Jugend&Kultur&Religion

Ratsgymnasium Osnabrück


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Hat die Jugend einen neuen Gott?

- Der Pophimmel als Ersatz für Gottes Reich

 

 

Verfasserinnen: Henrika Delbanco und Merle Müller-Nedebock


Betreuende Lehrkraft: Imke Loock

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Definition und Funktionen von Religion

III. äußerlicher Vergleich von Religion und Popkultur

IV. Betroffenenbericht

V. inhaltlicher Vergleich von Religion und Popkultur

VI. Lebenswege im Vergleich

VII. Fazit

 

Quellenverzeichnis

- "BRAVO" (Bilder)

- Dahm, Karl Wilhelm: Religion. Analyse aus der Sicht eines Soziologen.

- Meyers Großes Taschenlexikon in 24 Bänden (Bände 17+18)

 

 

I. Einleitung

Nachdem uns gesagt wurde, dass wir an diesem Projekt teilnehmen, haben wir uns überlegt, was für ein Thema man wählen könnte. Dass es etwas mit Religion zu tun haben muss, wurde ja schon in der Aufgabenstellung deutlich.

Wir haben uns überlegt, was Religion für die Jugend von heute überhaupt noch bedeutet und uns fiel auf, dass immer weniger Jugendliche sich um ihre Religion kümmern und sich viel mehr für Stars und Popkultur interessieren. Und genau aus diesem Grund haben wir dieses zu unserem Hauptthema gemacht.

 

 

II. Definition und Funktionen von Religion

Um die Problemstellung, ob Jugendliche in der Popkultur eine Ersatzreligion zum Christentum sehen, lösen/beantworten zu können, muss erst geklärt werden, was der Begriff "Religion" bedeutet und welche Funktionen eine Religion hat.

Hierzu haben wir eine Religionsdefinition aus einem Lexikon und eine im Unterricht besprochene Analyse Karl Wilhelm Dahms ausgewertet.

 

a.)Definition des Begriffes "Religion"

Das Wort "Religion" kann auf zweierlei Weise ausgelegt werden. Der Begriff kann aus dem Lateinischen von religere ("sorgsam beachten") oder von religari ("binden, wieder verbinden") abgeleitet werden. Das lateinische religere deutet auf die genau Beachtung eines Kults hin, während religari auf die Verbindung zwischen Menschen und Gott hinweist. Unabhängig von diesen Herleitungen bezeichnet der Begriff "Religion" historische Erscheinungen, deren Basis die Beziehung zwischen Menschen und einem von ihnen in Gestalt einer oder mehrerer Gottheiten dargestellten transzendenten Heiligen. Diese Beziehung bestimmt das Verhalten der Menschen normativ.

 

b) Funktionen von Religion

Karl Wilhelm Dahm untersucht die Funktionen von Religion am Beispiel einer Bäuerin, die vor etwa 150 Jahren gelebt hat. Dabei stellt er fest, dass es drei Bereiche gibt, in denen Religion eine wichtige Rolle spielt. Der erste dieser drei Bereiche ist das Gefühlsleben des Menschen. Durch in der Schule gelernte Gebete, Psalme und Verse können Ängste, Freude, Bitten und Dank in Worte gefasst und teilweise verarbeitet werden.

Als zweiten Bereich benennt Dahm die "Sinnfragen des Lebens". Im oben genannten Gelernten findet der Gläubige, so Dahm, Antworten auf Fragen, zum Beispiel über Tod, Leid und Glück. Diese Antworten werden, beziehungsweise wurden nicht hinterfragt.

Den dritten Bereich bildet die Unterscheidung zwischen "gut" und "böse". Die Bibel schreibt Richtlinien für das Leben vor und ordnet es auf diese Art. Wer sich nach diesen Regeln richtet , ist in den Augen der Gläubigen "gut". Wer dies nicht tut, gilt als "böse".Nach Dahm hat die Religion also drei Hauptfunktionen. Sie dient als Instrument zum Umgang mit Gefühlen, gibt Antwort auf Fragen und ist eine Maxime, nach der die Gläubigen ihr Leben orientieren.

