachtet werden möchte, wie ihn die meisten ansehen, nämlich als einen "Psycho". Als Cole an einem Morgen am Frühstückstisch sitzt und seine Mutter einen kurzen Augenblick die Küche verlässt, stehen plötzlich sämtliche Küchenschränke und Schubladen offen, als sie wiederkommt. Da die Mutter nicht von der Existenz der Sterbenden, mit denen Cole täglich konfrontiert wird, unterrichtet ist, kommt für sie nur ihr Sohn für die offenen Schränke und Schubladen in Betracht und dies, obwohl auf dem Küchentisch Schweißabdrücke von Coles Händen sein zwischenzeitliches Aufstehen ausschließen.

Um die Mutter, die sich sichtbar verwundert zeigt, zu beruhigen, sagt Cole, er habe nur seine Waffeln gesucht. Doch ihre Reaktion, die Unverständnis aufweist, erzeugt in Cole Angst. So fragt er leicht gequält: "Was denkst du gerade, Mama? Denkst du etwas Schlechtes über mich?" In diesen zwei Fragen wird deutlich, dass er darüber nachdenkt, welchen Eindruck das Geschehen bei seiner Mutter hinterlassen haben könnte. "Denkt sie, ich sei krank? Meint sie nun auch, ich sei ein Psycho?" Solche und ähnliche Gedanken mögen Cole in dem Moment durch den Kopf gegangen sein.

Doch Coles Bedenken, die Beziehung zwischen ihm und seiner Mutter könnte gestört sein, sind unnötig. Sie liebt ihn weiterhin und versucht ihn aufzumuntern, indem sie z.B., nachdem er gerade aus der Schule heimgekommen ist, mit ihm Phantasien entwickelt. Sie sagt, sie habe im Lotto gewonnen und einen schönen Vormittag erlebt. Daraufhin meint Cole, er sei auf den Schultern durch die Schule getragen worden und alle hätten ihm zugejubelt.

Dies ist seinerseits aber auch nur ein Wunschgedanke, denn in Wirklichkeit leidet er darunter, dass ihm keine Anerkennung zuteil wird. Aufgrund seines ungewöhnlichen Verhaltens, welches sich nur durch seine übernatürliche Gabe erklären lässt, stößt er in der Schule auf völliges Unverständnis. Seine Äußerungen ängstigen die Mitschüler. Somit bleibt seine Mutter seine einzige Vertrauensperson unter den Lebenden, was er in einem Satz, den er auf dem Heimweg von der Schule zu Malcolm sagt, zum Ausdruck bringt: "Sie sieht mich nicht so an wie die anderen!"

Doch obwohl die Mutter Cole nicht so ansieht wie die anderen, fühlt sie sich manchmal verletzt, weil sie sich z.B. belogen fühlt, als Cole die Frage der Mutter, ob er ihren Anhänger, den sie in seiner Schublade gefunden habe, genommen habe, verneint. Als Cole aufgrund einer Begegnung mit einem Sterbenden vor Angst zittert, verwehrt sie es ihm jedoch nicht, bei ihr im Bett zu schlafen. Sie sagt ausdrücklich, dass sie ihm nicht böse ist. Das, was sie weiterhin beschäftigt, ist die Sorge um ihren Sohn. Eines Nachts hört Cole, wie sich seine Mutter im Schlaf unruhig hin und her wälzt und unter anderem sagt: "Cole, hat dir jemand wehgetan?" Cole streichelt ihr die Hände und versucht sie zu beruhigen, indem er ihr tröstende Worte zuspricht. Coles Vertrauen in seine Mutter nimmt am Ende des Films besonderen Ausdruck an.

Als sich Cole und seine Mutter auf dem Heimweg von einer Schultheatervorführung befinden, geraten sie wegen eines Unfalls in einen Stau. Diese Situation nutzt Cole um seiner Mutter sein Geheimnis anzuvertrauen. Er sagt: "Ich bin jetzt bereit dir mein Geheimnis zu verraten." Coles Mutter weiß zunächst nicht, wie viel Glauben sie ihrem Sohn schenken kann. Dadurch dass der Junge eine Botschaft der verstorbenen Großmutter übermittelt, erkennt die Mutter die besondere Gabe des Jungen. Sie kann jetzt das Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter und zu ihrem Sohn verändern. Die Beziehung von Mutter und Sohn wird durch dessen Mittlerfunktion nachhaltig positiv beeinflusst und erhält einen besonderen Wert.

 

2.4 Coles Verhältnis zu Malcolm

Cole und den toten Kinderpsychologen Dr. Malcolm Crowe vereint mehr als ihre Verbindung durch Malcolms "Todesdasein" und Coles Gabe, ihn sehen und mit ihm reden zu können. Sie entwickeln ein tiefes Interesse füreinander und erfahren darüber hinaus, dass sie sicher nicht zufällig aufeinander getroffen sind.

"Sie erkennen, dass du eine Gabe hast. Du hast die Gabe, Kindern zu helfen." – Doch es soll sich zeigen, dass diese Gabe, von der Malcolms Frau spricht, auch – menschliche – Grenzen hat: Am Tage seiner Auszeichnung für seine herausragende psychologische Tätigkeit wird Malcolm von einem völlig verstörten jungen Mann erschossen. Der junge Vincent richtet sich gleich darauf selbst. Doch der Mord hat seinen Hintergrund: Es stellt sich heraus, dass Malcolm Vincent, den er zehn Jahre zuvor psychologisch betreut hatte, nicht zu helfen vermochte. Vincent hatte seine Angst, deren Grund wir zunächst nicht kennen, nie überwinden können. Diese Angst lähmte ihn, er fühlte sich alleingelassen und setzte seinem als "Psycho" abgestempeltem Dasein ein schreckliches Ende – nicht ohne sich vorher an dem Mann zu rächen, in den er offensichtlich all seine Hoffnung gesetzt hatte.

Malcolm – tödlich getroffen – ist sich seines Todes jedoch nicht bewusst, er ist mitten im Leben nicht bereit zu sterben. Für seine Frau und seine Umwelt tot, "lebt" er weiter, redet mit seiner Frau, die ihm nicht antwortet, und setzt auch seine Arbeit fort.

Betrachten wir den bisherigen Teil als Einleitung. Denn der Film beginnt gewissermaßen erst mit der Begegnung von Malcolm und dem kleinen Cole im darauffolgenden Herbst. Ein psychologisches Gutachten in den Händen – "durch die Scheidung der Eltern verursachtes gesondertes Verhalten" – folgt Malcolm Cole an diesem Morgen, welcher kaum aus der Wohnung, beinahe flüchtend vor etwas Unsichtbarem eine Kirche aufsucht. Malcolm folgt dem Jungen und findet ihn zusammengekauert in einer Kirchenbank, seinen Plastiksoldaten lateinische Verse zumurmelnd. Cole reagiert weniger erschrocken auf Malcolm als auf die anderen Sterbenden, die ihn täglich, auf jedem Schritt seines jungen Lebens begleiten. Doch Malcolm schafft es sogar, dem Jungen ein wenig Neugier zu entlocken, denn Cole weiß, dass Malcolm mit seinem Beruf möglicherweise für ihn die Chance darstellt, friedlicher leben zu können.

Von Beginn an scheint das Verhältnis der beiden für den Zuschauer besonders: Malcolm trifft in seinem neuen "Patienten" auf einen Jungen, dessen Gabe ihn eigentlich am "Leben" erhält, denn ohne diese Beziehung hätte Malcolms Weiterleben als physisch Toter keinerlei begründete Rechtfertigung. Dies ist mit den anderen Toten vergleichbar, bei denen der Zuschauer auch nicht weiß, ob alle Menschen nach ihrem Ableben in dieses Dasein übergehen, was unweigerlich die Fragen aufwirft: Gibt es also keinen Himmel? Welche Rolle spielt hier Gott? Gehört auch der Tod auf diese Welt und kommen wir nie von ihr los? Oder bleiben nur die sündigen Toten auf der Erde, als Geister, um den noch Lebenden Angst zu machen? Aber wer wird dazu verdammt, wer nicht? Welche Rolle spielt der kleine Cole, der offensichtlich große Angst vor diesen lebendigen Toten hat?

Doch es soll sich herausstellen, dass Malcolm auf die Hilfe des kleinen Jungen angewiesen ist. Cole zeigt von Treffen zu Treffen mehr Gemeinsamkeiten mit Vincent. Malcolms erste Diagnose ist die gleiche wie damals bei Vincent: Die Scheidung der Eltern und die Tatsache, dass die Mutter nun die einzige Bezugsperson ist, dazu die Angst, auch diese noch zu verlieren, setzt das Kind unter den Druck, alles richtig machen zu müssen. Hinzu kommt der wie durch eine dunkle Angst hervorgerufene Gesichtsausdruck, den Malcolm auch bei Vincent bemerkt hatte. Eine Angst, die Malcolm zu ergründen beginnt.

Cole vertraut sich Malcolm langsam an, diesem Mann, der mehr ist als nur einer der Sterbenden, die ihn ängstigen, verfolgen, heimsuchen. Dieser Mann erklärt Cole als erster, dass er kein "Psycho" ist, wie Mitschüler und sogar sein Lehrer ihn betiteln, und er weder krank noch verrückt ist. Er erkennt Coles Hilflosigkeit gegenüber seiner Situation, dass da mehr ist als ein Scheidungstrauma und vor allem die Angst, die ihn bedingungslos liebende – aber auch sorgende – Mutter durch sein Anderssein zu verlieren.

"Wenn du an deinem Leben etwas ändern könntest – egal was – was würde das sein?"– "Ich will keine Angst mehr haben!", antwortet Cole Malcolm. Cole vertraut Malcolm schon nach wenigen Treffen an, womit seine ungewöhnliche Gabe unweigerlich verbunden ist. Sie prägt sein Leben Hand in Hand mit einer unerträglichen Angst. Er weiß nicht, welche Aufgabe seine Gabe in Verbindung mit den Sterbenden hat, weiß nicht, wie mit ihnen umzugehen ist. Für ihn bedeutet diese Fähigkeit, die ihn zum Sonderling, gar Außenseiter macht, nichts als Angst. Diese Angst nimmt dem kleinen Jungen die Möglichkeit zu leben wie jedes andere Kind, jeder andere Mensch: Sie nimmt ihm die Freude am Leben, das zu einer ständigen Flucht vor dem wird, was seine Augen sehen. Er hat weder Freunde noch ist er jemals wirklich frei. Die Sterbenden sind ständig in seiner Nähe, mehr noch, sie bedrängen ihn, machen ihm Angst durch ihre grausamen Verletzungen, durch die sie alle plötzlich und unvermittelt aus dem Leben gerissen wurden. Aus dieser Unvermitteltheit heraus wollen sie nicht wahrhaben, dass sie tot sind.

Und nun wird Malcolm für Cole zu dem wohl wichtigsten Menschen in seinem noch so jungen Leben: Er ist derjenige, der es schaffen soll, Cole die Angst zu nehmen. Malcolm wird zum Ersatz des verlorenen Vaters und des nie gehabten Freundes, wohingegen Cole die Rolle des Jungen einnimmt, mit dem Malcolm sein Versagen bei Vincent wieder gutmachen kann. Cole ist aber auch Vertrauensperson für Malcolm, der immer deutlicher spürt, dass seine Frau nicht mehr mit ihm redet, ihm nicht ihre Liebe zeigt, der auch Angst vor dem Alleinsein hat in dieser – bzw. "seiner" – Welt, in der niemand mehr erreichbar ist für ihn außer dem Jungen. Ihre besondere Beziehung aus gegenseitigem Helfen beginnt mit Malcolms innerem Gefühl, in Cole die Möglichkeit zu haben, vergangene Schuld wieder gutmachen zu können – sein Versagen in Vincents Fall zu relativieren und es so erträglich zu machen.

"Erzählen Sie mir, wieso Sie traurig sind?" –"Du denkst, ich bin traurig?". Als der kleine Cole nach dem mysteriösen Zwischenfall bei einem Kindergeburtstag – bei dem unklar bleibt, ob Cole sich seine Verletzungen selbst zufügt oder ob die Sterbenden tatsächlich die Macht besitzen, in das Dasein der Lebenden einzugreifen – im Krankenhaus liegt und Malcolm bei ihm bleibt, zeigt sich, dass wiederum der Junge sich der Hilflosigkeit Malcolms gewiss ist. Malcolm erzählt von Vincent, davon wie sehr es ihm eine Verpflichtung vor sich selbst ist, ihm, Cole, zu helfen. Er spricht aber auch von seiner Einsamkeit, mit der er nicht recht umzugehen weiß.

Nach dieser Offenheit beginnt sich das dunkle Geheimnis in Cole zu lösen. Er hat keine Kraft mehr, alles festzuhalten, und vor den Menschen zu verbergen, die er als seine Vertrauten ansieht. Seine Mutter weiß bis dahin nichts von alldem. Nun wünscht er sich jemanden, der ihm glaubt, der ihm hilft, denn vor allem ist er Kind – ein Kind in seiner ganzen Hilflosigkeit diesem Schicksal ausgesetzt. "Ich sehe tote Menschen. Sie laufen durch die Gegend wie normale Menschen. Sie sehen sich nicht. Sie sehen nur das, was sie wollen. Die sind überall. [...] Wenn sie böse sind, wird es kalt. [...] Bitte machen Sie, dass die weggehen."

Malcolm verwirft seine anschließende Diagnose einer "visuellen Halluzination, Paranoia und einer schweren Form von Jugendschizophrenie" schnell, nachdem ihm bewusst wird: "Ich helfe ihm kein bisschen." Er hört sich alte Aufnahmen von Sitzungen mit Vincent an und bemerkt flüsternde Stimmen im Hintergrund, als Vincent allein im Raum gewesen ist: die Stimmen der physisch Toten! Überzeugt von Coles Aussage und ebenso davon, dass Vincent die gleiche Fähigkeit, Sterbende sehen zu können, in den Tod getrieben hat – eben weil er sich niemandem anvertraut hat – und zugleich bestätigt durch Coles Bitte, er müsse ihm glauben um ihm helfen zu können ("Wie wollen Sie mir helfen, wenn sie mir nicht glauben wollen?") zieht Malcolm in einen Kampf an Coles Seite. Es ist ein Kampf gegen die Angst, die Lähmung, die Mutlosigkeit. Auf diese Weise findet er seinen Weg aus seiner eigenen Sackgasse.

Malcolm findet letztendlich einen Weg für Cole, ein wirkliches Leben mit seiner so ungewöhnlichen Begabung beginnen zu können: Cole muss versuchen, den Sterbenden zu helfen. Denn sie hält nichts anderes in diesem Dasein zwischen Leben und Tod, als die Tatsache, durch gewisse Umstände noch nicht bereit zu sein, einen plötzlichen Tod zu akzeptieren. Coles Gabe zieht gewissermaßen den Auftrag mit sich, den Sterbenden den Weg aus dem Leben erst möglich zu machen, wenn denn für sie sonst das Gefühl bliebe, etwas unerledigt zurückzulassen. In ihrem Medium, der zwischenweltlichen Sphäre quasi, in der sie gelähmt sind, machtlos, die Grenze zwischen authentischer Wirklichkeit und Tod durch körperhaftes, reales Eingreifen zu überwinden, bildet Cole für sie das Medium, das stellvertretend für sie handeln kann. Darum suchen sie ihn auf, verfolgen ihn. Cole darf nicht versuchen zu flüchten, so Malcolm, sondern er muss versuchen sich mit den Menschen in der Zwischenwelt auseinander zu setzen und so statt zum Feind zum Helfer zu werden.

Kaum erfährt Cole an dem Beispiel eines toten Mädchens, dass Malcolm ihm mit dieser Erkenntnis über seine eigentliche Bestimmung wirklich geholfen hat, sehen wir den kleinen Jungen zum ersten Mal glücklich und zufrieden lächeln – diesem Jungen, dem durch die Verantwortung und Unausweichlichkeit seiner Gabe eine "normale" Kindheit ohnehin genommen wurde, wird es mit Malcolms Hilfe möglich, doch glücklich und ohne die über alles dominierende Angst zu leben.

Gleichzeitig erleben wir schließlich in Malcolm ein Beispiel, wie die Menschen durch die Hilfe eines Jungen wie Cole "wirklich" sterben, ohne weiter an dieser irdischen Wirklichkeit festzuhalten, und ihren Tod annehmen können. So kann auch Malcolm diese Welt verlassen, nachdem er das Gefühl des Versagens bei Vincent durch Cole überwunden hat und auch seiner Frau einen Abschied von ihm möglich macht, indem er ihr im Schlaf "begegnet", sagt, dass er immer bei ihr sein werde und sich, ihrer Liebe gewiss, verabschieden kann.

Und so darf der Bildschirm, der sich im Augenblick von Malcolms Tod für einige Sekunden tiefschwarz färbt, zum Abschluss des Films unmittelbar vor dem Abspann auch kurz gänzlich in friedlich lichtem Weiß erstrahlen.

 

2.5. Übernimmt Cole eine Erlöserrolle?

Der Junge Cole ist Vermittler zwischen den Lebenden und den Sterbenden der Zwischenwelt. Doch ist er Erlöser?

Differenziert man zunächst den Begriff der "Er-lösung", so bedeutet er, dass hier ein Vorgang beschrieben wird, bei dem ein Mensch durch die Hilfe eines anderen von etwas losgelöst, also gewissermaßen befreit wird. Hieraus lässt sich schließen, dass ein eigenständiges Handeln nicht oder nur eingeschränkt stattfinden kann, und der Erlöste auf eine zweite erlösende Person angewiesen ist. Dennoch muss zwischen zwischenmenschlicher Hilfe und Erlösung unterschieden werden.

Wer aber wird von Cole erlöst? In erster Linie die Sterbenden, im Besonderen Malcolm. Cole ist mit der Gabe geboren worden, tote bzw. sterbende Menschen sehen zu können und ist für diese einziges Medium, durch das sie ihr beendetes Leben loslassen können. Dies geschieht durch die erreichte Gewissheit ihres Todes. Auch Malcolm begreift seinen Tod erst, nachdem er Cole die Angst genommen hat und hiermit stellvertretend auch sein Versagen bei Vincent relativiert. Nach dieser gelösten Aufgabe hindert ihn nichts Unvollendetes am Übertreten in das Reich der Toten – vielleicht auch Reich Gottes.

Auch seiner Mutter hilft Cole durch den Kontakt zur verstorbenen Großmutter aus dem Schmerz der Missverständnisse und der fehlenden Anerkennung heraus. Am Beispiel des vergifteten Mädchens erlöst er gar deren ganze Familie: Die kleine Schwester wird durch sein Handeln vor dem Tod durch die Mutter gerettet, dem Vater wird die Schuld seiner Frau am Tod der ersten Tochter offengelegt und er kann Konsequenzen ziehen. Und eventuell stellt diese Offenbarung sogar eine Chance für die Mutter dar, die so an einem zweiten Mord gehindert wird und nicht ein weiteres Mal schuldig werden kann. Durch diese Aufklärung kann dann das vergiftete Mädchen von der Sorge um die Schwester "erlöst" die Zwischenwelt verlassen und "wirklich" sterben.

Im Film sind die "Bewohner" der Zwischenwelt augenscheinlich Menschen, die in ihrem Leben einsam waren oder ihre Zuneigung zu anderen nicht offen zu zeigen vermochten. Verstehen wir die Aussage des Films nun so, dass diese Menschen nicht alleine, also ohne die Hilfe von Menschen mit Coles Begabung, sterben können, so lässt sich behaupten, dass Cole sie erlöst, da ohne ihn kein Ausweg bestünde. Damit ist die Erlösung von einer friedlosen und bedrückten Gefangenschaft in der Zwischenwelt gemeint, die in ihrer kontinuierlichen Verzweiflung religiös vielleicht sogar als Gottesferne interpretiert werden kann.

Betrachten wir das christliche Motiv der Erlösung, stoßen wir im Alten Testament auf Gott als Erlöser seines Volkes aus der Knechtschaft Israels. Diese "Erlösung wird nicht als Rechtsakt, sondern als Machthandeln verstanden. [...]Auch Christus hat teil an dieser Macht Gottes. Er erlöst die, die an ihn glauben, aus der Macht des Todes und der Sünde". Sicher ist ein direkter Vergleich der Erlöserrolle Coles mit Jesu Erlöserfunktion fragwürdig, aber dennoch auffällig. Denn Cole befreit die Sterbenden aus der Zwischenwelt – die weder Leben noch Tod darstellt – indem er ihnen zuvor dabei hilft, sie von offenstehenden Aufgaben, interpretiert als "Sünden" des Lebens, loszulösen – beispielsweise die Mutter, die ihre Tochter nie ihre Anerkennung hat spüren lassen, oder Malcolm, der Vincent nicht helfen konnte und seiner Frau zu wenig Aufmerksamkeit schenkte. Erst durch Cole können diese Menschen, von der Grausamkeit und der Isolation erleichtert, in eine andere Existenz (sei es das christliche Verständnis der Auferstehung in das Reich Gottes oder das buddhistische der Wiedergeburt) übertreten.