 

 

III. Äußerlicher Vergleich von Religion und Popkultur

Beim genaueren Betrachten der Religion und der Popkultur fällt auf, dass es zwischen beiden einige Parallelen gibt; Dinge, die es auf beiden Seiten gibt, die aber unterschiedlich in Erscheinung treten.

Das fängt schon beim äußeren Erscheinungsbild an. Ein wichtiger sichtbarer Bestandteil der Religion ist die Kirche. Hierhin gehen die Gläubigen, wenn sie Gott nahe sein wollen, denn die Kirche ist ja auch das "Haus Gottes". In der Popkultur ist dieser Ort die Konzerthalle. Die Fans gehen hier hin, da sie ihren Stars und Idolen nahe sein wollen und hoffen, diese Nähe aufbauen zu können.

Die Fans kann man in der Religion mit den Gläubigen vergleichen, denn beide tun in gewisser Art und weise das gleiche: Wie bereits erwähnt gehen die Gläubigen in die Kirche, weil sie Gottes Nähe suchen. Die Fans gehen zu Konzerten, um ihren Stars nahe sein zu können und beten diese an. Die Konzerte kann man mit dem Gottesdienst vergleichen. In beiden Fällen steht jemand vor den Menschen , jemand, dem sie vertrauen und dem sie glauben, und spricht, beziehungsweise singt, zu ihnen. Auf beiden Seiten handelt es sich um eine Gemeinschaft, in der alle bewegt werden von dem, was sie erleben. Allerdings sieht dies in beiden Fällen verschieden aus. Im Gottesdienst geschieht es auf eine ruhige, eher nachdenkliche Art, die auch etwas mit Konzentration zu tun hat. Bei Konzerten handelt es sich um das totale Gegenteil. Die Fans schreien und singen aus voller Kraft mit. Sie werden hysterisch und passiert auch häufig, dass während eines Konzerts einen Kreislaufzusammenbruch erleiden, da sie sich so verausgaben und ihre ganze Energie in das Konzert stecken.

Der Ablauf mancher Konzerte folgt auch einem Schema, das der Liturgie eines Gottesdienstes nahe kommt. Da Konzerte aber nicht so häufig stattfinden wie die Gottesdienste, gehen manche Fans sogar so weit, dass sie den Stars nachreisen und diese in ihren Hotels aufsuchen.

Die Konzertbühnen, auf denen die Stars höher als ihre Fangemeinde stehen, findet man in der Kirche auch wieder. Hier handelt es sich um die Kanzel, auf der der Pastor steht, wenn er predigt. Auch er steht höher als seine Gemeinde. Hier fällt nun auf, dass man den Pastor mit dem oder den Stars gleichsetzten kann. Beide stehen höher als das jeweilige Publikum, an das sie sich wenden.

Allerdings kann man auch die Heiligen einer Religion mit den Stars vergleichen. Die Fangemeinde, also die Anhänger, betet sie an und sucht in ihnen Vorbilder.

Wie bereits erwähnt singen die Fans bei Konzerten mit. Dies kann man im Gottesdienst beim Beten wiederfinden. Es geschieht äußerlich auch dasselbe: Vorne steht jemand, der der Gemeinde etwas darbietet, was diese in gewisser Art und Weise nachahmt. Damit die Fans aber mitsingen können, gibt es in einigen Jugendzeitschriften "Song-Books". So können die Fans die Texte auswendig lernen. Inder Kirche gibt es dafür das Gesangsbuch, damit die Gemeinde die Möglichkeit hat, mitzusingen.

Auch die Bibel findet in der Popkultur eine Parallele. Die Bibel, in der die Gläubigen etwas über Gott und Jesus erfahren, kann man mit Büchern vergleichen, die über Stars geschrieben werden. Aus ihnen können die Fans mehr über ihre Stars erfahren.

In vielen Kirchengemeinden gibt es eine Kirchenzeitung, in der die Gemeinde erfährt, was für Neuigkeiten es in der Kirche gibt. Die Fans haben an dieser Stelle Jugendzeitschriften, wie zum Beispiel die "BRAVO". In diesen Jugendzeitschriften befinden sich auch Poster von Stars, die sich die Fans aufhängen können. Die Poster finden ihre Entsprechung in den Ikonen, den bildlichen Heiligendarstellungen, die die Gläubigen bewundern und anbeten.

An all diesen Dingen sieht man, dass man die Gebiete Religion und Popkultur gut miteinander in Verbindung setzen kann und dass sie auf eine gewisse Art und Weise auch in Verbindung stehen.

 

 

IV. Betroffenenbericht

Nach der Wahl unseren Themas haben wir uns mit einigen Fans und auch ehemaligen Fans einmal unterhalten und sie zu diesem Thema befragt. Dabei kam es uns besonders darauf an, was man als Fan denkt und fühlt, und wie man die verschiedenen Reaktionen seiner Umwelt aufnimmt.

An Hand dieser Informationen und zum Teil auch aus eigenen Erfahrungen haben wir einen fiktiven Tagebucheintrag konstruiert. Das Tagebuchform haben wir ausgewählt, da Menschen in diesem ihre tiefsten Gefühle niederschreiben. Das machte es uns leichter, die Situation eines Fans wirklichkeitsgetreu darzustellen.

 

a) Tagebucheintrag eines Fans

Liebes Tagebuch!
Ich hab ja wirklich ewig lange nichts mehr geschrieben. Langsam wird es mal wieder Zeit, schließlich ist in letzter Zeit ziemlich viel passiert!
In meinem letzten Eintrag habe ich dir ja geschrieben, dass Sarah* und Nicole*, meine besten Freundinnen, mich mit zu einem Backstreet Boys – Konzert schleppen wollten. Ich hatte am Anfang absolut keine Lust darauf. Aber die beiden haben es mal wieder geschafft mich zu überzeugen und so bin ich am Ende doch mitgefahren. Ich hab mir von dem Konzert nicht sehr viel versprochen, war halt wieder so eine von diesen "Boygroups". Und zu dem Zeitpunkt konnte ich auch Sarahs und Nicoles große Aufregung und Freude noch nicht verstehen.
Aber ich habe meine Meinung sehr schnell geändert!!! Die fünf Jungs, A.J., Brian, Howie, Kevin und Nick sind so knuddelig. Und dazu kommt noch, dass sie super gut aussehen, gut singen können und auch noch professionell tanzen können. Das Konzert war das Schönste, was ich seit langem gesehen hatte. Es war alles so schön!! Aber jetzt mal der Reihe nach und von vorne:
Als wir an der Konzerthalle ankamen dachte ich, ich drehe durch. Da waren so viele Fans, die die ganze Zeit wie verrückt nach den Jungs der geschrieen haben. Sarah, Nicole und ich hatten Glück und standen sogar in der ersten Reihe. Wir hatte einen super Blick auf die Bühne. Nach dem ganzen lästigen Vorprogramm kamen dann endlich die Backstreet Boys auf die Bühne. Und mich hat es fast umgehauen. Sarah hatte mir zwar schon die Ohren damit vollgelabert, wie super süß Nick doch aussieht, doch dass er so gut aussieht, hätte ich nicht gedacht. Ich war hin und weg von diesen süßen blauen Augen und dazu auch noch das blonde Haar! Ein absoluter Traumboy!!! Zu dem Konzert gibt es nicht viel mehr zu sagen, ich habe mich sowieso nur für Nick interessiert. Ich muss unbedingt noch ein Konzert besuchen! Das nächste ist in drei Monaten und es ist auch ziemlich in der Nähe. Naja, der Ort ist etwa 4 ½ Stunden weit entfernt, aber das ist doch kein weiter Weg, wenn ich am Ende Nick wiedersehe!! Ich muss auf jeden Fall mehr Kuscheltiere mitnehmen, als beim letzten Mal. Denn die Mädchen, die ihn mit Teddybären und Stoffkatzen beworfen haben, hat er richtig beachtet!
Seit besagtem Konzert bin ich jetzt also offizieller Backstreet Boys Fan. Ich sammle jeden Bericht, jeden noch so kleinen Schnipsel und nehme jeden Bericht aus dem Fernsehen auf, in dem es um die Backstreet Boys geht. Ich kann nicht genug von den Jungs kriegen. Ich bin so froh, dass ich Nick habe! Ohne ihn könnte ich nicht mehr leben! Aber das will ich ja auch gar nicht, wieso auch?
Seitdem ich jetzt aber auch Backstreteet Boys Fan bin, verstehe ich mich überhaupt nicht mehr mit Verena*, aus meiner Klasse. Die ist immer voll eingebildet und behauptet immer, dass ich total verrückt sei und ich eh keine Chance bei Nick hätte. Die ist so doof und total neidisch!! Voll scheiße, sie könnte mir ja auch mal was gönnen. Aber nicht nur Verena versteht mich nicht, sondern auch meine Eltern verstehen mich einfach nicht. Sie meinen immer, ich würde viel zu viel Geld für Fan-Artikel verschwenden und hätte meinen Sinn für die Realität verloren. Keiner gönnt mir meinen Nick! Seit ich ihn kenne bin ich so verdammt glücklich! Mein Bruder behauptet sogar immer, Nick sei schwul und würde nur des Geldes wegen bei den Backstreet Boys sein. Der Spinnt doch total!!
Seit einer Woche bin ich sogar in einem richtigen Fanclub. Da sind endlich mal ein paar Mädchen, die mich richtig gut verstehen und das gleiche fühlen und denken, wie ich. Außerdem haben sie genau die gleichen Probleme wie ich. Ein paar von denen sind zwar auch ziemlich doof, besonders so ein paar verrückte, die meinen, Nick würde nur ihnen gehören und niemand anderem. Manchmal könnte ich echt verzweifeln. Wieso kann mir Nick nicht alleine gehören?! Ich muss es unbedingt schaffen ihn mal zu treffen und dann muss ich ihn nur noch dazu bringen, sich in mich zu verlieben. Schließlich ist er doch auch nur ein normaler Junge, der eine Freundin sucht, die ihn wirklich liebt, so wie ich.
Jetzt muss ich aber mal langsam Schluss machen, gleich kommt "BRAVO-TV" mit einem live- Bericht von ihrem Konzert in New York. Ich freue mich schon so, endlich wieder was von meinem geliebten Nick zu hören.
Ich liebe Nick!!!
Julia*