In diesem Sinnzusammenhang ist der Gedanke der "Stellvertretung" erwähnenswert. Die "’Stellvertretung’ ist ein Lebensgesetz des menschlichen Daseins", so Heinz Zahrnt in seinem Ansatz der Erlösungstheologie, die bei Jesu in Leiden und Wirken aufzuteilen sei. Das Leiden ist Jesu Leidensweg, sein Sterben und steht in gegenseitiger Wechselwirkung mit seinem Leben. Das Leiden ist gewissermaßen "die logische Konsequenz seines Lebens".

Übertragen wir diesen Ansatz auf die Frage nach Coles Erlöserfunktion, so findet sich auch eine Differenzierbarkeit in Leiden und Wirken innerhalb seiner Stellvertreterposition. Coles Leiden besteht in erster Linie aus seiner Angst vor den "lebenden Toten" der Zwischenwelt. Ebenso die physische und psychische Belastung, die ihm sein Wissen von der Zwischenwelt aufbürdet, belastet das Kind. Dieses Leiden ist in seiner Stellvertretung nicht fehlinterpretierbar: Cole leidet stellvertretend für die Lebenden, sobald diese sterben. Einerseits durch das Leiden zum Handeln, also Wirken, gezwungen, nämlich um dieses erträglich zu machen, und andererseits durch sein Wirken zum Leiden verurteilt, bedingen sich auch bei Cole Leiden und Wirken gegenseitig und vereinigen sich im Begriff der Stellvertretung. Cole wirkt in seinem Handeln repräsentativ für die Toten. Er löst deren Aufgaben und letzte Wünsche und übernimmt teils Leiden – hier das Beispiel des vergifteten Mädchens, dass nach einem Besuch in Coles rotem Zelt sagt: "Jetzt geht’s mir schon besser", dahingegen zeigt Cole sich zeitgleich von ihrem Anblick zutiefst geängstigt und verstört.

Es ist trotz der Analogie zu Zahrnts erlösungstheoretischem Ansatz ein bedeutender Unterschied zu der Erlöserperson Jesu zu erwähnen: Jesu Tod war "von Anfang an abzusehen", denn er starb für seine eigene Botschaft und sein Tod war durch die Freiheit, die er sich im Reden nahm, möglicherweise voraussehbar. Cole jedoch bleibt in seiner passiven Opferrolle gefangen. Er hat sich nicht für ein solches Leben entscheiden können. Zwar verändert sich Cole innerhalb seiner Opferrolle durch den Film hindurch von anfänglich absoluter Passivität, Verzweiflung und Handlungsunfähigkeit hin zu einem aktiven Wirken (letztendlich nur durch die Hilfe Malcolms). Dennoch bleibt Cole "Opfer" in der dargestellten Situation, da die Verantwortung, die er als einzige Möglichkeit für die Menschen mit dem Tod umzugehen trägt, bleibt oder sogar vergrößert wird: Bleiben wir auf dem religiösen Interpretationsweg, so ist Coles Gabe durchaus als Aufgabe oder Berufung zu sehen, der er sich durch Malcolms Hilfe erst bewusst wird und er weiß nun, wie er seine Angst einschränken kann, und zudem das Leiden anderer (das der Sterbenden) verringern, verkürzen kann.

Cole erlöst also die Menschen von der Macht, die sie am "wirklichen" Sterben hindert, und öffnet ihnen so den Weg in eine neue Existenzmöglichkeit. Berücksichtigen wir die Grausamkeiten der Zwischenwelt, so befreit Cole vielleicht gar von dem "Bösen". Cole selbst verfolgt mit seiner Stellvertretung (bis jetzt) nichts anderes, als die eigene Angst zu überwinden. Und dennoch steht hinter seiner Gabe ein Ziel – da sie sonst in sich unplausibel wäre. So ist naheliegend, dass das Ziel in diesem Gefüge aus Angst und Einsamkeit das "Ganzsein" der Sterbenden ist, ein Wiedererlangen der inneren Ruhe, die durch die Angst aus dem Gleichgewicht geworfen wurde.

Also lässt sich die Behauptung, Cole habe eine Erlöserrolle innerhalb des Films, durchaus begründen. Die Erlösung findet nicht etwa durch seinen Tod als Sühneopfer statt, besteht vielmehr aus der übergeordneten Rolle des unfreiwilligen Stellvertreters, der von Angst erlöst und dabei selbst ein Leben in Angst führt. Es ergibt sich, dass mit der Erlösung eine Außenseiterrolle verbunden ist, die sich bei Cole – wie auch bei Jesus – durch das Unverständnis der Nichtwissenden bzw. Nichtvertrauenden (im christlichen Sinne Ungläubigen) seiner Umwelt ergibt. Ebenso integriert sich das stellvertretende Leiden in seine Erlöseraufgabe.

Diese zentrale Funktion des Leidens, das die Frage auf Ursache und des weiteren auf die, nach einer erlösenden Kraft aufwirft, wird in der deutsch synchronisierten Ausgabe des Films sogar direkt angesprochen und aus der gesamten Filmkonstruktion herausgelöst – in Form eines Untertitels, der da lautet: "Nicht jede Gabe ist ein Segen". Im Original gibt es keinen Untertitel und so impliziert er offensichtlich eine bestimmte Betrachtungshaltung und Interpretation des Filmmaterials. So wird die Frage nach der Erlöserrolle aufgeworfen und darauffolgend die nach dem Charakter eines "Erlösers" und ebenso schnell stößt man auf Parallelen und Unterschiede zu dem "Paradebeispiel" eines Erlösers – Jesus.

Mit Bestimmtheit ist ein solcher direkter Vergleich zweifelhaft. Und dennoch haben sich Parallelen aufzeigen lassen. In jeder Hinsicht sind sowohl Cole als auch Jesus in erster und entscheidender Hinsicht "Mensch" und so von Zweifeln und auch Angst verfolgt. Der Film lässt offen, welche Bedeutung Gott in diesem Erlösergefüge einnimmt – lediglich Coles Kirchenbesuche deuten seine wesentliche Präsenz an. Doch wirkt Cole als Kind und mit der auf ihm lastenden, beinahe brutalen Gabe deutlich hilfloser und verletzlicher, als der auf Gottesnähe vertrauende Jesus. Coles Passivität und Angst, die ihn kaum Lebensfreude empfinden lässt, lassen Zweifel aufkommen, ob denn ein Erlöser zum Erlösen "gezwungen" werden kann, wenngleich es in dieser Filmwelt die einzige Möglichkeit ist, die Angst während des Sterbens zu überwinden und am Ende überhaupt sterben zu können.

3. Zwischenwelt

3.1 Vorüberlegungen

In diesem Teil unserer Arbeit stellen wir uns einer im Bezug auf Glauben und Religion sehr modernen Frage. Wie ist der Zustand, den wir als das Leben, die Wirklichkeit bezeichnen bei aller Ungewissheit über unsere Herkunft oder das was uns nach dem Tod erwartet einzuordnen? Ist das Leben der Anfang und der Tod das Ende oder ist das Sterben nur der Beginn von etwas Neuem, das sich vielleicht sogar auch wieder in verschiedene Phasen aufteilen lässt? Dies ist auch der Punkt, an dem die Religionen in ihren Lehren und Vorstellungen auseinanderstreben. So ist im Hinduismus das Leben nur Teil eines in Abschnitte gegliederten Kreislaufs oder im Buddhismus der Leidensweg hin zur Erlösung. Auch wissenschaftliche Theorien belegen die Auseinandersetzung mit dieser Frage und weisen unterschiedlichste Ansätze auf. Besonders stark rückt hier der Übergang vom Leben in den Tod oder dem Zustand des Todes selbst in den Vordergrund.

Der Film, "The Sixth Sense" setzt sich mit dieser Frage auseinander. Er weist eine weitere Möglichkeit des Übergangs vom Leben zum Tod auf. Die Toten, die der kleine Cole sieht, sind alle eindeutig zu Tode gekommen, erscheinen uns aber weiterhin als Menschen, sowohl in ihrem Aussehen als auch ihren Charakterzügen. Cole selbst beschreibt ihren Zustand im Film: "Sie laufen durch die Gegend wie normale Menschen; sie können einander nicht sehen; sie sehen nur, was sie sehen wollen; und sie wissen nicht, dass sie tot sind". Dass auch dieser Zustand eine Phase ist und endlich sein kann, wird dem Zuschauer spätestens bewusst, als Malcolm in der Endszene zu seiner schlafenden Frau spricht: "Ich hatte hier einfach noch etwas zu erledigen; ich musste jemandem helfen (...) und ich musste dir noch etwas sagen." Er gibt seinem Zustand und dem der anderen Toten einen Sinn, sie hatten noch eine letzte Aufgabe zu erledigen. Er verabschiedet sich zugleich in der Bereitschaft, diese "Welt" zu verlassen. "The Sixth Sense" konfrontiert den Zuschauer mit der Idee einer Phase zwischen Leben und Tod, einer "Zwischenwelt". In der folgenden Ausarbeitung soll diese Zwischenwelt, wie sie im Film dargestellt wird, beschrieben werden und mit religiösen und wissenschaftlichen Aussagen verglichen werden. Ferner sollen Folgen, Erwartungen und Illusionen, die die Existenz einer solchen Zwischenwelt hervorrufen, diskutiert werden. Wie geht der Film mit den Ängsten der Zuschauer um; was vermittelt er?

3.2 Die Zwischenwelt im Film

Die Zwischenwelt, die uns der Film "The Sixth Sense" vorgibt, ist nichts eindeutig Sichtbares oder Greifbares. Sie spielt sich nicht an einem völlig neuem Ort wie zum Beispiel einem Paradies ab und die Wesen, die sie bewohnen, sind Menschen, die nicht einmal ihre Gestalt verändern. Äußerlich hebt sie sich kaum von unserer Welt ab, sie scheint vielmehr in einer geistigen oder emotionalen Ebene zu bestehen, die für unsere Augen unsichtbar ist.