Nachdem wir hier nun die Position eines Fans dargestellt haben, wollen wir nun aber auch noch die Gegenseite darstellen. Dazu haben wir zum einen die Aussagen der ehemaligen Fans verwendet und haben auch Eltern dazu befragt. Auch dieses haben wir versucht, durch einen Tagebucheintrag zu verdeutlichen.

 

b) Tagebucheintrag einer Mutter eines Fans

Ich weiß nicht, wie das mit Julia weitergehen soll! Klar, im Moment ist sie in der Pubertät, aber ich habe das Gefühl langsam artet das ganze zu sehr aus.
Julia ist nur noch schlecht drauf, sobald sie mal was mit der Familie machen muss, so wie zum Beispiel an Sonntagen, an denen wir meistens in die Kirche gehen und danach schöne Spaziergänge machen, und sie einmal nicht ins Internet auf irgendwelche Backstreet Boys Seiten kann. Vor allem gibt sie ihr ganzes Geld aus. Natürlich, dafür bekommen Kinder ja ihr Taschengeld, aber sie verlangt immer mehr, da sie nicht mit ihren 50,- DM auskommt. Jede Woche kauft sie sich mindestens drei Zeitschriften und hin und wieder noch Sonderzeitschriften. Und die ganzen Videobänder, die sie schon mit Videos und Berichten belegt hat!
Jedes Kind braucht seine Freiheiten, besonders Kinder in der Pubertät, aber sie belastet damit die ganze Familie. Und auch ihre Freunde leiden extrem darunter. Zu einigen hat sie überhaupt keinen Kontakt mehr, nur weil diese keine Backstreet Boys-Fans sind. Mit anderen hat sie sich deswegen ziemlich verstritten. In der Familie gibt es zur Zeit keine Harmonie mehr, mit den Freunden sieht es auch immer schlechter aus und in der Schule ... das darf man lieber gar nicht sagen. Ihre Noten sind in den letzten Wochen nur noch schlecht. Sie verbaut sich so ihre ganze Zukunft. Also, langsam mache ich mir echt Sorgen um unser Kind. Ist dieses extreme Verhalten denn normal? Ich hoffe nur, dass das ganze bald vorbei ist und wir wieder Ruhe haben und uns nicht täglich Dinge über Nick anhören müssen.
Wollen wir nur hoffen, dass alles wieder in Ordnung kommt, sowohl ihr Verhalten der Familie gegenüber, als auch dem ihrer Freunde gegenüber und auch ihre Noten.
Eine Mutter

 

 

V. inhaltlicher Vergleich von Religion und Popkultur

Durch die beiden Tagebucheintragungen in Kapitel IV wird deutlich, wie abhängig die Fans von ihren Stars sind und wie sehr sie in ihrer Macht stehen. Dadurch wird alles andere, was vorher einmal wichtig war, in den Hintergrund gedrängt und erhält kaum noch Beachtung, so wie Freunde, Familie und Schule. Die Fans verlieren den Blick für die Realität und haben nichts anderes mehr im Kopf als ihre Stars und ihre angebliche "Liebe" zu ihnen.

Das Problem liegt zum Teil aber auch darin, wie die Fans aus dieser Situation wieder raus kommen. Im Normalfall vergeht diese Phase nach der Pubertät wieder. Haben die Jugendlichen jedoch nicht genug Unterstützung, so kann es sein, dass sie am Ende wirklich nicht mehr unterscheiden können, was Realität ist, und was sie sich nur wünschen und einbilden. Bei den Konzerten, bei denen gerade bei den unzähligen "Boygroups" die Show im Vordergrund steht, begeben sich die Fans in eine Art Traumwelt, in die sie vor der Realität flüchten. Hierin liegt ein wichtiger Unterschied zum Christentum und den Gottesdiensten. Im Gottesdienst findet keine Flucht vor der Realität statt, sonder eine andere Betrachtung der Realität. In der Predigt werden aktuelle und alltägliche Themen und Probleme angesprochen und mit Geschichten aus der Bibel verglichen. Der Gemeinde wird auf diese Weise ein anderer Zugang zu diesen Themen gewährt und Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt. Das gemeinsame Singen und Beten fördert das Gemeinschaftsgefühl. Die Menschen verlassen beruhigt den Gottesdienst. In Popkonzerten ist dies nicht der Fall. Das Publikum wird innerlich nicht beruhigt, sondern afgewühlt. Das gemeinsame Singen erzeugt zwar auch ein Gemeinschaftsgefühl, doch die Lieder haben einen ganz anderen Inhalt als die Kirchenlieder. Auch wird keine Lösungsmöglichkeit für Probleme gegeben. Vielmehr verursacht das Schwärmen für einen unerreichbaren Star Probleme, wie in den Fiktiven tagebucheinträgen zu sehen ist. Besonders bedenklich ist es, wenn sich die Jugendlichen sosehr von den Stars abhängig machen, dass sie, wie Julia, nicht mehr ohne sie leben wollen.

Auch die Rolle des Sängers oder der Gruppe ist eine andere als die des Pastors oder der Heiligen. Die Bezeichnung "Star" (zu deutsch "Stern") erhöht den betreffenden Menschen über die anderen. "Star" deutet schon auf den Himmel hin. Dabei wird die eigentliche Gleichheit der Menschen überspielt. Die Fans blicken zu einem angeblich "Besseren" auf und sind enttäuscht, wenn dieser "Stern" vom Pophimmel fällt.Bei den "Boygroups" steht im Hintergrund ein Manager, dessen Strategie es ist, mit einer Handvoll clever vermarkteter junger Männer möglichst viel Geld zu verdienen. Dass junge Mädchen nach einem gutaussehenden Schwarm suchen und leicht beeinfluss-

bar sind, wird ausgenutzt. Als Erlöser, wie Jesus, oder Helfer kann man die Stars nicht bezeichnen. Und am Beispiel Curt Cobains, der 1994 im Alter von 27 Jahren nach jahrelanger Kokainabhängigkeit Selbstmord beging, sieht man die zerstörerische Wirkung dieser "Ersatzwelt".