Wie also gelangt man in diese imaginäre Welt und welche Menschen es sind, die diese Möglichkeit erhalten? Die Voraussetzung für einen Aufenthalt ist in jedem Falle der Tod. Sowohl die Selbstmörderin, die Cole in der Küche seines Hauses überrascht, als auch das vergiftete Mädchen und die verunglückte Radfahrerin sind nicht eines natürlichen Todes gestorben, ihre Lebenszeit wurde abrupt durch äußere Einflüsse beendet. Die Bereitschaft und Hingabe zum Sterben, die sich bei altersschwachen oder von einer langen Krankheit betroffenen Menschen mit der Zeit einstellt und die die Angst vor dem Tode nimmt, erfahren die Toten der Zwischenwelt nicht, ihre Angst bleibt. Das zeigt sich zum Beispiel, als Malcolm eine alte Kassette von einer Sitzung mit Vincent abhört; "No quiero morir", rufen die Toten in panischer Angst. Dieser spanische Satz für "Ich will nicht sterben" verdeutlicht ihre Verzweiflung. Ferner belegen auch starke Emotionen wie Zorn und Geschrei beim Treffen mit der Selbstmörderin oder dem Ritter beim Kindergeburtstag die fehlende Ruhe und Orientierungslosigkeit. Vielmehr scheiden diese Toten also aus dem Leben, ohne Emotionen ausgelebt oder Absichten und Aufgaben erfüllt zu haben.

Ihr Aussehen verändert sich beim Übergang vom Leben zur Zwischenwelt nicht, sie sehen genau aus wie bei ihrem Tode. Die Verletzungen, durch die sie starben, bleiben sichtbar und verändern sich während ihres Aufenthaltes nicht. Sie wandeln wie unsichtbare Geister durch die Welt. Sie scheinen kein Zeitgefühl zu haben. Malcolm entschuldigt sich immer wieder für sein Zu-spät-Kommen und auch die anderen Toten scheinen keine Zeiten einzuhalten oder zu schlafen. Oft tauchen sie wie die Selbstmörderin bei Nacht auf. Auch das weist wieder darauf hin, dass sie ruhelos sind und ihr Aufenthalt auf die ewige Ruhe hinauslaufen könnte oder sie vielleicht darauf vorbereitet. Zeit spielt in dieser Zwischenwelt keine Rolle mehr. Zwar scheinen die Toten auf den ersten Blick alle erst kurz zuvor verstorben zu sein, und doch beweist der Tote, der Cole beim Kindergeburtstag in der Wendeltreppe erscheint, die zeitliche Unbegrenztheit der Zwischenwelt. Er spricht vom "Pferd seiner Lordschaft" und deutet damit seine mittelalterliche Herkunft an. Keinem der Toten scheint jedoch der Aufenthalt in dieser Welt angenehm, jeder einzelne wird von einer Sehnsucht getrieben. Sie scheint auch das einzige zu sein, was die Toten noch mit der Welt, dem Leben verbindet. Ihr Unvermögen treibt sie bis zur Verzweiflung. Man könnte sie als Angst vor dem "Nichts" betrachten. Was geschieht, wenn sie ihre Aufgabe nicht erfüllen können? Hängen sie dann in einer sinn- und zeitlosen Zwischenwelt fest? Diese Angst, die auch wissenschaftlich als "nihil negativum" bezeichnet wird, treibt sie zu Hass und Brutalität, wie sich im Film an den Verletzungen des kleinen Cole und der Heftigkeit ihrer Reaktionen zeigt. Sie sind völlig eingenommen von ihrer Sorge und Verzweiflung ihre Aufgabe zu vollenden und sie hängen so stark am Leben, dass sie ihren Zustand nicht akzeptieren können. Warum also kommen diese Menschen in die Zwischenwelt, warum existiert sie?

Jeder Mensch, der sich in der Zwischenwelt aufhält, hat noch eine Aufgabe zu erledigen. Da wäre das vergiftete Mädchen, das die Wahrheit über die Ursache ihres Todes, nämlich eine Vergiftung durch ihre eigene Mutter ans Licht bringen soll, um ihren Vater vor seiner Frau zu warnen oder gar ihre jüngere Schwester vor dem Tode zu bewahren. Während der Beerdigung wird angedeutet, dass bei der jüngeren Schwester ähnliche Symptome aufgetreten seien. Oder der Ritter auf der Wendeltreppe, der immer wieder schreit, dass er unschuldig sei und nicht aus der Welt gehen wolle ohne seiner Ehre durch den Beweis seiner Unschuld Genugtuung zu leisten. Oder die Großmutter des kleinen Cole, die aus dem Leben scheidet, ohne ihrer Tochter mitgeteilt zu haben, dass sie stolz auf sie war und sie geliebt hat; und zu guter Letzt Malcolm, der in der Schlussszene eindeutig den Zuschauer auf den Sinn der Zwischenwelt aufmerksam macht: "Ich hatte hier einfach noch was zu erledigen; ich musste jemandem helfen und das habe ich getan und ich musste dir noch etwas sagen ". Noch im Sterben ist Malcolm erfüllt von der Sorge und dem Selbstzweifel, Vincent, einem seiner Patienten, nicht geholfen zu haben. Durch Cole wird ihm die Gelegenheit gegeben, einem anderen Patienten mit den gleichen Symptomen zu helfen und sein Gewissen zu beruhigen.

Alle diese Aufgaben scheinen die Gemeinsamkeit zu haben, dass den Sterbenden die Möglichkeit gegeben wird, noch eine letzte Tat, an der sie ihr frühzeitiger Tod hindert, zu erledigen. Es sind Taten, die sie von Gefühlen, sei es Schuld, Angst oder Hilflosigkeit befreien, sie mit dem Leben abschließen lassen und eine freiwillige Hingabe zum Tod erleichtern. Aber ist die Zwischenwelt wirklich eine Möglichkeit, etwas Positives? Wir sehen im Film die Aggressivität und Verzweiflung der Toten, die den kleinen Cole so erschreckt. Sie wollen ihre Aufgabe um jeden Preis erfüllen, dabei bemerken sie zwar ihre Isolation, ihr Angewiesensein auf die Lebenden, können ihren Zustand aber trotzdem nicht einordnen. Die Verbindung zur lebendigen Welt, von der die Erfüllung ihrer Aufgabe abhängt, ist gering.

Die Lebenden spüren sie nur als einen kalten Schauer, der im Film durch weißen Atem oder das Frösteln der Lebenden bei jedem Auftauchen eines Sterbenden verdeutlicht wird. Wir sehen, dass Coles Mutter immer wieder Handwerker zur Reparatur ihrer Heizung herbeiruft, die aber keinen Schaden feststellen können. Die Erklärung dafür sind die häufigen Besuche der Sterbenden bei Cole. Was assoziieren wir mit Kälte? Einerseits den Tod selbst, die Leichenstarre und das Erkalten der Gestorbenen, andererseits könnte sie auch als Gefühlskälte, als das Unvermögen der Sterbenden Beziehungen aufzubauen, sich zu verständigen, verstanden werden..

Ihre einzige Hoffnung ist der kleine Cole, da er die Verbindung zur lebendigen Welt ist durch seine Gabe, die Toten zu sehen, zu hören und überhaupt ihre Existenz für wahr zu halten. Er und Vincent, sind die einzigen, dem Zuschauer bekannten Menschen, die auf so mysteriöse Weise mit der Zwischenwelt verbunden sind. Beide werden als "außergewöhnlich mitfühlend, sensibel und intelligent" dargestellt. Malcolm beschreibt Vincent, bevor dieser ihn erschießt, mit diesen Worten und sie scheinen auch auf Cole zuzutreffen. Vielleicht kann man sogar von einem Instinkt sprechen, denn auch dem Hund ist die Fähigkeit gegeben, die Toten zu spüren; auch ihm jagen sie Angst ein. Sie besitzen die Gabe, durch einen Blick die Vergangenheit anderer Menschen zu sehen. Dies wird z.B. deutlich, als Cole seinen Lehrer in der Schule bloßstellt. Ihre Fähigkeit die physisch Toten zu sehen, mit ihnen sprechen zu können, sehen weder sie selbst noch die anderen Lebenden als Geschenk. Sie müssen gegen ihre ständige Angst ankämpfen, die ihnen das Bild sterbender Menschen einflößt. Warum also erhalten diese beiden Menschen eine solche Gabe? Zeigt sich hierin eine Art Gesellschaftskritik? Nur besonders feinfühligen Menschen wird die Möglichkeit gegeben, hinter die Grenze des Lebendigen zu schauen. Wer zeigt in einer Zeit, in der die Menschen alles zu wissen scheinen, noch Interesse an übersinnlichen Gaben?

Auf die Frage, was nach der Zwischenwelt folgt, antwortet der Film nicht direkt. "Ich hatte hier einfach noch was zu tun; ich musste jemandem helfen und das habe ich getan", erklärt Malcolm, bevor er sich bereit erklärt die Zwischenwelt zu verlassen. Wir erfahren, dass sie endlich ist und dass nach ihr etwas anderes folgen muss. Dem Zuschauer stellt sich die Frage, ob es beruhigend ist, an eine solche Zwischenwelt zu glauben oder ob es Angst einflößt. Bietet sie eine Möglichkeit oder steigert sie die Angst vor dem Unbekannten?

 

3.3 Folgen, Illusionen und Ängste der Zwischenwelt

Was für Folgen hat die uns im Film dargestellte Zwischenwelt? Weckt sie Hoffnungen oder ängstigt sie den Menschen eher? Welche Ängste empfinden die "Bewohner" der Zwischenwelt in ihrer Situation ? Ist sie für sie eine Qual oder eine Erlösung?

Um diese Fragen zu klären, ist es zunächst notwendig, genau zu differenzieren; die Ängste und Gefühle, die die "Bewohner" der Zwischenwelt erleben, sind ganz andere als die des Zuschauers, der durch den Film von dieser Zwischenwelt erfährt. Um Missverständnisse zu vermeiden, werden deshalb zunächst die Folgen, Illusionen und Ängste der "Bewohner" der Zwischenwelt diskutiert und danach die des Zuschauers, um zuletzt gemeinsam ausgewertet zu werden.