Der offensichtlichste Unterschied zwischen der Popkultur und Religion ist, dass die Musikbranche ohne das Geld der Fans nicht überlebensfähig wäre. Auch Bands, wie zum Beispiel "U2",die ihr Berühmtsein dazu nutzen, sich politisch für Schwächere einzusetzen und ihnen zu helfen, sind noch immer von den Fans abhängig. Es besteht also ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen Stars und Fans.

 

 

VI. Lebensläufe im Vergleich

Nach dem äußerlichen und inhaltlichen Vergleich von Popkultur und Religion wollen wir nun die Lebensläufe von Jesus (0-etwa 33) und Elvis Presley (1935-1977) miteinander vergleichen. Der Vergleich dieser beiden bietet sich nicht nur wegen der Namen an, die ihnen gegeben wurden.

Elvis Presley wurde schon zu Lebzeiten von Fans und Medien als "King of Rock `n Roll" bezeichnet. Jesus wurde "König der Juden" genannt. Die Entstehung dieser Namen ist allerdings sehr verschieden. Jesus hatte sich selbst als "neuer König der Juden" bezeichnet und wurde später verächtlich von seinen Feinden so genannt. Bei Elvis Presley war der Name aber eine Erfindung Außenstehender und eine Respektsbekundung.

Die Lebenswege der beiden weisen aber viele Ähnlichkeiten auf. Beide sind in ärmlichen Verhältnissen geboren und haben durch Können und Ausstrahlung eine große Anhängerschaft um sich geschart. Bei Jesus war dies die Fähigkeit, mit den Menschen umzugehen und ihnen Trost zu spenden. Elvis Presley dagegen besaß großes musikalisches Talent und er setzte auf die Show. Beide wurden zu Lebzeiten verehrt, hatten Anhänger und Feinde, und waren bei ihrem Fall verlassen. Jesus wurde von seinen Jüngern im Stich gelassen, Elvis Presley richtete sich selbst durch Drogenkonsum zugrunde.

Dennoch haben sie bis heute Fans. Elvis Presley wird auch heute noch ehrfurchtsvoll der "King of Rock `n Roll" genannt, und auf das Leben und wirken Jesu gründet das Christentum, das mit 40,9 % den größten Anteil der statistisch erfassten Religionen der Welt ausmacht.

Der frühe Tod beider führt zu einer Idealisierung. Der historische Jesus wird zu einer Figur, um die sich viele Legenden, wie zum Beispiel die Heilung durch Handauflegen oder das Auf-dem-Wasser-gehen, ranken. Elvis Presley, zu dessen Villa "Graceland" in Memphis (Tennessee) jährlich unzählige Menschen Pilgern,ist selber zu einer Legende geworden.

 

 

VII. Fazit

Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Stars und Fans, das bei der Auflösung von Pop-Gruppen in extremen Fällen, wie zum Beispiel bei "TAKE THAT", zum Selbstmord der Fans führt, die Schnelllebigkeit der Popbranche und die Tatsache, dass es sich um ein Geschäft handelt, können keine Bestandteile einer Religion, jedenfalls nicht des Christentums, sein. Außerdem ist das Christentum schon 2000 Jahre alt und die Verehrung Jesu hat diese ganze Zeit fortgedauert. Die Popkultur dagegen ist noch nicht einmal 100 Jahre alt.

Dennoch kann man durchaus sagen, dass die Jugendlichen in der Popkultur eine neue Religion suchen. Der Ursprung dieser Suche liegt darin, dass der Stellenwert der Religion in unserer Gesellschaft immer geringer wird. Dadurch fehlt den Menschen einwichtiger Halt und eine Orientierungshilfe. Da den Jugendlichen das Christentum fremd geworden ist, suchen sie den Halt und die Orientierungshilfe in der Popkultur und machen sie so zu ihrer Ersatzreligion.

 

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© RPI Loccum