Wie bereits im vorherigen Text beschrieben wurde, befinden sich die "Bewohner" der Zwischenwelt in einer äußerst komplizierten Situation. Sie verspüren den Drang noch eine letzte, bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Dabei merken sie, dass ihnen etwas fehlt – menschliche Wärme und Zuneigung. Sie versuchen krampfhaft ein bereits vor dem Ableben bestehendes Verhältnis zu einer Vertrauensperson zu vertiefen. Dabei bemerken die Sterbenden jedoch, dass diese sie zu ignorieren scheinen. Für den Zuschauer ist ersichtlich, dass die "Bewohner" der Zwischenwelt für die in der diesseitigen Welt Zurückgebliebenen schlichtweg nicht wahrnehmbar sind. Die Menschen, die vom eigenen Tod und ihrem Leben in der Zwischenwelt nichts wissen, fühlen nur, dass ihnen die vorher im Leben gegebene Liebe nun vorenthalten wird und sind so erfüllt von Verzweiflung, Angst vor absoluter Vereinsamung und Selbstzweifeln, da sie sich die Verhaltensänderung ihrer Mitmenschen nicht erklären können. Sie müssen einem Leben angehören, sind jedoch in der Realität dazu verdammt, lediglich passive Beobachter dieses Lebens zu sein, ohne selbst aktiv eingreifen zu können, also beispielsweise die Geliebte in ihrem Schmerz trösten zu können .So geraten sie immer tiefer in einen Teufelskreis, aus dem sie allein nicht mehr herausfinden. Weil sie aber nur zu Personen wie Cole problemlos Kontakt aufnehmen können, ist ihre Chance äußerst gering, sich jemals aus diesem Kreis zu befreien und ihre Aufgabe erfüllen zu können.

Auch fällt die Unruhe und Rastlosigkeit auf, von der alle sich in der Zwischenwelt befindenden Sterbenden gleichermaßen erfüllt sind. Diese finden sicherlich zum einen ihren Ursprung in dem eben geschilderten Teufelskreis, man kann sie jedoch auch nach zwei anderen Theorien deuten, die sich mit der Angst und Unruhe in einem Menschen befassen. Die eine von ihnen, die in der Wissenschaft auch als "nihil negativum" bezeichnet wird, ist die Angst vor dem "Nichts". Die "Bewohner" der Zwischenwelt wissen nicht, was mit ihnen geschieht, wenn sie ihre Aufgabe nicht erfüllen können. Sie merken nur, dass sie alles ist, was ihnen geblieben ist, und setzen so all ihre Kraft in die Realisierung dieser Pflicht. Dies treibt sie so sehr in die Verzweiflung, dass sie sogar – wie der seit Hunderten von Jahren in der Zwischenwelt verweilende Ritter - Cole verletzen, als er ihnen seine Hilfe verweigert. Die Unruhe und Rastlosigkeit der "Bewohner" der Zwischenwelt könnte man als die Folge des Fehlens Gottes und ihrer Sehnsucht nach ihm deuten, wie es der Philosoph Kierkegaard tut. Verlassen von ihren Mitmenschen und ohne Aussicht auf Besserung ihrer derzeitigen Situation wandeln sie umher, ohne eine wirkliche Richtung zu besitzen, mit nur einem Ziel vor Augen, nämlich der Einlösung der letzten Aufgabe. Sie scheinen verloren, wissen nicht, wie sie ihre Aufgabe erfüllen können, weil niemand sie hört. Ihnen fehlen Hoffnung, Mut und Kraft. Gerade dies erlangen jedoch viele Menschen durch ihren Glauben, ihre Religion. Ist also das Fehlen Gottes, das Fehlen eines festen Glaubens, der Zuversicht und Kraft schenkt, der Grund für die Unruhe und Rastlosigkeit, Verzweiflung und Mutlosigkeit der "Bewohner" der Zwischenwelt? Diese These findet Bekräftigung darin, dass die Sterbenden - außer Malcolm - Kirchen zu meiden scheinen. Zumindest ist dies der Ort , an dem Cole nicht von den Toten aufgesucht wird, an dem er vor ihnen Schutz sucht und findet.

Neben diesen negativen Aspekten, die die "Bewohner" der Zwischenwelt erfahren, erleben sie jedoch ebenfalls Momente des Glücks, der Zuversicht und der Zufriedenheit. Diese nehmen zu, je näher diese Menschen der Erfüllung ihrer letzten Aufgabe kommen. So ist Malcolm zugleich stolz und glücklich, als er die Fortschritte seines Patienten Cole miterlebt und sieht, wie dieser zunehmend in der Lage ist, mit seiner Gabe umzugehen. Auch werden alle Sterbenden immer ruhiger und gelassener, je näher sie dem "eigentlichen" Tod kommen. So ist zum Beispiel das von der Mutter vergiftete Mädchen zunächst sehr aufgeregt und beunruhigt, da Cole ihr keine Hilfe anbietet. Sie wird jedoch friedlicher und ruhiger, als sie merkt, dass sie ihr Anliegen, nämlich die kleine Schwester vor demselben Schicksal zu retten, nun in die Tat umsetzen und sich von all der Ungewissheit und Angst um das Kind befreien kann.

Aus der Perspektive des Zuschauers – der im Gegensatz zu den Akteuren des Films die Zwischenwelt aus der Distanz betrachten kann – sind grundsätzlich zwei Einstellungen gegenüber der Idee einer solchen Zwischenwelt denkbar. Zum einen ist die Ansicht möglich, dass die Zwischenwelt beruhigend ist, ein "Segen" für die Menschen, weil sie viele Ängste nimm; beispielsweise wird die Angst, die Erde plötzlich und unverrichteter Dinge verlassen zu müssen, durch die Zwischenwelt relativiert, ja sogar eliminiert. Man kann hoffen, dass nach dem physischen Tod das Leben nicht eigentlich beendet ist, dass man statt dessen in einer Zwischenwelt weiter existieren kann und sich hier beliebig Zeit nehmen kann, sich von seinem bisherigen Leben zu trennen, da die Zwischenwelt von Zeitlosigkeit geprägt ist. Dies kann für die Einlösung der zu erfüllenden Aufgabe günstig sein, da die Bewohner der Zwischenwelt nicht unter dem Druck stehen, alles bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erledigt haben zu müssen.

Andererseits kann eine solche Zwischenwelt die Menschen zu einem leichtsinnigen, unüberlegten und rücksichtslosen Lebensstil verleiten, genährt durch die Einstellung, man könne in der Zwischenwelt das Handeln im irdischen Leben wiedergutmachen und entschuldigen. Die Grenze zwischen Leben und Tod ist nicht mehr klar gezogen. Auch ist die Existenz in der Zwischenwelt mit großem psychischem Leiden gekoppelt. So sind die Sterbenden fast kontinuierlich von Verlustängsten, Einsamkeit und Depressionen betroffen. Zudem ist zu befürchten, dass man diesen Zustand nie beenden kann, wenn man nicht das Glück hat, auf einen Vermittler wie Cole zu treffen.

Deutlich wird, dass die Idee einer Zwischenwelt sowohl aus der Perspektive eines Sterbenden als auch aus der Sicht des Kinobesuchers, der sich mental mit der Existenz, den daraus resultierenden Ängsten und Illusionen dieser Welt und der neuen Dimension befasst hat , positiv wie auch negativ beurteilt werden kann.

 

3.4 Die Zwischenwelt des Films im Vergleich

Im folgenden Abschnitt sollen einige Aspekte, die die Zwischenwelt und die Menschen, die in ihr existieren, kennzeichnen, mit religiösen und wissenschaftlichen Ansätzen verglichen werden. Die wissenschaftlichen Aussagen, die im Folgenden zum Vergleich herangezogen werden, beruhen alle auf der Forschung mit Menschen, die zwischenzeitlich physisch tot waren und von Ärzten wiederbelebt wurden und nur deshalb Aussagen über den Tod machen konnten.

Im Film "The Sixth Sense" wird eindeutig dargestellt, dass die Menschen nach ihrem physischen Tod in die Zwischenwelt gelangen, um dort eine Aufgabe zu erfüllen und erst danach diese Welt zu verlassen. Hiermit vergleichbar sind die Aussagen von Menschen, die meinen, dass der Sinn des Lebens darin bestehe, eine sogenannte Lebensaufgabe zu erfüllen, um danach diese Welt verlassen zu können.

Bemerkenswert ist, dass alle Menschen in der Zwischenwelt zuvor eines plötzlichen Todes gestorben sind. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Formulierung der Schweizer Wissenschaftlerin für Sterbeforschung Elisabeth Kübler-Ross. Sie sagt, dass ihre Forschungsarbeit auf Fällen basiere, "die sich nach (einem) plötzlichen Scheintod einstellen, so dass die Personen vorher keine Zeit gehabt haben konnten, sich darauf vorzubereiten". Wenn diese Aussage auch keinen direkten Vergleich zulässt, so gibt sie doch einen Hinweis darauf, dass man zwischen einem Tod an z.B. Altersschwäche und einem plötzlich eintretenden Tod unterscheiden muss, da beide Varianten des Lebensendes auf der Erde unterschiedliche Folgen für das weitere "Leben" haben.

Ein durchaus interessanter Aspekt der Zwischenwelt ist das Erleben der Zeit – die Menschen dort besitzen kein Zeitgefühl. Hierzu fällt einem das "Ewige Leben" im Christentum ein; "das zukünftige Leben bei Gott [...], wo doch schon unsere Anschauungsformen von Raum und Zeit gar nicht mehr gelten". Es werden laut Christentum unsere bekannten Dimensionen aufgehoben. K. Heim spricht von einer "Aufhebung der polaren Spannung, die die diesseitige Welt mit ihrer Vergänglichkeit durchherrscht, als Hineinnahme dieser Welt in die überpolare Seinsform Gottes, als Eröffnung des überpolaren Raumes Gottes nach Analogie einer neuen Dimension: So [...] können Ereignisse aus der vierten Dimension in unserer dreidimensionalen Wirklichkeit erfahren werden. Die Fülle ewigen Lebens schließt solche Möglichkeiten ein" .

Auch Wissenschaftler äußern sich zu dieser Aufhebung von Zeit und Raum. Der amerikanische Arzt Raymond A. Moody erzählt von Patienten, "die aus Todesnähe-Erlebnissen [zurückkehrten und berichteten], dass in diesem Zustand die Zeit stark gerafft sei und keineswegs der Zeit entspreche, die wir von unseren Uhren ablesen". Des weiteren erklärt er: "Die räumlichen Beschränkungen, denen wir im Alltag unterworfen sind, werden in Todesnähe-Erlebnissen oft durchbrochen. Wollen die Betroffenen während des Erlebnisses irgendwo anders hingehen, können sie sich meist einfach hindenken". Gerade letzteres, was als wissenschaftlich bewiesen erklärt wird, zeigt die starke Macht der Gefühlswelt der Toten in der Zwischenwelt. Im Film äußern sich deren Gefühle z.B. im Zerspringen einer Fensterscheibe. Die Toten erkennen nicht, dass sie mit ihren Gefühlen in das materielle Erdenleben einwirken und sie sind sich auch nicht der Tatsache bewusst, dass sie keinen Schlaf benötigen. Ergänzend hierzu ist zu erwähnen, dass sie ganz plötzlich an irgendeinem Ort auftauchen und im nächsten Moment schon wieder verschwunden sind (vgl. Coles Begegnungen mit den Toten zu Hause oder auch die verletzte Fahrradfahrerin neben dem Auto).

Der Film übermittelt die Erkenntnis, dass der Tod nicht das absolute Ende darstellt und auch die Zwischenwelt nur von beschränkter Dauer ist. Diese Erkenntnis findet man auch in anderen Weltreligionen wieder.

Im Hinduismus, z.B. ausführlich beschrieben in das Mahabharata, gehen die Gläubigen von einem Rad der Wiedergeburten aus. Das Mahabharata, Indiens größtes Epos, verdeutlicht dieses Phänomen beispielsweise im Auftreten einer herumirrenden Frau, die im weiteren Verlauf nochmals als Krieger mit Namen Shikandi auftritt. Es wird gezeigt, dass Menschen mehrmals auf der Erde leben und sich ihre Leben insofern unterscheiden, als sie immer in einer anderen Wesensform leben (unabhängig vom Geschlecht). Die in Indien geborene Mutter Meera antwortet auf die Frage nach dem Zustand der Seele nach dem Tod wie folgt: "Im Zustand des Todes entwickelt sich die Seele weiter. Manche Seelen gehen nach dem Tod direkt zu Gott, die meisten dagegen haben eine Bindung an den Körper und werden deshalb wieder in einen physischen Körper hineingeboren. Da man sich seine Wünsche in der feinstofflichen Welt nicht erfüllen kann, muss man, solange man Wünsche hat, wieder einen Körper annehmen".

Elisabeth Kübler-Ross argumentiert in ähnlicher Weise. Für sie ist "das Sterbeerlebnis [...] fast identisch mit der Geburt. Es ist eine Geburt in eine andere Existenz". Sie vergleicht in anderen Ausführungen den Vorgang des Sterbens mit einem Schmetterling, der aus seinem Kokon schlüpft, wobei der Schmetterling die Seele ist, die den physischen Körper verlässt.

Wenn auch im Hinblick auf den Film davon ausgegangen werden kann, dass es überhaupt keinen direkten Tod als Ereignis gibt, kann vielleicht auch verständlich werden, dass Cole sagt: "Sie wissen nicht, dass sie tot sind". Das reine Erlebnis zu sterben geht nicht in unser Bewusstsein ein, genauso wie wir uns als Säuglinge nicht bewusst sind, dass wir geboren wurden.

Bemerkenswert ist eine Formulierung Coles, wenn man diese auf die Seele eines Verstorbenen überträgt: "Wenn Menschen glauben, dass sie etwas verlieren, dann stimmt das oft nicht, es ist nur woanders". Bezieht man diese Aussage auf den Hinduismus, so bedeutet dies, dass man, auch wenn man glaubt einen Angehörigen verloren zu haben, diesen nicht verloren hat, sondern dass dieser in einem anderen Wesenszustand weiterlebt, unabhängig davon, ob wieder auf der Erde oder im Nirwana. Ein Christ dagegen würde mehr Verständnisschwierigkeiten mit Coles Aussage haben und vielleicht erst später im Glauben zur Erkenntnis gelangen, dass der Mensch mit dem Ewigen Leben rechnen kann. "Die Unsterblichkeit der Seele ist ganz in Gott gegründet und erweist sich durch sein ständiges Wirken am Menschen. Entsprechend besteht die ewige Seligkeit in der vollendeten Erkenntnis, in der Schau und im unendlichen Genießen Gottes". "Es [das Ewige Leben] ist nur dadurch ein anderes [im Vergleich zum jetzigen], dass an die Stelle des Glaubens das Schauen, an die Stelle des Stückwerks das Vollendete treten wird. Gemeinschaft, nicht Einheit ist das Ziel, so dass das Reich Gottes auch die Vollkommenheit der zwischenmenschlichen Beziehungen bedeutet". Im Christentum spricht man also von Gemeinschaft aller Lebewesen als höchstem Ziel, wobei der Hinduismus die Einheit und Vollkommenheit als Ziel sieht.

Zurück zum Film und zu Coles Aussage: Man kann sagen, dass viele Menschen nach einem Tod trauern und den Tod als großen Verlust eines guten Menschen ansehen, dieses laut Coles Aussage jedoch nicht müssen, weil der Verstorbene nicht verloren ist, sondern woanders weiterlebt. In der römisch-katholischen Theologie ist die Rede von "Himmel", als dem "Zeichen für die Wirklichkeit, auf die der Christ jenseits des Todes hofft, (dem) "Ort", wo er in Gottes Nähe leben wird". Und für Hans Küng ist der Himmel "Zeichen der Entgrenzung und Unendlichkeit, des Hellen, Lichten, Leichten, Freien, des überirdisch Schönen, wahrhaftig nie Langweiligen, sondern ständig Neuen, unendlich Reichen, der vollkommenen Glückseligkeit". Ergänzend die Aussage der Wissenschaftlerin E. Kübler-Ross: "Viele Leute beginnen wieder gewahr zu werden, dass der physische Körper nur das Haus, den Tempel, - wie wir gerne sagen - den Kokon darstellt, welchen wir nun für eine bestimmte Anzahl von Jahren bewohnen, bis wir uns jener Umwandlung übergeben, die man als Tod bezeichnet".

In der Beschreibung der Zwischenwelt wurde bereits erwähnt, dass der Film kurz vor Schluss Szenen aus Malcolms Leben zeigt. Dieses ist mit den Berichten vergleichbar, die sich auf Aussagen von zurückgeholten Sterbenden berufen. Es heißt, dass kurz vor Eintreten des Todes das persönliche Leben noch einmal an einem vorbeizieht.

Neben Elisabeth Kübler-Ross hat sich auch Dr. Moody hierzu geäußert: "An diese Stelle tritt ein farbiges, dreidimensionales Panorama all dessen, was sie in ihren Leben je getan haben. In dieser Rückschau sieht die Person sich selbst von außen". Dieser Moment des Rückblicks wird im Film durch den Einsatz von hellem Licht unterstrichen. Es soll vermutlich auf das schon häufig beschriebene Tunnelerlebnis anspielen. "Das Tunnelerlebnis tritt im allgemeinen nach der Loslösung vom Körper ein", berichtet Dr. Moody. "In diesem Augenblick öffnet sich auf einmal ein Portal oder ein Tunnel vor den "Sterbenden", und sie werden in einen dunklen Raum gesaugt. Sie bewegen sich durch diesen dunklen Raum, bis sie an seinem Ende in ein strahlend helles Licht eintreten". Weiterführend erklärt E. Kübler-Ross: "Und dieses Licht ist weißer als weiß, g a n z hell. Und je näher Sie sich auf dieses Licht zu bewegen, desto mehr werden Sie total gefüllt mit der größten, unbeschreiblichsten bedingungslosen Liebe, die Sie sich überhaupt nicht vorstellen können".

 

4. Symbolik

4.1 Vorüberlegungen

Der folgende Teil stellt eine Interpretation der aussagekräftigsten Symbole des Films dar. Sie sollen helfen auf unterschwellige Assoziationen, die Angst und Angstbewältigung hervorheben, aufmerksam zu machen.

Unzählige Male in seinem Leben betritt man ein Haus. Man isst, schläft, lacht, weint, fürchtet sich, kurz: Man lebt in ihm. Hinein gelangt man in der Regel durch eine Tür. Haben wir uns je darüber Gedanken gemacht, was es bedeutet, wenn eine Tür offen oder geschlossen ist? Warum bietet ein Haus mit geschlossenen Türen uns Sicherheit? Und warum unterstützen rote Türen dieses Gefühl?

In Coles Leben wird diesen drei Symbolen - Haus, Tür, die Farbe Rot - eine besondere Bedeutung zuteil. Diese soll im Folgenden genauer untersucht werden.

 

4.2 Die Symbole Zelt und Haus

Das Wort Haus hat seinen Ursprung in der indogermanischen Wurzel (s)keu, die im Wort Scheune deutlich erhalten ist, und "bedecken", "umhüllen" bedeutet. Dieser abgeschlossene Raum umhüllt also seinen Bewohner und gewährt ihm Schutz vor der Außenwelt. Dieselbe Funktion erfüllt ein Zelt. Jedoch ist dieser Raum, im Gegensatz zum Haus, vom Standort unabhängig.

Aus religiöser Sicht ist das Haus Symbol für menschliches Leben, während es im ökologischen Zusammenhang als Symbol für "bewohnbare Welt" steht. Im biblischen Zusammenhang versteht man die christliche Gemeinde als Haus Gottes. Hierbei wird das Haus zum Symbol, um menschliche Zustände im Verhältnis zu Gott zu reflektieren und auszudrücken.

Schon viel früher als das Haus diente dem Menschen die Höhle als Wohnung, in der er Schutz vor Kälte, Unwetter oder wilden Tieren suchte. Später entwickelte sich das Nomadentum: Menschen zogen ihren Tierherden zu neuen Weidegründen nach und wohnten in Zelten, einer Wohnung, die sie jederzeit wieder abbrechen und an beliebigem Ort neu aufstellen konnten. Hütten und Häuser bauten die herumziehenden Menschen, wenn sie voraussichtlich für längere Zeit am selben Ort verweilen würden. "Das Wohnen in Häusern hatte weitreichende Folgen für die Kultur und für den Glauben der Völker", weil der Mensch nun nicht mehr ständig zum Aufbruch bereit war, sondern an einem Ort blieb, zu dem er ein Heimatgefühl entwickelte. Das "Sich-Niederlassen" steht in Kontrast zu der vorherigen Lebensweise des sich "auf dem Weg" befindenden Menschen, und deshalb steht das "Zu-Hause-Sein" in ständiger Spannung zu der Sehnsucht nach Weite und Grenzenlosigkeit.

Mit den Ursymbolen Haus, Zelt und Kirche verbinden die Menschen Zuflucht und Geborgenheit. Das Haus ist als geordneter, umfriedeter Bezirk Sinnbild des Kosmos bzw. der kosmischen Ordnung. So bedeutet die Errichtung eines Hauses die Schaffung eines Mikrokosmos durch den Menschen. Es ist für das Kind die erste Welt des menschlichen Daseins. Für das kleine Kind ist das Haus noch die ganze Welt; weil es im Haus verwurzelt ist, kann es in die nächsten "Stufen" hineinwachsen. Das Kind hat ein naives Vertrauen zum Haus, weil es noch unmittelbar mit seinem Raum verbunden ist, während der Jugendliche das Haus zunehmend als beengend empfindet.

Gleichzeitig ist das Haus Symbol des menschlichen Körpers, häufig in Verbindung mit der Vorstellung, dass der Leib der menschlichen Seele nur für kurze Zeit eine Herberge bietet. Durch das Errichten eines Hauses versucht der vergängliche Mensch etwas zu erschaffen, was ihn selbst überdauert.

Der abgegrenzte Raum bietet seinem Erbauer die Möglichkeit, ungestört zu sein und zu wählen, wer als Besucher diesen Raum betreten darf. Er kann sein Haus gegen bösartige Eindringlinge verschließen, aber auch jederzeit wieder öffnen, um Freunde und ihm Wohlgesonnene eintreten zu lassen. In vielen Kulturen (wie zum Beispiel bei den Maori) sollen die Häuser den Toten offen stehen, damit sie Anteil haben können am Leben ihrer hinterbliebenen Angehörigen. Hingegen schützte man sich in anderen Kulturen auch häufig durch das Aufstellen von Teerkränzen, Messern, Hufeisen und Wagenrädern im Eingangsbereich gegen die mögliche Wiederkehr der Toten in deren ehemaliges Haus.

Räume werden nur dann zu kostbaren Lebensräumen, wenn sie von Menschen bewohnt sind, weil damit der Anspruch auf eine geschützte Privatsphäre dokumentiert wird, die von der übrigen menschlichen Bevölkerung respektiert wird. Der Stoff, aus dem sie gemacht werden, ist tote Materie. "Lebendige Häuser" werden sie erst durch die, die sie mit Leben erfüllen. Durch die Eingrenzung eines Stückes Boden und das Errichten eines Hauses erwacht auch der Wille zum Schützen und Festhalten des Besitzes. Denn der Mensch bedarf einer Behausung, um sein Leben gegen Chaos und Vergänglichkeit verwirklichen zu können.

 

4.2.1 Die Bedeutung der Symbole im Film

Cole und seine Mutter leben in einer kleinen Wohnung, die sich in einem Mietshaus befindet.

Sie leben in keinem offenen Haus, sondern sehr isoliert und von der Außenwelt abgeschlossen. Die Wohnung symbolisiert also nicht die zuvor beschriebene Funktion des Schutzes, sondern ist eine Umgebung, in der Cole sich fürchten muss, als lebe er auf offener Straße. Die Wohnung ist trotz ständig verschlossener Tür (vgl. Symbol Tür) kein von der Außenwelt völlig abgeschlossener Raum, den Toten gelingt dennoch der Zutritt.

Neben der Beziehung zwischen Mutter und Sohn ereignen sich jedoch im Haus auch viele negative Vorfälle wie die Begegnung mit wütenden Toten und das freie assoziative Schreiben Coles. Laut Biehl werden Räume von dem bestimmt, was in ihnen geschieht, und können nur dadurch zu bewohnbaren bzw. unbewohnbaren Räumen werden. Es herrscht unheimliche Kälte, eine durchweg ungemütliche Atmosphäre, in der sich Mutter und Sohn weder wohl noch häuslich fühlen können.

Das Gefühl des "Nicht-Zuhause-Seins" wird durch die fehlenden sozialen Kontakte Coles verstärkt, denn unter dem Begriff "Heimat" versteht man nicht in erste Linie den regressiven Ursprungsraum, der Vaterland, Muttersprache und kindliche Geborgenheit umfasst, sondern "ein Netz entspannter, sozialer Beziehungen".

Um sich vor den Toten zu schützen hat Cole in einer Ecke seines Zimmers ein rotes Zelt aufgestellt, dessen Eingang der Zimmertür zugewandt ist. Mit diesem "Haus-im-Haus" versucht er den Schutz und die Sicherheit zu erzwingen, die unter den gegebenen Umständen im Haus so nicht gewährleistet sind. Der Junge kriecht rückwärts in sein Zelt. Er sitzt mit dem Rücken zur Wand, um nicht von hinten angegriffen oder überrascht werden zu können. Sein Zelt bietet Cole zunächst vollkommenen Schutz vor dem Eindringen der Toten. Erst als er auf Anraten Malcolms Kontakt zu den Sterbenden aufnimmt, zeigt sich dieses "Sich-Öffnen" gegenüber den Sterbenden durch das Öffnen seines Zeltes: Das vergiftete Mädchen kann eintreten.

Cole hat sein Haus, das Zelt, selbst aufgebaut, was gleichzusetzen ist mit dem altersgerechten Bau von Höhlen und anderen Schlupflöchern von Kindern. Das Zelt drückt so etwas Persönliches aus und lässt den Zuschauer etwas über Coles Selbst- und Wirklichkeitsverständnis erfahren.

Im Film wird eine Verknüpfung zwischen Kirche und Zelt angedeutet. Kirchentür und Zelt sind rot (vgl. Symbolbedeutung der Farbe Rot). Nur hier trifft er außer Malcolm keine Sterbenden. Im Haus und in seinem Zimmer betet Cole nicht, nur in der Kirche und in seinem Zelt. Das Zelt hat für ihn über die Funktion der Zuflucht hinaus einen heiligen Charakter. Hier sammelt er die Madonnen aus der Kirche, die stellvertretend sind für einen Menschen aus der Zwischenwelt, dem er begegnet ist. Das Zelt wird zur "Kirche".

Cole wählt Kirche und Zelt bewusst aus. Sie stellen für ihn die einzigen Räume dar, in denen er sich sicher fühlen kann. Deshalb engen sie ihn aber auch ein, führen nahezu zu Erstarrung und zu völliger Isolation, gerade weil sie letzte Zuflucht sind.

Die im Film einander gegenübergestellten Symbole Zelt und Haus sollen eine theologische Vorstellung hervorrufen, die Angst nehmen soll: Das theologische Verständnis besagt, dass unser irdisches Dasein ein Leben im Zelt ist, obwohl es im Haus geschieht, dem das bleibende Wohnen in den Häusern der Ewigkeit des Himmels gegenübergestellt ist. "Wir wissen: Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel."

 

4.3 Das Symbol Tür

An verschiedenen Stellen im Films wird die symbolische Bedeutung der Tür betont. Sie kann sowohl Sinnbild für eine Abgrenzung als auch für einen Übergang zwischen zwei abgeschlossenen Räumen sein. Die rote Tür zur Kirche, in der der achtjährige Cole Zuflucht sucht, ist auffällig. Sie ist Eingang zu einem heiligen Bereich, der Cole Schutz und Hilfe bietet. Er geht immer dann in die Kirche, wenn er Angst hat, denn nur dort kann er sich sicher sein, dass er nicht verfolgt wird. Malcolm, der als erster Sterbender diesen Zufluchtsort betritt, findet Zugang zu Cole. Die geschlossene Tür der Kirche macht für Cole deutlich, dass sie keine Aufforderung zum Eintreten bietet. Die sinnbildliche Atmosphäre von Geborgenheit in der Kirche versucht Cole durch die gestohlenen Madonnen in seinem Zelt herzustellen. Durch den Rat Malcolms gewinnt Cole eine neue Einstellung zu den Sterbenden, die symbolisch durch das Vordringen des vergifteten Mädchens durch den Eingang des Zelts dargestellt wird.

Andererseits fungiert die Tür des Kerkers als Schwelle. Bei der Geburtstagfeier wird Cole als Opfer eines kindlichen Streichs in einen Kerker eingesperrt. Die Tür verkörpert hier, da sie sich zunächst weder von innen noch von außen öffnen lässt, Coles Zwiespalt. Sie weist darauf hin, dass er sowohl Angst hat sich den Toten zu öffnen als auch den Kindern, die ihn als "Psycho" bezeichnen. Auch ist sie Schwelle zwischen den Zeiten. Hier trifft Cole auf einen mehrere Jahrhunderte zuvor ermordeten Ritter, der immer noch in der Zwischenwelt gefangen ist. Die Kerkertür verbindet zwei Zeitalter, jedoch nur innerhalb von Coles Bewusstsein.

Die Tür, die in Malcolms Wohnung in den Keller führt, ist nach seinem Tod durch einen Tisch versperrt. Malcolm jedoch nimmt diesen Tisch nicht wahr, will ihn nicht sehen – für ihn ist die Tür einfach verschlossen. An diesem Beispiel wird deutlich, dass Malcolm mit aller Kraft versucht, nicht über die Schwelle zwischen authentischer Wirklichkeit und Zwischenwelt zu treten.

 

4.4 Die Farbe Rot im Film

Farben sind Strahlungskräfte,

Energien, die auf uns in positiver

oder negativer Weise einwirken,

ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht

Johannes Itten

Rot – "die erste Farbe, der der Mensch einen Namen gibt" - besitzt für jenen eine besondere Anziehungskraft. Schon sehr früh gewann die "Rote Erde" (Eisenoxide) an symbolischer Bedeutung. Unter anderem bemalten die Ureinwohner Australiens ihre Körper aus kultischen Gründen mit roter Ockererde. Ein Zusammenhang von Rot = Blut = Leben verbreitete sich. Überdies ist Rot für uns eine Signalfarbe. Auch Goethe beschreibt das optische Phänomen, dass diese Farbe versuche sich ins Auge zu bohren. Somit treten warme Farben gegenüber kalten in den Vordergrund.

Im Folgenden soll darauf eingegangen werden, inwieweit Cole in seinem Leben von der Farbe Rot beeinflusst wird.

Auffallend in diesem Zusammenhang sind die Kirchentür und das Zelttuch; beide Gegenstände sind von knallroter Farbe vor braun-schwarzem Grund. Die rote Madonna, die er bei der ersten Begegnung mit Malcolm aus der Kirche entwendet, sticht ebenfalls aus der Reihe der übrigen eher schlicht gehaltenen Madonnen hervor. Nicht zuletzt greift Cole beim assoziativen Schreiben zu einem roten Stift. All diese Formen der roten Farbe scheinen ihn auf sonderbare Weise beeinflusst zu haben. Ob er sich dessen bewusst ist, ist fraglich; dennoch sollte man den symbolischen Wert für ihn genauer betrachten.

Bemerkenswert hierbei sind die körperlichen Auswirkungen, die beim Betrachten von Rot entstehen. So ist nachgewiesen worden, dass ein blaugrün gestrichenes Zimmer schon bei 15°C als kalt empfunden wird, aber im Gegensatz dazu ein rotoranges erst bei einer Temperatur von 11-12°C. Nachweislich steigert letztere Farbe die Blutzirkulation sowie, laut Lüscher, Puls, Blutdruck und Atemfrequenz. Cole kann also beim Verkriechen in sein rotes Zelt die Kälte, die er in der Gegenwart der Toten empfindet, herabsetzen und gleichzeitig seine Aufmerksamkeit wach halten. Laut Pfisters Farbpyramidentest "zeigt Rot vor allem die affektive Ansprechbarkeit der Versuchspersonen und ihre Möglichkeit zu impulsivem Reagieren an: Reizbereitschaft, Reizempfänglichkeit und Reizentladung". So ist auch Cole außerordentlich reizempfänglich für den Antrieb zum assoziativen Schreiben und kann sich diesem ganz und gar hingeben.

Ein Rückgriff auf die Bibel zeigt, welche Bedeutung roten Türen bzw. Häusern beigemessen werden kann. In der Passahlegende heißt es: "Das Blut an den Häusern, in denen ihr wohnt, soll ein Zeichen zu eurem Schutz sein" (Exodus 12,13). So wird Gott alle Erstgeborenen Ägyptens töten. Nur die Häuser der Israeliten, deren Türpfosten und Oberschwellen mit dem Blut des Passahlammes bestrichen worden sind, bleiben verschont. Dem zugrunde liegt ein alter Nomadenbrauch, "der die Herde vor dämonischer Einwirkung schützen soll."

Auch Cole sucht und findet Schutz vor den mysteriösen Gestalten hinter der Farbe Rot, solange er ihn benötigt. Malcolm und später auch dem jungen Mädchen wird der Zugang in die Kirche bzw. in das Zelt ermöglicht; vor ihnen braucht er keine Angst zu haben.

 

5. Fazit

Abschließend soll zusammenfassend dargestellt werden, welche Antworten der Film in Bezug auf die anfangs formulierten Fragestellungen gibt. Der Film zeichnet sich durch seine "ernsthafte und außergewöhnlich sorgfältig inszenierte Annäherung an das Thema der menschlichen Sterblichkeit aus".

Es wird besonders deutlich, dass der Mensch mit seinen existentiellen Ängsten ernstgenommen wird. Die Beschäftigung mit der Rolle Coles hat gezeigt, wie sehr die Angst sein Leben bestimmt. Orte der Zuflucht, wie sie der Film eindrucksvoll mit Hilfe der verwendeten Symbolik in Szene setzt, sind erforderlich, um die qualvollen Ängste ertragen zu können. Interessant ist in diesem Zusammenhang, welche Bedeutung dem Kirchenraum hier zukommt. Der Film zeigt einen Weg auf, um das Sterben vor Angst und die Angst vor dem Sterben bewältigen zu können.

Cole ist durch seine besondere Gabe in der Lage, sich mit Malcolms Hilfe von der Angst zu befreien, so dass er für sich eine neue Lebensperspektive entdecken kann. Der Angst vor dem Sterben begegnet der Film, indem er den Sterbeprozess nicht mit dem physischen Tod enden lässt, mit der Existenz einer Zwischenwelt rechnet und Cole eine Erlöserfunktion zukommen lässt.

Es stellt sich die Frage, ob die Vorstellung von einer Zwischenwelt die Angst vor dem Sterben nimmt. Tröstlich ist zunächst der Gedanke, dass der Mensch in der Gewissheit lebt, sein Leben auch nach dem physischen Tod ordnen zu können. Zudem macht der Film deutlich, dass ein Kontakt zwischen Lebenden und Sterbenden unter bestimmten Umständen möglich ist. Insofern kann die Vorstellung von der Existenz einer Zwischenwelt die Angst vor dem Sterben nehmen, da sie den Menschen von dem Gedanken der Endgültigkeit entbindet.

Es ist jedoch kritisch zu prüfen, ob die Idee von der Zwischenwelt das Handeln der Menschen in der Welt nachhaltig beeinflusst. Der Gedanke, alles später regeln zu können, kann zu einem veränderten Welt- und Wirklichkeitsverständnis führen. Zudem ist fraglich, ob alles Unerledigte erledigt werden muss. Darf der Mensch erst dann gehen, wenn er seine Aufgaben erfüllt hat?

Der Mensch, so die Botschaft des Films, steht jedoch nicht allein vor der Aufgabe, seine Angst vor dem Sterben zu überwinden. Es ist ausführlich dargelegt worden, dass Cole in gewisser Weise eine Erlöserfunktion übernimmt. Der Mensch, der sich in der Wirklichkeit des Films bewegt, darf auf die Hilfe dieses Erlösers hoffen. Der Zuschauer kann den ihm dargebotenen Lebensentwurf durchspielen, ihn auf seine Relevanz hin überprüfen, und auf diese Weise einen Akt der Befreiung erleben. Insofern kann man hier im Sinn Kirsners, von "Erlösung im und durch den Film" sprechen.

Der Film unterscheidet nicht zwischen den Begriffen "Tod" und "Sterben". So sagt Cole auch: "Ich sehe tote Menschen". Wir bezeichnen die Menschen in der Zwischenwelt bewusst als "Sterbende". Der Tod ist ein Zustand, der im Film mit dem physischen und psychischen Tod noch nicht erreicht ist. Das "seelische" Sterben setzt sich in der Zwischenwelt fort. Der Tod tritt erst nach der Befreiung durch Cole aus dieser zwischenweltlichen Existenz ein.

Der Film verzichtet auf diese Unterscheidung möglicherweise bewusst. Zunächst fehlt Cole, der als einziger mit dieser Differenzierung konfrontiert werden könnte, der olympischen Überblick des kritischen Betrachters. Zudem verwischt der Film so die Grenzen zwischen Leben und Tod. Dies ist eine Steigerung des schon in der Filmkonzeption angewandten Prinzips.

Diese anfangs beruhigende Vorstellung eines verlängerten Sterbeprozesses wird durch die kritische Analyse der "Lebensbedingungen" in der Zwischenwelt in Frage gestellt.

 

6. Ein Rückblick

6.1 Skizzierung des methodischen Vorgehens

Wir sind von Berichten über Religion im Zusammenhang mit Kino und eigenen Überlegungen zu dieser Berührung und Vermischung zweier Gebiete aus dem Alltagsleben ausgegangen. Sehr schnell konnten wir uns darauf einigen, einem Film in den Mittelpunkt unserer Arbeit zu stellen. Die Wahl fiel auf "The Sixth Sense", da es sich um einen interessanten Film handelt, dessen zum Teil verwirrende Handlung viele Fragen offen lässt bzw. aufwirft. Kritisch diskutiert wurde zunächst die Frage, ob der Film denn überhaupt etwas mit Religion zu tun habe.

Um eine gemeinsame Basis in der Gruppe zu schaffen, die den Ausgangspunkt für die Erarbeitung des Beitrages bilden sollte, sahen wir uns den Film gemeinsam an. Wir nahmen uns Zeit, um die ersten spontanen Eindrücke, Empfindungen und auch Fragen zu sammeln und zu diskutieren. Es wurden zentrale Themenkomplexe deutlich, aus denen die späteren Schwerpunkte der Arbeit hervorgingen.

Von allen wurde zunächst das Thema Angst individuell in der schulinternen Mediothek erarbeitet, zusammengetragen und ausführlich diskutiert. Im Laufe der Arbeit stellte sich heraus, dass der ursprünglicher Plan, den Beitrag mit einer theoretischen Auseinandersetzung zum Thema Angst zu beginnen, den Rahmen sprengen würde.

Es folgte die Verteilung der im Kurs benannten Themenbereiche auf Kleingruppen von ein bis vier SchülerInnen. In den Kleingruppen wurde Material zusammengetragen, ausgewertet und zu dem Film in Beziehung gesetzt. Nach dieser Arbeitsphase wurden die formulierten Zwischenergebnisse, der späteren inhaltlich sinnvollen Reihenfolge nach, im Kurs vorgestellt, um die Kleingruppenbeiträge wieder zu einer Gesamtarbeit zusammenzufügen und um mit konstruktiver Kritik, die Texte zu verbessern und aufeinander abzustimmen.

Die Einleitung und das Fazit formulierten wir anschließend. Zuletzt folgte das mehrfache Korrekturlesen, die Festlegung des Titels und die Erstellung des Layouts.

 

6.2 Reflexion

Im Anschluss an unsere Kursarbeit haben wir uns Gedanken über deren Erstellung und unsere Arbeitsweise gemacht. Diese Überlegungen sind mit durchweg positiven Erinnerungen verbunden: Probleme konnten in der Gruppe erörtert und Unsicherheiten geklärt werden. Dabei wurde von allen Teilnehmern die Kursgröße (elf Schülerinnen und Schüler) als sehr angenehm empfunden, weil Rücksprachen mit der gesamten Gruppe so relativ leicht möglich waren. Als sehr positiv haben alle Mitglieder das Klima in der Gruppe und die eigene Motivation bewertet. Die Teilnahme am Wettbewerb als Gruppe führte zu interessanten Diskussionen und steigerte das Zusammengehörigkeitsgefühl des Religionskurses.

Zu unserer freudigen Überraschung fanden wir im Film wesentlich mehr religiöse Aspekte als zunächst erwartet. In unserer schnelllebigen Zeit, in der Religion im Bewusstsein der Gesellschaft allgemein an Bedeutung verliert, ermutigte uns dies sehr.

Als lobenswerten Gesichtspunkt haben viele Teilnehmer der Gruppe notiert, dass das alttägliche unbewusste Ansehen von Filmen dank dieser Arbeit zu einer bewussteren Auseinandersetzung mit den Inhalten des Mediums Film geführt hat. Sie haben angegeben, dass sie seitdem wesentlich stärker auf religiöse Aspekte in Filmen und Fernsehserien achten und dieses "bewusste Fernsehen" – angeregt durch die vorliegende Arbeit – als großen persönlichen Gewinn ansehen.

Selbst großer Arbeits- und Zeitaufwand wurden für die neuen Erkenntnisse in Kauf genommen. Durch gemeinsame Treffen, bei denen wir die in Einzelarbeit verfassten Artikel diskutierten, wurde die Arbeit aufgelockert und die Motivation der Einzelnen gesteigert.

 

7. Literaturverzeichnis

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Kirsner, Inge: Religion im Kino, in: Michael Wermke (Hg.), Schwerpunkte, Jugend & Kultur & Religion, Loccum 2000.

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Lurher, Manfred (Hg.), Wörterbuch der Symbolik, Stuttgart 1983.

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